Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Nichts mehr zu retten.

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Gen
07.02.2015
19.05.2015
121
133.520
18
Alle Kapitel
186 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
17.05.2015 981
 
Leni





Wenn mir langweilig ist, male ich mir oft aus, ich sei zu Gast im Schellfischposten und Ina Müller, Königin des  Astra, würde mich interviewen. Sie würde fragen „stimmt es eigentlich, ich hab das ja recherchiert, stimmt das, dass du mal drei Wochen mit einem Kerl rumgemacht hast, weil der immer Joints mit hatte und als du keinen Bock mehr hattest, hast du ihn quasi von heute auf morgen ignoriert?“ und ich würde ein wenig beschämt das Gesicht hinter meinen Händen verstecken und grinsen und dann sagen „ja, ich bin immer schnell gelangweilt“. Und dann würde sie wissen wollen, wie sich das so im Alltag äußert, dieses gelangweilt sein und ich würde antworten: in schlechten Entscheidungen.

Seit sich in meinem Leben viel geändert hat, verändern sich auch die imaginären Fragen, die mir gestellt werden. Während sie sich anfangs um meine Jugendsünden drehten, heißt es jetzt „du warst ja mit dem Vater deines Sohnes nie richtig zusammen, oder?“ und ich müsste die Geschichte erzählen, wie ich mir meiner Sache zum wiederholten Male zu sicher gewesen bin.

Der Vater meines Sohnes, seines Zeichens mehr unzuverlässig als langweilig, entschließt sich zu einem Cameo-Auftritt. Gott sei Dank nachdem Klaas sich Klaas nach zwei Tagen in meiner Wohnung auf den Weg zu Olli macht, der auf einen detaillierten Lagebericht wartet. Ich habe sie an den Haaren aus der Disco gezerrt, ihren Kopf in die Spree getunkt und ihr nebenbei auch noch das Rauchen abgewöhnt. Sie isst jetzt wieder Obst und benutzt eine nicht fettende Tagescreme. Es geht ihr besser. Nicht gut, aber wir sind auf einem guten Weg.

In einem Moment der Verzweiflung klingelt Jan an der Haustür. Die Männer in meinem Leben kommen immer dann, wenn man nicht mit ihnen rechnet. Er muss nach meiner Nachricht fast sofort losgefahren sein.

„Hallo“, sage ich. Hast du wochenlang nicht geschlafen, Jan? Was ist mit deinen Haaren los? Und ist das etwa noch ein Sabberfleck von Felix, den du über einen Monat mit seiner inkompetenten Mutter alleine gelassen hast, da auf deiner Schulter?

„Hallo“, sagt Jan. Und denkt sich seinen Teil. Hast du die letzten Wochen durchgefeiert, Leni? Du bist ganz grau. Leblos irgendwie, trist. Was ist mit deinen Haaren los? Ist das ein Sabberfleck von unserem Sohn, den ich unbedingt sehen will? Wegen dem ich hier bin?

„Komm rein.“

Ihn in seine eigene Wohnung zu bitten fühlt sich komisch an. Er tritt ein und sieht sich um. Ja, nicht aufgeräumt. Was erwartet er denn? Ich stehe noch da, wo er mich stehenlassen hat.

„Er ist in seinem Zimmer“, sage ich, „ich habe ihn gerade hingelegt.“

Jan verschwindet im Zimmer bei seinem Sohn und ich beginne in Windeseile, jedes Indiz auf Klaas zu vernichten. Hätten wir einen offenen Kamin, ich würde nicht zögern, die Bettwäsche vom Sofa direkt hineinzuwerfen. Schnell in den Schrank knüllen tuts auch. Die Küche auf Vordermann bringen. Fenster aufreißen.

Ich schnaufe, als ich das Knarren der Tür höre. Der Behutsamkeit nach zu urteilen ist Felix eingeschlafen. Er kommt in die Küche. Zaghaft. Vorsichtig. Wir kennen uns plötzlich gar nicht mehr. Nichts erinnert mehr an den Anfang dieser Beziehung. An auf dem Küchentisch liegen und Dramen auf diversen Hochzeiten. Hotelzimmer. Ich liebe dichs.

„Wie geht’s?“, frage ich. Und finde das sehr erwachsen. Sowas fragen doch auch Eltern, die sich vorm Scheidungsrichter wiedersehen.

„Okay und dir?“

„Gut“, antworte ich knapp.

„So siehst du aber nicht aus.“

„Du mich auch“, ich kann das Lächeln nicht aufhalten, „wo wohnst du? Im Hotel?“

„Bei meiner Geliebten.“

Was er an Aussehen eingebüßt hat, hat er an Humor gleich doppelt mitgebracht. Wenn er wüsste, dass Klaas zeitweilig sein Heim infiltriert hat ...

„Wie witzig.“

Wo sind die ganzen Texte hin, die ich innerlich verfasst habe? Das herzergreifende wortgewandte Plädoyer, für das ich, hätte ich es in Filmen gehalten, gleich mit Preisen überschüttet worden wäre? Wo ist es hin? Wir müssen ein Gespräch zu Stande kriegen. Ich könnte mal mit meiner lange fälligen Entschuldigung das Feld von hinten aufräumen.

„Was ich gesagt habe, tut mir leid“, sage ich vage.

„Klaas?“, fragt er. Wieso werde ich das Gefühl nicht los, dass er die Szene in den letzten Wochen wieder und wieder durchgegangen ist? Nach Anzeichen gesucht hat?

Ja, Klaas“, reumütiges Kopfnicken, „das war ... ich weiß nicht, was es war, aber auf jeden Fall nicht von Bedeutung.“

Seine Stirn legt sich in skeptische Falten. Es ist schwammig, ich weiß, aber was soll ich denn sagen? Ich weiß nicht, woher es kam, es war da und es war unglaublich unpassend. Er zuckt mit den Schultern.

„Was soll ich dir sagen, Leni?“

Klaas und er haben das selbe Fragenschema. Nur meine Antwort unterscheidet sich maßgeblich.

„Das wir uns verzeihen.“

Letzte Chance. Ich verteile Chancen wie andere   ALDI Flyer. Jetzt habe ich auch noch eine letzte verdient.

„Dachtest du wirklich, ich würde unseren Sohn entführen?“

„Nein! Ja ... nein! Nein!“, ich schüttle wild den Kopf, „für eine Sekunde vielleicht, weil ich betrunken war und Felix nicht mehr bei Paulina.“

„Und weil ich Leonard entführt habe.“

„Das … auch, ja“, gebe ich zu, „vielleicht lernst du ja aus deinen Fehlern? Ausnahmsweise?“

„Ich wollte ihn nicht … das war nicht … ich wollte ihn nicht entführen“, offenbar ist es ihm wichtig, das klar zu stellen, „das war nicht eine Sekunde mein Gedanke dahinter.“

„Die Ohrfeigen tun mir auch leid.“

„Das bezweifle ich“, er grinst schwach.

„Wir geben uns beiden noch eine letzte Chance“, schlage ich vor, „für Felix. Für uns. Ich meine, … oder nicht?“

Weil ich dich will? Und weil wir jetzt alles voneinander wissen? Weil ich dich liebe? Und du mich liebst und unser Sohn uns beide braucht?

Wenn mir langweilig ist, male ich mir aus, von Ina Müller interviewt zu werden. Mit einer Flasche Astra in der Hand würde ich auf die Frage „und dann seid ihr richtig fest zusammengekommen nach all dem Drama?“ gerne sagen wollen „oh ja, das sind wir. Und wir sind überglücklich.“
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast