Mein ganzes Leben lang ...

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Jessie Woody Pride
26.01.2015
27.01.2015
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„ Woody, mir war als hätte ich gestern deine Stimme gehört“, sie blinzelte mich an. „ Aber das kann  ja eigentlich gar nicht sein.“ Jessie sah auf mich hinab. „ Manchmal denke ich, wie es wohl ist wenn du real wärst. Ich weiß es klingt dumm und vielleicht auch kindisch, aber du wärst so viel besser, als all diese Männer die mich nur benutzt haben.“
Sie machte sich für die Arbeit fertig. Dieses Mal schneller als gewöhnlich, da sie verschlafen hatte.
Als ich wieder alleine war, dachte ich über ihre Worte nach. „ Glaub mir“, murmelte ich vor mich hin. „ Ich wünsche mir nichts sehnlicher als ein Mensch zu sein. Aber es geht nicht und nun werde ich auch noch bewacht.“ Ich sank ins Bett. Das Laken … es duftete nach ihr. Was ist denn an Liebe so falsch? Warum darf ich denn nicht Gefühle für sie haben? Ich biss auf meine Lippen.
Zu gerne hätte ich diesen Tom verprügelt. Aber selbst wenn … ich hatte ja nicht die Kraft, die Menschen haben. Bestimmt hätte er mich in die nächste Ecke getreten und mich ausgelacht. Wer konnte denn auch so etwas wie mich  ernst nehmen?  Ich lachte bitter auf. Nein, ich war nun wirklich kein Gegner.

Die nächsten Tage wurde es wieder ruhiger in unserem Leben. Jessie war schon immer stark. Sie arbeitete viel und das Thema Tom, kam auch nicht mehr bei uns vor. Als sie mich eines Abends mit vor den Fernseher nahm, legte sie mich in ihren Schoss. „ Du bist jetzt schon so lange bei mir“, sagte sie mit sanfter Stimme. „ Bis heute bist du die einzige Konstante, in meinem Leben. Ich wüsste gar nicht, was ich ohne dich machen würde.“ Mit ihren Worten schaffte sie es immer wieder, mein Herz zu berühren. Mit trauriger und leiser Stimme fügte sie hinzu: „ Woody … wärst du doch nur ein Mensch. Vor wie vielen Fehlern du mich schon bewahrt hättest. Und mich bewahren würdest … .“ Jessie … . „ Oh, so spät schon“, sie sah erschrocken auf ihre Uhr. „ Zeit schlafen zu gehen.“

Sie setzte mich auf ihren Nachtspind und schlief sofort ein. Von was meine Kleine wohl träumte?
Man mag es nicht glauben, aber obwohl ich ein Spielzeug war, hatte auch ich Träume. Sie waren fast immer von ihr. Doch heute war es anders. Ich war umhüllt von schwarzen Nebel. „ Woody“, eine Stimme rief meinen Namen. „ Wer bist du?“, wollte ich wissen. „ Ich habe dich damals gewarnt. Weißt du nicht mehr?“, nun kam sie mir plötzlich vertraut vor. Es war jene Stimme, die mir verboten hatte, mich in Jessies Leben einzumischen. „ Was willst du von mir?“, fragte ich zornig. Das letzte was ich wollte war, mich mit dieser Stimme zu unterhalten. „ Warum quälst du dich so, Woody?“ „ Wie meinst du das?“ „ Ich beobachte dich nun schon so lange … denkst du es ist nicht besser sie los zu lassen? Sicher empfindet sie etwas für dich … sie sieht dich als Lieblings Spielzeug und Erinnerung an ihren Bruder an. Mehr allerdings nicht“ „ Das ist nicht wahr“, gab ich zurück. „ Sie sagte, sie wünscht sich, dass ich ein Mensch bin.“ „ Woody … Hand aufs Herz … sie sagte nie etwas von wünschen. Sie hat nur von der Vorstellung gesprochen. Das ist ein klarer Unterschied.“ Ich schaute zu Boden. Alles war schwarz. „ Auch Jessie wird dich eines Tages vergessen.“ „ Nein“, murmelte ich. „ Sie ist anders.“ „ Bist du dir da so sicher? Die Menschen sind grausam!“ Würde sie mich wirklich vergessen? Ich war unsicher geworden. „ Momentan überbrückst du nur die Leere in ihrem Herzen. Aber irgendwann kommt auch für sie der Tag, wo sie den richtigen finden wird.“ „ Warum sagst du mir all das?“ „ Um dich vor zu bereiten“, fuhr die Stimme fort. „ Damit du los lassen kannst.“ „ Ich liebe sie“, gestand ich. Wie sollte ich sie da vergessen? „ Das weiß ich. Gerade dann solltest du auf mich hören. Auch um deiner selbst willen. Es würde dich nur zerbrechen.“ Der Nebel löste sich. „ Lebe wohl … fürs erste“, verabschiedete sich die geheimnisvolle Stimme. „ Warte“, hielt ich sie zurück. „ Ich weiß, dass es mir nicht gestattet ist, mich in ihr Leben einzumischen, aber … gibt es einen Weg der mich zu einen Menschen machen würde? Ich möchte ihr doch nur meine Gefühle gestehen. Nur ein einziges Mal. Wenn sie dann sagt, dass sie mich nicht liebt, werde ich sie für immer los lassen.“ Eine Zeit lang kam nichts zurück und ich dachte schon, die Stimme hätte mich verlassen. Doch plötzlich … „ Ja, den gibt es, Woody.“ „ Bitte“, flehte ich. „ Sage mir wie?“ „ Es hängt nicht von dir ab. Du kannst leider nichts tun. Das kann allein Jessie und nun … lebe wohl.“

Ich wachte auf und bemerkte, dass sie schon gegangen war. Was sollte dieser Traum? Oder war es gar keiner? Musste ich Jessie, denn wirklich vergessen? Und was war es, dass sie tun konnte, damit ich menschlich werde? Diese Fragen quälten mich den ganzen Tag über. Sie ließen mich nicht mehr los. Bevor ich ihr nicht meine Gefühle gestanden hatte, würde ich auch nicht aufgeben. „ Erst wenn ich aus ihren Mund höre, dass sie wirklich nichts für mich empfindet … erst dann, werde ich aus ihrem Leben für immer verschwinden“, bestärkte ich meinen Entschluss.

Die Tage zogen ins Land. Es geschah nicht viel, außer, dass sich Jessie einsam fühlte. Das merkte ich. Ich hoffte nur sehr, dass sie sich nicht wieder den nächst besten Typen angelte.
Aber ich hatte Glück, ich blieb verschont davon … zu mindestens vorerst!

Heute Abend sah sie sich zusammen mit mir alte Fotoalben an. „ Kaum zu glauben, Woody, wie schnell die Zeit doch vergeht.“ Sie grinste. „ Weißt du noch, der Tag wo ich dich bekommen habe?
Du warst ja eigentlich Andys Lieblings Spielzeug, aber wenn er nicht zuhause war, konnte ich nicht anders, als mit dir zu spielen. Ich war noch nie das typische Mädchen“, sie lachte. „ Ich weiß noch wie Mum, immer schimpfte, dass ich so dreckig heim komme, aber ich musste immer wieder neue Abenteuer erleben.“ Jessie deutete auf ein Foto. Es zeigte sie vor einer Lichtung stehend. Mich im Arm. Hinter ihr ein Baum, an dessen Ästen ein alter Autoreifen hing. Eine umfunktionierte Schaukel. Was war sie damals süchtig danach! Ich weiß noch wie heute, dass wir uns Stunden dort aufhielten, schaukelten, sie sich den Abhang hinunter rollte, nur um kichernd wieder eine neue Runde zu starten. Es waren schöne Tage. Tage des Glückes, an denen es nur uns beide gab. Ohne den ganzen Alltagsstress. „ Ich vermisse diese Zeit“, sagte sie traurig.
„ Nicht nur du, Jessie. Ich auch. Es war damals immer so, als wäre ich ein menschliches Wesen für dich. Wir haben alles zusammen erlebt. Du warst noch so jung … aber dennoch stand für mich fest, dass es nur dich für mich geben wird“, so gerne hätte ich ihr diese Worte persönlich gesagt, aber ich dachte sie im Inneren. Ich erinnerte mich, wie Jessies Bruder, Andy, damals weg zog.
Sie war so glücklich über sein Geschenk. Über mich. Und ich dachte damals, dass sie mich liebte. Nicht wie eine Puppe … sondern von ganzen Herzen.

Jessies 26. Geburtstag kam. Sie lud nur ihre engsten Freunde ein. Ich wurde wieder auf den Schrank gesetzt und konnte sie beobachten. Über die Jahre hin weg, hatte Jessie immer mehr Freunde verloren. Wahrscheinlich auch, da sie nie nach voll ziehen konnten, warum sich Jessie immer an so zwielichtige Typen klammern musste. Außer mir, waren da noch Bo, Dolly und Buzz.
Sie waren geblieben. Und ich dankte ihnen aus ganzen Herzen. Buzz kannte Jessie schon seit der 4. Klasse und hatte auch öfter mit mir gespielt. Ich mochte ihn. Auch wenn ich früher manchmal Angst hatte, dass sie Gefühle für ihn entwickeln könnte. Wie sie aber mal zu mir sagte, würde sie ihn immer nur als rein platonischen Freund ansehen. Ohnehin war er mittlerweile mit Bo zusammen. Und ich freute mich für ihn.

Sie hatten sich alle viel zu erzählen, doch zu später Stunde, mussten sie gehen. Immerhin war morgen ein ganz normaler Wochentag. Außer Buzz. Er blieb noch etwas, mit Bos Einverständnis. „ Nett von dir, dass du ein wenig hier bleibst“, sagte Jessie und fing an, aufzuräumen. „ Ach kein Ding, Jessie. Ich lasse dich doch nicht alles alleine machen.“ „ Du bist echt lieb.“ Als sie fertig waren, holte Jessie die Fotoalben herbei und sie ließen sich auf die Coach fallen. „ Wow, du hast ja alle Bilder aufgehoben“, meinte Buzz anerkennend. „ Was denkst du denn? Von so schönen Erinnerungen, würde ich mich nie trennen.“ „ Finde ich gut.“
Dann kamen sie zu meinem Lieblingsbild, jenes mit uns beiden, auf der Lichtung. „ Ist das nicht deine Cowboypuppe?“, fragte Buzz. „ Genau. Woody, diesen Namen hat ihm Andy gegeben.“ „ Stimmt, wir haben so oft mit ihm gespielt.“ „ Ja“, Jessies Stimme hellte sich auf. „ Er ist etwas Besonderes. Daher habe ich ihn all die Jahre aufbewahrt, wie einen Schatz.“ Buzz lächelte. „ Schau“, sie deutete auf den Schrank. „ Er sieht fast so aus wie damals“, meinte Buzz.  
„ Ich habe ihn halt immer gut behandelt“, sie zwinkerte. „ Wenn man dich doch auch nur so gut behandelt hätte.“ „ Was meinst du damit?“, wollte sie wissen. „ All die Männer in deinen Leben … haben dich enttäuscht. Euer Vater, der euch verlassen hat, über Nacht, sich nie wieder meldete, deine Ex-Freunde … du wurdest so oft verletzt.“ „ Hmm“, machte sie und blickte traurig zu Boden.
„ Die einzigen, die dich nie so verletzt hatten, waren Woody und ich.“ „ Das stimmt.“
„ Weißt du was ich mir oft gewünscht habe, Jess?“, fragte er sie. „ Nein.“ „ Auch wenn es dumm klingt, aber oft habe ich mir gewünscht, dass Woody ein echter Mensch ist.“ „ Buzz … .“
Er räusperte sich. „ Sicher, klingt es seltsam für dich … aber ich bin mir ziemlich bewusst, dass er es nie zu gelassen hätte, dass man dich so verletzt. Im Gegenteil. Er hätte dich wahrscheinlich mit seinem Leben verteidigt.“ Ich konnte meinen Ohren nicht trauen. Buzz, dachte so über mich? Ich war doch bloß ein Spielzeug? Und er wünschte sich, dass ich mit Jessie zusammen sein konnte?
Jessie sagte nichts, sie lächelte nur. Ihr Blick fiel dabei auf mich.

Als Buzz schließlich ging, machte sie sich für das Bett fertig. Ich konnte beobachten, wie sich sich auszog, bis auf die Unterwäsche und unter die Decke kroch. Sie holte mich dazu und drückt mich an sich. Ich konnte ihre weiche Haut spüren. Wie gerne hätte ich sie jetzt gestreichelt.