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This is War

von Sententia
KurzgeschichteAbenteuer, Drama / P16 / Gen
26.01.2015
26.01.2015
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Ein freundliches Hallo sagt Sententia und berichtet, dass ...
... sie Tector liebt, weil grandioser Tector grandios ist
... dieser One-Shot Pre-FallingSkies anzusiedeln ist. Aliens haben die Erde überrannt, aber Tector hat noch keinen  Plan von der 2nd Mass

Dickes, dickes Danke ans Bärchen für's Betan <3

Reviews werden weder erwartet, noch erbettelt, sind aber selbstredend gerne gesehen.

Viel Spaß beim Lesen

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Tector drückte sich mit der Flanke gegen die raue Hauswand und spähte vorsichtig ums Eck. Der Lauf seiner Pistole zeigte schräg nach unten und sein Finger lag nahe des Abzugs. Nur für den Fall. Er war angespannt. Hauptsächlich weil von einem Tag auf den anderen verfluchte Aliens die Erde überrannt hatten und plötzlich keine Menschen mehr da waren, wo sie eigentlich sein sollten. Oder nicht mehr viele. Wahrscheinlich weil sie entweder tot waren oder sich verkrochen hatten, um auf Rettung zu warten, die sicher nicht kommen würde. Keine Regierung, keine Armee, keine Hilfe. So simpel war das. Jedenfalls war ihm eine gewisse Nervosität und Wachsamkeit nicht zu verübeln, wie der ehemalige Soldat fand. Wenn innerhalb von ein paar Woche die Welt zugrunde ging, war das wohl okay.

Der Regen sorgte dafür, dass ihm die nasse Kleidung am Körper klebte. Allmählich kroch die Kälte in seine Glieder. Ein bisschen missmutig schaute er zum Himmel und zog kurz eine Grimasse. Den Mond konnte er nicht sehen, Sterne schon gleich gar nicht. Die dichte Wolkendecke machte nicht den Eindruck, als würde sie sich bald auflösen. Schöne Scheiße. Er hatte die Nacht nutzen wollen, um zum nächsten Dorf zu laufen. Hier wollte er eigentlich nicht mehr bleiben. Die Läden waren alle geplündert, fahrbare Untersätze entweder zerbombt oder mit leerem Tank zurück gelassen und in den Wohnungen und Häusern war schon gleich gar nichts mehr zu holen. Bei den Bedingungen hatte er aber keine große Wahl. Der Regen bot nicht nur ihm Schutz, sondern allem anderen auch und er hatte nicht vor, von einem Außerirdischen geröstet zu werden, nur weil er leichtsinnig durch die Gegend flanierte. Diese verdammten Arschlöcher flogen leider nicht nur mit ihren Raumschiffen herum, die wie Reklametafeln leuchteten, sondern bewegten sich auch auf dem Boden. Lautlos, strukturiert und gezielt. Effiziente Alien-Soldaten halt. Offenbar war Kriegsführung Kriegsführung, egal ob auf der Erde oder sonst wo. Lief anscheinend alles überall irgendwie gleich ab. Tector beruhigte diese Erkenntnis nur bedingt, weil er sich zwar mit Krieg auskannte, das die Sache aber weder schön noch gut machte.

Mit leicht zusammengekniffenen Augen beobachtete er die Straße, die ruhig vor ihm lag. Viel konnte er nicht erkennen. Die Regentropfen fielen dicht an dicht gereiht auf den Boden und wirkten wie ein grauer Schleier. Hören konnte er schon gleich gar nichts. Jedenfalls nichts außer dem Prasseln des Regens.
Der ehemalige Soldat presste unschlüssig die Lippen aufeinander und überlegte, ob er nicht doch wieder zurück zu seinem Unterschlupf rennen und eben dort darauf warten sollte, dass das Wetter besser wurde, entschied sich aber dagegen. Die Strecke würde er dann nur zweimal laufen müssen. Darauf konnte er gut und gerne verzichten. Hier gab es genug Gebäude. Irgendeines davon würde schon offen stehen. Auf der Flucht schlossen schließlich die wenigstens Menschen sorgfältig die Türen hinter sich ab. Außerdem war die Lage hier nicht schlecht. Viele Häuser mit vielen Räumen. Genügend Deckung und Möglichkeiten, um die nächsten paar Stunden nicht gefunden und getötet zu werden. Und mit ein bisschen Glück würde er eventuell sogar doch noch irgendetwas Nützliches finden. Wasser und Nahrung wären ihm sehr recht. Verbandszeug, Medikamente und Batterien würde er aber auch dankend annehmen. Allzu wählerisch war er dann ja doch nicht.

Die Träger seines Rucksacks zwickten ihn unangenehm am Hals, also zupfte er sie zurecht, hob den Lauf seiner Pistole leicht an, huschte um die Häuserkante und bewegte sich mit raschem Schritt dicht an der Mauer entlang weiter.
Die ersten drei Eingänge der Apartmentgebäude, an denen er vorbei lief, waren allesamt geschlossen, beim vierten hatte er Glück. Ohne zu zögern betrat er das Haus. Mit erhobener Waffe stand er da, atmete leise, wartete darauf, dass sich seine Augen an die anderen Lichtverhältnisse gewöhnten und dachte gar nicht daran, den Finger vom Abzug zu nehmen. Ein paar Augenblicke lang verharrte er so, während er blinzelte und versuchte, mehr zu erkennen als einen tiefschwarzen Gang und ein breites Treppenhaus vor sich.
Nichts. Es tat sich gar nichts. Alles ruhig, alles still.
Ein kleines Stück ließ er den Lauf seiner Pistole sinken, wirklich nur ein winziges Bisschen, griff mit einer Hand hinter sich, tastete nach der Tür und drückte sie vorsichtig ins Schloss. Das charakteristische Klicken klang irgendwie überlaut in seinen Ohren.
Er ließ seinen Blick nach rechts schweifen. Zu den Briefkästen. Jede Menge davon. Und aus ein paar Schlitzen lugten Umschläge oder Prospekte hervor. Auf dem einen klebte sogar ein Zettel. Tector beugte sich leicht vor, um lesen zu können, was darauf stand.

Du bist so ein beschissenes Arschloch, Mike! Ich hoffe, dein Schwanz fällt ab!

Ein Grinsen huschte über die Lippen des ehemaligen Soldaten, weil es gar nicht allzu lange her war, dass er selbst so eine liebevolle Botschaft bekommen hatte. Nur hatte die nicht auf einem Papier gestanden, sondern war in seinen Wagen geritzt worden. Groß und gut lesbar.
Er schüttelte leicht den Kopf, knüllte den Zettel zusammen und ließ ihn auf den Boden fallen.  

Mit leisen Schritten betrat Tector die Treppe und bewegte sich eine Stufe nach der anderen nach oben. Fünf Stockwerke später war er in der letzten Etage angekommen. Endlich. Anstrengender Scheiß, echt. Aber er war immerhin etwas lockerer geworden. Das Gebäude war verlassen. Kein Schwein war ihm über den Weg gestolpert. Jede Wohnung, deren Tür offen gestanden hatte, hatte er durchsucht. Es war niemand da gewesen. Und er hatte so ganz nebenbei drei Konservendosen, fünf Mullbinden und eine Packung Aspirin gefunden. Gar nicht so übel, wie er fand.
Hier oben gab es nur zwei Wohnungen, wovon eine verschlossen war. Entscheiden, in welche er gehen wollte, musste er sich also gar nicht. War ja auch mal nett.
Er setzte einen Fuß über die Schwelle, betrat den doch sehr schmalen Flur, schubste die Tür hinter sich zu und schaute sich auch hier um.

Das Bad gleich links von ihm gab gar nichts her. Weder vom Inhalt, noch vom Optischen. Es war winzig und sah aus wie Sau. Und das lag sicher nicht an der beschissenen Alienapokalypse. Wer immer hier vorher gelebt hatte, war ein Dreckschwein gewesen. Nicht dass Tector ein sonderlicher Reinemann gewesen wäre, aber den Schimmel in der Duschkabine und oben in den Ecken der Decke fand er dann doch recht widerlich.  Zumal es auch entsprechend roch. In die Toilettenschüssel schaute er gar nicht erst.
Der Raum gegenüber war wohl Schlaf- und Wohnzimmer zugleich. Und er machte keinen besseren Eindruck als das Bad. Dreck und völlig abgeranzte und zerschlissene Möbel. Wobei Möbel eigentlich noch eine Übertreibung war, denn im Prinzip lag lediglich eine Matratze auf dem Boden, darauf eine Decke und an der einen Wand stand ein Stuhl, vor dem ein Stapel Klamotten lag. Mit dem Fuß schob er eine Spritze etwas von sich weg. Ein Junkie also. Das erklärte einiges. Der ehemalige Soldat rümpfte die Nase. Das war's dann auch. Blieb nur noch die Küche. Und ganz ehrlich, er hatte die Hoffnung aufgegeben, in diesem Loch fündig zu werden. Viel mehr als Herpes würde er nicht in die Hände kriegen. Er war nicht pingelig, aber hier würde er nicht die Nacht verbringen. Da ging er lieber wieder ein Stockwerk tiefer.
Zurück im Gang blieb er kurz stehen und warf einen Blick aus dem dortigen Fenster. Nur um sicher zu gehen. Wie erwartet sah er rein gar nichts, was seine Aufmerksamkeit erwecken könnte.

Gerade als Tector zu der nur angelehnten Küchentür lief, hörte er ein Geräusch. Für den Bruchteil einer Sekunde verharrte er mitten in der Bewegung, drehte sich dann aber geschmeidig um und zielte mit seiner Waffe in die entsprechende Richtung. Angespannt war er schon die ganze Zeit gewesen. Jetzt dagegen kam noch das ungute Gefühl in der Magengegend und die gepresste Atmung hinzu. Das war ihm nicht unbekannt. Während seiner Einsätze im Irak und Afghanistan war er mehr oder weniger permanent so unterwegs gewesen. Angenehmer machte es die Sache dagegen nicht. War trotzdem kacke.
Er lauschte und wartete einen Moment ab, bevor er die Tür mit einer Hand langsam aufdrückte. In der ersten Sekunde sah er den Jungen gar nicht, der unter dem runden Esstisch kniete und ihm mit aufgerissenen Augen entgegen starrte. Erst als das Kind halb unterdrückt schluchzte, richtete sich Tectors Blick auf ihn.

Ein paar Sekunden lang tat er rein gar nichts außer dazustehen und zwei-, dreimal irritiert den Mund auf- und zuzuklappen. Irgendwie fühlte er sich gerade überrumpelt. Ganz spontan würde er vielleicht sogar behaupten, dass ihm ein Alien unter dem Tisch lieber gewesen wäre. Das war aber tatsächlich nur ein reflexartige Annahme, weil alles besser war als ein Außerirdischer. Die Meinung hatte sich der ehemalige Soldat in den letzten paar Wochen gebildet und er hielt an ihr fest.

Als ihm klar wurde, dass es nicht vorteilhaft sein konnte, wenn er mit der Waffe auf einen kleinen, verängstigten Jungen zielte, ließ er seine Pistole sinken und steckte sie letztendlich in seinen Gürtel. So wirkte er definitiv vertrauensvoller.
Er spreizte leicht die Arme mit den Handflächen nach vorne und ging in die Hocke. „Hey.“ Tector rang sich ein schiefes Lächeln ab. Ihm war zwar nicht danach, aber Kinder mochten lächelnde Leute. „Ich tu' dir nichts.“ Er streckte dem Kleinen seine leeren Hände entgegen. „Siehst du. Keine Waffe mehr. Alles gut.“
Der Junge sagte gar nichts. Und Tector konnte jetzt ziemlich deutlich sehen, dass die Lippen des Kindes zitterten.
Leicht neigte er den Kopf zur Seite und fragte: „Wo sind deine Eltern? Ist niemand bei dir?“
Tector wartete vergeblich auf eine Antwort. Und eigentlich war er ganz froh darum, weil er sich das Ganze auch so ausmalen konnte. Im Haus war niemand gewesen. Der Kleine war vielleicht sieben oder acht Jahre jung und kein erwachsener Mensch mit einem halbwegs funktionierendem Verstand ließ ein Kind in diesem Alter alleine – jedenfalls nicht freiwillig -, Alien-Invasion hin oder her.

Lautlos seufzte er, nahm seinen Rucksack ab und stellte ihn neben sich, setzte sich auf den schmutzigen Boden, rutschte mit dem Rücken gegen die Wand, damit er sich anlehnen konnte und fragte sich allen Ernstes, wie er in diese Situation gekommen war. Eine ehemalige Junkie-Bude. Außerirdische. Junge unter dem Tisch. Die Welt ging zugrunde. Und er war irgendwie mitten drin. Ganz großes Kino. Ihn kotzte das alles mächtig an, aber gut, das Kind konnte am wenigstens etwas dafür. „Wie heißt du?“
Tector hatte schon mit dem Schweigen des Kleines gerechnet. Verübeln konnte er es ihm nicht. Also kramte er unter dem aufmerksamen und zugleich verschüchterten Blick des Jungen einen ziemlich zerknitterten Schokoriegel hervor. Mit ein bisschen Schwung ließ er ihn über die hellbraunen Fliesen zu dem Kind rutschen. „Du hast sicher Hunger, hm?“
Das Kind zögerte eine gefühlte Ewigkeit, bevor es mit zittrigen Fingern nach der Süßigkeit griff, sie auspackte und schließlich zu essen begann. Tector ließ es dabei keine Sekunde aus den Augen.
Zufrieden zog der ehemalige Soldat die Beine an und legte seine Unterarme auf die Knie. Kurz schloss er die Lider und atmete einmal tief durch. Irgendwie war das doch alles scheiße. Er wusste ja noch nicht mal, was genau er hier eigentlich machte.

„Ich hab' Durst.“
Tector öffnete die Augen und schaute den Jungen einen Moment lang überrascht an, fing sich aber rasch wieder, angelte aus seinem Rucksack eine Trinkflasche heraus und hielt sie in die Richtung des Kindes, dem die Unsicherheit ins Gesicht geschrieben stand. „Ich tu' dir wirklich nichts“, wiederholte Tector und versuchte sich abermals an einem Lächeln. Dieses Mal war es nicht ganz so schief. So fühlte es sich jedenfalls an. „Na los.“
Der Junge schob einen Stuhl zur Seite und krabbelte auf allen Vieren ein Stück nach vorne. Gerade so weit, dass er sich die Flasche mit ausgestrecktem Arm schnappen und sich sofort wieder unter dem Tisch verkriechen konnte. Immerhin hockte er sich nicht mehr ganz so weit nach hinten.

Gute fünfzehn Minuten später überlegte Tector, wie lange er die nasse Kleidung an seinem Körper würde ertragen können. Er fror allmählich wirklich. Nur hatte er keine Ahnung, ob es angebracht war, sich vor einem Kind umzuiehen, das nach wie vor Angst vor ihm hatte. Das wäre schon unter normalen Umständen nicht ganz ohne. Jetzt, so in dieser Situation, dürfte das wohl eine mittlere Katastrophe sein.

„Du tust mir nicht weh, ja?“
Tector schüttelte den Kopf. „Ich tu' dir nicht weh.“
„Versprochen?“
„Versprochen“, antwortete er nickend.
„Okay.“ Der Junge kroch ein Stück aus seinem Versteck heraus und schaute ihn fragend an. „Hast du noch was zu essen?“
Tector zog die Augenbrauen leicht nach oben und bemühte sich um ein freundliches Grinsen. „Wenn du mir deinen Namen verrätst.“ Er zwinkerte dem Kind zu. „Tauschgeschäft, gut?“
Der Kleine schien zu überlegen, denn er runzelte die Stirn und biss sich auf die Unterlippe, bevor er schüchtern sagte: „Aiden.“
„Aiden“, wiederholte der ehemalige Soldat, zog einen weiteren und damit auch seinen letzten Schokoriegel aus der Seitentasche seiner Hose und drückte ihn dem Jungen sachte in die Hand. „Deal ist Deal, nicht wahr?“
Ein schmales Grinsen huschte über die Gesichtszüge des Kindes, während er die Verpackung aufriss und sich die Süßigkeit in den Mund schob. Kauend fragte er: „Und wie heißt du?“
„Tector“, antwortete dieser und neigte dabei seinen Kopf leicht zur Seite.
Der Junge verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Mein Name gefällt mir besser.“
Schmunzelnd wischte sich der ehemalige Soldat über die Stirn und sagte: „Dein Name ist wirklich besser.“

Aiden schien etwas erwidern zu wollen, doch er schloss den Mund wieder und machte plötzlich einen sehr angestrengten Eindruck. Bevor Tector fragen konnte, was los war, hörte er es selbst. Diese typische Stöhnen, das ihn schon, als es das erste Mal an seine Ohren gedrungen war, an „Jurassic Park“ erinnert hatte.
Zügig stand er auf, bewegte sich zum Küchenfenster, drückte sich seitlich daneben an den Rahmen und schaute aufmerksam in die Dunkelheit. Rechts und links konnte er nichts erkennen, aber geradeaus, die Straße entlang, vielleicht einhundert Meter entfernt, sah er sie. Die Lichter. Wie Scheinwerfer schienen sie den Regen zu durchschneiden und sorgten dafür, dass man eine schemenhafte, riesige Silhouette erkennen konnte, die immer näher kam. Und je näher sie kam, desto lauter wurde das Geräusch. Tector musste nicht das Fernglas aus seinem Rucksack holen, um zu wissen, was los war. Die Maschinenversion der Alien-Arschlöcher stampfte da draußen durch die Gegend. Und wo die war, waren diese spinnenbeinigen Viecher nicht weit entfernt. Grandios, echt grandios.
Reflexartig wollte er zu seiner Pistole greifen, doch dazu kam er nicht, denn plötzlich war Aiden neben ihm, schlang seine schmalen Arme um Tectors Hüfte, drückte den Kopf fest gegen den Stoff und schluchzte leise.
Etwas überfordert streichelte er über das Haar des Jungen und flüsterte: „Schon gut. Alles gut.“ Er hatte keine Ahnung, ob er so beruhigend klang wie er wollte.
Nochmal spähte er durch das Fenster in die Nacht. Die Maschine machte ihm keine allzu großen Sorgen — jedenfalls noch nicht —, aber die Spinnen-Aliens, die daneben her liefen, schon. Vor allem diejenigen, die immer wieder Häuser betraten. Sie durchsuchten ganz offensichtlich die Gebäude. Tector wollte gar nicht wissen, ob sie das Gebiet sichern oder etwas finden wollten. Ihm war das herzlich egal. Hauptsächlich weil er keine Lust hatte zu sterben.

Vorsichtig schob er Aiden etwas weg, ließ sich an der Wand entlang nach unten gleiten und kniete sich mit einem Bein auf dem Boden, während er das andere angewinkelt vorne hatte. Reine Gewohnheit. So kam man schnell vom Fleck, wenn es sein musste. Er zog seine Pistole aus dem Gürtel und versuchte gleichzeitig, dem Jungen einen möglichst aufmunternden Blick zuzuwerfen. „Das wird schon.“
Das Kind nickte zwar, sah aber nicht unbedingt überzeugt aus. Im Gegenteil. Es hatte Angst und die Augen genauso weit aufgerissen wie vor ein paar Minuten, als Tector es unter dem Tisch gefunden hatte.
Er legte Aiden für einen Moment die Hand auf die Schulter und sagte leise: „Ich pass' auf dich auf, keine Sorge.“ Er beugte sich nach vorne. „Du bleibst hier und rührst dich nicht, verstanden?“ Aufmerksam schaute er dem Kleinen in die Augen. „Verstanden?“, wiederholte er eindringlich.
„Verstanden“, flüsterte Aiden mit zittriger Stimme.
„Gut“, war alles, was Tector noch darauf erwiderte, bevor er geduckt nach vorne und damit aus der Küche huschte. Leise öffnete er die Wohnungstür, betrat den Gang, ging zur Treppe und spähte nach unten. Mehr als Dunkelheit sah er nicht. Im Haus war es zu finster. Keine Lichter, nur jedes zweite Stockwerk ein Fenster.

Ein paar Sekunden verharrte er so und war unschlüssig, ob er nun hier oben in der Nähe des Jungen bleiben oder nach unten gehen sollte, um schneller mitbekommen zu können, falls sich ein Alien-Arsch in dieses Haus verirren sollte. Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, denn er konnte schnell aufeinander folgende Schritte und Zischen hören. Und das Knallen, wenn eine Tür gewaltsam geöffnet wurde. „Scheiße“, fluchte Tector leise. Er brauchte nicht lange, um zu wissen, was zu tun war. Wohl vor allem deshalb, weil er nicht besonders viele Möglichkeiten zu Auswahl hatte. Entweder hier sitzen bleiben und das Beste hoffen oder über die Feuerschutzleiter die Biege machen und da genauso das Beste hoffen. Bei letzterer Variante waren die Chancen höher, wie er fand. Also drehte er sich auf dem Absatz um, lief in die Wohnung und winkte Aiden zu sich. Der Junge setzte sich allerdings nicht in Bewegung, sondern kauerte mit an den Bauch gezogenen Beinen in der Ecke, hatte das Gesicht halb zwischen seinen Knien vergraben und schaute ihn nur mit einem Auge an. „Aiden“, sagte Tector. „Komm' schon.“

Das Kind schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Aiden“, wiederholte Tector und klang dieses Mal energischer, als er eigentlich wollte. „Los.“
Der Junge rührte sich nicht und blieb stur dort sitzen, wo er war.
Leise seufzend lief er zu dem Kind und ging vor ihm in die Hocke. „Ich weiß, dass du Angst hast, Kleiner. Das ist auch okay.“ Tector legte eine Hand unter Aidens Kinn und drückte seinen Kopf leicht nach oben, sodass der Junge ihn ansah. „Ich hab' auch Angst.“ Er legte eine Hand gegen die Wange des Kindes und streichelte darüber. „Die sind im Haus. Und ich hab' dir gesagt, dass alles gut wird. Das krieg' ich aber nur hin, wenn wir hier verschwinden.“
Aiden zögerte kurz, wischte sich dann aber energisch die Tränen aus den Augen und stand auf. „Okay.“ Die Stimme des Jungen klang immer noch ziemlich erbärmlich, aber das war Tector gerade herzlich egal. Sie mussten hier weg. Und das schnell.
Er nahm das Kind an der Hand, legte den Zeigefinger für einen Moment auf seine Lippen, um klar zu machen, dass jetzt alles still und leise gehen musste und lief los, darauf bedacht, keinen Lärm zu machen. Die Geräusche der Spinnen-Viecher konnte er deutlich hören und er spürte förmlich, wie Aiden verkrampfte, erlaubte sich aber nicht, darauf Rücksicht zu nehmen. Zeit war etwas, das sie jetzt definitiv nicht hatten. Er zog den Jungen mehr oder weniger hinter sich her in den Flur und zum Fenster, das Tector rasch öffnete und dem Jungen half hindurch zu klettern. Er selbst war nur zwei Sekunden später auf der Leiter und wollte gerade auf die erste Sprosse steigen, als er das bekannte Zischen dieser Spinnen-Aliens hörte. Direkt unter ihm. Er konnte diesem widerlichen Mistding in die Augen schauen.

Einen Atemzug später tauchte im Spalt der beiden Häuser dieser riesige Maschinen-Außerirdische auf und strahlten ihn mit seinen blendenden Scheinwerfern an. Hydraulische Geräusche drangen an seine Ohren. Und der gellende Schrei von Aiden. Instinktiv wollte Tector nach dem Jungen greifen, doch noch bevor er seinen Arm ganz ausgestreckt hatte, knallte es laut, er verlor den Halt und in seiner Magengegend zog es fürchterlich.

In seinen Ohren klingelte es schrill, das Blut schien wie ein tosender Fluss durch seinen Kopf zu jagen und er spürte irgendwie nichts, was ihm verraten könnte, ob er nun eigentlich noch lebte oder nicht.
So fühlte er sich den ersten Moment. Vielleicht ein oder zwei Sekunden. Dann brach die Welt um ihn herum zusammen. Oder stürzte auf ihn ein. Er wusste es nicht so genau. Irgendetwas packte ihn am Knöchel, ziemlich fest sogar, und zerrte ihn ein Stück über den Boden. Spitze Steine stachen dabei in seinen Rücken. Er öffnete die Augen und konnte im Prinzip nichts weiter als gelbe und rote Kreisel sehen, die sich in einander verwirbelten. Und es stank. Nach Feuer und Rauch. Es brannte irgendwo. Und dann war da auf einmal ein Gesicht über ihm. Verschwommen. Er musste ein paar mal blinzeln, bis er erkannte, dass ihm da eines dieser Spinnen-Alien entgegen schaute.
Reflexartig schrak Tector zusammen, wollte sich auf die Ellbogen stemmen und mit den Füßen abstoßen, um nach hinten wegzurobben, doch dieses Monster stellte ein Bein auf seine Brust und nagelte ihn so auf der Stelle fest. So hart, dass er kaum Luft in seine Lungen bekam. Automatisch  tastete er nach dem Fuß und drückte dagegen, allerdings ohne nennenswerten Erfolg. Unter seinen Fingern fühlte sich die Haut dieses Außerirdischen wie die Schale eines Hummers an, fest und glatt.
Während er irgendwo am Rande seiner Wahrnehmung auf einmal einen Motor aufheulen hörte und das Geräusch von Schüssen und lauten Stimmen an seine Ohren drang, bekam er mit, wie der Außerirdische sich beinahe ein bisschen erschrocken umsah und dann ausholte. Wohl zum Gnadenstoß.

Und dann schrie das Vieh plötzlich auf und war aus seinem Sichtfeld verschwunden. Tector hatte keine Ahnung von gar nichts. Er wusste nur, dass er abhauen sollte. Und zwar jetzt. Ganz schnell.
Also drehte er sich auf die Seite und hätte am liebsten gebrüllt vor Schmerz. Ohne anders zu können, rollte er sich wieder stöhnend auf den Rücken und griff an seine rechte Flanke. Mit den Fingern stieß er gegen etwas Spitzes. Er hob den Kopf, schaute an sich nach unten und presste die Lippen zu einem blutleeren Strich zusammen, als er erkennen konnte, dass da ein Metallstück aus seiner Haut ragte.
„Lass mich mal!“
Tector zuckte zusammen. Die Stimme und das dazugehörige Gesicht tauchten unvermittelt neben ihm auf. Verwirrt schaute er einem Mann entgegen, der sein Gewehr schulterte, während er sich neben ihn kniete, kurzerhand nach dem Metallstück langte, das in Tectors Körper steckte, und es ohne auch nur mit dem Wimper zu zucken und mit einem gestresst klingenden „Sorry, man“ herauszog.

Der ehemalige Soldat zog zischend die Luft ein. Zu mehr kam er nicht. Ehe er auch nur einen kleinen Gedanken fassen konnte, zerrte ihn der fremde Kerl mit den kinnlangen, hellen Haaren an der Schulter auf die Beine, schlang einen Arm um seine Hüfte und brüllte gegen den Lärm der nach wie vor erklingenden Schüsse an. „Drück' drauf, wenn du nicht verbluten willst! Und jetzt beweg' deinen Arsch! Komm' schon! Los!“
Selbst wenn Tector gewollt hätte, er hätte sich nicht wehren können. In seinem Kopf drehte sich noch immer alles und er war völlig neben der Spur, konnte nicht richtig denken und fühlte sich, als wäre sein Hirn irgendeine wabernde Masse. Wahrscheinlich war der stechende Schmerz in seiner Flanke das Einzige, das ihn gerade davor bewahrte, schlichtweg aus den Latschen zu kippen und bewusstlos liegen zu bleiben.

Einige stolpernde Schritte später blieb er plötzlich stehen, sorgte dafür, dass der Mann fluchte und ihn sauer anstarrte. „Aiden“, flüsterte Tector, als ihm das Gesicht den Kindes plötzlich wieder einfiel. Er wollte sich umdrehen, nach hinten sehen, ihn suchen, aber der fremde Kerl zog ihn schlichtweg einfach mit und sagte gerade so laut, dass er ihn verstehen konnte: „Wenn du den Jungen meinst, der ist tot.“
Tector reagierte überhaupt nicht. Er fühlte sich einfach nur von einem Moment auf den anderen wesentlich beschissener als ohnehin schon.
„Pope! Verdammt, willst du, dass wir verrecken! Mach' schneller!“ Eine Frau mit gewelltem Haar saß in einem roten Wagen, hatte die Tür offen und wedelte mit der Hand energisch herum. „Scheiße, verflucht!“
Pope, so hieß der Mann also, der ihn gerade harsch auf die Rückbank warf, selbst einstieg, die Tür zuknallte und schrie: „Fahr schon los!“ Danach lehnte er sich zurück, schaute Tector mit zur Seite geneigtem Kopf an und meinte: "Mit ein bisschen Glück erinnerst du dich nicht mehr jeden Tag daran. Irgendwann."


Ende
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