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Nichts mehr zu retten.

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
07.02.2015
19.05.2015
121
142.771
18
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08.02.2015 1.969
 
Leni





„Herzlichen Willkommen liebe Radioeins-Hörer zu Sanft & Sorgfältig mit Jan Böhmermann ...“

„Und Oliver Marc Schulz. Heute ausnahmsweise aus dem selben Raum. Und mit einem Gast.“

Ich sitze im Schneidersitz auf dem unbequemen Plastikstuhl, der an Wartezimmer erinnert, und wende eine kalte Colaflasche in meinen Händen, die mir Jan vor Beginn der Sendung lässig zugeworfen hat. Und die ich weniger lässig gefangen habe. Aber immerhin.

„Und zwar ist das“ sagt Olli, „eine meine langjährigen Freundinnen. Leni. Leni und ich kennen und seit … fünf, sechs, sieben Jahren?“

„Fünf“, sage ich. Ja richtig gehört, Vitamin B, mehr habe ich nicht zu bieten. Vitamin B hat mich in diese Sendung gespült. Wir erörtern unser Kennenlernen, eine Begegnung in einem Restaurant, die wie jede Begegnung hätte folgenlos bleiben können. Olli macht Werbung für meinen Blog, die ich ihm übel nehme, aber ich unterbreche ihn nicht. Die Klickzahlen sinken stetig. Die Zeiten des Bloggens neigen sich langsam aber sicher dem Ende zu. Ich bin noch zu jung, um mich dem Fortschritt völlig zu verschließen. Ich bin gezwungen, mit der Zeit zu gehen.

„Wie kamst du auf die Idee, zu bloggen? Ich habe das Gefühl, bloggen ist was für intellektuell anspruchsvollere Influencer, die den Abnehmtee mit einer Story verkaufen wollen. Einer erfundenen, aber immerhin geben sie sich noch ein bisschen mehr Mühe, als nur eine Instastory zu drehen, in die sie den von der Agentur vorgegebenen Text kopieren ohne ihn vorher mal durchzulesen“, fragt Jan mich und sieht mir dabei direkt in die Augen. Ich, mutmaßlich Mitglied einer Ein-Personen-Randgruppe, komme mit diesem direkten Blickkontakt nicht klar. Er ist nicht unattraktiv. Nicht im klassischen Sinne attraktiv, aber alles im klassischen Sinne ist in erster Linie unsagbar langweilig.

„Ich teile unglaublich gerne ungefragt meine Meinung mit der Welt“, sage ich, „ohne Zeichenbegrenzung. Und ohne direkten Kontakt zu Menschen.“

„Dann ist Radio ja eigentlich genau das Richtige für dich“, sagt Olli.

„Dafür sehe ich zu gut aus“, sage ich.

Jan lacht.

„Der nächste Song“, sagt er, „kommt heute ausnahmsweise von Olli. Und danach sind wir wieder da. Sanft&Sorgfältig und Jan und Leni.“

„Das würde euch so passen“, sagt Olli und sagt einen Song von Thees Uhlmann an. Ich habe mich mittlerweile ein wenig entspannt. Ich kann nicht nur passabel schreiben, mit dem Reden war ich auch immer schon schnell.

„Erzähl unseren Zuhörern doch mal was von dir. Oder machen wir so 'ne Fragerunde, wir fragen dich abwechselnd was?“

„Los geht’s.“

Ich trinke einen Schluck Cola. Im Beantworten von Fragen bin ich gut. Vor allem, wenn es um mich geht, denn ich rede mit Vorliebe über mich. Ich bin haarscharf an einer Karriere zwischen Poetry Slam und Stand-Up vorbeigeschlittert.

„Olli, als der investigative Journalist von uns, und der Ältere, „lasse ich dir den Vortritt.“

„Was machst du beruflich?“, fragt Olli geschäftig.

„Ach komm, Olli“, amüsiert sich Jan, „machen wir das jetzt im Speeddating Style oder was? Berufe sind doch wirklich das Allerlangweiligste. Außerdem hat sie das vor zehn Minuten schon erzählt.“

„Okay, welchen geheimen Fetisch hast du?“, geht Olli direkt ins andere Extrem. Ich grinse ihn breit an.

„Nie im Leben wäre das deine erste Frage“, sage ich.

„Nein, meine erste Frage wäre ja was du beruflich machst“, sagt er, „aber das darf ich ja offenbar nicht fragen, obwohl wir damit ganz geschickt hätten Werbung machen können.“

„Ich übernehme Jans LateLine, jetzt wo er das Neo Magazin zu Grunde richten wird.“

Und ich fürchte, die LateLine wird sich freiwillig in ihre Einzelteile zersetzen, wenn ich mich auf einem Sessel räkle und gelangweilt Anrufer abwürge. Meine Aufmerksamkeitsspanne ist zu kurz, als das es mich interessieren würde, was Tim über seinen Hass auf Jürgen Klopps Haartransplantation erzählt. Menschen und ich, das funktioniert einfach nicht gut. Ich bin keine von denen, die „ich hasse Menschen“ postet, weil etwas Schreckliches passiert ist, aber ich habe das Gefühl, Menschen hegen dieses Gefühl im Allgemeinen mir gegenüber. Ich bin schwer einzuordnen und das ist keine beliebte Charaktereigenschaft.

„Endlich eine professionelle, ja ich würde fast sagen, Jürgen-Domian-artige LateLine mit Leni Ravend-Bahl. Da räumt Mann gerne das Feld.“

„Der Vorteil ist ja, schlechter als Jan kannst dus gar nicht mehr machen. Selbst wenn du gar nicht erscheinen würdest. Der hat jahrelang der Telefonseelsorge zugearbeitet. Statistiken belegen das. So, Jan, dann hau mal deine Frage raus hier.“

„Krieg ich deine Telefonnummer, ich hab meine verloren ... oder noch besser, krieg ich deine Telefonnummer, ich schreibe ein Telefonbuch. So oder so ähnlich. Ich bin da nicht so bewandert.“

„Die hast du längst, Böhmermann.“

„Findest du nicht immer, dass es total unangenehm ist, Menschen nur beim Nachnamen zu nennen?“, fragt Olli interessiert. Ich überlege.

„Ja, schon. Aber ich würde es zum Beispiel extrem seltsam finden, James Bond beim Vornamen zu nennen. James. James ist doch kein Name für einen Geheimagenten.“

„James Bond und ich haben dieselben Initialen“, fällt Jan auf.

„Wo die Gemeinsamkeiten anfangen hören sie auch wieder auf“, spotte ich, „mit Jimi Blue und Justin Bieber übrigens auch.“

„So. Das hätten wir geklärt. Was würdest du nicht mal Domian erzählen, aber hier in der Sendung, nur unter uns dreien, weil uns niemand hört – weiß niemand, aber das ist eigentlich eine Beschäftigungstherapie um uns von Menschen fernzuhalten, werden wir in dem Glauben gelassen, dass sich das irgendjemand anhört, dabei wird das nicht mal aufgezeichnet.“

Olli wirft einen Kugelschreiber nach Jan, der geschickt ausweicht.

„Die Frage ist okay oder was?“, protestiert Olli.

„Ist schwierig zu sagen. Bei Domian rufen Leute an und erzählen von ihren sexuellen Vorlieben und wenn ich das jetzt hier mache, dann habe ich in zwei Wochen einen Stalker oder werde in der Schlange bei McDonalds belästigt, weil Typen denken, was ich hier sage ist als Aufforderung zu verstehen.“

„Schön, dass wir so leicht in unverfängliche Themen wechseln“, hakt Jan nach, „Hashtag Me Too.“

Wie oft stand ich schon in der U-Bahn, eng an eng mit den widerlichsten Typen und versuchte, die Hand an meinem Hintern als Unfall abzutun? Widerliche Kerle gibt es in Köln, auf der ganzen verdammten Welt, wie Sand am Meer. Der Trick ist, einen Radar für sie zu entwickeln. Ich bin mittlerweile eine Art Spürhündin für widerliche Typen. Das heißt nicht, dass ich ihnen entgehen kann.

„Wir müssen ja nicht drüber sprechen“, schlage ich vor.

„Gut, nächste Frage“, sagt Olli, „wen findest du besser, Joko oder Klaas?“

„Ich enthalte mich“, sage ich.

„Du kannst dich nicht enthalten“, sagt Olli, „das hätten wir vorher festlegen müssen.“

„Sie sind beide in unterschiedlichen Dingen besser“, antworte ich diplomatisch, wohlwissend, dass ich spätestens morgen in die Situation kommen werde, beiden zu erklären, welche Dinge das denn genau seien und weshalb ich die Frage lieber nicht beantwortet hätte.

„Ist ja wie bei Olli und mir. Mit mir kann man sich einfach nicht unterhalten, da kann man nicht man knuddeln oder kuscheln, bei mir gäbs auch nie Frühstück. Aber der Olli, der sorgt für die Frau. Der ist das Rundum-Wohlfühlpaket.“

„Ich bin nicht so der Frühstückstyp“, sage ich. Es ist null mysteriös oder verschwörerisch oder sonst was. Ich bin kein Frühstücks-, aber du bist mein Typ.

„Wirklich nicht? Kein Frühstücksei um sechs Uhr morgens, frische Brötchen, selbstgebackenes Brot und selfmade Marmelade im Bett? Schön Breakfast at Tiffany's und dann zusammen unter die Regendusche?“

„Hab mir während meines FSJs vorletztes Jahr angewöhnt starken schwarzen Kaffee zu trinken und dann Mittags um halb eins zu essen. 'ne Zeit, zu der ich davor, und jetzt übrigens auch wieder, nicht mal wach bin.“

Außerdem ist Harald Schmidt kein Frühstücksmensch und ich halte diese gemeinsame Abneigung in Ehren.

„FSJ? Freiwilliges Soziales Jahr? Wo das denn? Ich meine, natürlich wissen wir das, weil wir uns auf die Gäste vorbereiten, aber sags doch nochmal für die Zuhörer.“

„Ich war anderthalb Jahre in einem Kindergarten“, erkläre ich.

„Geht es der Erzieherbranche so schlecht, das die sich schon Leute wie dich dahinholen?“, fragt Olli.

„Hasst man Kinder da nicht irgendwann? Wenn man die jeden Tag am Bein hat, zwanzig, dreißig davon? Ist das nicht absolut ätzend?“

„Die Kinder nicht, aber Eltern sind eher schwierig“, erwidere ich, „klar, man mag mal ein Kind nicht, das ist einfach menschlich und solange man es das Kind nicht spüren lässt, ist alles gut. Aber Eltern? Wirklich. Ich bin froh, dass ich da ja eh nichts zu melden hatte, also haben die sich bei wichtigen Dingen selten an mich gewandt.“

„Ist das so? Waren da so richtige Asis?“, Olli ist Feuer und Flamme, „so Familie Ritter Niveau.“

„Da muss ich mich leider nochmal enthalten“, antworte ich bedauernd.

Jan schüttelt den Kopf.

„Ist doch langweilig“, sagt er, „hier kann man sich nicht enthalten. Wir enthalten uns auch nie, obwohl es öfter angemessen wäre.“

„Einmal pro Sendung kann man sich enthalten, Jan. Das eben zählt nicht. Das wars jetzt. Jetzt können wir richtig loslegen.“

„Seit wann kann man sich denn hier plötzlich enthalten? Du kannst doch nicht, nur weil eine Freundin von dir hier mit uns sitzt, das ganze Konzept über Bord werfen. Hier redet man sich in die Scheiße und anschließend wieder raus.“

„Stell dich nicht so an“, erwidert Olli.

„Weißt du, was ich mir letztens angeguckt habe?“, erinnere ich mich fröhlich, als sei es keine zurechtgelegte Story, um eventuelle Lücken zu füllen, „dein Disslike.“

„Du hast also meinen Namen in die Suchleiste eingeben?“, fragt er mich. Diesmal bin ich diejenige, die lachen muss. Ein ertapptes Lachen. Es ist eigentlich nur ein Köder, denn auch wenn er es vielleicht abstreiten würde, er ist eitel. Und es schmeichelt ihm.

„Einfach, weil du mir kein Begriff gewesen bist.“

„Danke gleichfalls.“

„Wie kommt man eigentlich vom Kindergarten zur LateLine?“, fragt Olli.

„Das musst du Jan fragen“, antworte ich, „der ist doch für den Job geboren worden.“

„Haha“, macht Jan trocken, „ich hatte übrigens schon im Kindergarten 'ne LateLine, immer vor der Schlafenszeit nach dem Mittagessen. Lief super.“

„Glaub ich dir sofort“, sage ich, „welche Themen hast du da behandelt? Die Auswahl der CD? Hardcore-Sandburgenbauen? Den ständigen Streit um den Schoß der Erzieherin?“

„Den Schoß der Erzieherin“, wiederholt Olli grinsend.

„Ach Olli, könntest du bitte nicht alles immer sexualisieren? Bist du untervögelt oder was?“, fragt Jan.

„Du hast leicht reden, dir fliegen die Frauenherzen noch zu.“

„Und bei dir sind es nur Brandsätze und Schimpfworte.“

So zieht sich das Gespräch ohne erkennbaren roten Faden eine Stunde lang weiter durch den Nachmittag. Selten habe ich mich in einem Raum, der nicht zu meinem unmittelbaren Lebensraum gehört, so entspannen können. Aber sobald die Sendung beendet ist, werden sich unsere Wege unweigerlich trennen. Ollis und meine vielleicht nicht, aber Jan und ich sehen uns noch zwei, dreimal in beruflichem Kontext und dann wars das.

„Machen wir noch was?“, frage ich. Die beiden tauschen einen Blick.

„Ich hab heute keine Zeit“, erinnert Olli mich, „sonst würd ich dich noch zum Hotel bringen, aber ich muss direkt weiter.“

Ich nehme Jan ins Visier. Um ehrlich zu sein habe ich es sowieso eher auf ihn abgesehen. Olli kann ich jeden Tag sehen. Ob ich will oder nicht. Er ist fester Bestandteil meines Lebens, sowas wie ein Ziehvater, er hält mich ein bisschen in der Spur. Aber Jan ist neu. Und ich langweile mich so schnell.

„Komm schon“, lege ich nach, „was ist mit dir?“

„Na gut“, sagt er, „aber erst ins Hotel.“

„Gut, dass wir im selben wohnen“, zufällig, ergänze ich im Stillen. Nur, dass es keine Zufälle gibt.

„Ist mir nicht entgangen.“

„Habt ihr euch jetzt auch noch 'n Zimmer zusammen genommen oder was?“, fragt Olli.

„Auf jemanden wie Jan würde ich mich nie einlassen“, sage ich.

„Der Abend ist noch jung“, sagt Jan.

„Überschätz dich ruhig“, winke ich ab und denke, das läuft ja noch besser als geplant.

„Das tut er von Haus aus“, informiert mich Olli.

„Ja, ist mir nicht entgangen“, sage ich und sehe zu Jan, „fahren wir zusammen ins Hotel?“
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