Die Stille im Garten

von Nairalin
GeschichteSchmerz/Trost / P6
Rover( Roverandom)
29.01.2015
29.01.2015
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Hallo und willkommen zu meinem Text!

Um nur kurz etwas zu den genannten Namen zu sagen: Roverandom war eine Geschichte, die Tolkien für seinen zweiten Sohn Michael geschrieben hatte und dieser kommt, auch wenn nicht namentlich, vor. Michael hatte als Kind einen Spielzeughund am Strand verloren und nicht mehr gefunden, weshalb die Menschen in dem Text durchaus auch Tolkiens Familie darstellen. Deshalb verwende ich (um nicht immer die alte Dame zu schreiben) den 'passenden' Namen. Dies ist allerdings nur eine Interpretation und ich erhebe keine Richtigkeit auf diese Theorie.

Somit viel Spaß mit dem Text und über Rückmeldung würde ich mich sehr freuen!

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Ein ausgiebiger Spaziergang führte sie herum und sie lachte leise, da der Wind die Blätter durch die Luft wirbelte und es im Licht der Sonne schien, als ob tausende Farben die Welt füllten und leuchten ließen.

Vor langer Zeit schon war ihr geliebter Mann Arthur gestorben und hatte sie alleine zurückgelassen. Sie hatte damals jede Freude verloren. Doch im Herbst, wenn die Blätter der Bäume sich rot, golden, bronzen und kupfer färbten, da konnte sie nur die Schönheit der Natur genießen, die sich wie ein Gemälde, welches für die Ewigkeit bestimmt war, vor ihr ausbreitete. Jedes Blatt, welches flog, schien genau dort hinzugehören, wie geschaffen, um durch die Luft zu segeln und das Auge zu erfreuen.

Es war seine liebste Zeit gewesen und er hatte immer gemeint, dass die Welt in Feuer aufging und behaglich schön wurde, wie ein lauschiger Abend vor dem Kamin und das warme, flackernde Licht der Flammen, welches ihr Wohnzimmer erhellte. Er war mit einer Kindlichkeit in den Garten gegangen und hatte das Laub zusammengerecht, nur um dann wie ein kleiner Junge sich hineinfallen zu lassen und die Blätter wieder in die Luft zu werfen, damit sie auch ja lange fliegen würden.

Der Garten war seither still und der Anblick seiner Leere schmerzte sie mehr, als sie zuzugeben bereit war. Sie konnte ihn dort sehen, das dunkle Haar mit den silbernen Schläfen vollkommen durcheinander und einzelne Blätter in diesem, ein schalkhaftes Grinsen auf den Lippen und so viele Lachfalten, wie sie es kaum bei jemand anderem gesehen hatte. Er hatte sich in den fast sechs Jahrzehnten ihrer Ehe nicht verändert gehabt. Zumindest nicht in der Hinsicht.

Tinker, ihr schwarzer Kater, war ein ruhiges Tier und vom Charakter her das Gegenteil ihres Mannes. Meist lag er auf dem Fensterbrett und sah hinaus in den Garten und ging nur selten hinaus. Sie zog ihr Schultertuch enger um sich und atmete die frische Luft ein, bevor sie den Weg weiterging zu den großen Eichen, die ihre Äste gleich einem Gewölbe über den Himmel streckten und den Weg in ein kupfriges Licht tauchten, welches den Weg fast magisch wirken ließ. Manches Mal traf sie hier einen Mann mit grünem Hut und blauer Feder, der summend seines Weges ging.

Doch dann hörte sie ein Fiepen und hielt inne. Erstaunt drehte Mabel ihren Kopf und suchte die Gegend mit dem Blick ab, doch konnte sie nichts sehen. Sie schüttelte nur den Kopf und dachte nur, dass sie sich das einbildete, so wie der Schatten ihres Mannes, der jetzt gerade den Weg entlang ging und mit dem Fuß das Laub hochschleuderte und sich lachend drehte. Er war ein alter Haudegen gewesen, anders konnte sie es nicht bezeichnen. Ein charmanter Haudegen, man konnte Arthur nie lange böse sein, wenn er mit einem verschmitzten Lächeln ihre Hand nahm und mit ihr durch das Herbstlaub tanzte, als wäre es ein gewaltiger Ballsaal erfüllt mit Musik, die nur er vernahm.

Erneut erklang das Fiepen und nun ging sie wirklich suchen.

Doch nirgends schien jemand zu sein.

Ein Rascheln war zu hören und sie erstarrte. Der große Laubhaufen vor ihr, golden-rot, bewegte sich und erneut war ein leises Wimmern zu vernehmen. Mabel ging vorsichtig darauf zu und wagte kaum zu atmen. Erschrocken machte sie einen Satz zurück, als etwas herauspurzelte. Aber sie hatte sich schnell gefangen und ihr Blick wurde ganz weich.

Vor ihr saßen zwei Hand voll Leben, ein weißes Knäuel mit schwarzen Ohren und treuherzigen, dunklen Augen. Es war kein struppiges Fell, sondern sah wellig und weich aus, mehr wie ein Plüschtier für ein Kind. Ein kläglicher Laut entkam dem Welpen vor ihr und er gähnte herzhaft, nur um auf unsicheren Beinen auf sie zu zutapsen.

Die alte Dame ging in die Hocke und hielt ihm vorsichtig die offene Hand hin, damit er schnüffeln konnte. Doch soweit kam es nicht, denn der Kleine stolperte über seine Beine und fiel gegen sie. Leise lachend hielt sie ihn, während er fiepend die Pfote hob und bettelnd zu ihr hochsah. Seufzend nahm sie ihn auf den Arm und besah sich, was der Welpe hatte. Ein Dorn steckte im Ballen, wie sie schnell feststellte, und musste fürchterlich schmerzen. Sie begann ein Lied zu summen und schaute dem Tier fest in die Augen, bevor sie geschwind, wie es ihre Finger zuließen, die Schmerzquelle herauszog.

Ein Jaulen entkam dem Kleinen und er schüttelte den Kopf so, dass seine Ohren zu fliegen schienen, aber er biss nicht, noch schnappte er nach ihr. Beruhigend strich sie über seinen Kopf und murmelte Liebkosungen. Der Welpe drehte den Kopf und packte ihre Hand, jedoch nicht wild oder gar um ihr weh zu tun, sondern sanft und einzig und allein um sie zu halten. Er ließ nur los, um ihre Finger zu schlecken.

Ihr wurde ganz warm ums Herz und sie betrachtete den Hund genau. Intelligente Augen schauten zurück und schließlich drängte er sich hoch und schleckte über ihr Kinn. Lachend hielt sie ihn fest.

"Wo ist dein Zuhause? Du wirst sicherlich vermisst!", fragte sie ihn und war verwundert. Er konnte keine acht Wochen alt sein, so klein wie er war und doch war er hier und war aus einem Laubhaufen herausgekommen. Sie überlegte nur kurz und entschied schließlich. Vorsichtig hielt sie das Bündel in ihren Armen fest und machte sich auf den Rückweg.

Tinker würde nicht begeistert sein, doch ein so junges Wesen konnte sie nicht allein in der Kälte lassen, die des Nachts bereits Einzug hielt. Der Welpe verhielt sich ruhig und vergrub seine Schnauze in ihrem Tuch.  Erst am Gartentor ihres Hauses sah sie zurück, ob nicht doch jemand zu sehen war, doch es war keine Menschenseele zu erkennen. Morgen würde sie vielleicht im Dorf fragen, ob jemand einen Welpen vermisste.

Im Haus angekommen, ging sie ins Wohnzimmer und setzte ihn auf die Couch, bevor sie eine Schüssel aus der Küche holte und mit Wasser befüllte. Sofort versuchte er hinab zu hüpfen, doch Mabel fing in gerade noch auf und ließ ihn vor der Schüssel hinunter, sicher, dass er sich nicht weh tun konnte. Er humpelte leicht und schonte den Vorderlauf, aber er schlabberte gierig und hörte erst auf, als kein Tropfen mehr vorhanden war.

Vertrauensselig ließ er sich alles von ihr gefallen und schlief ruhig in dem Körbchen, welches sie hergerichtet hatte, nachdem sie zu Abend gegessen hatte. Die Nacht verlief ruhig und am Morgen, die ersten Strahlen der Sonne hüllten die Räume in goldenes Licht, folgte er ihr brav hinaus, um dort sein Geschäft zu verrichten. Erstaunlich für ein so junges Tier, dass er stubenrein war, denn nichts war seit dem gestrigen Abend geschehen.

Doch dann entdeckte er den Laubhaufen, den ihr Sohn zusammengekehrt hatte, und lief - trotz der Pfote, die er noch schonte - mitten hinein und kläffte freudig, als die Blätter durch die Luft flogen. Die alte Dame lachte und schüttelte nur amüsiert den Kopf.

"Rover!", rief sie und wusste endlich, wie der Welpe heißen würde. Ein Wanderer und Vagabund, der Blätter und Herbst ebenso liebte wie dereinst ihr geliebter, verblichener Mann. Rover kläffte begeistert und schnappte nach den güldenen Blättern, nur um wieder zu ihr zurückzukehren und schwanzwedelnd sich vor sie zu setzen, mit Gold der Natur im Maul.

Die alte Dame traf eine Entscheidung, als sie das sah und wusste, dass alles andere ihr Herz brechen würde. Keinen würde sie fragen, denn den Hund hatte sie zu lieben gelernt. Gestohlen hatte er ihr Herz, ohne dass sie es bemerkt hätte.

Rover sollte bei ihr bleiben und ihr ihren eigenen Herbst versüßen, der nun doch noch golden wurde und strahlend schön. Der kleine Hund vertrieb die Stille im Garten und belebte auf eigene Weise das leere Anwesen.

Und als sie in die dunklen Augen des Tieres blickte, wusste sie, dass sie richtig entschieden hatte.
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