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Nichts mehr zu retten.

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Gen
07.02.2015
19.05.2015
121
133.520
18
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
15.05.2015 1.010
 
Für Franzi, die 24/7 an erster Stelle meiner WhatsApp-Chatliste steht. Und der ich viel lautes Lachen verdanke.



Leni





Ich brauche eine Intensivtherapie in Form von  ZZ Top und der ungeteilten Babysitterzeit meiner Freunde. Olli und Joko wechseln sich hingebungsvoll ab, während Felix sich fühlen muss, als sei er von heute auf morgen zum Vollwaisen geworden. Ich lebe in der Nacht Berlins und verschlafe das grelle Sonnenlicht, das mir unbarmherzig den katastrophalen Zustand meiner Wohnung vor Augen führen wird, sobald ich die Augen öffne. Schlafe mit dem Gesicht in einem von Jans Shirts, das ich unter Tränen aus dem Wäschekorb gezogen habe, schlafe schon so lange damit, dass es nicht mehr nach ihm riecht.

„Geht’s dir gut?“, fragt Joko mich jedes Mal, wenn ich ihm meinen Sohn in die Arme drücke, meinen Rock ein wenig runterziehe und mein unruhiger Blick schuldbewusst hin- und her irrt.

„Blendend“, leiere ich meine Standartantwort herunter, „ich hole ihn dann morgen früh wieder ab.“

Auf dem Heimweg sozusagen. Schon ausgenüchtert, aber nach Schweiß riechend. Nicht unbedingt nach meinem. Jokos Miene entgeht mir dabei nie, aber ich bin gut darin, sie zu vergessen, sobald ich, Felix auf dem Arm, das Haus verlassen habe. Felix sieht mich niemals vorwurfsvoll an. Er urteilt nicht. Er ist einfach dankbar, dass ich zurückkehre. Ich kenne dieses Gefühl. Ich kenne dieses Gefühl viel zu gut.

Ich versuche, mir Jan aus dem Kopf zu schlagen. Mit roher Gewalt. Aber er ist hartnäckig. Scheinbar macht seine Abwesenheit da keinen Unterschied. Eher verschlimmert sie das Gefühl, dass ich sonst nur leicht verspürt habe. Ist es Angst? Ich weiß es nicht. Offensichtlich gibt es Gefühle, für die wir noch keine Worte haben. Für die ich noch keine Worte kenne. Und alles, für das ich noch keine Worte kenne, möchte ich lieber nicht zu tief ergründen.
Ich ziehe von einer Bar in die nächste, von einer dunklen Spelunke in den nächsten neongrellen Club, aus denen mir die gerade 18 gewordenen wasserstoffblonden Kylie Jenners entgegenfallen, direkt in die Arme eines muskelbepackten Sonnenbankkerls in Feinripphemdchen und mit Fluppe im Mundwinkel. Ich falle in die Arme von niemandem. Dabei rechne ich fest damit, dass mir Jan irgendwann von hinten auf die Schulter tippt und sagt „lass uns jetzt nach Hause gehen“. Die einzigen, die mir auf die Schulter tippen, sind Männer, die aussehen als wären sie geradewegs von den TV Total TV Tipps zum Wochenende auf die Tanzfläche gestolpert.

Ich will nicht angesprochen werden. Ich will mich nicht mit intellektuellen Auffahrunfällen über die Musik reden oder ihnen meine Nummer in ihr brandneues iPhone speichern. ich weiß nicht, was ich will, aber reden gehört nicht dazu. Trinken und rauchen. Exzessiv. Ich stelle mir meine Freunde vor, wie sie den Kriegsrat in Ollis Küche abhalten, sich gegenseitig beruhigen und gleichzeitig hochschaukeln. Sollten wir uns langsam Sorgen machen? Ist das die normale Trennungsphase? Wird sie wieder wie früher? Was können wir tun? Denkt ihr, sie hat das noch im Griff?

Und zwischenzeitig lehnt sich einer von ihnen zurück und seufzt: „wenigstens sind wir Jan los, oder?“.

Merkwürdige Ansichten für jemanden, der jeden Sonntag eine Radiosendung mit „dem Böhmermann“ moderiert. Aber es ist mir egal. Sollen sie reden. Sollen sie nach Lösungen suchen. Sollen sie sich verdammt nochmal Sorgen machen.

Ich lebe in meiner Blase, bis Joko eines Tages unvermittelt die Reißleine zieht. Eine Minute vorher weiß ich das noch nicht. Wieder klingle ich bei ihm, um Felix die Nacht über einzuquartieren, wieder öffnet er mit diesem unerträglich nervigen besorgten Blick.

„Komm kurz rein“, sagt er.

„Hab eigentlich keine Zeit“, weiche ich aus.

„Wo gehst du hin?“, will er wissen.

„Weg, Joko.“

Ich will ihn nicht so anfahren. Ich will nicht, dass mein Hass ihm entgegenschlägt, aber er tut es. Ich hoffe, er weiß, dass ich nicht ihn hasse. Und das ich seine Bemühungen zu schätzen weiß.

„Es ist jetzt über einen Monat her. Wie lange willst du so weitermachen, Leni?“, streicht er sich die Tage im Kalender ab?, „du hast ein Kind! Und einen Job.“

Aber ich habe Jan nicht mehr. Ich habe Klaas nicht mehr. Und mich, mich habe ich auf dem Weg zum nächsten Bier auch verloren.

„Ich muss nicht daran erinnert werden“, gifte ich, „lass mich doch bitte einfach mein Leben leben, Joko!“

„Ich bin der letzte, der dir keinen Spaß gönnt, Leni, aber du hast keinen Spaß.“

„Woher willst du das wissen?“

„Weil ich dich kenne. Du siehst schlecht aus.“

„Du kannst mich mal, Winterscheidt“, ich drücke ihm Felix in die Arme, küsse seinen kleinen Kopf, den weichen Flaum, und verlasse das Haus. Ich bin eine schlechte Freundin, eine schlechte Mutter (was mich allerdings nicht überrascht) und es ist kein Wunder, dass Jan weg ist.

Ich biege wie üblich in den erstbesten Club ein, vor dem sich bereits einige Feierwütige tummeln und schlendere wie selbstverständlich an der Schlange vorbei. Funktioniert jedes Mal. Der Einbauschranktürsteher winkt mich ohne eine Miene zu verziehen durch. Ich habe das verdammte Los gezogen, nie nach dem Ausweis gefragt zu werden. An meinem 18. Geburtstag bin ich los, um zwei Flaschen Wodka für die Feier zu besorgen und die Verkäuferin hat keinerlei Anstalten gemacht, meine Volljährigkeit anzuzweifeln. Dabei finde ich, ich sehe aus als sei ich 15. Und das schon, seit ich 14 bin.

An der Bar bestelle ich mir einen White Russian und mache es mir auf einem Barhocker bequem. Leider hängt hinter der Bar ein riesengroßer Spiegel. Ich will mir nicht ins Gesicht sehen müssen. Und was ich noch viel weniger leiden kann, ist, den Blicken der anderen unbeabsichtigt zu begegnen. Eine Frau ganz alleine in einem Club? Die ist bestimmt auf der Suche nach 'nem Kerl für eine Nacht. Ist sie nicht. Sie lässt sich ab und zu antanzen und vor allem lässt sie sich Drinks ausgeben, aber dann ist Schicht im Schacht.

Ich beobachte, was sich hinter mir tut, als mir plötzlich jemand auffällt, der sich seinen Weg zu mir bahnt. Mein ganzer Körper versagt. Ich kann den Schluck, den ich gerade genommen habe, nicht runterwürgen. Nicht blinzeln. Nicht einmal das Glas absetzen.

„Klaas?“
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