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Nichts mehr zu retten.

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Gen
07.02.2015
19.05.2015
121
133.587
18
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
4 Reviews
 
15.02.2015 1.449
 
Leni




„Du kannst nicht wieder einfach so verschwinden“, bestimmt Klaas, der die ganze Situation beobachtet und mich im letzten Moment abgefangen hat, „das ist Jokos Hochzeit. Ich lasse dich weder mit Jan noch mit Fiona alleine, okay? Keine Sekunde. Ich bin dein Bodyguard. Geh jetzt nicht nach Hause. Du würdest es spätestens morgen bereuen.“

Klaas sägt an meinem Selbstmitleidthron und ehe ich falle, klettere ich lieber alleine herunter und lasse mich von ihm an die Hand nehmen. Wir waren immer ein gutes Team, wenn es darum ging, schlechte Partys zu guten Erinnerungen zu machen. Er hat ein Talent dafür, mich aufzuheitern, wenn nichts mehr geht. Wenn ich am liebsten wegrennen und mich wochenlang bei niemandem melden würde, fängt er mich ab und lenkt all die Wut und den Selbsthass um. Wenn nötig mit viel "Bohemian Rhapsody" und Sekt.

„Du lässt mich nicht aus den Augen“, wiederhole ich halbherzig. Er nickt zufrieden und drückt mir, um seinen guten Willen unter Beweis zu stellen, ein neues Glas Sekt in die Hand. Ich nippe daran.

Leider bewirkt der Alkohol in rauen Mengen bloß, das ich mich eine Stunde später mit dem frisch Vermählten anlege. Joko leistet mir bei einer Zigarette Gesellschaft und ich habe nichts Besseres zu tun, als ihm sämtliche Vorwürfe an den Kopf zu werfen, die ich fein säuberlich in meine inneres Schweigekloster eingeschlossen habe. Normalerweise geht er mit sowas entspannt um, aber heute nicht. Nicht an seinem Hochzeitstag. Ich sollte mehr mit ihm teilen als nur Alkohol und Kippen. Sein Glück zum Beispiel. Aber Klaas ist nicht da, um mich aufzuhalten und ich bin zu sehr in Fahrt, um mich selbst zu bremsen.

„Du und dein andauerndes Selbstmitleid geht mir so auf die Nerven, Leni. Du trauerst einem Mann nach, der mit seiner schwangeren Freundin hier ist, ist dir das klar?“, knurrt Joko. Mir ist schummrig. Seine Worte verfehlen die Wirkung nicht. Sie treffen, was sie treffen sollen.

„Ich dachte, zwischen uns ändert sich nichts?“

„Willst du schon wieder den ganzen Abend hier stehen, weil du ihn willst und nicht haben kannst? Bist du wirklich dieser Mensch?“

„Was für ein Mensch bin ich deiner Meinung nach denn eher?“

„Er will nichts von dir und daran wird sich heute, morgen und auch sonst niemals etwas ändern. Er hat dich ausgenutzt. Jetzt gründet er eine Familie. Nicht mit dir, sondern mit ihr“, erinnert er mich, „du musst ihn vergessen und dein Leben in den Griff kriegen. Ohne ihn. Das war von Anfang an eine beschissene Idee, aber dir kann man ja nichts ausreden. Du machst, was du willst und erwartest, dass wir bereitstehen, wenn es schief geht, aber heute geht es ausnahmsweise mal nicht um dich.“

Ich schnipse meine Zigarette auf den Bürgersteig und verschränke die Arme. Mein Herz presst sich wütend gegen meinen bebenden Brustkorb. Ich will schreien, weinen. Ich bin unfähig, etwas von dem, was er sagt, aufzunehmen.

„Was ist dein verdammtes Problem, Joko?“

„Werd erwachsen, Leni“, weist er mich harsch an.

Ich höre es nicht zum ersten Mal. Aber zwischen seinen Worten und Jans liegen Welten. Nein, es sind nicht die Worte. Es ist der Tonfall. Egal, wie oft Jan etwas gesagt hat, das gesellschaftlich weit unter der Gürtellinie anzusiedeln gewesen ist, er hat es nie so gesagt, als könne man es nicht auch auf ihn beziehen. Auf verschiedenen Gebieten sind wir doch alle Versager. Aber Joko, nein, Joko ist natürlich die Ausnahme. Die große, wunderbare, makellose Ausnahme. Wenn jemand nicht erwachsen ist und es wahrscheinlich auch niemals werden wird, dann Joko Winterscheidt! Bevor ich kontern kann, erscheint Jan.

„Ach scheiße. Was stimmt nicht mit euch?“, flucht Joko, „gibts euch jetzt nur noch zusammen? Was sagt deine Freundin dazu?“

„Lass stecken“, sagt Jan trocken. Ich wette, er hat im Schatten verborgen längst auf seinen großen Auftritt gewartet.

„Was willst du hier? Wieso gehst du nicht lieber wieder rein und sagst Fiona, was du getan hast?“

Ich würde mir gerne eine neue Zigarette anstecken, aber einer von beiden schlägt sie mir im Eifer des Wortgefechts bestimmt aus der Hand. Also beobachte ich angespannt, wie Jan sich uns im Sherlock-Holmes-Gedächtnisgang nähert, fast schlendernd, und sowohl Joko als auch mich prüfend mustert. Wollen die beiden sich jetzt duellieren? Denn so kommt es mir vor.

„Wie fühlt sich das eigentlich an? Eine Schwangere zu hintergehen, für ein bisschen Spaß? Mit jemandem, mit dem du es nicht mal ernst meinst? Direkt zwei Menschen zu verletzen, drei, wenn man das Kind mitzählt. Reife Leistung“, will Joko wissen.

„Und was ist mit dir? Wie überzeugt bist du von dieser Hochzeit gewesen, ehe du Ja gesagt hast?“

Der verbale Schwanzvergleich. Aber es geht ja bekanntlich immer noch ein bisschen schlimmer.

„Du redest von Überzeugungen?“, sagt Joko abfällig lächelnd, „findest du das nicht lächerlich? Für welchen Menschen, außer für dich, hast du jemals wirklich Gefühle gehabt? Echte Gefühle, nicht dieses furchtbare Schmierentheater, in das du uns alle mit reingezogen hast.“

„Für Leni.“

Ohne Umschweife. Ohne Rumgeeiere. Ohne Pause. Ohne auch nur Luft zu holen.

Wo ist der dramatische Zoom in Jokos ungläubiges Gesicht, wo die aus dem Nichts auftauchende Fiona, das Raunen der Menge, die verfickte Musik? Gute Zeiten, schlechte Zeiten und Alles was zählt mit ein paar Worten vernichtet. Am liebsten würde ich mich räuspern, auf mich aufmerksam machen und das Ganze beenden. Ich bin auch noch hier und ich heiße diese Konversation nicht gut. Ich will nicht als Karte ausgespielt werden, als Trumpf, ich will mich nicht weiter benutzen oder bevormunden lassen.  

„Und was weißt du über sie? Ficken ist nicht alles“, schießt Joko weiter.

Die Sendung, die die beiden hier produzieren, muss nach 23 Uhr laufen, wenn das mit dem vulgären Vokabular so weiter geht. Der Sekt knallt ganz schön rein. Ich muss mich mit einer Hand am Geländer festhalten, um nicht sichtbar zu schwanken, aber in mir schwankt alles.

„Was weißt du denn über sie, was der Rest der Welt noch nicht weiß?“, fragt er provozierend. Will er darauf wirklich eine Antwort haben? Joko weiß alles, alles, alles über mich. Er weiß mehr, als ich selbst, denn im Rausch meiner Tiefs habe ich Dinge erzählt, die ich an den guten Tagen erfolgreich verdränge. Aber Joko weiß, was  in meinem Innersten vor sich geht. Er kennt das schwarze Loch, das sich dann und wann auftut und mich verschluckt, denn er hält mich, wenn auch an einem dünnen Faden, fest. Immer.

„Sieh sie dir an. Sie ist zurück nach Berlin gekommen, damit wir ihr Leben wieder richten. Das ist nicht das erste Mal, dass das passiert und dieses Mal ist es deine Schuld. Sie war auf einem guten Weg und du hast sie abgelenkt. So sieht ihr Leben gerade aus. Beschissen. Und du gründest eine Familie und erwartest, dass sie so tut als wäre nie etwas passiert?“

Jans Rechte trifft Joko so hart, das selbst ich den Aufprall spüre. Nichts dreht sich mehr. Nichts bewegt sich mehr. Ich bin zu nichts weiter fähig als einem überraschtem Lufteinziehen. Dann dreht er sich zu mir um. Er schüttelt sich die Faust und reibt sich die Finger.

„Lass das nicht mit dir machen“, herrscht er mich schwer atmend an. Ich sehe zu Joko, der am Boden sitzt und vergeblich versucht, sein Nasenbluten zu stoppen. Er sieht mich nicht an. Ich zögere.

„Geh wieder rein“, fordert Jan mich auf. Ich mag es nicht, dass er mir sagt, was ich zu tun habe, nur weiß ich es ohnehin nicht, und deshalb lasse ich Joko zurück.

Drinnen ist niemandem aufgefallen, was draußen vor sich gegangen ist. In meinem abklingenden Rausch erzähle ich Olli und Klaas allerdings haarklein und viel zu schnell. Olli fischt sich Jan sofort aus der Menge, unter die er sich gemischt hat als sei nie etwas passiert. Ich folge den beiden, weil ich nicht weiß, wohin mit mir.

„Das kannst du echt nicht bringen“, Olli legt ihm eine Hand auf die Schulter und klopft mehrmals darauf als wolle er ihm die Vernunft mit sanfter Gewalt in den Körper massieren.

„Halt dich da raus, Schulz.“

Lass das nicht mit dir machen. Jan läuft energisch auf Fiona zu, packt sie am Arm und bald darauf sind beide verschwunden. Das war es also, unter nicht ersehntes Wiedersehen. Und man kann besten Gewissens sagen, dass er sich nicht hat lumpen lassen. So einen Auftritt hinzulegen, ohne das die eigene Freundin etwas mitbekommt, das ist eine Kunst für sich.

„Geh raus und sieh nach Joko“, bitte ich Klaas. Den der Prügelei vorangegangenen Streit habe ich ausgelassen.

„Wieso gehst du nicht?“, fragt er zu Recht.

„Ich kann nicht. Ich bin zu betrunken. Mach du das“, sage ich eindringlich. Es gibt wohl doch noch ein weiteres Ende zu betrauern. Eine wacklige Freundschaft hält einem Faustschlag nicht stand.
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