Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Der Alchemist

von Leopawtra
GeschichteFantasy, Horror / P16 / Gen
Zombies & andere Untote
09.02.2015
09.02.2015
3
7.545
 
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
09.02.2015 2.165
 
๑⊱☆⊰๑


In der magischen Welt von Valiona gab es so manches wunderschöne Einhorn, hinreißende Feen und kleine Erdgeister, die durch die dichten Wälder von Teronkar streiften. In den Ödländern von Beronk und Faron lauerten hingegen gefährliche Basilisken, gemeine Harpyien und von böser Magie verderbte Satyre auf unvorsichtige Beute. Valiona beherbergte in seinen Ländern und Ozeanen viele magische Wesen, wobei auch viele Humanoide unter ihnen waren. Die Menschen waren die jüngste Rasse der humanoiden Wesen, aber auch die Eifrigsten und Wissbegierigsten. Aus ihren Reihen traten einige der größten Magier und Krieger hervor. Sie waren jedoch ebenso selbstzerstörerisch, wie ehrgeizig. So kam es oft vor, dass kleine Menschensiedlungen einander um Land und Magiequellen bekämpften. Meist bis zur Auslöschung einer der Siedlungen.

๑⊱☆⊰๑


In Tarandor jedoch war alles sehr friedlich und wenig magisch. In dem Hochland, mit seinen großen, grünen Weiden, Bergen und Wäldern, waren nur die Tierwesen magisch. Die hiesigen Menschen lebten ein einfaches Bauernleben in ihren Siedlungen und waren doch sehr glücklich damit. Nur die Manticore, die in ihren Höhlen lebten und bei großem Hunger ihre Berghänge verließen, waren die einzige Gefahr, die es in Tarandor zu fürchten gab.

๑⊱☆⊰๑


Ein wenig außerhalb des Dorfes Kalysch hatte der Alchemist Darren seine Hütte auf einem Hügel errichtet. Er hatte die fünfzig Jahre bereits weit überschritten und sein Leben vollständig der Alchimie gewidmet. Blumen, Kräuter, Wurzeln und andere Zutaten wie Pegasusfedern, Blut von Basilisken und Manticorkrallen miteinander zu vermischen war seine Leidenschaft.
Die Alchimie hatte ihn ganz Valiona bereisen lassen. Es gab keine Zutat, die er nicht in seinem Besitz hatte. Seit kurzem war er sogar in den stolzen Besitz eines Hornes von einem Einhorn gekommen. Diese bildhübschen Wesen waren scheu und schnell. Sie zu fangen war unmöglich und selbst wenn sie verendet waren, so machten sich die Aasfresser rasch über ihre Kadaver her.
Bisher hatte Darren es geschafft alles in kleinen Fläschchen abzufüllen. Heiltoniken, Gifte, Magie und sogar die Liebe selbst. Nur das Leben war bis vor kurzem noch ein weit entfernter Traum gewesen. Aus Überlieferungen frühster Alchimie war es nur dem Großmeister Albrecht gelungen das Leben in Flaschen abzufüllen. Die wichtigste Zutat war dabei auch die Seltenste – ein Horn eines Einhorns. Es bedurfte dabei jedoch das Horn der seltensten Einhornrasse in ganz Valiona. Nur die schwarzen Einhörner, tief versteckt in den Dschungeln Parasunas, einem für humanoide Wesen lebensfeindlichen Ort, kannten das Geheimnis der Wiedergeburt und des Lebens selbst. Es hieß, dass diese Wesen so alt seien wie Valiona selbst und dass die Schöpferin sie als ihre rechte Hand auf diese Welt geschickt hatte. Für Darren waren die Mythen und Sagen um diese Einhörner herum nicht wichtig, denn für ihn zählte einzig und allein die Zutat für sein Gebräu.
Die smaragdgrünen Augen von Darren konzentrierten sich einzig und allein auf den kleinen Kessel, welcher auf seinem Alchimietisch vor ihm stand. Sein graues, schulterlanges Haar war zerzaust, während sein weißer brustlanger Vollbart feinsäuberlich gekämmt erschien. Das Gesicht des alten Mannes war schmal und faltig. Sein schmächtiger und doch großer Körper war unter einer langen, braunen Kutte versteckt. Sein dunkelbrauner Lederumhang hing über seine Schultern und seine Füße steckten in Manticorfellschuhen.
Eisiger Wind und dicke Schneeflocken peitschten gegen das dünne Fensterglas seiner kleinen und überschaubaren Hütte. Sein zu Hause war nicht sonderlich hübsch hergerichtet, denn es besaß nur ein Zimmer in dem sein Bett, eine Holzwanne, eine Kochstelle und sein Alchimietisch stand. Darrens ganzer Stolz war jedoch der Keller, welchen er eigenhändig über die Jahrzehnte hinweg ausgebaut hatte. Dort lagerte er seinen wertvollsten Besitz; Seine Zutaten aus ganz Valiona.
Vorsichtig holte er das Horn eines schwarzen Einhorns aus einem Stück Leinentuch hervor und betrachtete es einen langen Moment. Er hatte unglaublich viel Glück gehabt dies zu bekommen, als er in Parasuna unterwegs war. Damals war ein schwarzes Einhorn einer Rankenfrucht, eine Pflanze, die ihre Beute mit köstlichen Früchten lockt, zum Opfer gefallen und qualvoll zwischen den fleischfressenden Ranken zu Grunde gegangen. Er hatte das Horn von dem Schädel des toten Tieres befreit, als die Rankenfrucht ihr üppiges Mahl beendet hatte und ruhte.
Erstaunt stellte der alte Mann fest, dass das Horn noch immer pulsierte und voll von reiner Magie war. Sachte nahm er sein Messer zur Hand und schnitt mit Leichtigkeit die Spitze des Horns ab. Zu Lebzeiten war das Horn der Einhörner geradezu unzerstörbar, doch nach ihrem Tod wurde es weich und erhielt die Konsistenz ähnlich einer Karotte.
Das kleine Stück mahlte er zu feinem Pulver, um es anschließend vorsichtig dem Gebräu hinzuzufügen. Kaum hatte er die Menge hinzugegeben und mit der Kelle im Kessel gerührt, färbte sich die dunkelrote Flüssigkeit goldgelb und begann zu leuchten. In Darren brach augenblicklich ein Feuerwerk der Glücksgefühle aus und er wurde regelrecht auf einen Höhenflug des Erfolgs katapultiert, als er sich bewusstwurde, dass er es so eben geschafft hatte das Leben selbst zu brauen.
Glücklich lachend führte er einen Freudentanz auf, während sein kleiner, bläulicher Kobold, den er sich als Gehilfen hielt, ihm nur zuschaute. „Ich habe es geschafft, Porkas! Ich habe das Leben gebraut!“, verkündete Darren stolz und sah dabei zu seinem Kobold hinüber. Dieser saß in der Ecke auf einem kleinen Holzschemel und schwenkte ein Fläschchen grünlichen Gebräus hin und her. Es war ein Kräuterschnaps, welchen Darren selbst braute und sich mit dessen Hilfe den kleinen Kobold hörig gemacht hatte. Es gab in ganz Valiona keinen Kräuterschnaps wie diesen, da er mit Meerjungfrauentränen angereichert war. Eine Träne genügte, um einem ganzen Fass den besonderen Geschmack zu verleihen.
„Soll ich jetzt Beifall klatschen, Teuerster?“, gab Porkas mit seiner fipsigen Stimme ein wenig argwöhnisch von sich, ehe er einen weiteren Schluck aus dem Fläschchen nahm. Ein wenig wurde der Höhenflug von Darren davon gedämpft, woraufhin er innehielt und genervt dreinblickte. „Kräuterschnaps hätte dich jubeln lassen.“ Trotz der miserablen Laune seines magischen Mitbewohners, war Darren noch immer voller Glückseligkeit und hatte damit begonnen seine Errungenschaft in kleine Fläschchen abzufüllen. Vorsichtig stellte er eines davon in sein Schränkchen mit den anderen Tränken, ehe er die Zutaten und restlichen Fläschchen in ein kleines Weidenkörbchen legte und mit diesem in der Hand in die Mitte der Hütte trat. Er schob das dort liegende Kuhfell zur Seite und öffnete die darunter verborgene Falltür, welche in den Keller führte. Porkas beobachtete wie Darren darin verschwand und rief ihm nach: „Ich brauch mehr Kräuterschnaps, dieser hier ist fast leer.“
„Nein!“, donnerte es aus dem dunklen Keller hervor, woraufhin die gelben Augen des Kobolds sich zu Schlitzen verengten. Mit einer beiläufigen Handbewegung klappte die Falltür zu und verriegelt sich, woraufhin Darren an dieser rüttelte.
„Porkas! Mach sofort die Falltür auf!“, tobte dieser und schlug offenbar mit den Fäusten gegen die Tür. Der Kobold schwenkte den letzten Rest in seinem Fläschchen. „Im Austausch einer Flasche neuen Kräuterschnapses, lasse ich dich da wieder raus.“ Das Rütteln hatte ein Ende an der Falltür gefunden und entnervt murrend hörte Porkas wie Darren sich von dieser entfernte.
Nur wenige Augenblicke später hörte er den alten Mann sagen: „Ich habe das Fläschchen. Nun lass mich raus.“ Mit einem zufriedenen Grinsen auf dem fiesen, spitzen Gesicht, schnippte Porkas mit den Fingern und die Falltür öffnete sich wieder. Zornig dreinschauend kam Darren aus dem Loch heraus, stieß mit dem Fuß die Klappe zu und schob das Kuhfell wieder darüber. Offensichtlich ging es dem kleinen Kobold mit der Ablieferung des Fläschchens nicht schnell genug, denn wie von Geisterhand schwebte dieses aus Darrens Händen hinüber zu Porkas. Die andere leere Flasche einfach zu Boden fallen lassend, nahm er die Volle entgegen und zog sogleich den Korken hinaus, um sich einen großen Schluck des Kräuterschnapses zu genehmigen.
Vollkommen entnervt ging Darren auf den Kobold zu, bückte sich stützend mit der Hand im Rücken nach der leeren Flasche und hob sie auf. Ein solches Benehmen war der Alchemist von dem Kobold bereits seit vielen Jahren gewohnt, doch er merkte, dass er zu alt für diese Spielchen wurde und dass ihm Porkas immer mehr die Nerven raubte. Dabei hatte sich Porkas nicht verändert, sondern Darren. Seine Knochen waren alt und schwach geworden. Auch sein Gemüt war längst nicht mehr so ruhig und besonnen wie vor vielen Jahren. Von dem Ereignis gerade ein wenig geschafft, stellte er die leere Flasche auf dem Alchimietisch ab und setzte sich auf den Holzhocker, der davorstand.
Seine grünen Augen ruhten auf dem Fläschchen mit dem goldgelben Inhalt, welcher so herrlich durch das Glas des Schränkchens leuchtete. Als könnte er die Gedanken des alten Mannes lesen fragte ihn der Kobold: „Und, Teuerster? An wem willst du das Gesöff ausprobieren?“ Schwer seufzte Darren auf und zuckte mit den Schultern. „Es gibt nicht viele, die mich schätzten und die ich geschätzt habe. Der Kreis potenzieller Versuchsobjekte ist daher sehr klein.“
Ein leises Kichern verließ Porkas' Kehle, ehe er einen Schluck vom Kräuterschnaps nahm. Mit einem Blinzeln seiner gelben Augen teleportierte er sich vom Schemel in seiner Ecke direkt vor Darren auf den Alchimietisch. Mit seinen Händen deutete er frech Wölbungen im Brustbereich an und sagte dreckig grinsend: „Die kleine Dorfschönheit wäre doch perfekt dafür geeignet. Ist doch immerhin jammerschade, dass sie von uns gegangen ist.“
„Porkas, bitte! Wie kommst du nur auf Shana? Sie war eine ehrenhafte junge Frau und sollte in Frieden ruhen.“, stellte der Darren klar und wollte dabei nicht, dass sein magischer Mitbewohner Shana in Erwägung zog. Sie war eine ehrenwerte Dame gewesen mit einem hübschen Puppengesicht, großen blauen Augen und langem goldenen Haar.
Der Kobold lachte auf und suchte den Blick des Alten, während er sprach: „Ich kenn dich lang genug, alter Mann, um zu wissen wie du sie begehrt hast. Dabei meine ich nicht nur ihren Körper, sondern sie im Ganzen. Du hast sie vom ersten Moment eurer Begegnung an geliebt und ich weiß noch wie sehr du um sie getrauert hast. Der Unfall mit dem Manticor liegt lediglich einige Wochen zurück und jetzt im Winter wird ihr Leichnam noch gut erhalten sein, so fern noch genug von ihr übrig ist.“
Für den Moment dachte Darren daran zurück, als die Nachricht des Manticorangriffs im Dorf die Runde machte. Die junge Shana war beim Pilze sammeln im Wald von einem hungrigen Manticor angegriffen und getötet worden. Noch zu genau erinnerte sich der Alchemist an den Schmerz und das tiefe Loch, dass ihr Ableben in ihm zurückgelassen hatte. Wahrhaftig, er hatte sie geliebt wie keine andere Frau je zuvor. Nichts hätte sein Herz glücklicher gemacht, als diese blutjunge Schönheit wieder um sich zu haben.
Es war ein furchtbarer und absurder Gedanke ihre Leiche auszugraben und mit dem Trank zu neuem Leben zu erwecken. Es gehörte sich einfach nicht die Totenruhe zu stören und vor allem ist es der bösen Magie gleich die Toten wieder auferstehen zu lassen. Für die schwarzen Einhörner gehörte dies zum Lebenskreislauf, da die Weibchen nur alle zweihundert Jahre Fohlen zur Welt bringen konnten. Bei den humanoiden Völkern, besonders bei den Menschen, war es ein Frevel totes Fleisch zurück ins Leben zu holen. Großmeister Albrecht hatte es gewagt seinen toten Sohn wiederauferstehen zu lassen. Sowohl sein Sohn als auch er und seine Frau wurden wegen Nekromantie verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Sollte Darren es also wirklich wagen, sie auszugraben und ihr mit Hilfe des Tranks neues Leben einhauchen? Die alten Aufzeichnungen hatten nie beinhaltet wie Albrechts Sohn nach der Wiederauferstehung war. Es blieb daher ein Rätsel, ob er sich an sein Leben erinnern konnte und ob er wieder ein vollständiger Mensch oder ob er ein Monster geworden war.
Allerdings hatte Darren sich nach Shanas Tod öfter überlegt, sollte er Erfolg haben, sie aus ihrem Grab zu holen und ihr mit dem Trank neues Leben einzuhauchen. Zeitgleich würde er ihr einen Liebestrank verabreichen, damit sie nur ihm gehörte. Sie sollte die Seine sein, auf Ewig. Er hatte schon mehrere Male versucht ihr in der Taverne von Dorf Kalysch das Gebräu unter zu mischen, doch es war ihm nie gelungen.
Frauen gehörten nie zu seinem Leben und auch andere humanoide Wesen waren nie lang in seinem Leben verblieben. Es waren meistens nur Zweckbekanntschaften, da Darren ein ziemlicher Eigenbrödler war und die Gesellschaft seiner Zutaten, Gebräue und seit einigen Jahren auch die von Porkas vorzog. Die Dörfler mieden ihn lieber, da er auf diese einen schaurigen und verwirrten Eindruck hinterließ und er war durchaus dankbar dafür. So konnte er seiner Leidenschaft ungestört nachgehen.
Der schreckliche Gedanke, ihre Leiche aus der vereisten Wintererde auszugraben, wurde von Minute zu Minute immer verlockender. Er hatte seine Gebräue schon an so vielen Wesen ausprobiert. Vorrangig an sich selbst und Porkas. Daher war es für ihn nur ein Katzensprung die Hemmschwelle zu überwinden und den Gedanken allmählich als angenehm und interessant zu empfinden.
Mit den Fingern über seinen Bart streichend und auf den Holzboden starrend, murmelte Darren nachdenklich vor sich hin. „Vermutlich werde ich einige Leichenteile benötigen, um Shana wieder vollständig zusammen setzen zu können.“
Langsam wandte sich sein Blick zu der Schaufel, die hinter der Tür ihren Platz hatte. Das diabolische Lachen des Kobolds erschallte laut in der kleinen Hütte. Für Darren war diese Situation und der bizarre Gedanke nun endgültig ein schaurig schöner Moment geworden.

๑⊱☆⊰๑
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast