Ein Ausrutscher, ein Fehler

KurzgeschichteKrimi, Tragödie / P16
01.02.2015
01.02.2015
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Es ist kalt. Die herbstlich vertrockneten Blätter rascheln leise im Wind.
Ansonsten ist es still. Leere schmerzende Stille nach seinen grausamen
Worten.
"Zum vögeln bin ich also gut genug, aber Beziehung ist nicht drin?", breche
ich dieses unerträgliche Schweigen, nur um noch einmal sicherzustellen, mich
nicht verhört zu haben. Obwohl ich es genau weiß. Er spricht immer klar, so
klar und deutlich, dass man ihn nicht missverstehen kann.
"Ja, es tut mir leid", entgegnet er. "Es war ein Fehler, ein Ausrutscher."
Ein Fehler.
Ich war ein Ausrutscher.
"Liebst du eine Andere?", frage ich mit belegter Stimme und balle meine Hand
zur Faust. Der Schmerz hilft mir, nicht in Tränen auszubrechen.
Er atmet durch, wartet einen Moment. Quälende Stille. "Ja", antwortet er. Er
scheint erleichtert. "Sie ist die jüngere Schwester von meinem
Nachhilfelehrer. Ich habe..."
Weiter kommt er nicht. Meine Faust hat ihm das Wort abgeschnitten. "Fresse",
sage ich und setze direkt noch einen Schlag hinterher. Er keucht überrascht
auf und fällt zu Boden. Die Blätter wehen um ihn herum auseinander. Das
Blut, das von seiner Lippe tropft, fällt kaum auf im rötlich gefärbten Laub.
"Was soll das?", fragt er mit zittriger Stimme. "Wir können doch Freunde
bleiben!"
"Freunde." Ich spreche das Wort mit vor Verachtung triefender Stimme aus.
Ich hebe ihn vom Boden auf, halte ihn am Revers dicht vor mir. Der
Schwächling kann noch nicht einmal mehr stehen. "Das hättest du dir vorher
überlegen sollen." Wieder schlage ich ihn zu Boden. Inzwischen hat er ein
blaues Auge, blau wie die Veilchen in meinem Garten, und eine geplatzte
Augenbraue.
"Du bist doch wahnsinnig", stößt er hervor, "Ich werde dich anzeigen! Pass
bloß auf!" Er versucht, sich aufzurichten.
Ich reiße die Augen auf. "Anzeigen, ja?" Heftig trete ich in seine Seite,
sodass er wieder auf den steinigen Boden knallt. Dann hocke ich mich neben
ihn und packe ihn hart im Nacken, ziehe seinen Kopf hoch. Er blutet aus der
Nase. Sein flehender Blick entgeht mir nicht, obgleich er versuchte,
unbeeindruckt zu gucken.
Sein Kopf schlägt auf die Steine auf, bevor er mich irgendwie hatte
verführen können. Wieder greife ich in seine dunklen Haare, ziehe seinen
Kopf hoch, schlage ihn auf den Boden. "Du schläfst mit mir, obwohl du in
eine andere verliebt bist!", kreische ich. Hoch, auf den Boden. "Sagst mir,
wir sollen Freunde sein! Und jetzt willst du mich anzeigen?" Hoch, auf den
Boden. Immer wieder. Ich verliere den Überblick über die Anzahl der Schläge,
die er während meinen Worten erleiden muss. "Das ist doch die Höhe!" Ich
stehe auf, trete gegen seinen nun wesentlich schlafferen Leib. "Verrat!" Ich
drehe ihn auf den Rücken und stampfe mehrmals auf seinen Bauch, seine Brust
und den Hals. "Du bist der, der Angezeigt werden sollte!"
Seinen Mund verlassen ungehörte Hilferufe, Schreie. Schließlich gibt er nur
noch röchelnde Laute von sich, bis er unter mir still und leblos liegen
bleibt.
"Hättest du mich nur geliebt." Verbittert setze ich mich neben ihn und sehe
ihm in das verbleichende Gesicht. "Hättest du mich nur geliebt."

Es ist kalt. Die herbstlich vertrockneten Blätter rascheln leise im Wind.
Ansonsten ist es still. Leere schmerzende Stille nach einer grausamen Tat.
Worte hängen schwer in der Luft, dem Tod zum Opfer gefallen. Würde man
hinter das Schulgebäude gehen, würde man ein zusammengekauertes Mädchen vor
einer Leiche finden. Wahrscheinlich würde man zu ihr gehen, versuchen, sie
zu trösten. Man würde sich neben sie setzen und die Hand aufmunternd auf
ihren Rücken legen. Zu spät würde man ihr Grinsen sehen. Dieses breite,
wahnsinnige mordlustige Grinsen. Und man würde nicht wissen, dass dieses
Mädchen soeben zur Amokläuferin geworden ist.
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Danke, dass ihr meine Geschichte angeklickt habt!
Danke, dass ihr bis hier hin durchgehalten habt!
Über eine Review würde ich mich sehr freuen. ;)

Zweites Kapitel in Arbeit! ^^