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...and then we'll be on our way

von Sinreti
GeschichteHumor, Familie / P6 / Gen
Dis Fili Kili Thorin Eichenschild
31.01.2015
30.04.2015
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31.01.2015 2.160
 
Die Kunst des Fliegens

Ein blonder und ein dunkler Haarschopf schielten vorsichtig hinter dem Baum hervor. Keine drei Meter von ihnen entfernt pickte ein Vogel in der Erde, suchte wohl nach etwas Essbarem. Die beiden Zwergenkinder sahen sich kurz an.
„Bereit?“, wollte Fíli wissen, wagte es kaum, die Lippen zu bewegen, um das Tier nicht zu verschrecken. Sein Bruder nickte, kniff dann die Augen in dem noch recht pausbäckigen Gesicht zusammen und machte sich augenscheinlich bereit.
„Los!“, brüllte Fíli. Die Kinder stürzten nach vorne, der Vogel schlug ein paar Mal mit den Flügeln – und war weg, bevor sie überhaupt hinter dem Baumstamm hervorkommen konnten. Zwei enttäuschte Paar Augen sahen ihm hinterher.

Missmutig und ärgerlich kickte Fíli in den Dreck, sodass Erde und Steinchen nur so flogen.
„Du warst viel zu langsam!“, warf er seinem Bruder vor, der daraufhin erst große Augen machte und dann aber mindestens genauso ärgerlich schaute.
„Du warst viel zu laut!“, kam gleich das Gegenargument, dem Fíli relativ wenig entgegen zu setzen hatte. Die Begeisterung hatte ihn mitgerissen und ja, vielleicht war er ein klein wenig lauter als notwendig gewesen. Somit tat er das, was er bei Onkel Thorin immer gesehen hatte, wenn dieser ein Diskussion nicht fortsetzen wollte. Er bedachte seinen Bruder mit einem abfälligen Blick von oben herab, was nicht weiter schwierig war, da Kíli noch einen guten Kopf kleiner als er selbst war und wandte sich dann einem anderen, wenngleich ähnlichen Thema zu.
„Jedenfalls ist er jetzt weg. Was machen wir jetzt? Willst du noch weiter ‚Onkel Thorin auf der Jagd‘ spielen?“
Irgendwie hatten sie nämlich bei diesem Spiel kein Glück. Das fing natürlich damit an, dass Mama ihnen verboten hatte, den Wald zu betreten und somit die potenzielle Jagdbeute schon reichlich spärlich gesät war. Dann fehlte es ihnen an Waffen und Fíli war immer noch der Ansicht, dass man nicht, so wie Kíli es vorschlagen hatte, ja etwas aus der Waffenkammer ‚leihen‘ konnte, weil es ohnehin niemandem auffiel. Da kannte Kíli ihren Onkel aber schlecht. Dem fiel nämlich alles auf und manchmal vermutete er sogar, dass sein Onkel mit den Waffen wie Smaug mit dem Gold war. Zumindest war es ihnen bisher noch nicht einmal geglückt auch nur ein Messer zu entwenden, ohne dass sie nicht spätestens eine halbe Stunde nach dem Leihen Rechenschaft ablegen mussten.

Als keine Antwort kam, sah er auf seinen kleinen Bruder und runzelte die Stirn. Dann schlug er ihm auf den Daumen, an dem schon wieder genagt wurde.
„Mama sagt, du bist zu alt zum Daumenlutschen. Willst du, dass dich alle auslachen?“
Insgeheim gefiel es ihm, Kíli zurechtzuweisen. Das war eindeutig ein Riesenbonus am Großer-Bruder-Sein.
„Mama sagt auch, dass du mich nicht hauen sollst!“, schnappte dieser aber gleich zurück, wandte seinen Blick vom Himmel, wohin er dem Vogel gefolgt war, zu Fíli. „Außerdem lutsche ich nicht. Und es hilft mir beim Denken.“
Gewichtig unterstrich er seine Aussage mit einem Nicken, was Fíli aber nur zum Lachen brachte.

„Beim Denken?“, wiederholte er gedehnt. „Ja…da kannst du jede Hilfe gebrauchen, die du kriegen kannst!“ Er lachte laut, noch lauter, als er Kílis empörtes Gesicht sah, der dann wütend die Backen aufblies und die Arme in die Hüften stemmte. Zum Glück war sein kleiner Bruder dann aber mit einem Wuscheln durch die wilde Mähne auch gleich wieder versöhnt.

„Na los, komm. Wir machen eine Pause und überlegen uns, was wir jetzt tun wollen…“, schlug er dann vor.

*+*+*+*+*+*

Sie hatten es sich unter der großen Eiche bequem gemacht und starrten nun gemeinsam in den Himmel. Kíli war verdächtig leise und Fíli wartetet deshalb geduldig, bis er die neueste Idee seines kleines Bruders zu hören bekam. Dieser brütete mit Sicherheit eine aus.

„Warum können wir nicht fliegen, Fi?“, wollte er dann irgendwann leise wissen. Fíli seufzte.
„Weil wir keine Flügel haben. Und keine Federn. Dummerchen.“
Kíli schwieg einen Augenblick.
„Wir könnten uns welche machen, ja? Dann können wir dem Vogel hinterher fliegen.“
Fíli lachte leise auf.

„Und woher willst du so viele Federn nehmen? Du kannst schlecht alle Hühner im Dorf rupfen. Da würde dir dann sogar Mama den Hintern versohlen.“
Und sie würde nicht gelten lassen, wenn Fíli sagte, dass es Kílis Idee gewesen war und ihm auch gleich noch seinen Anteil an Schlägen verpassen.

„Wir brauchen keine Federn. Wir nehmen Blätter…“ Voll Überzeugung richtete sich Kíli auf und beugte sich über seinen Bruder. Dieser schaute verdutzt in die begeisterten dunkelbraunen Augen, die nur auf seine Zustimmung zu warten schienen.
„Blätter?“, wiederholte er aber nur ungläubig und alles andere als zustimmend. Kíli nickte.
„Ja, schau…sie fliegen auch!“ Und damit deutete auf ein paar Eichenblätter, die im leichten Wind sanft zu Boden segelten.
„Sie fliegen nicht, Ki. Sie fallen nur nicht herab wie Steine, weil sie nicht so schwer sind.“

Kíli verzog beleidigt das Gesicht.
„Sie fliegen nicht, weil sie nicht bewegt werden. Aber wenn wir sie bewegen würden, so wie der Vogel seine Federn. Dann würden sie ganz sicher fliegen.“
Er fand seine Theorie total stichhaltig. Da konnte doch selbst Fíli nichts auszusetzen haben? Und tatsächlich überlegte sein Bruder einen Augenblick, was Kíli dann als großen Erfolg wertete. Für gewöhnlich fiel Fíli alles so ein. Ohne überlegen.

„Aber wie willst du sie bewegen? Du kannst sie nicht einfach in die Hände nehmen und ein wenig durchschütteln?“
Fíli viel wirklich kein guter Einwurf ein, warum die Blätter nicht fliegen sollten, wenn man sie bewegte, also versuchte er lieber, seinen Bruder auf die Schwächen in der Umsetzung hinzuweisen.
„Wir binden sie an einen Ast!“, kam da aber gleich die Erklärung. „Komm schon, Fi. Lass es uns probieren! Wir brauchen nur ein paar Äste und ganz viele Blätter. Am besten von weit oben, damit sie richtig gut fliegen.“

Nun runzelte Fíli doch die Stirn.
„Von weit oben? Warum können wir nicht die nehmen, die hier überall herumliegen?“ Er deutete auf den Boden der Wiese, der mit genügend Blättern bedeckt war. Hoffte er zumindest.
„Nein, das sind schlechte Blätter. Die sind zu schwer und können nicht gut fliegen, deshalb sind sie herabgefallen. Wir brauchen auf jeden Fall welche, die noch am Baum hängen. Und am besten sind die ganz oben.“
Das war ein wichtiger Teil von Kílis Plan. Man brauchte richtige Blätter, nicht die flugunfähigen.

„Kíli…“, meinte Fíli geduldig, richtete sich nun doch auch auf und schob seinen Bruder ein wenig beiseite, damit sie nicht die Köpfe aneinanderstießen.
„Blätter sind Blätter. Es ist egal, wo vom Baum sie kommen…“
Kíli runzelte die Stirn, nickte dann.
„Na gut. Dann baust du dir Flügel mit den Blättern von hier und ich hole meine Blätter vom Baum. Und dann schauen wir, wer besser fliegen kann.“
Fíli schwieg kurz, dachte nach.
„Gut, abgemacht. Aber wenn ich recht habe, und das habe ich, übernimmst du für drei Wochen den Stalldienst.“
Kílis Vorfreude verschwand. „Drei Wochen?“ Drei Wochen waren lang. Sehr lang. Er überlegte, streckte aber dann die Hand aus.
„Gut, abgemacht…“

*+*+*+*+*+*

Die Sonne senkte sich in Richtung der Berggipfel als Thorin das Haus, das er zusammen mit seiner Schwester und seinen Neffen bewohnte, betrat. Keiner der Jungs war heute in der Schmiede aufgetaucht, was seltsam war. Und in einem gewissen Maß Besorgnis erregend.
„Dís?“, rief er daher gleich nach Betreten. „Sind die Jungen da?“
Seine Schwester schaute auch gleich aus der Küche heraus und runzelte die Stirn.
„Nein. Ich habe sie den ganzen Tag nicht gesehen. Ich dachte, sie sind bei dir in der Schmiede.“
Sie trocknete sich die Hände an ihrer Schürze und trat zu ihrem Bruder.
„Hast du sie nicht gesehen?“
Er schüttelte nur den Kopf, seufzte dann und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken. Die Kinder würden noch sein früher Tod sein, ganz bestimmt.
„Ich gehe sie suchen, mach dir keine Sorgen…“

Eine halbe Stunde später blieb nur mehr die Wiese vor dem Dorf als möglicher Rückzugsort seiner Neffen. Keiner im Dorf, dem Thorin über den Weg gelaufen war, hatte sie gesehen. Was an sich schon verdächtig war.
Nun also steuerte er besagtes Stück Fläche an und konnte auch schon von weitem den blonden Haarschopf seines älteren Neffen sehen, der unter der großen Eiche stand, den Blick in das Blätterdach gerichtet und irgendwie nervös wirkte. Instinktiv beschleunigte Thorin seine Schritte.
„Fíli!“, rief er, worauf der blonde Schopf herumschnellte, Erleichterung über die angespannten Gesichtszüge huschte und der Zwergling dann auch schon auf ihn zurannte.
„Onkel! Onkel! Kíli hört nicht auf mich!“, brachte er hektisch über die Lippen, packte Thorins Hand und zog ihn zu der Eiche. Dieses eine Mal musste er auch nicht nachfragen, worin genau Kílis Nichthören bestand.
„Er hat sich Flügel gebastelt. Und jetzt sagt er, dass er nun fliegen kann, wenn er von oben wegspringt. Er ist ganz hoch geklettert und….“
Fíli verschlug es den Atem, als er wohl daran dachte, was passieren konnte, wenn sein kleiner Bruder nun mit diesen Blätterflügeln vom Baum sprang.
„Kíli! Kíli! Onkel Thorin ist hier! Hörst du? Du darfst nicht springen!“, bellte er den Baum hinauf, mit einer strengen Stimme, die man sonst von seinem Neffen war nicht gewohnt war.

Thorin versuchte durch das dichte Blättergewirr einen Blick auf seinen jüngeren Neffen zu werfen, der sich wirklich schon einige Meter über den Boden befand. Er hatte irgendetwas unter den Arm geklemmt, das er nun wohl verwenden wollte, ohne dass er bei der Vorbereitung schon vom Baum fiel.
„Kíli!“, rief er nun auch streng hinauf. Es war nicht abzuschätzen, welche Verletzungen der Junge davontragen würde, wenn er nun herunterfiel – oder sprang.
„Hallo Onkel Thorin!“, erklang auch gleich die fröhliche Stimme, die sich der drohenden Gefahr nicht bewusst war.
„Ich fliege jetzt gleich. Schaust du zu?“
„Kíli. Zwerge fliegen nicht.“ Thorin versuchte, geduldig zu klingen, auch wenn er seinem Neffen am liebsten vom Baum geschüttelt hätte, um ihm Vernunft einzubläuen.
„Aber ich habe mir Flügel gebaut…“
Thorin verdrehte die Augen.
„Kíli. Darf ich mir die Flügel ansehen, bevor du sie probierst?“, schlug er dann vor, sah kurz auf Fíli, der neben ihm nervös auf- und ablief und legte ihm eine Hand auf die Schulter, um ihn zu beruhigen.
Aus dem Baum schlug ihnen Stille entgegen.

„Kannst du sie dir nicht nachher ansehen?“
Thorin murrte leise. Der Junge kostete ihm die letzten Nerven.
„Nein. Ich möchte sie gerne jetzt sehen, damit ich weiß, dass dir nichts passiert, wenn du sie ausprobierst.“
Wieder Stille. Dann ein Rascheln.
„Aber ich weiß, dass sie funktionieren.“

Da war es dann mit Thorins Geduld am Ende.
„Kíli! Komm jetzt sofort herunter!“, schnauzte er, gab sich keine Mühe mehr, verständnisvoll zu klingen. Nun wusste er, dass sein jüngere Neffe noch relativ leicht zu Tränen neigte, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte und das bezeugte auch das schniefende ‚Du bist so gemein‘, das nur halb zu hören war. Aber wenigstens machte sich Kíli an den Abstieg. Erleichtert entließ Thorin die angehaltene Luft.

Spannend wurde es dann noch einmal, als Kíli ungefähr nach der Hälfte ausrutschte, sich gerade noch halten konnte, dabei aber einen seiner ‚Flügel‘ verlor, der durch die Äste bis auf den Boden fiel und direkt vor Thorins Füßen liegen lieb. Dieser starrte einen Moment auf den Ast, um den in unregelmäßigen Abständen irgendwie Blätter gewickelt waren, die halb anlagen oder auch ganz, die eingerissen waren oder denen Teile fehlten. Im Nachhinein blieb ihm nun noch halb das Herz stehen, wenn er sich vorstellte, was passiert wäre, wenn sein Neffe mit diesen ‚Flügeln‘ abgesprungen wäre.

Nach diesem Beinaheabsturz ging es dann weitaus langsamer weiter. Kíli hatte plötzlich Angst, so wie es eben bei Kindern war, die dann plötzlich erkannten, dass sie sich doch in einer gefährlichen Position befanden. Er klammerte sich an den Baumstamm, ließ dann erst nach viel gutem Zureden auch den zweiten Ast fallen, der als Flügel hätte herhalten sollen. Dann kletterte er langsam weiter nach unten. Als er es dann so gut wie geschafft hatte, trat Thorin unter ihn.
„Lass los, Kíli. Ich fang dich auf!“

Große, braune Augen starrten ihn an, dann nickte der Junge und ließ wirklich los. Er fiel und landete sicher in den Armen seines Onkels. Einen Augenblick starrte er in dessen Gesicht hoch, dann klammerte er sich schon an dessen Nacken und drückte sich fest an ihn.
„Mama sagt, du sollst nicht heulen…“, rief ihm Fíli in Erinnerung, dem man die Erleichterung nun doch auch ansah.
„Ich heule nicht…“, nuschelte Kíli undeutlich. „Und Mama sagt auch, dass du nicht ständig rumnörgeln sollst.“
Thorin lachte. Es schien soweit alles wieder in Ordnung zu sein. Also schob er seinen Neffen etwas von sich und sah ihn ernst an.
„Keine Flugversuche mehr, Kíli. Zwerge fliegen nicht. Hast du das verstanden?“ Der Junge nickte, wurde dann von Thorin auf dem Boden gesetzt.
„Na los, eure Mutter wartet schon mit dem Essen…“, meinte er dann, hatte unvermittelt und ehe er es sich versah, hatte er an jeder Hand einen Zwergling hängen, die wild darüber diskutierten, wer nun die nächsten drei Wochen Stalldienst hatte und wer eben nicht. Er schüttelte nur den Kopf und lächelte sanft.

*ENDE*

Danke fürs Lesen! :-)
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