Tiefe Wasser sind still

von Nairalin
GeschichteAllgemein / P6
31.01.2015
31.01.2015
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Huhu,

hier nun auch ein kurzer Text zur nordischen Sagenwelt. :) Eine kurze Anmerkung nur: Lyngheid und Lofnheid kommen nicht in "Die Legende von Sigurd und Gudrún" vor, sondern entstammen der normalen Lieder-Edda.

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Otr kam triefend und nass aus dem Wasser und packte die Fische, die er für seine Familie gefangen hatte. Andwaris Weiher war reich an den Tieren des nassen Elements und er durfte hier fischen. Frischer Lachs war es und er wusste bereits jetzt, dass sich seine Schwestern freuen würden.

Schnell machte er sich auf den Heimweg und grüßte seine Geschwister, sobald er zur Türe hereinkam. Regin kam gerade aus der Schmiede, verschwitzt und mit einem breiten Grinsen, während Fafnir wie so oft vor dem Kamin lag und  gekleidet in seine liebsten Farben Gold und Silber, träumend und zufrieden. Lyngheid und Lofnheid deckten den Tisch, während ihrer aller Vater Hreidmar in seinem Sessel saß und eine Pfeife rauchte.

Selten ruhig war der Anblick, der sich Otr bot, den Fafnir - auch wenn oft weise - war von unberechenbarem Temperament, teilweise voll Habgier und nur zu oft gab es Streitigkeiten zwischen Regin und ihm. Otr brachte das Abendmahl nur in die Küche und begann, die Fische zu entschuppen und auszunehmen. Er selbst hatte zwar kein Problem diese mit Haut und Gräten zu essen, doch seine Schwestern, Regin und ihr Vater hassten derlei Verhalten. Das Blut der Schwarzalben floss durch ihre Adern und Fafnir und Otr selbst hatten die Gabe des Gestaltwandelns geerbt, während Regin ein hochbegabter Schmied war.

Lofnheid trat ein und lächelte nur, während sie selbst ein Messer zur Hand nahm, um ihm zu helfen. Das dunkle Haar hatte sie geflochten und hochgesteckt.

"Geh schon hinaus! Ich sehe doch, dass du dich am Feuer wärmen willst!", sagte sie plötzlich und deutete an, dass Otr gehen sollte. Er wollte schon fragen, ob sie sich sicher sei, doch sie lachte nur und warf eine Schuppe nach ihm. Augenrollend ging er und stellte sich vor den Kamin, direkt neben Fafnir, der noch immer zu schlafen schien.

Immer noch fühlte er die Kühle des Weihers, die gleich einer zweiten Haut ihn zu umhüllen schien. Fafnir schien die Ruhe und die Hitze der Flammen zu genießen. Der rauchige Geruch des Holzes lag in der Luft und verführte dazu, sich wollig und geborgen zu fühlen. Das Knistern der Äste hatte etwas Entspannendes an sich und Otr setzte sich neben seinen älteren Bruder, um die Wärme einzufangen. Rauchwirbel schwebten von seinem Vater herüber, der mit geschlossenen Augen dasaß, vom Kamin abgewandt, die einzige Lichtquelle, die sein Gesicht etwas beleuchtete, die Glut in seiner Pfeife.

Fasziniert beobachtete er die Wirbel, die der Rauch bildete, gleich dem Wasser, welches dem Sog folgte.

"Wie war dein Tag?", wurde Otr plötzlich gefragt und er drehte den Kopf zu seinem Bruder, der brummend da lag, ein Auge träge geöffnet, noch nicht wirklich aus des Schlafes Bann entkommen.

Goldbraun leuchtete die Iris im Licht des Feuers und glich mehr glühendem Bernstein in der Sonne. Das dicke Haar Fafnirs hatte die Farbe dunkler Eiche und einen goldenen Schimmer. Sie waren sich beide sehr ähnlich und doch sehr unterschiedlich. Zwei Seiten einer Goldmünze. Otr war der Ruhigste in der Familie und auch der Sanftmütigste. Seine einzige Lust und Leidenschaft war das Fangen der Lachse, während sein Bruder Gold und Silber begehrte.

"Es war ein angenehmer Tag", erwiderte er leise und begann, sich mit den Fingern die Haare zu kämmen, die in ebenholzfarbenen Wellen über seine Schultern fielen. "Die Fische waren agil und das Wasser sauber. Andvari schwamm als Hecht zwischen ihnen und jagte sie, während ich sie ihm zutrieb."

Fafnir schnaubte nur und schloss wieder das Auge.

"Diese 'Freundschaft' wird noch dein Tod sein", grummelte er und Otr seufzte. Doch er schwieg und gab nicht viel auf Fafnirs Worte, der den Zwerg nicht mochte, ebenso wenig wie ihr Vater Hreidmar oder auch Regin. Zudem wusste Otr nur zu genau, dass sie auch neidisch auf den Schatz waren, den Andvari besaß.

"Doch wie war dein Tag?", sagte er, um von diesem etwas schwierigen Thema abzulenken. Fafnir rekelte sich und schaute ihn schließlich an.

"Vater in der Schmiede und draußen geholfen, bevor es zu kühl wurde und wir hineingingen."

Verstehend nickte Otr und streckte sich nun auch aus. Die Wärme war angenehm und machte ihn langsam schläfrig.

"Ich könnte die nächsten Male nach Perlen tauchen", meinte er versöhnlich, um weitere Kritik zu Andvari und dessen Weiher und Wasserfällen zu vermeiden. Ein zustimmendes Brummen erklang und Otr lächelte nur zufrieden. Langsam begann aus der Küche der Geruch von gebratenem Fisch zu ihnen zu dringen. Ihm lief das Wasser im Munde zusammen und er setzte sich wieder auf. Sein Vater stopfte sich erneut die Pfeife, Regin saß mit Lyngheid am Tisch und war ins Gespräch vertieft. Seine Augen funkelten vergnügt, während seine Schwester verhalten kicherte.

Otr strich sich die Haare zurück und schaute wieder ins Feuer, welches zu tanzen schien und Schatten an die Wände malte, die man sonst wohl nie sah. Er schnappte sich einige Zweige vom Holzstapel, der in Griffreichweite stand und legte sie ins Feuer, welches diese gierig verschlang und weiß glühen ließ.

Schließlich kam Lofnheid herein und rief zum Essen. Fafnir stand auf und hielt ihm die Hand hin, die Otr auch ergriff. Müdigkeit begann sich bei ihm bemerkbar zu machen, während alle anderen wieder munterer wurden. Fafnir lachte am lautesten und unterhielt den ganzen Tisch.

Doch Otr blieb schweigsam und aß nur seinen Fisch. Es reichte, seinen Geschwistern zu zuhören, sie waren gutgelaunt und scherzten und selbst Vater schien guten Mutes, denn er lächelte nur, ohne einen zynischen Kommentar.

Regin gab eine Geschichte der Menschen zum Besten, welche er erst vor kurzem gehört hatte. Mittlerweile fielen Otr die Augen fast zu und er entschuldigte sich. Sein Bett schien gar verlockend nach ihm zu rufen und Schlaf schien momentan der bessere Gefährte zu sein.

Ächzend ließ er sich schließlich nieder und legte sein Haupt auf das Kissen, die Augen versagten ihm nun endgültig den Willen und schlossen sich. Schnell war er im Land der Träume voller wilder und ruhiger Wasser, die tief und mit gewaltigen Fischen gefüllt waren.
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