Liebesbeweise

von Roheryn
KurzgeschichteRomanze, Familie / P12
Celegorm Curufin Feanor Finwe Maedhros Maglor
24.01.2015
24.01.2015
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Liebesbeweise
Oder

Von besserem Wissen und einer schweren Zeit



Disclaimer:  Mir gehören keine der auftauchenden Personen, kein Handlungsort. Dieser Text wurde nur aus Spaß an der Freude geschrieben. Mir ist bewusst, dass es sich bei Fanfiktions um eine rechtliche Grauzone handelt und der sogenannte Disclaimer nichts besser oder schlechter macht, aber der Vollständigkeit zuliebe steht er hier.

Rating: P12

Kurzbeschreibung: Auch wenn man sich sehr sicher ist, dass man eine Person, einen Bruder, gut kennt, kann er einen doch noch immer überraschen. Manchmal bricht das Verhalten aus dem gewohnten Muster aus und wirft mehrere Fragen auf, braucht die Person Hilfe und lässt sie diese zu?

Ein besonderes Dankeschön an:   Nairalin, die Fehler gejagt hat

Elbische Begriffe:
Ornatto [Qu.] = erhabener Vater (hier für Großvater)

Namen:
Nolofinwë = Fingolfin
Feanáro = Feanor
Nelyafinwë (Nelyo) Maitimo Russandol,  = Maedhros (Nelyafinwë bedeutet dritter Finwë)
Curufinwë (Curvo) Atarince = Curufin
Canafinwë (Cáno) Macalaurë = Maglor
Turcafinwë (Turco) Tyelcormo = Celegorm
Turucáno = Turgon
Findecáno = Fingon


Liebesbeweise
Oder

Von besserem Wissen und einer schweren Zeit


Macalaurë saß in seinem Fensterrahmen, wie er es gerne tat, sah verträumt hinaus. Dazu zupfte an den Saiten seiner Harfe, früher am Tag hatte er seinem Vater schon in der Werkstatt geholfen, doch nun hatte er Zeit für sich. Er genoss die frische Luft und die Tatsache, dass es ungewöhnlich ruhig war. Was wohl daran lag, dass Tyelcormo nicht im Haus war, damit war auch Huan weg. Da niemand Morifinwë ärgerte, tobte dieser auch nicht, sondern saß an einen Baum gelehnt im Garten und schien gegen seine Müdigkeit zu kämpfen. Macalaurë konnte von seinem Fenster aus erkennen, dass sein kleiner Bruder Stricknadeln in der Hand hatte, er vermutete, dass Moryo an neuen Socken für Tyelcormo strickte, aber sicher war er sich nicht. Die Handarbeiten waren Morifinwës Spezialität und jeder, der zu äußern wagte, dass es ein ungeeigneter Zeitvertreib für einen Noldo seines Standes war, machte sich mehr Feinde, als er vertrug. Moryo hatte immerhin sechs Brüder und sie hielten zueinander, besonders da ihr Vater ihnen den Wert einer heilen Familie gut vermittelt hatte.
    Feanáros zweitältester Sohn begann zu grübeln, wo seine anderen Familienmitglieder wohl waren. Er wusste, dass sein Vater bei Finwë im Raum war und vermutete stark, dass Curvo mitgegangen war, immerhin war es in der Schmiede still. Wo Maitimo war, wusste er nicht, aber ihm fiel ein, dass er seinen älteren Bruder eigentlich noch etwas fragen wollte. Canafinwë seufzte leise und hörte mit seinem Harfenspiel auf und kletterte wieder in das Zimmer hinein. Sein Instrument legte er liebevoll auf sein Bett und ging, noch immer baren Fußes, zur Tür. Er mochte zwar nicht genau wissen, wo sein ältester Bruder war, doch das konnte eigentlich nur bedeuten, dass er irgendwo im Palast oder dessen Nähe war.
    Zunächst schlenderte er zum Zimmer seines Bruders und dort sollte er ihn tatsächlich auch finden. Maitimo stand mit dem Rücken zum Eingang da und sah aus dem Fenster, so wie Macalaurë es nur wenig zuvor selbst getan hatte.  
    „Bruder? Störe ich…?“, grüßte er leise und wartete darauf, dass Maitimo sich zu ihm umdrehte, was er dann auch schnell tat. Fragend war der Blick, der Macalaurë zugeworfen wurde.
    „Nein, nein, Cáno, was kann ich dir Gutes tun?“, fragte der Rotschopf und trat vom Fenster weg.
    Doch mittlerweile war die Stille unnatürlich geworden und die beiden ältesten aus dem Hause Feanáro entschieden sich dazu, nach dem Rechten zu sehen.

~*~


Tyelcormo seufzte und war frustriert, er hatte mehrfach versucht seinen Bruder zu warnen, die Dame, in die er sich verliebt hatte, hielt er für schlecht für seinen Bruder. Die Nís wirkte falsch und doch liebte Curufinwë sie. Mittlerweile gab sich Tyelcormo geschlagen und er verlegte sich darauf, dass er seinem jüngeren Bruder helfen würde, damit er nicht länger unglücklich war. Zeitgleich würde er aber auch immer für den scheuen und schweigsamen Curufinwë da sein, falls er ihn benötigen würde.
    „Und du bist dir wirklich sicher, dass du sie und sonst niemanden möchtest?“, fragte er noch ein letztes Mal nach und sah, wie sein kleiner Bruder verliebt nickte. „Dann werde ich dir dabei helfen, ihr Herz zu erobern“, versprach Tyelcormo leise Es mochte ihm nicht behagen, aber was tat man nicht alles für das Glück des Bruders, außerdem hatte er bedeutend mehr Ahnung, was man machen konnte, damit man die Aufmerksamkeit einer Frau bekam. So gerne Tyelcormo seinen Bruder auch hatte, so wusste er doch, dass dieser keinen Sinn für Romantik hatte. Bei genauerer Betrachtung hatten Statuen wohl eine ausgeprägtere romantische Ader als sein Bruder, zumindest, wenn man Carnistir glaubte. Carnistir war der unangefochtene Experte, wenn es um die Empfindungen von unbelebten Dingen ging und die Tage, in denen man ihm keinen Glauben geschenkt hatte, waren auch lange vorbei.
    „Du, hilfst mir?“, Curufinwë klang nicht überzeugt und wusste nicht so recht, was er von diesem doch sehr plötzlichen Sinneswandel halten sollte, obwohl er nur zu gut wusste, dass er die Hilfe dringend benötigte. Auf einmal hatte er den Arm seines Bruders um seine Schultern liegen und die dunklen Augen blickten in seine eigenen.
    „Ich helfe dir, allerdings kann ich dir jetzt schon versprechen, dass du deine Scheu davor, zu sprechen überwinden musst. Wenn du deinen Mund nicht öffnest, dann ist es schwer, sie auf dich aufmerksam zu machen. Natürlich könnte ich mit ihr reden, aber davon hast du keinen Gewinn, was bringt es dir, wenn ich ihre Aufmerksamkeit habe?“ Tyelcormo  sagte diese Worte leicht hin, auch wenn er nur zu gut wusste, wie schwer es Curufinwë fiel, in der Öffentlichkeit etwas laut zu sagen. Zumeist sprach er selbst das aus, was Curvo auf der Zunge brannte, es war für sie beide einfacher. Er selbst stand durchaus gerne im Mittelpunkt, verstand von einigen handwerklichen Themen aber nicht annähernd genug.
    „Ich… weiß“, hauchte Curufinwë, dessen Unsicherheit deutlich zu hören war, es war nicht die Tatsache, dass er mit Tyelcormo sprach, sondern der Gedanke, dass er bald vor seiner Angebeteten etwas sagen musste, der diese Unsicherheit in seine Stimme brachte.

Lange saßen die beiden Brüder da, mit ihren Rücken gegen Huan gelehnt und aneinandergedrängt. Curufinwë wusste, was für eine große Ehre es war, dass Tyelcormo Huan in dieser Hinsicht mit ihm teilte. Was den großen Jagdhund anging, war Tyelcormo eigen, der Hund war für ihn beinahe wie ein eigenes Kind.
    „Und du glaubst wirklich, dass das eine gute Idee ist, Turco? Es erscheint mir doch… sehr… zweifelhaft.  Ich bin nicht Cáno, ich habe keine Singstimme und ich kenne doch kein einziges gutes Lied!“, äußerte Curufinwë seine Bedenken.
    „Glaubst du deinem großen Bruder nicht?!“, rief Tyelcormo gespielt beleidigt aus und beugte sich etwas von seinem Bruder weg.
    „Das kommt immer darauf an, welchem Bruder“, murmelte der Jüngere.
     „Ich bin beleidigt, immerhin bin ich dein liebster Bruder und zusätzlich dein Mund und dein Mut!“
    „Wohingegen ich oft dein Verstand bin, weswegen es nur natürlich ist, dass ich deinen Rat anzweifle. Ein Mund spricht, ein Verstand aber erdenkt die Pläne“, hielt Curufinwë dagegen, er machte sich in diesem Augenblick einen Spaß daraus, seinen Bruder ein wenig aufzuziehen, zudem half es ihm, die Anspannung zu verdrängen.
    Aus heiterem Himmel sprang Tyelcormo auf und bellte etwas, das nur Huan verstand. Ebenso plötzlich, wie sein Herr, erhob sich der große Hund, was zur Folge hatte, dass Curufinwë mit dem Rücken auf den Boden fiel, da er nicht so schnell reagieren konnte.
    „Ich weiß  was ich dir rate, ich habe es bereits in vielen Büchern gelesen und es hat immer das gewünschte Ergebnis als Folge“, versprach er dann aber und bot seinem kleinen Bruder versöhnlich die Hand an. Die Hand wurde ergriffen und Curufinwë wurde mühelos auf die Füße gezogen, nicht nur war Curufinwë um acht Pityarangwi kleiner, als Tyelcormo, auch war dieser aufgrund seiner vielen Jagden bedeutend stärker.
    „Will ich wissen, wo du das gelesen hast?“ Diese Frage konnte Curufinwë sich dennoch nicht verbeißen und sie wurde mit einem Lachen erwidert.
    „Wenn du darauf bestehst, kann ich dir die Bücher zeigen, wenn du sie allerdings unseren Geschwistern zeigst, hast du niemanden mehr, der dich bei unserer nächsten Wanderung vor den Spinnen rettet.“ Sie beide wussten, dass Curufinwë Spinnen fürchtete, als könnten sie ihm gefährlich werden, auch wenn dies nicht der Fall war. Curufinwë konnte nichts gegen diese beinahe panische Angst machen, weswegen er auf seinen silberblonden Bruder angewiesen war, besonders, da er nicht wollte, dass alle davon erfuhren. Alle schloss in diesem Zusammenhang, alle seine anderen Brüder und Verwandten ein, sonst würde das noch ausgenutzt werden und darauf konnte er wirklich sehr gerne verzichten.
    „Mach dir keine Sorgen, ich werde kein Wort verlauten lassen“, versprach er leise. „Und ich vertraue dir, du brauchst mir die Bücher nicht zeigen. Nur kann mir auch das größte Vertrauen in dich nicht die letzten Zweifel nehmen. Es ist nicht nur dein Plan, auf den es ankommt, sondern auch auf mich, ist es doch an mir, den Plan umzusetzen“, fügte er bedeutend leiser an.
    „Du wirst nicht scheitern, dass verspreche ich dir, Curvo und nun komm. Wir haben viele Vorbereitungen zu treffen!“, rief Tyelcormo aus und bedeutete auch Huan, dass er ihnen folgen sollte.

~*~


Ein Teil der Stille hatten Nelyafinwë und Macalaurë ausfindig gemacht. Carnistir lag tief und fest schlafend im Garten, scheinbar hatte er die letzte Leuchtzeit mit etwas anderem als dem Schlafen verbracht. Canafinwë schmunzelte breit, als er seinen jüngeren Bruder so daliegen sah. Nelyafinwë legte aber einen Finger an seine Lippen und schlich zu Moryo. Für jemanden von seiner Größe bewegte sich der Rotschopf sehr leise und es gelang ihm wirklich unbemerkt an den Jüngeren heranzukommen. Es war eindeutig die Übung, die seine Bewegungen so leise machte, dass nicht einmal Carnistir, der schon immer einen sehr leichten Schlaf gehabt hatte, erwachte. Als er direkt neben seinem kleinen Bruder war, hob Nelyafinwë dessen Nadelspiel auf und legte es ein paar Schritte entfernt hin, damit sich der Jüngere nicht versehentlich wehtat. Anschließend ging er wieder zu Macalaurë.
    „Lassen wir ihn schlafen, es scheint so, als würde er es brauchen“, murmelte der Ältere der beiden und legte seinem Bruder eine Hand auf den Rücken, um ihn weiter zu führen. Manchmal kam er sich ein klein wenig so vor, als wären seine Brüder und auch seine Vettern und Basen seine eigenen Kinder, doch wusste er nur zu genau, dass sie das nicht waren. Doch das hatte Nelyafinwë nie daran gehindert, nach ihnen allen zu sehen, dafür liebte er Kinder auch viel zu sehr. Das war etwas, was er direkt von seinem Ornatto zu haben schien. Finwë liebte Kinder über alles und es war kein Geheimnis. Viele in Alqualondë und einige Valmar munkelten, dass Feanáro nur aus diesem Grunde so viele Kinder hatte, damit er seinem Vater noch besser gefiel. Doch an diesen Worten war nichts Wahres und der Kronprinz der Noldor war ein weit besserer Vater, als sein Ruf vermuten ließ.
    „Es ist beinahe unheimlich, es wirkt, als wären alle fort“, murmelte Macalaurë und sein Bruder kam nicht umhin, ihm zuzustimmen, es war viel zu ruhig und für einen Moment fragte er sich, ob das ein Zufall sein konnte, oder ob es eingefädelt worden war, dass alle bis auf wenige Mitglieder ihrer Familie nicht im Palast waren. Arafinwë war mit seinen Kindern die Familie seiner Frau besuchen und mit ihm war seine jüngste Schwester Faniel gegangen, weil sie einmal wieder das Meer hatte sehen wollen. Findis lebte seit wenigen Wochen nicht mehr in Tirion, sie war zu ihrem Mann nach Valmar gezogen, auch wenn es gegen den Willen Finwës gewesen war, hatte sie sich nicht davon abhalten lassen. Es wäre leichter gewesen, sie dessen zu bezichtigen, dass genau der Unwille Finwës, sie gehen zu lassen, ihr Grund gewesen war, als sie vor diesen Aussagen in Schutz zu nehmen. Finvain, die für gewöhnlich auch im Palast wohnte war ebenfalls in Valmar, sie hatte ihre große Schwester besuchen wollen und ihre eigene Familie hatte sie begleitet.
    „Das sind sie auch, wenn wir von unseren Brüdern absehen, aber es ist noch immer ein so seltsamer Zufall, dass ich es nicht glauben kann. Wie kommt es, dass alle ganz plötzlich und ohne Zusammenhang nicht in Tirion sind? Es sieht ihnen nicht ähnlich… und es ist beinahe, als würde etwas nicht stimmen. Wann hat Ornatto zuletzt Nolvo nach Valmar zu Ingwë geschickt? Ich kann mich an keine Gelegenheit erinnern. Was mich vor allem stark verwundert ist, dass es Indis war, die ihn darum gebeten hat.“ Russandols Worte waren weniger für die Ohren seines Bruders bestimmt, als er laut dachte. Es kam ihm noch immer eigenartig vor, doch konnte er nicht sicher sagen, was das alles verursacht hatte, nur wusste er, dass ihm seine vielen Vettern fehlten.
    „Mich wundert vor allem eines, warum jetzt? Wir waren alle erst vor kurzem in Valmar, wegen Findis. Wenn etwas so wichtig ist, dass es nicht aufgeschoben werden kann, dann hätte sich Ornatto längst darum gekümmert und nicht nun unseren Onkel geschickt“, stimmte Macalaurë leise zu, es kam ihm doch alles sehr seltsam vor und er wusste nicht, was er daraus machen sollte.
    „Aber wir sollten lieber zusehen, dass wir unsere fehlenden Brüder finden, nicht, dass diese sich noch in die lange Liste der Fehlenden einreihen“, seufzte Maitimo leise. Ein anderer Vorteil davon wäre, dass er sich ablenken und nicht länger über Dinge nachgrübeln würde, in die er keinen Sinn bekommen konnte. Dafür aber entschied er, dass er sehr bald mit seinem Vater reden würde, um ihn nach Dingen, die ihm entgangen waren, zu fragen.
    „Da stimme ich dir zu“, sagte Macalaurë noch mit einem letzten Blick auf seinen schlafenden Bruder und fragte sich, ob Moryo etwas wusste, was ihnen entging. Der Viertgeborene in ihrer Familie war auf eine Weise feinfühlig, die einzigartig war.

~*~


Was Tyelcormo Vorbereitungen nannte, kam Curufinwë noch immer eigenartig vor. Nun stand er auf einer kleinen Lichtung, auf der viele Wildblumen wuchsen, und ihm wurde genau erklärt welche er pflücken sollte und welche nicht. Sicherlich wusste er, dass Blumen romantisch waren, wie nur wenige andere Dinge, doch selbst er, der er Tyelcormo besser kannte als ihre anderen Brüder, war doch über dessen Wissen überrascht. Er wusste zwar darum, dass Turco beinahe zu gerne jene Bücher las, in denen es nur darum ging, dass Ner und Nís zueinander fanden, doch trotzdem war noch Tyelcormo derjenige, der gerne mit den wilden Tieren rannte und sich oft besser mit ihnen als mit fremden Elben verstand. Obwohl Curufinwë seinem älteren Bruder zugestehen musste, dass er sich dennoch besser in der Öffentlichkeit machte als er selbst, was daran lag, dass Tyelcormo auch in einer Menge sicher war und die Aufmerksamkeit sogar genoss! Er konnte unbedachte Dinge sagen und von anderen Elben dafür verspottet oder verachtet werden und es war ihm gleichgültig. Diese Art von Größe fehlte Atarince und er wusste nicht einmal woran es wirklich lag, doch machten ihm Ansammlungen von Elben oder - noch schlimmer - fremden Elben, unsicher!
    „Pass auf, die Blumen haben scharfe Dornen, Curvo!“, warnte Tyelcormo, der seinen Bruder nur beobachtete und wartete, während dieser die richtigen Blumen pflückte.
    „Warum hilfst du mir nicht?!“, entfuhr es dem Jüngeren, nachdem er sich bereits mehrfach in die Finger gestochen hatte.
    „Ich mache bereits mehr, als ich mit meinem Gewissen vereinbaren kann, Bruder. Und vergiss‘ nicht, du bist es, der die Nís beeindrucken möchte, nicht ich. Du weißt auch, was ich von ihr halte, dass sie niemals zuverlässig an deiner Seite stehen wird. Aber du hast meine Warnungen bislang immer in den Wind geschlagen und wirst es weiterhin tun. Du bist verliebt und kannst die Wahrheit nicht mehr sehen und ich bin nun gezwungen etwas zu tun, von dem ich nicht weiß, ob es dich auf lange Sicht nicht weit unglücklicher macht als alles andere. Aber genug davon, ich habe eingewilligt, werde ihr aber nicht die Blumen pflücken, mit denen du ihr den Hof machst. Zum einen kann ich es nicht und zum anderen und das wird auch für dich bedeutend sein, sollten diese Blumen von dir kommen. Weil du ihr Herz gewinnen möchtest und nicht ich“, sagte Tyelcormo und war dabei eindeutig verstimmt. Doch einmal mehr achtete sein Bruder nicht auf die Warnung, dafür aber sah er ein, dass es besser war, wenn er die Blumen sammelte, auch wenn er sich die Hände schlimmer zurichtete als es die Arbeiten in der Werkstatt seines Vaters je vermocht hatten.
    „Aber… bei dem Lied bekomme ich deine Hilfe, Turco?“, fragte Curufinwë nach einer ganzen Weile und hielt inne, um zu seinem Bruder zu sehen, dieser nickte langsam und er konnte sehen, was es ihm abverlangte.
    „Ja, auch wenn ich sicher kein Meister auf dem Gebiet bin, ist es doch besser, als wenn du dich versuchst. Du bist wie Atto, viel zu technisch und siehst auch die Sprache nur als Theorem, dabei ist sie etwas lebendiges, wie… wie du und ich lebendig sind“, murmelte Tyelcormo nachdenklich und sah stur an seinem Bruder vorbei. Einmal mehr hatte er ein ungutes Gefühl, doch schob er es beiseite, er hatte eingewilligt zu helfen und das würde er nun tun. Er stand zu seinem Wort, wann immer er es auch gab.

~*~


„Wo können sie noch sein?“, fragte Macalaurë, der der Suche langsam überdrüssig wurde.
    „Abgesehen von Oromës Wäldern, Valmar und Alqualondë meinst du? Ich weiß es nicht mehr, Cáno“, antwortete Russandol ruhig und ließ seinen Blick schweifen. Sie hatten die gesamte Stadt bereits abgesucht und auch waren sie einmal um sie herumgegangen, in der Hoffnung ihre Brüder zu finden. In der Zwischenzeit war es immer später geworden und es blieb ihnen nicht mehr viel Zeit, sie zu finden, ehe es das gemeinsame Spätessen geben würde, kurz bevor das Zwielicht der Bäume erscheinen würde. „Ich hoffe nur, dass sie die Zeit nicht vergessen haben, Atto wird außer sich sein, wenn sie und wir nicht zum Essen erscheinen“, seufzte er dann noch.
    Neben ihm hatte Macalaurë seinen Mund eben geöffnet, doch statt seiner Worte hörten sie beide etwas anderes und ihre Blicke gingen schlagartig in die Richtung, aus der die Geräusche kamen.
    Es waren weniger Geräusche, als ein Lied, das gesungen wurde, schlecht gesungen, wenn man Macalaurë fragte.

„Die alte Furcht in mir,

verblasst in diesem Falle hier.

Für deines Antlitzes Sicht,

stell ich mich jedem Gericht.“



   Die Brüder sahen einander an, sie kannten diese Stimme! Nur… nicht so, wie sie nun klang. Konnte es wirklich sein, dass Curufinwë hier irgendwo in ihrer Nähe sang? Wenn ja, wo war er und warum? Normalerweise konnten sie sich auf den Kopf stellen, nur davon sang Curufinwë Atarince auch nicht. Doch die Stimme war unverkennbar. Die beiden Älteren machten sich eilig auf die Suche, sie machten sich Sorgen, dass etwas nicht stimmte. Nelyafinwë kam nicht umher sich zu fragen, wer es wohl vermochte, Curufinwë zu etwas zu zwingen. Viele Leute konnte es da nicht geben, sein Ruf und auch seine Familie hatten sich in dieser Hinsicht immer als wirksame Schutzmechanismen erwiesen. Die wenigstens wagten es, das Haus Finwë zu etwas zu zwingen, was es nicht wollte.
    „Was tut er?“, zischte Macalaurë entsetzt und wünschte sich, dass er Watte hatte, die er sich in die Ohren tun könnte. Der Gesang war grauenhaft, die Töne waren schief und Curufinwës markante Stimme schmeichelte der Melodie auch nicht. Die Melodie, Macalaurë schüttelte seinen Kopf, es war grausig zu sehen, was man aus einer seiner ersten Kompositionen machen konnte, er erkannte sie kaum wieder, so entstellt war sie.
    „Singen“, erwiderte Nelyafinwë trocken und sah sich um, noch immer hatte er die Stelle, an der sein Bruder war nicht entdeckt, dabei konnte er nicht weit weg sein, es war nicht möglich, dass die Stimme soweit über das Land klang.

In deiner hellen Augen Schein

Will ich gern auf ewig sein

Deiner hellen Stimme Klang

Ist wonach es mir verlangt.


Curufinwë sang die nächste Strophe, dabei hatte er seine Augen geschlossen und redete sich ein, dass er ganz alleine war. Er wusste nicht recht, wie es dazu hatte kommen können, doch nun saß er in einer Birke, deren Laub ihn zumindest notdürftig verbarg und sang. Er sang ein Liebeslied, welches ihm sein Bruder gedichtet hatte, zu einer Melodie, die sich sein anderer Bruder erdacht hatte. Doch das war nicht alles, nur wenige Rangwi von seinem Baum entfernt war Tínime, seine Angebetete. Er wusste nicht, woher Tyelcormo gewusst hatte, dass sie hier war, doch war er froh darüber. Zeitgleich pochte sein Herz aber fürchterlich schnell und er wusste nicht, ob es nicht besser wäre, wenn er nun verschwinden könnte.
    Was wenn seine Angebetete ihn nun hassen würde? Oder ihn nicht bemerkte? Er verdrängte den Gedanken und erlaubte sich nur an die nächste Strophe und die Melodie zu denken. Er durfte jetzt keinen Fehler machen.

Bei dir zu sein, das ist mein Ziel,

und keine Mühe ist mir zu viel.

Mein Herze flatternd wie eines Vogels wilde Schwingen,

Will ich dir von meiner Liebe zu dir singen.


Nun nahm Curufinwë all seinen Mut zusammen und öffnete seine Augen, er sah hinab auf den Boden, wo Tínime stand und tatsächlich zu ihm blickte! Sie hatte ihn also bemerkt! Für einen Moment kam er ins Stocken, zu gefesselt war er von ihren Augen, die von einem hellen Grau waren. Ihr Blick zeigte keine Verachtung, nur Überraschung. Erleichterung durchflutete ihn und er öffnete seinen Mund einmal mehr, um mit der nächsten Strophe anzusetzen. In diesem Moment brauchte er das Wissen, dass Tyelcormo nicht weit entfernt verborgen war nicht, um den Mut für mehr zu haben, es ging auch so. Ihr Blick war Bestätigung genug.

Stund‘ um Stund‘ will ich zu dir,

komme mir ansonsten vor wie ein wildes Tier…


    „CURVO?!“, der donnernde Ruf der seinen Gesang zerriss, erschreckte ihn sehr, der restliche Text entfiel ihm. Doch war Curufinwë geistesgegenwärtig genug, um seinen Griff um die Äste zu verstärken, damit verhinderte er, dass er aus dem Baum fiel. Überall hätte er diese Stimme erkannt, sie war wie die ihres Großvaters und auch wieder nicht, es war sein ältester Bruder, der nach ihm gerufen hatte. Doch was machte dieser hier?
    Plötzlich durchfuhr Curufinwë etwas anderes, was war, wenn sein Bruder das Lied gehört hatte? Und das war beinahe sicher, es konnte nicht sein. Dazu wurde er nun vor seiner Angebeteten bloßgestellt, das durfte alles nicht wahr sein! Curufinwë gab keine Antwort, sondern wartete ab, wollte sich am liebsten verstecken, doch noch höher traute er sich nicht in den Baum, er gehörte nicht zu jenen, die besonders gut zu klettern vermochten. Er verharrte und hoffte, dass Russandol ihn nicht entdecken würde. Er mochte nicht daran glauben, aber Hoffnung bestand dennoch, wenn auch keine große.
 
Nelyafinwë legte seinen Kopf in den Nacken und sah sich weiterhin um, er hatte die Stimme schon recht genau orten können und wusste nicht, was er davon halten sollte, dass sie aus einem Baum kam, einem Baum!  Von allen Orten, an denen sich ein Elb verstecken konnte, sollte es ein Baum sein, auf dem Curufinwë saß? Es wirkte auf mehr als nur einer Ebene falsch.
    „Meinst du, unser Bruder hat sich an den Weinvorräten für die großen Feierlichkeiten bedient?“, wurde Nelyafinwë von Canafinwë gefragt und er musste sich eingestehen, dass er keine bessere Erklärung hatte. Zeitgleich schien es ihm aber unwahrscheinlich, es sah Curufinwë nicht ähnlich, zu gerne hatte er die Kontrolle über sich und alles in seiner Umgebung. Doch dass er sie in diesem Moment nicht hatte, war nicht zu leugnen, unter Kontrolle mochten viele Dinge fallen, aber ein grauenhaftes Lied aus einem Baum heraus zu singen gehörte nicht dazu.
 Dann aber bemerkte Nelyafinwë eine junge Nís, die unweit des Baumes auf der Straße stand und gebannt hinauf sah. „Ich denke, ich habe gefunden, was Curvo besessen hat“, sagte Nelyafinwë halblaut und schüttelte seinen Kopf, als er bemerkte, dass Canafinwë ihm nicht folgen konnte. Er entschloss sich aber dazu, es nicht weiter zu erläutern, sondern dafür zu sorgen, dass sein kleinster Bruder wieder festen Boden unter die Füße bekam. „Nicht so wichtig, aber such' bitte nach Turco, ich bin mir sicher, dass er nicht weit weg ist. Erinnere ihn daran, dass wir nicht mehr viel Zeit haben, Telperions Licht ist bald nicht mehr alleine.“ Was er ungesagt ließ, war die Erinnerung, an die streng geregelten Zeiten, die in Finwës Haushalt galten und sich auch dann fortsetzten, wenn sie nicht im Palast waren, sofern ihr Ornatto anwesend war. Früher hatten sie es immer darauf geschoben, dass Finwë Noldóran, als König, einen sehr engen Tagesablauf hatte, mittlerweile vermuteten sie mehr dahinter.
   „Das werde ich machen, Russandol“, erwiderte der Jüngere und ihre Wege trennten sich vorerst.

Curufinwë, der in seinem Baum saß, hatte nicht hören können, was seine großen Brüder gesagt hatten, doch konnte er sich denken, dass es um ihn gegangen war. Erneut wünschte er sich, er könnte seinen Körper einfach auflösen, so wie es die Ainur vermochten, doch das war eine Fähigkeit, die den Eldar nicht gegeben war. Als er sah, wie sein rothaariger Bruder immer näher kam, kletterte er langsam den Baum hinunter und versuchte das wenige an Würde, was ihm noch geblieben war, zu wahren. Er konnte nicht mehr machen, als zu versuchen den Schaden einzudämmen, der bereits angerichtet war.
    „Curvo?“, hörte er die vertraute Stimme und spürte zeitgleich den Blick auf sich ruhen.
    „Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du mir noch einen Augenblick gibst, dann stehe ich neben dir und wir können besser reden“, erwiderte er so ruhig, wie es ihm möglich war und richtete sich zu seiner vollen Größe auf, als er neben seinem ältesten Bruder stand. Es half nicht wirklich, Nelyafinwë überragte ihn noch immer  und das deutlich, doch es gab kaum jemand, den der Rotschopf nicht überragte und er wirkte auch größer als Turucáno, obwohl dieser eigentlich ein klein wenig größer war. Ornatto hatte die beiden einmal vermessen, weil er es leid gewesen war, dass Tyelcormo und Findecáno sich wegen der Frage stritten, wer nun den größten Bruder hatte.
    Was Curufinwë sich auch fragte war, ob es ihm gelang seine Gefühlsregungen, die Aufregung und Anspannung, wegen dem, was er eben getan hatte und auch die Verliebtheit, die er für Tínime empfang, verbergen konnte. Es war nicht leicht, etwas vor Nelyafinwë zu verbergen, er kannte sie alle zu gut.
    „Lass mich dir einen gut gemeinten Rat geben, von Bruder zu Bruder, Curvo. Wenn du jemanden beeindrucken möchtest, verwende deine Talente und nicht die Dinge, die dir nicht liegen.“
   Curufinwë senkte seinen Kopf leicht und beschämt, ehe er nickte und zu der Folgerung kam, dass es in diesem Falle wohl besser war, auf seinen ältesten Bruder zu hören. Immerhin hatte dieser ihm schon oft genug erzählt, wie ungeschickt sich Nolofinwë angestellt hatte, als er versucht hatte um seine Frau zu werben. Damals hatte er über seinen halben Onkel gespottet, nun musste er aufpassen, dass er sich nicht lächerlicher machte.




PS: Dies war nun der fünfte Elb, der zum singen in den Baum durfte, was zu Curufin passt, immerhin ist er das fünfte Kind seiner Eltern
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