Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Mary Sue: in Navy, Midnight and Royal Blue

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
Aegnor Beleg Cúthalion Círdan Mablung von Doriath Nerdanel Thranduil
27.01.2015
14.03.2016
40
107.405
1
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
13.02.2016 3.315
 
°°   33  °°



Es hatte wieder eines dieser regelmäßigen Treffen Cúthalions mit den Dunedain gegeben.
Unter anderem holte Cúthalion sich Information aus erster Hand über jene Auskundschaftsaktion ein.
Er hörte Daereth genau zu, wie sie von ihrer Überzeugung sprach, dass ein Krieg stattgefunden haben musste.
"Es gab Gerüchte, ja", erinnerte er sich an Bemerkungen der Hautwechsler. "Aber niemand konnte es richtig bestätigen."
"Was wir vorfanden war mir Beweis genug", erklärte sein Gegenüber. Doch eigentlich nagte an ihr eine ganz andere Frage.

Bei den Höhlendurchsuchungen war sie vielen zerstörten Waffen begegnet. Sie waren ebenso zerbrochen gewesen wie ihr Schwert, dessen Teile sie nachwievor mit sich führte.
So war das alte Thema stets am Lodern und konnte niemals ruhen.
Nun war sie soweit in Gedanken vorgedrungen, dass sie letztenendes nur noch eine Möglichkeit sah, es neu schmieden zu lassen: Sie müsste eine der mächtigsten Personen in Mittelerde darum bitten, es zu versuchen.
Und dies wäre wohl Galadriel in Lothlorien.
Es gab schwerwiegende Gründe, die dagegen sprachen. Zum Beispiel würde man dort nicht einfach das Feuer anwerfen, den Hammer in die Hand nehmen und die Bruchstellen bearbeiten.
Nein, zuvor würde man sicherlich wissen wollen woher sie es habe, weshalb sie es gerade dorthin brächte und nicht einfach einen x-beliebigen Schmid aufsuche, und wer sie selbst überhaupt sei. Und weshalb sollten genau diese Scherben zu einem neuen Ganzen gemacht werden? Eine andere Klinge wäre sicherlich ebenso tauglich.
Dann müsste sie über Narsil sprechen, darüber wie sie darauf käme dass es jenes Schwert sei, und infolge dessen Thranduils Bibliothek erwähnen, worin sich die Quellen ihres Wissens befanden… was dann nahtlos weitere Fragen aufwerfen würde, die sie alle nicht zu beantworten trachtete.

Dies bescherte ihr schlaflose Tage und vor allem Nächte, welche sich langsam aber sicher bemerkbar machten. Irgendwann würde sie schlafen müssen; wieder würden quälende Träume über sie ergehen.
Ja, seit geraumer Zeit träumte sie Verwirrendes, und unzusammenhängend war alles zudem auch noch. Je mehr das Schwert gedanklich in den Hintergrund rückte, desto intensiver und aufdringlicher verhielten sich die Träume.
Mit dem zufälligen Aufeinandertreffen mit Cúthalion hatten diese Nachtmahre eingesetzt.


Übermüdet an einen Baumstumpf gekauert, wandte sie den Kopf zu den herannahenden Schritten um.
"Warum schlaft Ihr nicht? Ihr wirkt sehr erschöpft auf mich", sprach er mit gedämpfter Stimme.
Mit halb geschlossenen Augen drehte sie sich wieder weg und streckte die Beine aus. "Ich warte darauf, bis sie mir von alleine zufallen", schob sich ein Mundwinkel nach oben.

Schmunzelnd senkte er den Kopf und setzte sich dann dicht neben sie.
Wortlos blickten sie zusammen in den Sternenhimmel, der der vielen Wolken wegen dunkler wirkte als die Neumondnächte für sich allein.
"Ihr könnt Euch mir anvertrauen", fing er schließlich sehr leise an. "Von Soldat zu Krieger. Oder umgekehrt. Mitunter hilft es tatsächlich", flüsterte er zu ihr herüber.
Wieder bewegte sich ein Muskel um ihren Mundwinkel und verursachte sogar unerwartet ein Lachgrübchen.
"Mir ist nicht zu helfen", raunte sie vage zurück.
"Versucht es", bot er nochmals an, auch schon breit grinsend.

Sie aber behielt ihr Geheimnis noch die kommenden Jahre für sich und gab nichts preis.


__________________________________________



Nerdanel war inzwischen herumgekommen.
Mablung hatte sich dazwischen immer wieder abgeseilt und auf eigene Faust Erkundungen unternommen.

Nerdanel hatte es sich entlang des Unterlaufs des Baranduin an verschiedenen Orten gemütlich gemacht. Dort schien sie sich durchaus wohl zu fühlen.

Mablung war unter anderem in den Eryn Vorn gegangen. Es schien ihm ein urtümliches Stück Wald zu sein, und möglicherweise träfe er dort auf Spuren von Beleg? Oder bekäme einen Hinweis?
Die Suche im Allgemeinen war aussichtlos, was er sich aber nicht eingestehen konnte. Oder wollte. Umso sinnloser wurden seine Manöver; er suchte zuletzt nahezu jeden Baum einzeln ab, aber erhielt nichts von dem, was er sich erhoffte.

Verzweifelt schlug er die Stirn wieder und wieder gegen die alten Baumrinden, konnte sein erneutes Versagen vor sich selbst kaum eingestehen.
Einst in Beleriand diese Frauen, und Túrin, und nun sein bester und ältester Kamerad.
Was genau hatte ihm Melian in Valinor geflüstert?
Hatte er sich das alles gar nur eingebildet, hatte er gar keine Botschaften erhalten?
War er dem Wahnsinn verfallen?
Er drehte sich im Kreis und brüllte, die Fäuste geballt in den Himmel haltend, warum man ihn gerade jetzt zum Narren gehalten hatte! Er hätte in Valinor sein beschauliches Leben weiterführen können, müsste sich hier nicht wie ein Idiot im Kreise drehen, ohne einen realistischen Funken Hoffnung, Beleg jemals zu finden!
Was für einen Sinn sollten Melians Worte gehabt haben! Man gebe ihm endlich einen Hinweis!!

Doch kein Vala und kein Maia ließ etwas ausrichten.


__________________________________________



Nerdanel bemerkte Mablungs Verzweiflung sehr deutlich, sie war weder blind noch gefühlstaub.
Doch es war auch kaum ihre Angelegenheit, und sie hielt sich besser heraus. Vorerst.

"Während Andere die Ihren praktisch serviert bekommen, bin ich inzwischen nicht einmal mehr sicher ob ich mir nicht alles zusammengesponnen habe", nahm er einen weiteren allzu kräftigen Zug vom Branntwein, den er seit geraumer Zeit nun mitzubringen pflegte. "Wie soll man eine Stecknadel im Heuhaufen finden, von der man sich nicht einmal mehr sicher ist, dass sie überhaupt hineingefallen ist?"

Mit schweren Lidern stierte er in die unbarmherzige, trostlose Nacht, das Hemd hing schlampig an mehreren Stellen aus dem Hosenbund heraus, das sonst prächtige dunkle Haar hing ungepflegt um sein Gesicht.
Oh ja, Mablung von der schweren Hand hatte stolzere und zuversichtlichere Tage gesehen.


__________________________________________



Im Sommer des Jahres 2805 kam es zu einer weiteren Begegnung zwischen Nerdanel, Mablung und Daereth.
Sie war ihnen seit Sarn Ford unauffällig gefolgt.
Dass jene den Hobbits keinen Schaden wollten, bedurfte keiner weiteren Bestätigung. Aber dass sie ständig in deren Landen umher reisten und mitunter ausgedehnte Pausen hielten, war schon kurios.
Eventuell war es ihnen gar nicht bewusst, dass dies nicht Niemandsland war?

Dann aber machten sie unergründliche Wendungen und reisten kreuz und quer umher.
Ihr schlängelnder, nicht eiliger, nicht nachvollziehbarer Weg führte sie dieses Mal über den alten Grünweg, bis zuletzt vor Tharbad.

Innerhalb der Stadtgrenzen trat Daereth auf Nerdanel hinzu – Mablung hatte sich vor dem Eintritt von ihrem Weg getrennt - und erkundigte sich nach ihren Beweggründen, diese Gegenden so intensiv zu bereisen.
Die Angesprochene schien überrascht zu sein, überhaupt unter Beobachtung zu stehen.

"Nunja, es wurde schon auffällig", warf Daereth etwas trocken aber nicht ganz humorlos ein.


Um Mablung einen Gefallen zu tun, entschied sie sich für das Wagnis. Sie hatte nichts zu verlieren.
"Ihr kommt viel herum. Ihr hört sicherlich noch viel mehr. Ich bitte Euch im Namen Mablungs, sagt Euch der Name Beleg etwas? Habt Ihr diesen Namen irgendwo von irgendwem vernommen?"

"Beleg? – Aber das… ist doch…"
Gestikulierend gab sie zu verstehen: hat der arme Kerl einen Geistesschaden davongetragen?
"Warum sollte er nicht ganz hell im Geiste sein?", verstand die riesig hochgewachsene Nerdanel Daereths Andeutung nicht. Sie wurde gar ein wenig zornig ob dieser Unterstellung!
"Ich hörte den Namen 'Beleg' nur in Zusammenhang mit einem legendären Bogenschützen, Wolfsjäger und unerbittlichen Grenzmarkhüter, der durch seinen Schützling und Freund ein allzu tragisches Ende fand. Und dieser 'Beleg' ist schon so lange den Gestaden Mittelerdes entschwunden, dass sein Name gar nur noch denen bekannt ist, die bewusst nach seiner Geschichte suchen. Oder sich mit den Lorbeeren seines Beinamens schmücken", fügte sie murmelnd und durchaus sarkastisch hinzu, was aber unterging.
Denn schon fuhr sie selber fort: "Sagt, woher kommt Ihr tatsächlich. All dieses Geschwätz um Valinor – das glaubt hier niemand, mich eingeschlossen."

Nerdanel blickte sie aufgrund ihrer Größe von oben herab an.
"Aus Valinor. Ob Euer Verstand es zu fassen vermag oder nicht."
"Und er da, dieser Mablung, er sucht also Beleg aus dem längst vergangenen und vergessenen Ersten Zeitalter der Sonne", wies sie mit dem Daumen nach irgendwohin, langsam auch an der Zurechnungsfähigkeit der rothaarigen Exotin zweifelnd.
"Ihr kennt dieses Zeitalter anscheinend", warf Nerdanel etwas zu streng ein.
"Nicht im Geringsten. Ich las nur etwas über Beleg Cúthalion. Tragische Geschichten lenken einen von der eigenen Misere ab", fühlte sie sich in Gedanken in unangenehme Zeiten unter Thranduil zurückversetzt.

Nerdanel verstand, dass hier direktere Methoden angewendet werden mussten.

"Ich bin Nerdanel, Mahtans Tochter, der selbst Diener Aules war und ist. Aus meiner Ehe mit dem größten und zugleich tragischten Elben der Noldor entsprangen sieben Söhne, die ich mit viel Liebe großgezogen habe. Doch sie folgten ihrem Vater ins Exil; damals, als noch keine Sonne am Himmel leuchtete, und in der immerwährenden Nacht nur die Sterne auf Arda blickten. Mein Mann entfremdete sich von mir, sein Lebenswerk wandelte sich zum Fluch für alle. Ich muss nicht weiter sprechen, denn ich lese in Eurem Gesicht, dass zumindest diese Legenden bekannt sind. Den, den Ihr für verrückt haltet, ist Mablung, der einst mit Beleg zusammen  vielen Widrigkeiten getrotzt hat, und sogar einen der Silmarili geborgen hat – ja, seht genau hin. Ihr werdet keine Lüge und keinen Wahnsinn in meinen oder seinen Augen finden."

Ein wenig war Nerdanel rot angelaufen, da ihr das Gehabe dieser verhältnismäßig mickrigen Gestalt zu bunt wurde. Musste sie sich ständig beobachten lassen und dann auch noch für unaufrichtig halten lassen? Das hatte sie sicherlich nicht nötig!

Vor der großen Valinor-Elbin war Daereth tatsächlich ein wenig zusammengeschrumpft.
Dann aber richtete sie sich wieder auf, und stand wieder fest am Boden.
"Hm. Doch nicht mickrig," widerrief Nerdanel in Gedanken ihr Urteil.

"Nun", schüttelte sich Daereth die vermeintliche Zurechtweisung aus der Kluft, "Dann bleibt die Frage, was für Gründe Euch und alle Angekommenen dazu bewogen haben, die Unsterblichen Lande zu verlassen?"
"Dies bleibt privat", stellte Nerdanel klar.

Etwas am Mitgesagten, das nur durch einen bestimmten Klang in der Stimme durchdrang, ließ Daereth einen leisen Schauer über den Rücken laufen.
Erstmals sah sie die beiden in einem neuen Licht. Ihr Augenglanz war gänzlich anders als das der Elben, auf die man in Mittelerde traf.
Das rote Haar war sowieso exotisch und alles andere als häufig anzutreffen. Eigentlich nie.

Die Größe, die sie besaßen, war auch enorm, und nicht einmal Thranduil konnte ihnen so richtig das Wasser reichen. Doch sie kannte durchaus noch jemanden, der ebenso mit seiner Größe auffiel, und zwar schon seit der ersten Begegnung.
Und dann war Aikanáro auch so ein Hüne gewesen, ebenso wie sein Bruder.
Ach was - auch ein Thranduil und dessen Sohn waren groß und stattlich.
Dennoch. Wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst war, umgab die Neuankömmlinge doch etwas Eigentümliches; etwas, das nicht so recht von Mittelerde herrührte.
Schließlich entschied sie sich für das Gedankenspiel, dass es sich tatsächlich um Valinor-Elben handeln mochte.

Auf diese Annahme aufbauend, erinnerte sie sich an etwas, das Cerveth einmal in den Raum gestellt hatte – damals im Unterschlupf: Aikanáros Name im Stammbaum der Noldor vom Hause Finarfin.

"Ihr behauptet also standhaft, dass eine Schar aus Valinor Mittelerde erneut betreten hat. Wie sieht es mit dem Namen Aikanáro aus? Kommt er auch von … dort?"

Nerdanel nickte - endlich schien sie es annahmen zu können.

"Wer ist er genau??", wuchs in Daereth dann doch das Entsetzen.
Sie hatte merklich ihren inneren Schutzschild gesenkt.
"Er stammt aus dem Hause Finwe, ist einer der Söhne Finarfins, der selbst der dritte Sohn Finwes ist. Jener ging nicht ins Exil, sondern kehrte um. Doch seine Kinder entschieden sich anders."
"Alle?", quetschte Daereth gerade noch hörbar hervor, denn die Tragweite und Unfassbarkeit begannen langsam Gestalt anzunehmen; dies alles würde nicht beim Gedankenspiel bleiben.
"Alle. Ich hörte, Galadriel sei in Mittelerde eine der mächtigsten Politikerinnen geworden. Nun, ihre Geschwister sind von Mithlond aus mit Kind und Kegel zu ihr gereist und leben nun dort. Man kann getrost annehmen, dass sie dort auch bleiben, wiedervereint sozusagen."

Unwillkürlich strich sich Daereth mit der Hand über die Stirn.
Kein Gedankenspiel…

"Und Aikanáro ist tatsächlich ein Bruder Galadriels?", versicherte sie sich nochmals.
"So wie auch Angarato. Er heißt in der Grauelbensprache Angrod, soweit ich weiß. Aikanáro wäre dann Aegnor."
"Alle miteinander verwandt?"
"Geschwister. Wie ich schon sagte", bekräftigte Nerdanel.

Den  Gang zu Galadriel wegen des Schwerts musste sie ersatzlos streichen.
Aikanáro würde sie um das kleine Messer, sein Geschenk, bringen, mit so viel Hochadel-Familie im Rücken.
Die Schwertteile wären ebenso verloren, bei dieser Übermacht.
Das gab ihr den Rest.
Kein Schwert.
Geschenkeraub.
Langsam glitt sie die Mauer entlang zu Boden.



"Was für Metall führt Ihr eigentlich ständig mit Euch?", erkundigte sich Nerdanel, der es aufgefallen war, dass auch dieses Mal etwas klirrte.
"Nur Plunder", wählte sie die Worte Cerveths, welche diese Trümmer wohl zurecht schon von Anfang an so bezeichnet hatte.


__________________________________________




"Zeigt mir den Plunder", forderte Nerdanel sie auf, ein wenig Mitleid mit ihr habend. Sie wusste ja nicht, weshalb sie so zusammengegangen war.

"Bedient Euch", schob sie den Rucksack vom Rücken und hielt ihn ihr entgegen.
So schnell konnte etwas an Bedeutung verlieren.
Narsil würde unrettbar für alle Zeiten in diesem Zustand bleiben, und war damit einfach nur….Schrott.

"Sieht nach einem zerbrochenen Schwert aus. Wollt Ihr es nicht erneuern lassen?"

Daereth hatte kaum zugehört.

Dann sagte sie: "Es geht nicht. Schon seit Dekaden versuche ich jemanden zu finden, der dies zu bewerkstelligen vermag."
"Ich kann es gerne einmal versuchen", bot Nerdanel an, die an ein neues Projekt dachte.
"Wo denn? Habt Ihr eine Schmiede? - Moment… Ihr versteht Euch auf Schmiedearbeiten??"

"Gutes Kind, ich bin nicht umsonst die Tochter Mahtans – ach, nebensächlich", winkte sie ab als sie das planlose Gesicht der jungen Elbin unter sich sah.
"Eine Schmiede sollte nicht das Problem sein."
Dabei dachte sie an das kleine Dorf, das sie erst unlängst entdeckt hatte. Dort hauste ein Einsiedler etwas abseits davon, der sich eine hervorragende Werkstatt eingerichtet hatte. Für einen passenden Preis würde er ihr diese sicherlich gerne für eine gewisse Zeit überlassen.

Sie erzählte Daereth davon.
Diese war skeptisch.
Eine Menschenschmiede? Ob das für Narsil ausreichte?
Aber da es ohnehin nur noch zum Schrott zählte, konnte ein Versuch keinen Schaden anrichten.


"Und was verlangt Ihr dafür im Gegenzug?", fragte sie weiter skeptisch.
"Dass Ihr mir endlich glaubt, dass wir aus Valinor gekommen sind. Vertrauen zu schenken ist eine schwierige und langwierige Sache, dessen bin ich mir bewusst. Aber wenn ich versuchen soll, Euer Schwert zu erneuern, dann müsst Ihr mir einfach ein gewisses Grundmaß davon entgegenbringen."

Nerdanel schaffte es, Daereth begreiflich zu machen, dass Daereth von ihr nichts zu fürchten hätte. Sie selber habe ja auch keinen Ort zu gehen; Dank ihrer fantastischen Familie sollte sich keiner aus dem Hause Feanor irgendwo mehr blicken lassen.
"Es ist praktisch unmöglich als eigenständige Person wahrgenommen zu werden. Ich bin es leid, stets als eine der Feanorer betrachtet und verurteilt zu werden, obwohl ich Feanors Frau war, nicht aber sein Spross! – Hier in Mittelerde kennt mich niemand. Was für ein Segen", klang ihre Stimme am Ende unüberhörbar verletzt und trotzig zugleich.

Nachdem sie einige Tage später diese Menschenschmiede erreicht hatten, das Finanzielle abgehandelt war, und Nerdanel die Scherben begutachtet hatte, machte sie sich frisch ans Werk.
Während sie arbeitete, erklärte sie unter anderem auch, weshalb sie nicht zu den Noldorn gegangen war.
Lothlorien schien ihr nicht interessant genug zu sein. Zudem sei Galadriel ihres Wissens Feanor gegenüber nicht gerade positiv eingestellt gewesen. Auch dort erwarte sie also keine herzliche Aufnahme, höchstens längst verjährte aber nichtsdestotrotz lodernde Feindseligkeit.
In Bruchtal wär sie vollkommen am falschen Ort, schließlich war sie in erster Linie Mutter jener Männer, die Elured und Elurin und später Elrond und Elros verschleppt hatten.
"Es ist gar nicht so schlecht, dass meine Anwesenheit völlig untergegangen ist. Oder vielleicht nimmt man auch nicht weiters großen Anstoß an meiner Anwesenheit, solange ich keinen Grund liefere, Gesprächsthema zu sein."

Daereth nahm alles hin, war nämlich völlig auf das Kunststück konzentriert, das Nerdanel vollführte. Sie hörte gar nicht richtig zu.
"Diese Stelle braucht eine anderes Fügematerial", erkannte Nerdanel fachmännisch und sah sich bereits um. "Es ist ein mir zur Gänze unbekanntes Metall, aber so viel kann ich doch erreichen, dass sich mit geeignetem Fügematerial die angewärmten Bruchkanten miteinander verbinden."
"Wie müsste dieses Fügematerial beschaffen sein?", wollte sich Daereth nicht schon wieder die Hoffnung nehmen lassen.

"Die Eigenschaften kämen einer bestimmten Sorte Stahl nahe, der in Aman erfunden worden ist", fachsimpelte Nerdanel mehr mit sich selbst. Fieberhaft suchte sie in Gedanken ab, ob sie nicht irgendeinen Gegenstand mitführte, der aus diesem Stahl gemacht sei.

Daereth schluckte.
Sie stand einem Erfolg so nahe wie noch niemals zuvor.
Opfer mussten gebracht werden – immer und überall. Auch hier.
Mit leicht zittrigen Fingerspitzen holte sie das kleine Messer mit dem grünen Stein hervor, und ließ es Nerdanel eingehend prüfen.
Diese vollführte zuerst einige Proben bevor sie meinte: "Man kann es versuchen. Woher hast du es?"
"Einer, von dem Ihr sagt, er käme aus Valinor, hat es mir geschenkt", brachte sie hervor. "Möglicherweise ist es aus Aman-Stahl gemacht?"
"Es scheint in der Tat so zu sein."
Nerdanel hatte Daereths Stimme sehr genau zugehört.
Sie ahnte schon, was geschehen sein musste, wenn sie an die Abreise von Cirdans Patenkind dachte.

"Das Fügematerial selbst wird sich verwandeln", erklärte sie, durchaus zweideutig. "Es wird im Schwert nicht mehr so sein wie es hier als Messer vor Euch liegt. Das Messer wird unwiderruflich … aufgelöst sein", blickte sie die junge Elbin eindringlich an.

Stumm nickte jene, und gestikulierte, dass die Meisterin es nehmen und verarbeiten solle.

Nerdanel löste den grünen Stein heraus, legte ihn in der jungen Elbin Hand und widmete sich wieder ihrem Schmiedekunstwerk.
Im Feuer aber begann das dunkle Schwert zu sirren, und es schien als ob aus der Hitze ein Hauch von Stimme deutlich wurde!

Nerdanel runzelte die Stirn, hämmerte aber kraftvoll und fachmännisch weiter.
Nur Daereth starrte erschrocken auf den glühenden Klumpen, der im Feuer so wirkte, als trüge er fürchterliche Narben.
Da! Schon wieder flirrte die Luft von einem Eindruck von Stimme!
Worte waren deutlich auszumachen: "Durch altvord're Kunst erneut erwacht! - Mit liebender Hand den Geist entfacht!"

Entsetzt stolperte Daereth rückwärts!
Was hatte sie hier ins Leben gerufen? War hier schwarzer Zauber am Werk, und das Schwert hätte niemals wieder zusammengesetzt werden dürfen?? Erst jetzt wo es zu spät war, kam es ihr in den Sinn, dass es einen Grund gehabt haben mochte, dass niemand in Mittelerde imstande gewesen war, es zu erneuern …

Nerdanel hingegen ließ sich durch so ein bisschen Sirren und Raunen nicht beirren. Das Fügematerial schien passend gewesen zu sein, und sogar die Bearbeitungsnarben würden minimal bleiben und leicht wegzuschleifen sein.
Sie war mit dem Beweis ihres Könnens sehr zufrieden.

Sobald das Schwert fertiggestellt war, hielt sie es Daereth hin damit jene es zur Probe schwingen solle. Gegebenenfalls könnte man noch ein wenig hier und da nachhelfen, um den Schwerpunkt passend zu versetzen.

Zunächst rührte Daereth keinen Finger um das Ding entgegen zu nehmen. Erst als Nerdanel es für sie zum Test schwang, traute auch sie sich es in die Hand zu nehmen.

Ein fantastisches Gefühl überschwemmte sie.
Langsam setzte die Realisierung ein, dass sie nun ein außergewöhnliches Schwert ihr Eigen nannte.
Noch wirkte es fahl und matt in den Lichtern des Nachthimmels, aber bald schon würde es glänzen und ihr gute Dienste leisten.

Je mehr sie es betrachtete, desto glücklicher wurde sie: Narsil war erneuert!
Und dieser Müll in Elronds Haus hatte sich höchstens – und zudem zu Unrecht – diesen Namen ausgeliehen. Das einzig wahre Narsil hielt sie nun in Händen.

Den grünen Stein aus dem Messer aber befestigte sie an einem Lederband und trug ihn von nun an als Kette um den Hals.


__________________________________________
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast