I think I'll eat your heart

von Semla
GeschichteDrama / P18
Abigail Hobbs Beverly Katz Dr. Bedelia Du Maurier Dr. Hannibal Lecter OC (Own Character)
25.01.2015
18.08.2020
39
76.180
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25.01.2015 1.870
 
Entlang der Straße waren in regelmäßigen Abständen mittelgroße Ahornbäume angepflanzt worden, deren fingrige Blätter bereits begonnen hatten, die Bürgersteige zu bedecken. Sie trennten in ihren erdigen, quadratischen Beeten Gehweg und Straße voneinander ab und begannen bereits aus dem engen Raum herauszubrechen und die Betonschicht der Wege aufzubrechen, wodurch tückische Stolperfallen entstanden. Der Atem der jungen Frau bildete kleine Kondenswölkchen, während sie sich ihren Weg durch die dichte Menschenmenge und über die aufgebrochenen Gehwegplatten, zu ihrem Ziel, einer Bushaltestelle, bahnte.
Baltimore war nicht in allen Teilen der Stadt so sauber und modern, wie es in den Hochglanzmagazinen zu sehen war, die Touristen und Geschäftsleute in die Stadt locken sollten. Nein, diese Stadt zeigte gerade hier ihre schmutzige Seite. Der kleine Mülleimer der Bushaltestelle quoll über, auch der Rinnstein war mit leeren Getränkebechern und Plastiktüten übersäht. Nicht nur der Müll schreckte ab, auch das Wissen darüber, dass es hier oft zu Schießereien, Überfällen und ähnlichen Ereignissen kam, weckte ihr Unbehagen. Die irritierten und feindseligen Blicke der anderen Menschen um sie herum taten ihr übriges und sie war froh, als sie endlich im Bus war und dieser sich von Orangeville entfernte.
Wieso hatte sie sich auch diese Busroute ausgesucht? Still fluchte sie über sich selbst, während ihr Blick vom Fenster des Busses abwanderte und über ihre Mitfahrer streifte. Abgetragene Klamotten und ein sichtbarer Mangel an Hygiene hatten viele von ihnen gemein, der ein oder andere hatte ein nervöses Zucken im Auge. Ihr lief ein kleiner Schauer über den Rücken, ob sie wohl auch manchmal so auf andere Menschen wirkte? Wenn sie mit einem grimmigen Blick durch die Straßen schritt, vertieft in einen Streit mit sich selbst, eventuell sogar vor sich hinmurmelte...
Plötzlich stockte ihr der Atem und sie musste sich zwingen, nicht wie von der Tarantel gestochen aufzuspringen und aus dem Bus zu stürmen, die Angst begann sich in ihrem Nacken festzusetzen und Adrenalin in ihren Körper zu pumpen. Trotzdem musste sie um jeden Preis ruhig sitzen bleiben, niemand durfte Verdacht schöpfen. Das Gesicht des Mannes, der ihr gegenüber saß und friedlich eine Zeitung las, hatte sich zu einem schwarzen, sich in sich selbst verschlingenden Fleck verwandelt, der sich wabernd auszubreiten begann.
Ein Blinzeln, der Fleck war verschwunden. Der Männ blätterte eine Seitein seiner Zeitung um, räusperte sich kurz und wusste nichts von dem, was sich gerade vor ihr abgespielt hatte. Alles war wieder normal und in ihr begann sich die Scham auszubreiten. Wieder hatte sie unaussprechliche Angst vor etwas gehabt, was nicht real war. Ihr Blick wanderte wieder aus dem Fenster heraus, aus der Angst, es könnte sich wiederholen.

Einige Minuten später konnte sie ihrem fahrenden Albtraum entkommen.Als sie ausstieg, eröffnete sich ihr ein anderes Bild von Baltimore. Sauberere Straßen und ältere, aber gut erhaltene Gebäude. Doch in einem Spalt zwischen zwei Häusern erblickte sie etwas. Dunkle Masse mit einem leuchtendem, weißen Punkt im Zentrum. Erst breitete sich in ihr eine seltsame Faszination aus, doch ihr Verstand schaltete sich blitzschnell ein. Zitternd griff sie zu ihrer Handtasche, öffnete sie mit Mühe. Hektisch kramend fand sie endlich was sie suchte: ein Döschen mit Pillen. Sie schluckte zwei herunter und schloss kurz die Augen. Tief durchatmen, es ist alles Einbildung, es wird weggehen, redete sie sich wie ein Mantra ein.
Mit wieder geöffneten Augen sah sie einige Menschen, die mit fragenden Blicken an ihr vorbeiliefen. Noch einmal atmete sie tief durch. Dann machte sie einen kräftigen Schritt in ihren Stiefeletten und ging auf eines der älteren Gebäude, dessen Fassade aus gelben Backsteinen war , zu. Hier war sie, auf ihrem Weg zur Besserung. Ihr Bruder würde jetzt sicher einen bissigen Kommentar darüber ablassen, dass sie nicht ganz richtig im Kopf war.
Ein Schild neben der massiven Eingangstür zeigte in schwarzen Lettern auf goldenem Grund „ Dr. Hannibal Lecter, Psychiater“. Sie schluckte hart, nahm allen Mut zusammen und drückte auf die Klingel. Sie hörte das Läuten und versuchte eine ruhige Atemfrequenz beizubehalten. 10 Minuten war sie zu früh, doch die hatte sie für etwaige Notfälle eingeplant. Die Holztür öffnete sich geräuschlos und ein ihr bekanntes Gesicht begrüßte sie freundlichem Blick.
"Guten Tag, kommen Sie herein. Ich muss Sie allerdings noch kurz in mein Wartezimmer verweisen", sagte er in einem warmen Tonfall. Ein Nicken, zu mehr konnte sie sich noch nicht durchringen, dann folgte sie ihm. In besagtem Wartezimmer war sie schnell wieder für sich und ließ sich dort langsam auf einem braunen Ledersofa nieder, auf welchem zwei dunkelviolette Kissen drappiert waren. An der blassgrünen Wand hinter ihr war ein Gemälde mit oppulentem Rahmen aufgehängt, dass neben anderen, kleinen Bildern, den Raum dominierte. Auf einer Kommode zu ihrer linken lag eine Auswahl an verschiedenen Büchern, deren Einbände alle etwas älter, aber sehr gepflegt waren. Sie sah hinter sich und erkannte das Gemälde sofort. Es handelte sich um "Das Floß der Medusa", dessen Orginal deutlich größer war und im Louvre hing. Sie wusste bereits, dass Lecter ein Kunstkenner und Liebhaber war, denn über die Kunst hatten sie sich kennengelernt.

Getroffen hatte sie Dr. Hannibal Lecter zum ersten Mal auf einer Kunstausstellung. Die Ausstellung hatte hauptsächlich Bilder eines mit ihr gut bekannten Künstlers gezeigt, doch er hatte ihr gestattet auch ein paar ihrer Werke auszuhägen und zum Verkauf anzubieten. Sie hatte sich gefreut und ihm tausende Male gedankt, hoffte sie doch, dass sie durch den Verkauf etwas mehr Geld für ihr Studium zusammenkratzen können würde. Nicht, dass ihre Eltern nicht für ihr Studium aufkommen konnten, es ging ihr mehr darum, nicht abhängig vom Geld ihrer Familie sein zu müssen, auch wenn es mehr als genug war.
Ihre Eltern hatten in ihrem Heimatland England das Familienunternehmen gegründet, dann in die Staaten expandiert und sich schließlich in Baltimore niedergelassen. Dort hatten sie ihre Firma immer weiter ausgebaut und sich ihr Vermögen verdient, mit dem sie sich ein großes Herrenhaus mit Garten etwas außerhalb der Stadt gebaut hatten. Damals, als ihre Eltern übergesiedelt waren, war ihr Bruder gerade mal fünf Jahre alt gewesen und sie selbst noch nicht einmal geplant. England hatte sie in Urlauben bei ihren Großeltern kennengelernt und sich dort in die raue Küstenlandschaft verliebt. Diese Sommer waren die schönsten Erinnerungen aus ihrer Kindheit und sie dachte gerne an diese unbeschwerte Zeit zurück.

Vertieft in die Gedanken an Eltern und Kindheit, hatte sie nicht mitbekommen, dass Dr. Lecter auf sie und ihren Bruder Henry zuging.
„Sie sind die Künstlerin?“, hatte er freundlich gefragt, als sie genickt hatte, hatte er ihr die Hand zur Begrüßung gereicht.
„Mein Name ist Dr. Hannibal Lecter.“ Er hatte auch ihrem Bruder die Hand gereicht.
„Was für ein Doktor sind Sie denn, wenn man fragen darf?“, hatte ihr Bruder so barsch und unfreundlich nachgefragt, dass ihr ein Schauer über den Rücken gelaufen war und sie am liebsten geleugnet hätte, mit diesem Menschen verwandt zu sein.
„Ich bin Psychiater“, hatte er ihrem Bruder kurz angebunden geantwortet, auch ihm hatte Henrys dreiste Art scheinbar nicht gefallen. „Und wenn ich das sagen darf, Ihre Gemälde sind wundervoll. Ich würde gerne eines von ihnen erwerben.“ Lecter hatte sich beim Sprechen direkt an sie gewandt, es war deutlich gewesen, dass er kein weiteres Interesse daran hatte, das Gespräch mit Henry zu teilen, doch er tat dies auf so subtile Art, dass es Henry vermutlich nicht aufgefallen war.
„Oh, das freut mich sehr. Wissen Sie, ich male und verkaufe um mein Studium gut finanzieren zu können“, hatte sie erfreut geantwortet. Ihr Herz machte jedes Mal einen winzigen Hüpfer, wenn sie positive Kritik zu Ohren bekam.
„Als ob du das so nötig hättest, genug Geld haben wir“, hatte ihr Bruder abfällig geschnaubt. Er hatte es schrecklich gefunden, anstelle ihres Vaters mit auf die Ausstellung kommen zu müssen. Kunst langweilte ihn und ihre Kunst umso mehr, wie alles was mit ihr zu tun hatte und nicht mit ihm. Außerdem wollte Henry sich, im Gegensatz zu ihr, keine Unabhängigkeit vom Geld ihrer Eltern schaffen, er schätzte das bequeme Leben ohne Geldsorgen.
„Aber ich kann Ihre Intention verstehen, dass Sie es sich sicherlich lieber selber erarbeiten möchten und Eigenständigkeit zu erlangen. Oder nicht?“, hatte Lecter sie gefragt. Sie hatte nur genickt, denn ihr Bruder hatte etwas die Augen verdreht, um damit deutlich seinen Unmut kundzutun. Unruhe hatte sich langsam aber sicher in ihrem Körper ausgebreitet.
„Aber wenn Sie Psychiater sind, können Sie meine Schwester gerne in Therapie aufnehmen, das hätte sie nötig.“, hatte ihr Bruder weiter gestachelt und sein bestes gegeben, um das Gespräch noch unangenehmer zu machen. Lecters Blick hatte Bände gesprochen und sie hatte ihre Augen geschlossen und nur leise gemurmelt: „Henry, bitte...“

Später war Lecter nocheinmal auf die junge Frau zugekommen, als ihr Bruder außer Sicht und Hörweite gewesen war.
„Ich werde Ihnen einfach meine Karte geben und Sie geben mir Ihre. So können wir auf jeden Fall die Geschäfte bezüglich des Gemäldes regeln. Anderes...“, er zögerte, „...können wir auch gerne besprechen.“

Den Entschluss, eine Therapie zu beginnen, hatte sie erst getroffen, nachdem es Mutter immer schlechter ging. Sie hielt es nicht mehr aus, ihre Einbildungen, die schwarzen Monster, ließen sie nicht mehr Schlafen und vor allem auch nicht mehr tagsüber in Ruhe. Dem Druck in der Universität konnte sie nicht mehr standhalten, ihre letzten Klausuren waren schlecht gewesen. So kurz vor ihrem Abschluss wollte sie ihren Notenschnitt nicht verderben. Die Prüfung für den Master konnte sie ebenfalls vergessen, so lange sie unter Panikzuständen litt und von ihrer Kunst alleine konnte sie noch nicht leben. Sie wollte so schnell wie möglich aus ihrem Umfeld heraus, doch sie hatte Skrupel sich dafür am Geld ihrer Eltern zu vergreifen.Außerdem stand es in den Sternen, ob sie überhaupt einen Umzug organisieren können oder sich ihrem Bruder stellen würde. Schlussendlich, nach weiteren schlaflosen Nächten, die aus Abwägen von Vorteilen und Nachteilen bestanden hatten, hatte sie Kontakt mit Doktor Lecter aufgenommen. Sie hatte ihm in Kurzform die Symptome geschildert, in der Hoffnung er könne sie an jemanden weiterleiten, der sich damit auskannte. Als er ihr schließlich mitgeteilt hatte, er selbst würde gerne selbst ihre Therapie übernehmen, hatte sie gezögert. Viele ihrer Probleme hatten mit Vertrauensproblemen zu tun, vor allem gegenüber Männern. Doch ohne Lecters Einwirken hatte sie schließlich selbst den nüchternen Entschluss gefasst, der Therapie mit ihm eine Chance zu geben, da sie, sollte es nicht funktionieren, wie sie es sich vorstellte, noch immer um eine Überweisung zu einem Kollegen bitten konnte. Ein paar Tage später hatte sie Lecter von ihrem Entschluss in Kenntnis gesetzt und auch einen Termin für ihre erste Sitzung vereinbart.

Hier war sie nun, im Wartezimmer. Mit dem weißen Teppichboden, der Wellen Schlug als sie darauf sah. Gerade als sie ihre Füße heben wollte, aus Angst, sie könnte vom flüssigen Teppich verschlungen werden, öffnete sich die Tür neben der Couch.
„Es tut mir leid, dass Sie noch warten mussten, doch ich hatte noch etwas vorzubereiten. Sie können jetzt mithereinkommen, Miss Thompson“, bat Dr. Lecter sie. Sie erhob sich langsam, immer noch ein bisschen weggetreten, weil sie aus der Halluzination gerissen worden war, riss sich aber schnell zusammen. Lecter reichte ihr die Hand und sie nahm sie entgegen und spürte einen bestimmten aber dennoch sanften Händedruck. „Guten Tag“, antworte sie, da ihr eingefallen war, dass sie ihn noch nicht begrüßt hatte. Er machte eine einladende Bewegung mit den Armen in sein Behandlungszimmer, sie betrat es und er folgte ihr.
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