Unter tausend schwarzen Sonnen

GeschichteDrama / P18
Dakova Hoher Lord Akkarin Takan
01.02.2015
15.10.2016
60
234.950
55
Alle Kapitel
282 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 Datenschutzinfo
01.02.2015 2.186
 
Liebe Leser! Bevor ihr diese Geschichte lest, macht euch bitte Folgendes klar:

- In dieser Geschichte ist Akkarin alles andere als der ehrfurchtgebietende Hohe Lord aus den Büchern. Seine Erlebnisse in Sachaka machen ihn erst dazu und es ist Aufgabe dieser Geschichte, diese Charakterentwicklung zu beschreiben.
- Da ich mich an den Canon halte, gibt es in dieser Geschichte keine Romanze.
- Es wird Parallelen zu einem gewissen Handlungsstrang in "Die zwei Könige" geben. Diese liegen zum einen schlichtweg in der Natur einer solchen Geschichte und würden auch in jeder anderen Geschichte, wo jemand in die Sklaverei gerät, zu finden sein. Andere sind wiederum Stilmittel, die ich einsetze, um nach und nach die Unterschiede aufzuzeigen. Denn davon gibt es einige. Doch ich überlasse es euch, sie zu entdecken ;)

Und jetzt viel Spaß beim Lesen :)





Prolog



Give me a sign
Sing the words of innocence and broken pride
Make my conclusions fail
Send me a sign
Heal this broken melody
Cause each day
A dying hell


(Manus Dei, Silverthorn)



Die Mittagshitze flimmerte über den sachakanischen Ödländern, die Luft war absolut still. Kein Windhauch regte sich, selbst das Zirpen der Insekten war unter dem Angesicht der sengenden Sonne verstummt. Die Steine auf dem Boden reflektierten die Hitze und verstärkten sie als befände sich unter ihnen eine riesige zweite Sonne.

Die Augen mit einer Hand vor dem Gleißen abgeschirmt, ließ Akkarin seinen Blick über die sich vor ihm ausbreitende Ebene schweifen. Von der Anhöhe aus, auf der er stand, erstreckte sich die braune, vertrocknete Erde bis hinter den Horizont. Obwohl er bereits seit einem Monat in Sachaka war, hatte er noch nicht viel anderes von dem Land zu sehen bekommen als diese trostlose Ödnis. Die Spur, der er aus Armje über die Berge gefolgt war, war so vielversprechend gewesen. Inzwischen kam er jedoch nicht mehr umhin, sich verhöhnt zu fühlen.

Statt neue Erkenntnisse über alte Magie zu erlangen, war er tagelang durch dieses trockene und trostlose Land gewandert. Die Ödländer boten nur wenig Nahrung und er wäre verdurstet, hätte er nicht gewusst, wie er mit seiner Magie Wasser aus dem Boden ziehen konnte. In einem Dorf hatte er sein Pferd gegen Proviant eingetauscht. Die armen Bewohner hatten ausgesehen, als hätten sie ein Nutztier dringend nötig gehabt und das Tier wäre früher oder später auf dieser Reise verendet. Nach Wochen des Wanderns hatte Akkarin begriffen, dass Sachaka sehr viel größer war, als er geglaubt hatte und es bestand fast ausschließlich aus Wüste. Er verspürte keine Lust, ein Tier durchzufüttern, wenn das Land bereits für einen ausgewachsenen Mann wenig genug Nahrung bot. Als Magier konnte er mehrere Tage lang ohne Wasser und Nahrung auskommen, doch wusste er nicht, wie man Hunger, Durst und Erschöpfung bei einem Tier heilte.

Ein Stück weiter südlich machte er in dem unsteten Flimmern am Horizont mehrere Objekte aus, deren Form weder Felsen noch Bäumen ähnelte.

Sieht aus wie eine Siedlung, dachte Akkarin. Dann runzelte er die Stirn. Eine Siedlung in den Ödländern? Unwahrscheinlich. Nur Magier konnten in dieser lebensfeindlichen Umgebung überleben. Wohl eher war es eine Gruppe Händler auf dem Weg in fruchtbareres Gebiet.

Nun, wie auch immer, sagte er sich. Es werden Menschen sein. Der Gedanke hob seine Stimmung. Seit er in Sachaka war, war er nur wenigen anderen Menschen begegnet und das auch nur dort, wo die Ödländer ein wenig weniger öde waren – Bauern und Reberhirten, die seine Sprache nicht verstanden, und die ihn misstrauisch beäugt hatten, als er sie nach einem Ort namens Shakan Dra befragt hatte. Er entschied dennoch, sein Glück bei diesen Objekten am Horizont zu versuchen. Nach Tagen der Einsamkeit und des Wanderns waren sie die ersten Spuren von menschlichem Leben in einer Wüste, die kein Ende zu nehmen schien.

Sich sein weniges Gepäck über die Schulter werfend, setzte er sich in Bewegung. Der sandige Boden knirschte leise unter seinen Stiefeln und der würzige, mineralische Duft kleiner Pflanzen, die den lebenswidrigen Bedingungen unbeirrt trotzten, strömte mit der vom Boden strahlenden Hitze in seine Nase.

Eine halbe Stunde später hatte er die Ebene erreicht. Die Siedlung – oder was auch immer es war – verschwand aus seinem Blickfeld. Sich ihre Richtung ins Gedächtnis rufend, wanderte Akkarin weiter. Nach einer weiteren Stunde erkannte er jedoch, sich in der Entfernung getäuscht zu haben. In der Weite der Ödländer schienen markante Punkte näher, als sie es tatsächlich waren. Es dauerte beinahe den halben Nachmittag, bis die Siedlung wieder in Sicht kam und er einen besseren Blick darauf werfen konnte.

Aus der Nähe sah Akkarin, dass das, was er aus der Ferne zunächst für eine Siedlung gehalten hatte, in Wirklichkeit mehrere Zelte und zwei Karren waren. Dazwischen erblickte er Menschen, die entweder vor den Zelten saßen und handwerklichen Tätigkeiten nachgingen, oder geschäftig umherliefen. Am Rande des Lagers befand sich eine provisorische Einzäunung, hinter der ein Gorin, ein Pferd und mehrere Reber eingepfercht waren. Eine Schar schnatternder Rassook lief zwischen ihren Hufen nach Samen und Würmern pickend herum.

Händler, dachte Akkarin erfreut. Sie würden seine Sprache verstehen oder zumindest eine andere, die ihm vertraut war. Schon als Kind war Akkarin von seinem Hauslehrer in Elynisch, der neben Kyralisch am meisten gesprochenen Sprache in den Verbündeten Ländern unterwiesen worden. Auf seinen Reisen der vergangenen Monate hatte er sich zudem einen Grundwortschatz in Lonmars und dem modernen und alten Vindo angeeignet. Sachakanisch hingegen war für ihn eine völlig fremde Sprache, deren Syntax sich seinem Verständnis entzog.

Vielleicht konnten die Händler ihm etwas über die Ausdehnung der Ödländer sagen oder wie weit er noch wandern musste, bis er wieder auf Zivilisation stieß. Und möglicherweise wussten sie sogar, wo Shakan Dra lag. Doch selbst wenn dem nicht so war, so würde Akkarin bei ihnen bessere Chancen als bei den scheuen Bauern haben. Und vielleicht waren die Händler einverstanden, dass er sich ihnen für ein kleines Stück ihrer Reise anschloss. Er war schon zu lange allein unterwegs und begierig auf die Gesellschaft anderer Menschen und darauf, in einer Sprache zu kommunizieren, die auch er verstand.

Doch vor allem war Akkarin hungrig. Als Krieger der Magiergilde zu Kyralia hatte er auf seiner monatelangen Reise durch die Verbündeten Länder stets das beste Essen genossen. Sachaka bot jedoch wenig – weder um seine kulinarischen Bedürfnisse zu befriedigen, noch um seinen Hunger zu stillen. Daran wie seine Robe an seinen Schultern hing, wusste er, dass er in den letzten Wochen zu viel an Gewicht verloren hatte. Von den Muskeln, die er sich durch seine liebste Freizeitbeschäftigung während des Studiums antrainiert hatte, war nicht viel übriggeblieben.

Akkarin lachte trocken. Die Frauen werden mir jetzt wohl kaum noch hinterherlaufen. Und der bisherige Verlauf seiner Reise trug zweifelsohne nicht viel dazu bei, dass man ihn bei seiner Rückkehr mit Bewunderung empfing. Bei seinem Aufbruch aus Imardin hatte er sich Abenteuer und einige Erkenntnisse über alte Magie erhofft. Doch das Aufregendste, was ihm auf seiner Reise widerfahren war, war ein Piratenschiff auf dem Weg nach Vin gewesen, das abgedreht hatte, als der Kapitän seines Schiffs die Flagge der Gilde gehisst hatte. Und seine Suche nach alter Magie hatte sie ebenso als Reinfall herausgestellt. Bis auf Armje.

Nur um von dort aus einer Spur zu folgen, die sich als weiterer Reinfall herausgestellt hatte.

Das Gebell gezähmter Limeks begrüßte ihn, als er sich dem Lager näherte. Aufgescheucht von dem Lärm sprangen mehrere Männer in einfacher Kleidung auf und versuchten, die Tiere zu beruhigen. Als Akkarin näherkam, hielt einer der Männer inne. Seine Augen weiteten sich, er rief etwas auf Sachakanisch, dann ergriff der die Flucht, während die anderen furchterfüllt vor ihm zurückwichen.

Noch nie einen Gildenmagier gesehen, was?, dachte Akkarin erheitert, während er dem Mann nachsah, der in einem Zelt auf der anderen Seite des Lagers. Es war das größte und prächtigste.

Aus dem Zelt, in das der Mann gehastet war, trat nun ein hochgewachsener Mann in prächtigen Gewändern. An seinen Handgelenken, um seinen Hals und an seinen Händen trug er Schmuck aus Gold und Juwelen und an seiner Hüfte hing ein gefährlich aussehendes Messer mit einer sichelförmigen Klinge, das indes nicht weniger kostbar wirkte. Das Licht der schrägstehenden Sonne brach sich auf seinem Schmuck und ließ die Juwelen funkeln.

Als der Mann Akkarin erblickte, breitete sich ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht aus.

Der erste Mensch seit Wochen, der sich nicht vor mir fürchtet, dachte Akkarin erfreut. Obwohl er insgeheim genoss, wie man ihm begegnete, seit er sich offiziell Lord Akkarin nennen durfte, verlangte es ihm danach, mit jemandem zu sprechen, der kooperativer war, als scheue Dorfbewohner und Bauern.

Ein Lächeln aufsetzend schritt der auf den Fremden zu. „Ich grüße Euch und bitte um Verzeihung, dass ich so unerwartet in Euer Lager platze“, sagte er. „Mein Name ist Lord Akkarin von Delvon, Haus Velan. Ich bin erst seit kurzem in diesem Land und ich fürchte, ich habe mich verlaufen.“

Der Mann lachte schallend. „Das passiert Fremden oft, wenn sie herkommen!“, rief er. Sein Akzent war schwer, doch immerhin sprach er Kyralisch. „Oft gehen sie in den Ödländern verloren und man hat nie wieder etwas von ihnen gehört!“

Das war gewiss keine Übertreibung. Die Ödländer waren eine Todesfalle für ahnungslose Nichtmagier. Ohne das Wissen, wie man Hunger heilte und Wasser mit Magie aus dem Boden zog und reinigte, überlebte man nicht lange. Es gab keine Straßen, außer denen, die zu den Pässen nach Kyralia und Elyne führten, und das Risiko, sich zu verlaufen, wenn man diese verließ, war groß. Akkarin hatte die Berge jedoch abseits der Pässe überquert und er hatte es dem Zufall zu verdanken, dass er in dieser Ödnis auf Siedlungen gestoßen war.

„Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe?“, fragte er.

„Natürlich dürft Ihr!“ Seine Arme ausbreitend schritt der Mann auf ihn zu. „Mein Name ist Dakova. Sohn von Hikaro.“

Mit seinem Näherkommen spürte Akkarin etwas, das er nicht erwartet hatte. Zuerst konnte er es nicht einordnen. Doch dann begriff er, was es war. Eine Präsenz.

Eine überraschend starke Präsenz.

Dieser Mann war ein Magier.

Die Erkenntnis gab Akkarin Rätsel auf. Er war stets davon ausgegangen, dass seit dem Krieg keine Magier mehr in Sachaka existierten. Sich seinen Geschichtsunterricht ins Gedächtnis rufend konnte er sich nicht entsinnen, je davon gehört zu haben, was indes nicht bedeuten musste, dass dieses Thema nicht behandelt worden war. Lord Skorans Unterricht hatte nicht gerade zu den interessanteren Kursen seines Studiums gehört. Doch wie auch immer – es gab ganz offenkundig Magier in Sachaka. Aber wie waren sie zu ihrer Magie gekommen? Hatten sie schon immer existiert? Oder waren sie nach dem Krieg geboren worden? Andererseits, wenn hier Magier lebten, dann waren sie der Gilde keine Rechenschaft schuldig und die Gilde hatte vielleicht nie davon erfahren, weil Sachaka nach dem letzten Krieg weitgehend isoliert und seine einstige Hochkultur von Magiern zerstört war.

Ah, aber sie werden nicht sonderlich begabt sein, dachte Akkarin. Die Gilde hat all ihr Wissen nach dem Krieg vernichtet.

Dass Dakova ein Magier war, hatte jedoch einen entscheidenden Vorteil: Er fürchtete Akkarin nicht, sondern begegnete ihm auf Augenhöhe, was ein vernünftiges Gespräch ermöglichte.

„Es ehrt mich, Eure Bekanntschaft zu machen, Dakova, Sohn von Hikaro“, erwiderte Akkarin formvollendet und hoffend, dass die allgemein geltenden Regeln der Höflichkeit auch in Sachaka ihre Gültigkeit besaßen. „Ich bin weit gereist – seid Ihr ein Händler?“

„Hin und wieder bin ich auch das.“

„Und womit handelt Ihr?“

Der andere Mann wirkte amüsiert. „Mit allem, was sich gerade anbietet.“

Akkarin runzelte die Stirn. Wenn dieser Mann ein Magier ist, wieso hat er es dann nötig, Handel zu betreiben? „Wohin seid Ihr unterwegs?“, fragte er.

„Nach Osten.“

Das klang vielversprechend. Irgendwo dort gab es mit Sicherheit fruchtbares Land. „Würde es Euch etwas ausmachen, wenn ich mich Euch für ein Stück Eurer Reise anschließe?“

Dakova lächelte. „Keineswegs.“ Er deutete auf Akkarins Robe. „Seid Ihr ein … Gildenmagier?“

Akkarin nickte, unfähig seinen Stolz zu verbergen. „Ja, das bin ich. Ein Krieger, um genau zu sein.“ Er konnte sein Lächeln nicht zurückhalten, als er fortfuhr: „Der beste meines Jahrgangs.“

Der andere Mann hob eine Augenbraue. „So, seid Ihr das?“

„Rot ist die Farbe der Krieger.“ Akkarin deutete auf seine Roben. „Alchemisten tragen Purpur und Heiler tragen Grün.“

„Heiler?“, wiederholte Dakova eine Augenbraue hebend. „Heilen sie etwa Krankheiten mit Magie?“

„Exakt.“

Die Neugier des anderen Mannes amüsierte Akkarin. Sieht ganz so aus, als würden die Gilde selbst jenseits der Grenzen der Verbündeten Länder großes Ansehen genießen, fuhr es ihm durch den Kopf. Und ich bin einer von ihnen!

„Hm“, machte Dakova und strich sich mit einer Hand über seinen kurzen Kinnbart. „Ich bin gespannt darauf, mehr über Euch zu erfahren, Akkarin Gildenmagier.“ Er machte eine einladende Geste zu seinem Zelt. „Kommt und speist mit mir zu Abend. Dann können wir einander kennenlernen.“

„Und ich bin neugierig, mehr über Euch zu erfahren“, erwiderte Akkarin galant und neigte den Kopf. Die Aussicht auf ein Gespräch mit einem Magier aus Sachaka erweckte seine Hoffnungen erneut zum Leben. Auch wenn es unwahrscheinlich war, dass Dakova ihm bei seiner Recherche helfen konnte, so rechnete Akkarin sich bei ihm bessere Chancen auf Antworten aus, als bei den scheuen Bauern. Zudem wirkte der sachakanische Magier wohlhabend genug, dass er ein adäquates Abendessen erwarten konnte.

„Es wäre mir eine Ehre, mit Euch zu speisen.“

Dakova lächelte strahlend. „Ihr werdet es nicht bereuen.“

***
Review schreiben