Eddie Angsthorn - Göttin in der Nacht

GeschichteAllgemein / P16
25.01.2015
25.01.2015
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Nervös blicke ich auf die Uhr. Noch sieben Minuten, bis meine Show beginnt. Dave schließt den Reißverschluss meines Abendkleides, während ich angespannt meine Zigarette zwischen den Fingern drehe. Normalerweise rauche ich nicht, weil ich der Meinung bin, dass Rauchen nichts weiter als eine ungesunde und zum Teil auch Zeit raubende Angewohnheit ist. Aber seit ich eine bekannte Sängerin bin, habe ich es mir dummerweise angewöhnt, vor einem Auftritt eine Zigarette zu rauchen. Dave setzt mir mein silbernes Diadem auf. Wir reden kein Wort, da er immer meint, ich müsse vor Auftritten meine Stimme schonen. Ich lächle. Er lächelt zurück, während er mein Kleid noch etwas zurechtrückt. Angespannt warten wir darauf, dass Harry uns das Zeichen für meinen Einsatz gibt.
Zugegeben, als ich damals dieses Angebot angenommen habe, hätte ich nicht einmal im Traum daran gedacht, dass ich jemals auf einer Bühne stehen und singen würde. Zwar ist es schon immer ein großer Traum von mir gewesen, einmal ein Star zu sein, aber ich hätte nie damit gerecht, dass dieser Traum eines Tages Wirklichkeit werden würde. Deshalb war ich anfangs auch sehr skeptisch, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war, Harrys Angebot anzunehmen. Ich erinnere mich noch an meinen allerersten Auftritt. Damals war ich so nervös wie noch niemals zuvor in meinem Leben. Ich glaube, nicht einmal bei meiner Abschlussarbeit am College war ich so aufgeregt wie an jenem Abend. Nicht nur, dass ich große Zweifel daran hatte, dass den Leuten meine Show tatsächlich gefallen würde. Ich hatte auch Angst, dass das Publikum meinen Aufzug nicht mögen würde. Ich erinnere mich genau: Ich trug ein langes, dunkelblaues Abendkleid, hochhackige Schuhe, ein saphirbesetztes Collier mit den dazugehörenden Ohrringen und auf dem Kopf ein Diadem in Form eines Halbmondes. Wenn man nicht genau gewusst hätte, dass ich das bin, hätte man mich glatt mit der römischen Mondgöttin Luna verwechseln können. Vor allem und gerade wegen dieses Outfits hatte ich ein bisschen Angst, dass man mich auslachen oder gar verspotten könnte. Zwar wusste ich, dass die meisten im Publikum Kenntnis von meiner transsexuellen Neigung hatten und eigentlich genau auf so ein Outfit warteten, aber trotzdem war mir etwas flau im Magen. Dazu kam noch die Tatsache, dass ich in meinem Programm einige schwierige Nummern hatte, zum Beispiel Lloyd Webbers „Phantom Of The Opera“, von denen ich nicht wusste, ob sie beim Publikum ankommen würden. Ob ich Lampenfieber hatte? Nein. Das wäre noch zu milde ausgedrückt. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes ein zitterndes Nervenbündel. Ich erinnere mich noch, wie Dave mich noch einmal umarmte und mir zuflüsterte: „Du schaffst das, meine Süße“. Es hat mich ein bisschen beruhigt, dass zumindest einer von uns an mich glaubte. Schließlich kam der Moment, vor dem ich mich so gefürchtet hatte: Der Schritt ins Scheinwerferlicht. Auf der Bühne wurde es schlagartig dunkel, nur ein einziger Scheinwerfer, der auf mich gerichtet war, erhellte das Lokal. Ich war wie erstarrt und stand regungslos da, bis die Band schließlich anfing, das Intro des ersten Liedes zu spielen - „Got So Used To Loving You“ von Bonnie Tyler. Mein ganzer Körper zitterte, als ich zur ersten Strophe ansetzte. Es war ungewohnt, die eigene Stimme durch die Lautsprecher zu hören. Es klang so fremd, so eigenartig.
Im Publikum regte sich nichts, kein einziger Ton war zu hören. Mein Herz fing an, schneller zu schlagen. Ich dachte, dass die ersten jeden Moment damit beginnen würden, mich auszulachen. Stattdessen fing das gesamte Publikum wie auf Kommando plötzlich an, mitzuklatschen. Ich atmete erleichtert auf. Als ich den Song beendet hatte, brach tosender Applaus und Jubel aus. Damit hatte ich damals wirklich nicht gerechnet. Sicher hatte ich in Erwägung gezogen, dass die ein oder anderen vielleicht applaudieren würden. Aber dass die Menge bereits beim ersten Song derartig ausflippen würde, war regelrecht ein Schock für mich. Im positiven Sinne versteht sich.
Mittlerweile bin ich es gewöhnt, dass alle mich mit Zurufen und Jubel regelrecht überschütten. Es ist natürlich nach wie vor eine große Ehre für mich, von allen bejubelt zu werden, keine Frage. Aber drei wesentliche Dinge haben sich im Gegensatz zu meinem ersten Auftritt verändert. Erstens habe ich nun keinerlei Bedenken mehr, dem Publikum im femininen Look gegenüberzutreten. Egal, ob ein elegantes Abendgewand oder ein sexy Cocktailkleid – ich trage einfach das, was mir gefällt. Zweitens habe ich nun auch den Mut, mit den Leuten zu reden und meinen Wortschatz nicht nur auf ein scheues „Danke“ nach jedem Applaus zu beschränken. Und drittens habe ich mir nun auch die Freiheit genommen, mein Programm nach meinen eigenen Wünschen und Vorstellungen zu gestalten. Bei meinen ersten Shows ließ ich Dave die Songs für meine Shows auswählen. Mittlerweile entscheide ich selbst darüber, welcher Song ins Programm kommt und welcher nicht. Darüber hinaus lasse ich es mir nicht nehmen, mein Repertoire am laufenden Band zu erweitern. Zu Anfang habe ich nur schnelle, tanzbare Schlager- oder Popsongs gespielt. Inzwischen traue ich mich auch an ruhige und manchmal traurige Balladen wie zum Beispiel „Angels“ von Robbie Williams. Hin und wieder singe ich auch Nummern aus verschiedenen Musicals. Kurz gesagt: Ich singe einfach das, was mir gefällt. Und wenn ich es schaffe, damit auch mein Publikum zu begeistern, ist das natürlich umso schöner.
Ich möchte bei weitem nicht sagen, dass ich ein gefeierter Weltstar bin. Aber ich kann mit Stolz behaupten, dass ich mittlerweile so etwas wie einen „Fanclub“ habe, der mich bei jedem meiner Auftritte unterstützt. Dafür bin ich mehr als dankbar, denn nur durch mein Publikum finde ich den Mut, mich auf die Bühne zu stellen und meine Lieder zu singen. Gewiss, ein Weltstar werde ich bestimmt nie. Aber es reicht mir schon, dass ich mir zumindest in Balsa mittlerweile einen Namen gemacht habe. Auch das habe ich nur meinem Publikum zu verdanken, das mich seit meinem ersten Auftritt immer anfeuert und mir Mut gibt. Denn ohne ein Publikum ist ein Künstler wie eine Pflanze ohne Wasser. Nichts.
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