And we Run

GeschichteRomanze / P18 Slash
Jared Leto
04.02.2015
18.04.2019
135
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Dieses Kapitel
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Vorwort

Frei nach den Stuttgarter Sternstunden, auch wenn ich mir bei Location und Ablauf ein paar künstlerische Freiheiten erlaubt hab XD

Danke an alle Beteiligten (Inklusive meiner nach Nachschub gierenden Mädels) für die Inspiration.

Logisch, dass alle auftauchenden real existierenden Personen sich selbst gehören, der Rest mir.

Ursprünglich war And We Run als Oneshot geplant, ein nettes kleines Spielchen zwischen Mrs Schoko und mir. Wie ihr seht, ist es von meiner Seite her ein klein wenig ausgeartet.
Zu Mrs Schokos Story geht es übrigens hier lang: http://www.fanfiktion.de/s/54d2367a00028069142fb461/1/Suesse-Erinnerung

Eine kleine Warnung vorweg:

Wer sich von vorneherein von Bdsm und Co abgestoßen fühlt oder ein Problem mit Homoerotik hat, sollte genau JETZT aufhören, zu lesen. Allen anderen Wünsche ich viel Spaß und eine gute Reise ;)



Kapitel 1

„Du bist so ein verdammter Idiot, Molko.“

Zum gefühlt hundertsten Mal an diesem Tag betastete Brian seinen lädierten Kiefer und unterdrückte gleichzeitig heldenhaft den starken Impuls, sich selbst zu Ohrfeigen. Doch ein zugegeben etwas dümmliches Grinsen konnte er sich trotz seines schmerzenden Kinns nicht verkneifen, wenn er daran dachte was - oder besser: wer - für seinen unfreiwilligen Kniefall mit anschließendem Fußbodenknutschen – im wahrsten Sinne des Wortes – verantwortlich gewesen war. Gut, seine eigene Ungeschicklichkeit war daran auch nicht ganz unschuldig, aber er hatte diese Augen einfach nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Den ganzen verdammten Tag über nicht. Er fühlte sich, wie ein fünfzehnjähriges Schulmädchen wenn er nur daran dachte. Das war ihm schon sehr, sehr lange nicht mehr passiert. Er war derart in ihnen versunken, dass er sich nicht einmal mehr daran erinnern konnte, was ihr Besitzer eigentlich zu ihm gesagt hatte. Aber er hatte ihn angefasst… ganz sicher…  Der erste Gedanke, der ihm in den Sinn gekommen war, nachdem sein Hirn freundlicherweise seine Arbeit wieder aufgenommen hatte, war Mowgli aus dem Dschungelbuch gewesen. Mowgli vor der Schlange Kah, um genau zu sein. Er hatte sich so blöde benommen, dass es ihm umgehend die Schamesröte ins Gesicht trieb. Und als ob es nicht genügt hätte, dass er stumm wie ein Fisch vor diesem ausgesprochen gutaussehenden Traum von einem Kerl gestanden hatte, musste er sich kaum fünf Minuten später – er war gerade mit der Überlegung beschäftigt gewesen, ob dieses Blau wohl nur auf ihn so hypnotisch wirkte, oder auf jeden, der diesem verdammten Elb begegnete – auch noch hochgradig unelegant auf die Nase legen. Es war nicht so, dass es nicht wehgetan hätte. Aber das Erste, worum er sich Sorgen machte sobald er sich halbwegs aufgerappelt hatte, war, ob ER es womöglich gesehen haben könnte. Doch zumindest in dieser Beziehung war ihm das Universum gewogen – Kah war nirgends zu sehen. Dafür aber Stefan, der es nur mühsam schaffte sich das Lachen zu verkneifen, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass bei Brians Sturz nicht viel mehr zu Bruch gegangen war, als dessen Stolz.

Genau das war allerdings auch das Problem. Er hatte sich nur zu gut vorstellen können, wie schnell sein kleines Missgeschick die Runde machen würde. Spätestens in zwei Stunden würde jeder Idiot bescheid wissen. Normalerweise gab er ja einen Scheiß drauf, was alle Welt über ihn dachte. Bei Kah allerdings war das eine ganz andere Sache. Am liebsten hätte er sich irgendwo eingegraben - dummerweise hatte er gerade aber kein ausreichend tiefes Loch zur Hand.

Seufzend strich er sich die für seinen Geschmack immer noch viel zu kurzen Haare zurück. Wieso hatte er sich überhaupt zu dieser Schwachsinnsaktion überreden lassen? Da gab es eine einzige Sache an ihm, von der er nicht schon beim ersten Blick in einen Spiegel genervt war – seine schwarzen Locken nämlich. Und was machte er? Ließ sie sich wegen einer hochgradig kindischen Wette abrasieren. Raspelkurz. Er hatte ausgesehen wie ein zu kurz und zu weiblich geratener Hooligan damit - oder auch wie ein KZ-Häftling, wenn man es ganz böse und politisch unkorrekt wollte.  

Frustriert klappte er den Laptop zu. Was sollte er in seinem aktuellen Zustand auch schon zustande bringen? Und dass er beim Langeweile-Surfen im Internet womöglich über sein Missgeschick vom Nachmittag stolperte – in schillerndsten Farben umschrieben, reichlich künstlerische Freiheit inklusive – fehlte ihm jetzt gerade noch. Ob Kah wohl zur Gattung Netzjunkie gehörte? Wenn ja, war er sicher schon über die Schlagzeile des Tages gestolpert: „Brian Molko - Sänger oder Pfannkuchen?“ Wäre es ihm nicht so gottverdammt peinlich gewesen, hätte er darüber lachen können. So aber wollte er das Ganze einfach nur ausradieren. Wieder fuhr er sich durch die Haare. Er brauchte einen Drink. Ganz einfach. Mit Hilfe einer ordentlich Dosierten chemischen Keule wäre es sicher um Längen leichter, sich Blauauge aus dem Kopf zu schlagen und diesen ganzen abstrusen Tag mit ihm. Aber dieses sogenannte Hotelzimmer in dem man ihn untergebracht hatte, konnte nicht einmal mit einer Minibar aufwarten. Manchmal hasste er den Touralltag wirklich. Das Fernsehprogramm war erwartungsgemäß bescheiden – er hatte Gründe dafür keinen Fernseher zu besitzen – und nach Gesellschaft war ihm schon gar nicht zumute. Jedenfalls nicht nach der Gesellschaft, die ihm gerade zur Verfügung stand. Es würde ihm wohl nichts anderes übrig bleiben, als sich hinzulegen, die Decke über den Kopf zu ziehen und auf Schlaf zu hoffen.

Natürlich sah er, kaum dass er die Augen geschlossen hatte, wieder Kahs ebenmäßige, markante Züge vor sich. Er fand sein Gesicht hatte etwas edles, aristokratisches, als sei der ganze Typ gerade einer lächerlich-kitschigen Groschenheftromanze entstiegen. Er selbst dagegen war himmelweit davon entfernt in seiner Liga zu spielen. Egal über welche seiner Eigenschaften er nachdachte, sie ließen sich alle nicht ohne das kleine Wörtchen ‚zu‘ nennen: Zu klein, zu weich, zu blass und vor allem zu schüchtern. Blauauge dagegen war groß, zumindest im Vergleich zu ihm, athletisch, männlich und er strahlte diese unbedingte Souveränität aus, die er selbst bestenfalls halbwegs überzeugend spielte, aber niemals wirklich empfand. ER stand sicher nicht täglich vorm Spiegel und verfluchte sein Gesicht oder seine Figur. Besonders nicht seine Figur. Er sah aus wie gemalt. Vermutlich brauchte er nur mit dem Finger zu schnippen und hatte augenblicklich einen ganzen Harem an Mädchen an jedem Finger, die es nicht abwarten konnten ihm jeden Wunsch von den großen, von unverschämt langen Wimpern umrahmten Augen abzulesen.

Wie kam er überhaupt dazu auch nur an diese Figur zu denken – besonders daran wie dieser Körper wohl unter dem lässigen, karierten Flanellhemd aussehen mochte, das er getragen hatte? Er war mit Sicherheit vergeben und bei seinem Glück stand er wahrscheinlich auch noch auf Frauen. 1,80 große Models vermutlich, mit denen er selbst nicht einmal hätte konkurrieren können, wäre er tatsächlich eine Frau und nicht nur ein Typ, der ab und zu wie eine aussah.

Aber egal wie oft er sich selbst sagte, wie sinnlos jede Überlegung, jede Fantasie in diese Richtung wäre, er bekam ihn einfach nicht aus dem Kopf. An Schlaf war so ganz bestimmt nicht zu denken und selbst wenn, feuchte Träume von einem Mann der für ihn in etwa so unerreichbar war wie der Mond – oder eher gleich der Saturn – waren so ziemlich das letzte was er gerade brauchte. Also rappelte er sich zähneknirschend hoch, schlüpfte in Jeans, T-Shirt und Schuhe, und schnappte sich seine Schlüsselkarte.

Er war sicher bei der Ankunft hier etwas gesehen zu haben, das zumindest aussah wie eine Bar und Bars schenkten üblicherweise Alkohol aus. Er hoffte nur, sie hatte auch noch geöffnet.

Es war still auf den Gängen – zu still für seinen Geschmack – und auch die Lobby wirkte wie ausgestorben. Es schien nicht einmal jemand am Empfang zu sein, sodass er beinahe das Gefühl hatte, sich durch eine Art surreale Traumwelt zu bewegen. Ratlos sah er sich um und versuchte sich verzweifelt daran zu erinnern, wo die Leuchtreklame der Bar gewesen war, doch er sah einfach zu viele Lobbys, die alle im Großen und Ganzen gleich aussahen und wenn er es recht bedachte, war er nicht einmal mehr sicher, sich die Bar nicht eingebildet zu haben, einfach weil er erwartet hatte, sie zu sehen.

Hin und hergerissen zwischen dem inzwischen ziemlich dringenden Bedürfnis nach einem Drink und der Angst davor, sich zum dritten Mal an einem einzigen Tag bis auf die Knochen zu blamieren sollte er tatsächlich Opfer seiner ausufernden Fantasie geworden sein, machte er noch ein paar Schritte und blieb dann mitten in marmorvertäfelten Empfangshalle stehen.

Unschlüssig sah er sich um und begann gerade sich mit dem Gedanken anzufreunden, einfach wieder ins Bett zu gehen, als ein verhaltenes Fluchen ihn aus seinen zutiefst missmutigen Grübeleien riss. Verwirrt ließ Brian den Blick erneut durch die Halle schweifen, und sah… nichts. Niemanden.

„Jetzt geht das wieder los“, grummelte er vor sich hin, völlig überzeugt davon seine Ohren spielten ihm einen Streich. Schließlich lag der Saal noch genauso verlassen da, wie zuvor. Das einzig lebendige hier waren die Palmen in ihren steinernen Kübeln, und selbst bei denen hatte er seine Zweifel. Wahrscheinlich waren sie aus Plastik.

Entnervt wandte er sich zum Gehen – im Notfall würde er sich eben so lange einen runterholen, bis er aus purer Erschöpfung einschlief.

„Das kann doch nicht dein Ernst sein“, schnaubte eine ungläubige, eindeutig männliche Stimme mit amerikanischem Einschlag hinter ihm.

Ertappt drehte Brian sich wieder um. Hatte er das gerade laut gesagt?

„Also ehrlich, ich hab schon mal sinnvollere Vorschläge von dir gehört“, fuhr die … Palme? … vor ihm in leicht ungnädigem Tonfall fort. „Gibt’s einen Plan B?“

Nur sehr, sehr langsam dämmerte seinem übermüdeten, immer noch vorwiegend mit Kah beschäftigten Verstand, dass Palmen üblicherweise nicht sprachen. Wenn du Hufgetrappel hörst, denk an Pferde, nicht an Zebras, ermahnte er sich im Stillen selbst. Vermutlich gab es hinter diesem bei näherer Betrachtung eindeutig künstlichen Dschungel noch eine Sitzecke und sehr wahrscheinlich saß dort jemand und telefonierte. Vielleicht sogar derjenige, der eigentlich an der Rezeption sein sollte. Problem gelöst. Sofort fühlte er sich besser. Ihm war bisher gar nicht wirklich bewusst gewesen, wie surreal er diese gespenstische Leere gefunden hatte.

Erleichtert schlug er einen Bogen um besagte Palmen in ihrem Pflanzkübel.

„Verzeihung“, setzte er an, wurde aber von einer ungeduldigen Handbewegung seines Gegenübers unterbrochen.

„Bleib kurz dran Peter“, sagte der Mann mit den braunen, wirr abstehenden Haaren zu seinem unsichtbaren Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung, eh er sich mit einem freundlichen Lächeln, das sein harsches Abwinken zuvor Lügen strafte, zu ihm umdrehte. „Ja?“

Alles, was Brian sah, waren ein paar große, stechend blaue Augen unter atemberaubend langen Wimpern.  Er fühlte sich, als habe er gerade einen Schlag in die Magengrube bekommen und musste den Impuls unterdrücken, sich einfach umzudrehen und wegzulaufen. Von allen gottverdammten Menschen auf diesem Planeten musste er ausgerechnet ihm über den Weg laufen. Mitten in der Nacht, mehr als zerknittert und am allerschlimmsten: so gut wie ungeschminkt.

„Kann ich dir helfen?“, fragte der Mann mit dem amerikanischen Akzent ihn geduldig.

„Nein, ich, also eigentlich…“, stammelte er und hätte sich im selben Moment für seine mangelnde Gewandtheit ohrfeigen können. „…eigentlich suche ich die Bar“, beendete er seinen Satz wenigstens halbwegs flüssig.

Warum in aller Welt machte dieser Typ ihn so nervös? Er tat absolut nichts, was ihm auch nur den geringsten Grund dazu gegeben hätte. Im Gegenteil. Er war nett, höflich und hatte sich bisher noch nicht einmal lustig gemacht.

„Peter? Ich ruf dich später zurück. Und bitte versuch bis dahin vorerst niemanden zu verärgern, okay?“, wandte er sich, ihn charmant anlächelnd, erneut seinem Gesprächspartner zu. „Ja, ja ich denke daran. Ja, Peter.“ Wäre Brian nicht so verdammt angespannt gewesen, hätte er fast grinsen müssen als Kah jetzt theatralisch die Augen verdrehte und verschwörerisch zwinkernd mit dem Kopf wackelte. „Ja ist gut. Bis später Peter“, schaffte er es schließlich doch noch das Telefonat zu beenden. „So.“ Damit ließ der Amerikaner sichtlich erleichtert das Headset auf den Tisch vor sich fallen und schenkte  dem Sänger ein weiteres, strahlendes Lächeln. „Sorry, Anwälte“, klärte er den zunehmend perplexen Brian auf. „Ich fürchte mit einer Bar können die hier um diese Uhrzeit nicht dienen. Selbst einen Tee zu bekommen gestaltet sich anscheinend schwieriger, als gedacht. Irina ist so nett und opfert ihren eigenen.“ Damit reckte er den Hals, um an dem tatsächlich künstlichen Tropendickicht vorbei einen Blick zur noch immer verwaisten Rezeption zu werfen. „Scheinbar muss sie ihn aber erst noch jagen“, fügte er mit einem spitzbübischen Grinsen hinzu. Dann sah er wieder zu ihm auf. „Du bist Brian Molko, richtig?“

„Äh, ja“, nuschelte der Angesprochene wenig eloquent, während er verzweifelt versuchte, sich an Blauauges Namen zu erinnern. Dessen erwartungsvoller Blick machte es ihm nicht unbedingt leichter. Im Gegenteil. „Tut mir leid“, gab er schließlich widerstrebend zu und fühlte förmlich, wie ihm der kalte Schweiß ausbrach. Noch so eine Sache, die er an sich selbst hasste. „Ich fürchte, ich hab deinen Namen vergessen.“

„Kein Problem“, lächelte Kah, stand auf und hielt ihm, über den Tisch hinweg, eine schlanke, feingliedrige Hand hin. Brian schluckte schwer und schaffte es nach wie vor nicht, seinen Blick von diesen faszinierenden Augen zu lösen. „Jared“, stellte sich sein Gegenüber vor, als er schließlich einschlug. Verdammt, selbst diese unschuldige, alltägliche Berührung fühlte sich an, als habe er einen Stromschlag bekommen. „Leto“, fügte Jared noch hinzu, „aber Jay reicht völlig. Sorry dass ich vorhin so kurzangebunden war, aber ich war etwas nervös.“ Er grinste entwaffnend. Falls ihm seine Aufregung peinlich war, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken, stellte Brian mit einem leichten Anflug von Neid fest. „Vielleicht willst du mir ja ein bisschen Gesellschaft leisten, während wir auf Irina warten.“

Hatte Jared ihm gerade zugezwinkert? Sicher hatte Brian sich das nur eingebildet. Vielleicht war auch die gerade ausgesprochene Einladung einzig und allein aus seinem Wunschdenken heraus geboren. Sehr wahrscheinlich sogar. Er hörte einfach, was er gern hören wollte. Falls er es denn hören wollte. Ein Teil von ihm hätte es eindeutig vorgezogen, sich ins nächste Mauseloch zu verkriechen. Im Geiste sah er sich selbst schon händeringend und selbige hektisch an der Hose abwischend nach einer brauchbaren Ausrede dafür suchen, dass er sich aufgedrängt hatte. Plötzlich fühlte er sich an seine Highschoolzeit erinnert. Damals wäre er sicher nicht mit verwirrten Blicken davon gekommen, sondern hätte sich wieder einmal am Zaun hängend wiedergefunden für die unfassbare Dreistigkeit, sich auf den falschen Platz gesetzt zu haben. Er begann zu zittern. Eilig ließ er Jareds Hand los, die er peinlicherweise noch immer umklammert hielt, als hinge sein leben davon ab. Dass diese Erscheinung von einem Mann seine Unsicherheit bemerkte, würde ihm gerade noch fehlen zu seinem Glück – oder Unglück. Hatte der andere ihn nun wirklich gefragt, ob er sich zu ihm setzen wolle, oder hatte seine Fantasie ihm einen Streich gespielt? Wie auch immer, Jared wartete eindeutig auf irgendeine Reaktion seinerseits.

„Wenn du müde bist und lieber wieder ins Bett willst ist das auch kein Problem, ich bin ziemlich sicher wir sehen uns früher oder später wieder“, durchbrach Jay schließlich die, zumindest für Brian, peinliche Stille. „aber da du die Bar gesucht hast, vermute ich einfach mal dir ist gerade nicht so nach Schlafen.“

Er hatte wirklich gefragt. Keine Einbildung. Und nicht nur das, es schien ihm wirklich etwas daran zu liegen, sonst würde er jetzt sicher erleichtert wirken, statt ihn zu ermutigen. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Eigentlich war er so gar nicht der Typ für spontane Unterhaltungen mit Fremden, zumindest nicht ohne chemisches Selbstvertrauen aus der Flasche. Andererseits hatte Jared unleugbar Recht. Ihm war wirklich nicht nach Schlafen und was hatte er schon zu verlieren? Seinen guten Ruf vielleicht? Heldenhaft unterdrückte er ein verächtliches Schnauben.

„Wenn es dir wirklich nichts ausmacht, gerne“, sagte Brian stattdessen und sah sein Gegenüber fragend an.

„Im Gegenteil“, erwiderte Blauauge lächelnd, „es wäre mir eine Ehre. Ich stehe total auf eure Musik.“ Damit deutete er einladend auf das durchaus edle, von jahrelangem Gebrauch aber etwas abgewetzte Sofa, von dem er sich gerade erst erhoben hatte.

„Dann gern“, nickte Brian und fragte sich ernsthaft, ob er noch alle beisammen hatte, als er sich vorsichtig auf dem dargebotenen Platz niederließ.

Jared klappte das MacBook zu und schenkte ihm ein weiteres, umwerfendes Lächeln. „Ihr wart genial heute“, sagte er, ließ sich schwer in die Polster fallen und schlug elegant die langen Beine übereinander.

„Du hast uns gesehen?“, fragte Brian überrascht.

„Ja, ich war im Publikum“, bestätigte Jared mit einem verschmitzten Grinsen. „Um nichts in der Welt hätte ich das verpassen wollen.“

„Im Publikum“, echote Brian schwach.

Ihm wurde allein bei dem Gedanken an diese Menschenmassen schlecht. Es hatte schon seinen Grund, dass er sich stets bemühte nicht nach unten zu gucken, wenn er auf einer Bühne stand. Selbst mit gebührendem Abstand fand er den brodelnden Hexenkessel namens Publikum furchteinflößend. Niemals würde er sich das freiwillig antun. Stef und Sunshine witzelten ständig darüber, dass er sich ja genau den richtigen Job ausgesucht habe bei seinen zahlreichen Neurosen und Phobien. Recht hatten sie. Allerdings war er, als sie mehr oder weniger aus Versehen berühmt wurden, auch noch auf Drogen gewesen. Unglaublich wie effektiv die kleinen Helferlein ihn hatten mutig sein lassen. Ab und zu war er sogar auf Tuchfühlung mit der Menge gegangen. Heute war das für ihn schlicht undenkbar. Sunshine allerdings hatte diese Zeiten höchstens aus der Ferne miterlebt. Stefan dagegen - seines Zeichens Bassist, Gefährte so mancher wilder und vor allem ‚verkehriger‘ Nacht und Brians bester Freund – erinnerte sich sicher noch lebhaft. Nun, das war in einem anderen Leben gewesen. Dummerweise in einem, zu dem er sich noch heute beinahe minütlich zurücksehnte. Man hatte ihm gesagt, es würde mit den Jahren besser werden und er hatte es geglaubt. Inzwischen war er da nicht mehr so sicher. Entweder, mit ihm stimmte noch mehr nicht, als er ursprünglich gedacht hatte, oder das Märchen von der heilsamen Wirkung der Zeit war auch nur eine von vielen Lügen, die man Suchtkranken auftischte, damit sie es überhaupt versuchten. Wie auch immer – es funktionierte nicht.

„Alles okay?“, durchbrach Jays sanfte Stimme schließlich seine düsteren Gedanken. „Brian?“

Verwirrt sah der Angesprochene auf. Jareds besorgtem Blick nach zu urteilen, hatte der ihn wohl schon mehrmals angesprochen und keine Reaktion bekommen. Brian musste wirklich abwesend gewesen sein. Er seufzte.

„Nein, also ja. Alles bestens“, nuschelte er. „Ich war gerade irgendwie in Gedanken, sorry. Was hattest du gesagt?“

„Oh nichts Wichtiges“, erwiderte Jared mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Smalltalk. Steh ich sowieso nicht so drauf“

„Tut mir echt leid“, entschuldigte Brian sich noch einmal. „Ich weiß nicht, was mit mir los ist.“

Müde strich er sich die beinahe nicht vorhandenen Haare zurück. Es wurde wirklich Zeit, dass sie wieder länger wurden. Irgendwie fühlte er sich nicht nur nackt mit seinem Sinead O’Connor Gedächtnishaarschnitt, sondern auch zutiefst unattraktiv.

Jared zuckte nur die Schultern. „Touren schlaucht eben“, bemerkte er mit einem reumütigen Lächeln. „Nicht, dass ich mich beschweren will. Aber wir werden halt alle nicht jünger.“ Er zwinkerte verschwörerisch. „Ich bin auch öfter geistig Abwesend, als mir selbst oder irgendwem lieb sein kann. Erst neulich hab ich so einem armen Moderator einen fünfzehn-minütigen Vortrag über Chips zur Datenübertragung im Kopf gehalten, bevor ich gecheckt hab was ich da rede.“ Da war es wieder, dieses verschmitzte Grinsen, das Jared so unglaublich jung wirken ließ. Selbst jünger, als Brian ihn rein optisch schätzte. „Du hättest sein Gesicht sehen sollen. Der war sicher kurz davor die Jungs mit den Hab-Mich-Lieb-Jacken zu rufen.“

Einen Augenblick lang sah Brian sein Gegenüber nur verdutzt an. Rätselnd, ob er jetzt einen Witz machte, oder es diesen Zwischenfall tatsächlich gegeben hatte. Allerdings war das eigentlich ziemlich irrelevant. Jareds Lachen und seine unkomplizierte Art waren so ansteckend, dass Brian einstimmte und darüber sein eigenes Unwohlsein beinahe vergaß.

„Oh verwirrte Moderatoren kenn ich gut“, hörte er sich schließlich kichern. „Verwirrung ist mein zweiter Vorname.“

„Kann ich mir vorstellen“, gluckste Jay vergnügt. „geht, wie ich höre, schon bei der Optik los.“

„Oh ja“, grinste Brian, „von der Stimme nicht zu reden. Und dann diese verwirrenden Kommentare immer. Grausam!“

„Da stehst du doch drauf“, feixte Blauauge nicht ganz unzutreffend.

„Schon“, schmunzelte Brian, wurde jedoch schnell ernst, als er fortfuhr: „manchmal wäre es aber auch ganz schön einfach verstanden zu werden, ohne sich stundenlang erklären zu müssen.“ Er seufzte und suchte in den Augen des anderen nach, ja, nach was eigentlich? Bestätigung vielleicht, oder nach dem eben genannten Verständnis. „Aber alles, was ich sage scheint immer nur ein großer Spaß für jeden zu sein. Außer wenn ich gerade die Arroganz in Person bin, natürlich.“



Jared nickte. Er selbst kannte dieses Phänomen nur zu gut. Es war, als stünde man vor Schmerzen brüllend in einem Meer aus Menschen und niemand sähe auch nur hin. Wie oft hatte er schon Dinge angesprochen, die ihm wichtig waren, die ihn verletzten oder vor langer Zeit verletzt hatten und hatte dafür bestenfalls betretenes Lächeln, meistens jedoch eher schallendes Gelächter geerntet. Nicht selten fragte er sich, warum er es immer wieder versuchte, wieso er sich selbst so wehtat. Jedes Mal, wenn ihm so etwas passierte war es, als stünde er wieder am Abgrund und kämpfe um sein Gleichgewicht. Meistens gewann er und lachte den Schmerz einfach weg. Aber nicht selten fand er sich nach solchen Gelegenheiten nachts in irgendeinem Alptraum wieder. Die Dämonen kehrten zurück und er war heute nicht weniger hilflos, als an den Tagen ihrer Geburt. Es war ein überwältigendes Gefühl der Machtlosigkeit und wenn er Brian in die Augen sah, fand er dort den gleichen verlorenen Ausdruck, der ihm Morgen für Morgen im Spiegel entgegenblickte. Sie mochten unterschiedliche Methoden entwickelt haben, um damit umzugehen, doch im Inneren ähnelten sie sich vielleicht mehr, als irgendwer erwarten mochte.

Ohne weiter darüber nachzudenken, streckte er den Arm aus und legte sanft die Hand auf Brians schmale Schulter. Er mochte nicht viel anzubieten haben, im Grunde wusste er nicht einmal etwas zu sagen. Doch er hoffte irgendwie, der Andere würde die unausgesprochene Botschaft auch so verstehen. Tatsächlich schlich sich unter seiner Berührung ein zögerndes Lächeln auf die sinnlichen Lippen und das Licht kehrte allmählich in die großen, grauen Augen zurück.

Um ehrlich zu sein, wusste er nicht viel über Brian. Aber er erkannte eine verlorene Seele, wenn er sie vor sich hatte. Natürlich waren so einige frühere Eskapaden des Placebo Frontmannes nicht gänzlich an ihm vorbei gegangen. Als furchtbar wissbegieriger Mensch neigte er dazu, sich alle möglichen und unmöglichen Dinge zu merken, die er irgendwann mal irgendwo gelesen hatte. Ab und zu brachte diese Eigenschaft ihn fast um den Verstand. Besonders dann, wenn sich dort, wo sein Terminkalender für den nächsten Tag hätte befinden sollen, die Paarungsrituale der kongolesischen Warzenschweine oder ähnlich nützliches Wissen breit gemacht hatte. Allerdings war er mit seiner Verzweiflung dahingehend nicht allein auf der Welt. Jeder, der die zweifelhafte Ehre hatte mit ihm oder für ihn zu arbeiten, empfand ähnlich. Von seinen Bandkollegen über seinen Tontechniker bis hin zu seiner Assistentin wurde jeder davon mehr oder weniger in Mitleidenschaft gezogen. Das hatte schon so einige Male für ziemliche Verwirrung gesorgt. Einzig und allein Emmas Nerven aus Drahtseilen sowie ihrem Durchsetzungsvermögen – vor allem ihm gegenüber -  war es zu verdanken gewesen, dass das Ganze nur in unzähligen BEINAHE verpassten Terminen resultierte und nicht etwa in exorbitanten Schadenersatzforderungen. Trotzdem mochte er diese Eigenschaft auch wieder nicht missen. Allein der Gedanke an all die interessanten Gespräche und spannenden Begegnungen, die er sonst verpasst hätte, zauberte ihm ein breites Grinsen ins Gesicht und machte sämtliche Peinlichkeiten locker wett.



„Woran denkst du gerade?“, erkundigte Brian sich neugierig, als er den verträumten Ausdruck in Jareds Augen bemerkte. Er selbst war gerade mit einer ausgesprochen anregenden Fantasie beschäftigt gewesen, in der Jareds rechte Hand und die Gänsehaut, die selbige ihm verursachte, eine nicht unwichtige Rolle spielten.

„Warzenschweine“, gab der Angesprochene glücklich lächelnd zurück.

„Wie bitte?“ Der Sänger war sicher, sich verhört zu haben. Anders war diese kryptische Antwort nun wirklich nicht zu erklären. Es sei denn… „Du verarschst mich gerade, kann das sein?“, schnappte er.

Er fühlte sich ertappt. Und die Tatsache, dass er spürte wie er knallrot anlief, trug nicht wirklich dazu bei, seine sich rapide verschlechternde Laune zu verbessern. tatsächlich war Brian ganz kurz davor, durch die Decke zu gehen, wäre da nicht Jareds vollkommen unschuldiger Blick gewesen. Dessen Erstaunen über seine heftige Reaktion wirkte kein bisschen gespielt.

„Wie bitte?“, erkundigte Blauauge sich auch prompt sichtlich konsterniert. „Warum sollte ich?“

Sofort hatte Brian ein schlechtes Gewissen und reagierte so, wie er es dann immer tat. „Was weiß ich denn?“ fauchte er defensiv. „Vielleicht gehe ich dir auf die Nerven und du willst mir damit klarmachen dass ich mich verpissen soll?“

Einen Moment lang war Jared einfach sprachlos – und das kam bei ihm recht selten vor. Fast war er versucht, seinem Gegenüber eine ähnlich giftige Antwort zu geben, aber dann siegte doch sein Humor. Vorgebend, angestrengt nachzudenken runzelte er die Stirn.

„Hmmmm“, machte er dann. „Verlockende Idee, aber ich ziehe es in solchen Fällen dann doch vor, den Secret Service, das MI6 und den KGB zu holen, damit sie mir die unliebsame Gesellschaft vom Hals schaffen. Sorry.“ Grinsend zuckte er die Schultern. „Aber ich werde mir deinen Lösungsansatz merken, sollten die bei Gelegenheit wider Erwarten was Besseres zu tun haben.“

Diesmal war es Brian, der nicht wusste was er darauf erwidern sollte. Er kam sich gerade selten dämlich vor. Er schluckte und senkte betreten den Blick.

„Tut mir leid“, murmelte er schließlich zerknirscht. „Ich schätze ich bin ein klein wenig überempfindlich.“

„Wer in unserem Geschäft ist das nicht?“, winkte Jared ab. „Mach dir nichts draus, aber ein echt harter Rocker hätte jetzt mindestens eine Kunstpalme entwurzelt und sie mir quer in den Hintern geschoben.“

„Oder mir.“

Blauauge nickte ernsthaft. „Oder dir“ damit hob er den Blick und lächelte sichtlich erfreut in Richtung Rezeption. „Aber was nicht ist, kann ja noch werden“, fügte er noch schelmisch grinsend hinzu, ohne ihn anzusehen.

Er war noch immer damit beschäftigt sich darüber klar zu werden, ob er Jareds lässig hingeworfene Anmerkung nun als Drohung oder als Flirtversuch verbuchen sollte, als eine ausgesprochen hochgewachsene und ziemlich müde aussehende Dame mittleren Alters zielstrebig auf sie zusteuerte. In einer Hand hielt sie zwei, in der anderen einen dampfenden Becher und begann, noch ehe sie sie beide erreichte, derart wasserfallmäßig auf sie einzureden, dass Brian sich wunderte ob sie auch ab und zu mal Luft holte. Die Tatsache, dass er kein Wort verstand, verstärkte diesen Eindruck nur noch. Jared hingegen schien dahingehend weitaus weniger Probleme zu haben. Lächelnd erhob er sich und schien dem Redeschwall dieser Hünin interessiert zu lauschen während er ihr den ersten Becher abnahm, um ihn Brian zu reichen.

„Ich hoffe du bist Teetrinker“, schmunzelte er auf ihn herab. „ich fürchte abzulehnen wäre ein ziemlicher Affront.“

Brian, der viel zu perplex war um zu widersprechen, griff automatisch nach der Tasse und hätte sie um ein Haar wieder fallen lassen. Verdammt war das heiß. Selbst der Henkel! Eilig stellte er das unverändert vor sich hin dampfende Gefäß auf dem niedrigen Tisch ab.

Die Hünin – Irina, vermutlich – musste wohl Hände aus Asbest oder so haben, denn sie lachte nur kehlig und dunkel, fragte ihn augenzwinkernd irgendetwas auf Russisch, das er nicht verstand, das aber ausreichte um Jared, der auf ihn bisher nicht gerade einen verklemmten Eindruck machte, rot anlaufen zu lassen, und ließ sich dann in aller Gelassenheit in die Polster ihm gegenüber sinken. Zwei der Becher hielt sie noch immer in den Händen, reichte einen jedoch noch im Hinsetzen an den Amerikaner weiter. Dessen Finger schienen wohl ebenso schlecht isoliert zu sein, wie seine eigenen. Er verzog schmerzlich das ausdrucksstarke Gesicht und beeilte sich, genauso wie er zuvor, die Tasse abzustellen, was diesmal ihm einen vermutlich zutiefst anzüglichen Kommentar seitens der Russin einbrachte.

„Was hat sie gesagt?“, wisperte Brian, der sich eigentlich nicht sicher war, ob er das überhaupt wissen wollte. Sollte es etwas mit Irinas vor anzüglichem Lachen bebenden, äußerst ausladenden Busen zu tun haben, wollte er das nämlich auf gar keinen Fall. Nicht, Das er Vorurteile hätte, dazu war er einfach zu anders und inzwischen auch schlicht zu alt. Aber die Russin überragte ihn sicher um gut einen Kopf und war in etwa doppelt so breit wie er. Da konnte man sich schon mal unwohl fühlen. Besonders, in Kombination mit ihrer irgendwie unpassenden Promiskuität. Gerade legte sie Jared zutraulich die Hand auf den Oberschenkel und beugte sich dicht zu ihm, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Brian sandte ein Stoßgebet gen Universum aus purer Dankbarkeit, weil eindeutig nicht er im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stand. Er hätte nicht mit dem Amerikaner tauschen wollen, obwohl er es zutiefst bewundernswert fand, wie souverän der mit der Situation umging. Die ungebetene Nähe schien ihm überhaupt nichts auszumachen, trotz seiner noch immer reichlich lebhaften Gesichtsfarbe. Im Gegenteil, er kam der Russin sogar noch entgegen, um sie besser verstehen zu können. Doch seine Eisblauen Augen ruhten dabei nicht auf ihr, sondern auf ihm. Jares Blick ließ ihn schaudern und automatisch nach der Tasse vor sich greifen, nur, damit seine Hände etwas zu tun hatten.

„Ich glaube, sie sagte etwas davon welche Schande es ist, dass ihr Becher uns beiden zu heiß ist“, beantwortete er doch noch Brians Frage, nachdem er Irina zu Ende gelauscht und ihr mit einem furchtbar jungenhaften Grinsen verschwörerisch in die Seite gestupst hatte. „Und ich bin beinahe sicher, sie meinte eher nicht den Tee.“

„Das“, nuschelte Brian und spürte sehr zu seinem Ärger, wie ihm die Schamesröte ins Gesicht stieg, „kann ich mir lebhaft vorstellen.“

Zum Glück war das stark duftende Gebräu inzwischen zumindest so weit abgekühlt, dass er es wohl riskieren konnte einen Schluck zu probieren. Vergiften würde er sich daran ja hoffentlich nicht. Allerdings kam er gar nicht erst dazu, seinen gerade gefassten Entschluss in die Tat umzusetzen, denn die russische Walküre unterbrach ihn mit einem lebhaften Redeschwall, der in seinen Ohren klang, als würde sie ihm Tod und Pestilenz an den Hals wünschen, und zauberte dann breit grinsend einen silbernen Flachmann aus der Innentasche ihres Hotelblazers.

„Sie sagt, da fehlt noch was“, übersetzte Jared diesmal unaufgefordert. „Wodka“, fügte er noch hinzu. „Sie sagt, ihre Mutter hat ihn gemacht. Vielleicht auch ihre Großmutter.“ Er zuckte mit den Schultern. „Sorry mein Russisch ist ziemlich eingerostet und überall wird anders gesprochen.“

Irina war schon dabei, das Fläschchen aufzuschrauben um einen vermutlich ausgesprochen großzügigen ‚Schuss‘ des Selbstgebrannten in Brians Becher zu geben, als der – sehr zu seiner eigenen Überraschung - abwehrend die Hände hob und heftig den Kopf schüttelte. Gerade noch rechtzeitig erinnerte er sich daran, dass ein Lächeln wohl angebracht wäre.

„Sag ihr danke, aber ich muss passen“, bat er Jared. „Ich glaube, das wäre keine gute Idee.“

Der Amerikaner stutzte kurz, hatte Brian doch keine halbe Stunde zuvor noch die Bar gesucht, übersetzte aber brav und so höflich, wie es ihm mit seinem eher mangelhaften Russisch möglich war, dessen Einwand.

Irina zuckte nur mit den breiten Schultern und schickte sich an, statt Brians Jareds Tasse zu veredeln. Als auch der dankend ablehnte – er trank grundsätzlich nicht und wenn doch, dann war er nach nur einem Glas Glühwein schon so abgefüllt, dass mit ihm absolut nichts mehr anzufangen war – nahm das Gesicht der Blondine allerdings doch einen enttäuschten Ausdruck an. Der verschwand jedoch schnell wieder, als der Amerikaner sie warm anlächelte und ihr holprig erklärte, sie wolle doch noch etwas von ihm haben? So stießen Jared und Brian schließlich alkoholfrei mit der weniger abstinenten Russin an.

Der Tee war überraschend gut; stark und süß und ausgesprochen aromatisch. Sicher kein billig Beutel aus dem nächsten Supermarkt. Genießerisch schloss Brian nach dem ersten, vorsichtigen Schluck die Augen und lehnte sich entspannt zurück, was Irina mit einem zufriedenen Glucksen quittierte.
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