Plötzlich Prinzessin

von Tokisaki
GeschichteRomanze, Fantasy / P12
Ashallayn "Ash" Darkmyr Tallyn Grimalkin Robin "Puck" Goodfellow
24.01.2015
04.02.2015
8
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1. Saralynn

Mein Wecker klingelt und ich reiße abrupt die Augen auf.
Ich hatte noch nie einen tiefen Schlaf.
Ich greife blind nach meinem iPod, der so viel mehr taugt, als der alte Wecker, der auf meinem kleinen Holztischchen steht und schalte es an. Geblendet von dem hellen Licht, versuche ich mit zusammengekniffen Augen die Uhrzeit zu entziffern. 4:57. Ich seufze und sinke tief in mein Kissen. „Ich verstehe nicht, warum er so früh klingelt, ich stelle ihn doch immer auf sechs“, murmele ich vor mich hin. Es kostet mich meine ganze Lebenskraft, trotzdem aus dem Bett zu steigen.
Und für einen Moment fühlt sich alles so... normal an. Als wäre ich ein ganz normaler Teenager mit einem ganz normalen Leben. Mit Freunden, einem heißen Quarterback als Freund, langen blonden Haaren und einem strahlendem Lächeln.
Und dann kommen die Erinnerungen an Tage, die mir vorkommen als wären sie alle gestern gewesen. Als hätten sich 16 Jahre in einen einzigen Tag gequetscht, weil sie nicht vergessen werden wollen. Weil mich jede Beleidigung und jede Erniedrigung daran erinnern soll, dass ich es nicht wert bin.
Für die anderen bin ich sonderbar.
Ich sehe so komisch aus, mit meinen rabenschwarzen Haaren und den Augen, die an Eiskristalle erinnern, sagen sie.
Meine Haut, die so weiß ist wie der Schnee, lässt mich aussehen wie eine Leiche, sagen sie.
Vielleicht haben sie Recht.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie Recht haben.
Hätte ich mich nicht schon lange damit abgefunden, wäre ich explodiert.
Zersprungen.
Wie Glas.
Einfach so.
Es klopft leise an meiner Tür und ich merke erst jetzt, dass ich immer noch mitten in meinem Zimmer stehe.
Ich öffne die Tür, draußen steht Mum. Sie lächelt zaghaft, liebevoll, mütterlich aber ihre Augen verraten sie. Ich spreche hauptsächlich mit ihrem Blick, weil er das einzige an ihr ist, was nicht lügt. Nur, um mich nicht zu verletzen. Nur, um eine gute Mutter zu sein.
„Was gibt’s?“, frage ich sie tonlos und mein Blick wandert sofort zu ihren giftgrünen Augen.
Sie lügt schon, bevor sie den Mund aufmacht.
„Du gehst heute nicht in die Schule!“, sie strahlt über das ganze Gesicht wie ein 3 Jähriger und ich muss unwillkürlich an meinen Bruder Ted denken. Er hat genau die gleichen Augen wie Mum. Giftgrün, so stechend und lebendig. Seine Haare sind dünn, stets zerwuschelt und strohblond, genau wie Mums Haar es ist. Ich bin neidisch auf die Beiden. Ich habe gar nichts von ihnen. Keine einzige Ähnlichkeit. Im Kontrast zu ihnen sehe ich aus, wie das vergessene Kind. Dunkel und traurig und so unsichtbar.
Mum findet es lustig, mich Adoptivkind zu nennen.
Ich verschränke die Arme und verlagere mein Gewicht auf das linke Bein. „Warum?“
Ich versuche mein Misstrauen gegenüber der Frau zu verbergen, die mich geboren und 16 Jahre aufgezogen hat, aber ich weiß, dass es mir nicht gelingt.
„Weil wir alle zusammen campen fahren!“
Na, toll.
Ich wäre lieber in der Schule.
„Jetzt guck doch nicht so. Das wird ganz toll!“, schmollt sie und ich muss mir auf die Zunge beißen, bis ich Blut schmecke, um ihr nicht die Tür vor der Nase zuzuknallen. „Pack schon mal das wichtigste für dich zusammen, ich wecke Ted, okay?“ Und damit ist sie verschwunden.
Inzwischen haben wir schon 05:30. Zeit ist kostbar, aber geht so schnell vorbei.
Ich schnappe mir meinen iPod, das auf meinem großen Holzbett liegt und die dazugehörigen Kopfhörer. Aus dem Augenwinkel erhasche ich einen Blick in den Spiegel.
Ich versuche mich zu vergessen, wo ich kann, aber den Spiegel kann ich nicht meiden.
Ich bin eitel, obwohl ich mir das nicht einmal leisten kann.
Langsam trete ich an den großen Spiegel, der an meiner Wand hängt. Das Mädchen, was vor mir steht, ist mir fremd. Seine rabenschwarzen Haare sind in einem zu großen Kontrast zu seiner mit Schnee vergleichbaren Haut. Seine Wangen sind leicht gerötet und seine Wangenknochen so scharf und markant wie die eines Messers.
Seine Haare sind lang, glatt und seine Augen wirken fast weiß. Es ist klein und dünn und sieht so verloren aus.
Ich will das Mädchen aus dem Spiegel befreien, damit es weg rennen kann.
Ich schüttele mich. Mum meint, ich verliere mich zu schnell in meinen eigenen Gedanken. Konzentriert lasse ich meinen Blick über mein kleines Zimmer schweifen, auf der Suche nach einer Tasche, in der ich meine Dinge verstauen kann.
Leichtfüßig bewege ich mich auf mein großes Bücherregal zu, was fast mein ganzes Zimmer ausfüllt und lasse meine Finger über die vielen Buchrücken gleiten, die sich mir entgegenstrecken. Ich lese zu viel, beteuert Mum immer wieder. Sie legt sich richtig ins Zeug, wenn es darum geht, mir meine Privatsphäre zu stehlen.
Ein Paar Bücher ziehe ich aus dem Regal heraus. Die meisten Bücher habe ich schon hunderte Male gelesen, aber ich kann einfach nicht genug bekommen. Es ist schön, sich einfach mal einige Zeit mit den Problemen anderer Menschen zu beschäftigen, anstatt sich mit seinen eigenen zu quälen.
Für manche sind Bücher nur viele aneinandergereihte Buchstaben, die Worte ergeben. Ohne Zusammenhang und Sinn. Aber für mich ist das nicht so.
„Sara, kommst du bitte? Ted und ich warten schon!“, kreischt meine Mutter durch das Haus und ich verdrehe die Augen. Das iPod und die Kopfhörer stecke ich in die Tasche, dann öffne ich meine Tür und stolziere in die Richtung meiner Mum.
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Ich sitze im Auto und die Musik, die meine Kopfhörer ausspucken, bringen meine Ohren fast zum explodieren. Ich starre schon seit gefühlten Stunden aus dem Fenster und höre das Lied 'Dead' von der Band My Chemical Romance in Dauerschleife. Plötzlich spüre ich einen Druck auf dem Arm und zucke zusammen. Ich nehme die Kopfhörer ab und mir starrt ein nervtötend grinsender Ted entgegen. Ich seufze. „Was willst du, Ted?“, frage ich ihn genervt, was sein Grinsen nur noch breiter werden lässt. „Mami sagt, dass wir gleich da sind und du etwas mit mir spielen sollst“ Verzweifelt schieße ich ein Gebet der Erlösung in den Himmel, aber ich komme an einem Spiel mit meinem 5 Jährigen Bruder wohl nicht vorbei. „Na, schön“, gebe ich nach, „Was willst du spielen?“ „Hmm...“
Noch bevor er antworten kann, kommt der alte Käfer meiner Mutter ruckartig zum Stoppen. „Wir sind da!“; verkündet Mum fröhlich. Vor uns erstreckt sich ein großer, dunkler Wald, der so gar nicht in den Geschmack meiner Mutter passt und ich hebe eine Augenbraue. „Sicher, dass wir hier richtig sind?“
Mum wirft melodramatisch die Arme in die Höhe. „Du bist so ein Pessimist, Sara! Lass uns doch erst einmal aussteigen, bevor du allen die Luft vergiftest!“ Und mit diesen Worten schnallt sie sich ab und verlässt den Wagen. Ich tue es ihr gleich und versuche dabei so gut es geht das Aufblitzen von Rot in diesem Wald zu ignorieren.



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