Nicht nur Hexen können zaubern!

von Yotsune
GeschichteDrama / P16
23.01.2015
27.04.2015
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Wochenlang saßen sie nun schon zuhause herum. Es hatte ewig keine Aufträge mehr gegeben und allmählich wurden Geld, Essen und Feuerholz tatsächlich knapp.
Zwar waren sie froh gewesen, endlich eine feste Bleibe zu haben - es war ein Haus am Rande einer kleinen Stadt, nahe dem Wald - aber jetzt fehlte ihnen das herum reisen doch sehr.
Viel mehr als jeden Tag den Wald nach Kräutern, Holz und ähnlich nützlichem zu durchforsten konnten sie nicht mehr tun, auch das Training war enorm eintönig geworden und die Waffen regelmäßig zu säubern war schon immer langweilige Routine gewesen.
Wenigstens nahm der trostlose Winter allmählich ein Ende, die ersten Blumen und Vögel zeigten sich wieder. Das bedeutete allerdings auch, dass mehr Insekten kamen... Wieder etwas Negatives.
Selbst der sonst so motivierte und enthusiastische Ben blies Trübsal. Ein deprimierender Anblick...
Eduard, der Troll war sowieso immer grimmig. Er grummelte gelangweilt vor sich hin, wollte etwas tun, wusste aber nicht was.
Alles in allem war im Moment rein gar nichts los und alle hatten schlechte Laune.

Besonders Hänsel.
Er war sowieso schon ziemlich impulsiv und leicht reizbar, aber jetzt, wo er nicht ansatzweise ausgelastet und gefordert war ging ihm so ziemlich alles und jeder deutlich gegen den Strich.
Ständig stritt er mit Ben und knurrte mit Eduard um die Wette. Auch seine Schwester behandelte er alles andere als freundlich.
So war es auch an einem der Tage, an dem er und Ben von Gretel dazu verdonnert wurden, die Waffen instand zu halten.
Nach ein wenig Gekeife mit der einzigen Frau im Team und dem "Schlusswort" von Eduard saßen die beiden nun in einem kleinen Raum an der Rückseite des Hauses und hantierten mit Tüchern, Wasser, Öl, Munition und den Pistolen, Schrotflinten und Armbrüsten herum.
"Hey, pass gefälligst auf!", fauchte Hänsel, als sein Kamerad einen Patronengürtel fallen ließ.
Er hasste Lärm beider Arbeit...
"Tschuldige...", murmelte Ben.
Und das hatte erneut ausgereicht, um als Auslöser für einen Konflikt zu dienen.
"Kannst du eigentlich noch was anderes außer tollpatschig sein und dich durchgehend entschuldigen?", der Ältere klang deutlich gereizt.
"Hey, ich bin auch Teil dieses Teams!", maulte Ben zurück.
"Ach, stimmt ja, du willst meine Schwester beeindrucken...!", zog Hänsel ihn auf.
"Sag mal, spinnst du?!", fuhr Ben ihn entrüstet an.
"Nein, ich spreche nur das aus, was du schon ewig tust..."
"Das ist völliger Blödsinn! Du weißt doch genau, dass ich hier bin, um Hexen zu jagen!"
"Weiße Hexen, hm?", damit war Gretel gemeint.
Jetzt war der Jüngere wütend, er schrie beinahe: "Verdammter Mistkerl! Hör auf solche Gerüchte zu verbreiten!!"
Hänsel nahm dieselbe Lautstärke auf: "Jetzt bin ich auch noch schuld?! Wer hat dir denn den in so ziemlich jedem unserer Kämpfe den Arsch gerettet, hm??"
Darauf kam er oft zurück. Das Schlimmste daran war, dass er Recht hatte.
Ben war wirklich oft in Gefahr gewesen, manchmal aus eigener Schuld, manchmal auch nicht, aber sein "Mentor" ritt ständig darauf herum.
Erst war es nur ein Scherz gewesen, aber jetzt neigte er oft zu Beleidigungen und beide fingen bei jeder Gelegenheit einen Streit an.
"RUHE!", unterbrach eine ziemlich aufgewühlte Stimme die Diskussion.
Gretel stand im Türrahmen, die Augen zu finsteren Schlitzen verengt, die beiden Männer taxierend. Man sah ihr mehr als deutlich an, dass sie ebenfalls ziemlich wütend zu sein schien.
"Wann hört ihr endlich mit diesem Kinderkram auf?! Ihr schafft es ja nicht einmal mehr eure Arbeit zu erledigen! Außerdem nervt euer Gekeife tierisch!"
Ein kurzer Moment der Stille folgte.
Ben wollte ihr nicht widersprechen und Hänsel wirkte ein wenig geschockt. Er kannte seine Schwester ganz anders...
Aber nach dem stillen Moment ließ er sich davon auch nicht aufhalten.
Er stand auf, legte die Waffe, an der er gearbeitet hatte beiseite und stapfte aus dem Raum, wobei er Gretel unsanft zur Seite schob.
Sie wollte ihm eigentlich noch etwas hinterher rufen, ließ es dann aber doch bleiben. Es würde jetzt eh nichts bringen. Sollte er doch gehen und seine Wut an Eduard oder irgendeinem unschuldigen Gebüsch auslassen.
Danach war er hoffentlich müde.

"Alles okay...?", fragte die Jägerin dann ihren Schützling, der noch immer etwas benommen da saß.
"Denke schon...", sagte er und senkte den Blick.
Er fühlte sich, als hätte er eine Backpfeife mit dem Schlagring kassiert.
Gretel seufzte: "Tut mir leid, dass du das alles ertragen musst."
Ben nickte nur stumm, war ein wenig erstaunt darüber, dass sie plötzlich so viel Mitgefühl für ihn übrig hatte.
Wenn ihr Bruder das sah... Dann würde er ihn womöglich einen Kopf - oder zwei - kürzer machen.
Aber gerade, als der Junge dachte, es ginge um ihn, begann Gretel ihren Bruder in Schutz zu nehmen und versuchte sein Verhalten zu rechtfertigen.
Es hieß dann, er sei nun mal störrisch und eigenwillig, brauchte Bewegung und hasste es ewig nichts tun zu können.
"Wie ein Pferd...", dachte Ben still.
Die Braunhaarige sah ihm an, dass er noch immer schlecht drauf war, daher sagte sie: "Wenn du willst kannst du ja erst einmal Pause machen... Hast du vielleicht Lust für uns Haferbrei zu machen?"
Jetzt grinsten sowohl sie, als auch Ben. Von der Geschichte wusste Hänsel noch nichts.
Wenigstens hatte die Jägerin es geschafft ihren Schützling aufzumuntern und obendrein bekam sie noch etwas Gutes zu essen!
Das war doch mal was.


Währenddessen streifte Hänsel durch den Wald. Seine Wut war nicht so einfach verflogen und er suchte eine Möglichkeit sie loszuwerden – beziehungsweise er suchte etwas auf das er einschlagen konnte, bis er keine Kraft mehr hatte.
Das tat er erstaunlich häufig, seit keine Aufträge mehr reinkamen.
Der Ruhm den sie in Augsburg geerntet hatten hatte sich wohl noch nicht so schnell verbreitet… Aber das war ja auch erst zwei Monate her und zu Beginn hatten sie die Pause wirklich genossen.
Sie hatten auch feststellen dürfen, dass es noch Leute gab, die glaubten ihre ganze Geschichte sei nur ein einziges Märchen…
Aber spätestens wenn denen eine Hexe in den Arsch kniff würden diese Hinterwäldler bemerken, was alles in der Welt vor sich ging.
Ja, es gab schon seltsame Dinge…

Während Hänsel nun so durch den Wald streifte – er rannte – kam Wind auf und die wenigen Blätter, die nicht schon im Herbst von den Bäumen gefallen waren kamen ihm nun entgegen. Die Luftzüge waren eisig und unangenehm auf seinem Gesicht und seinen Händen, dafür wehte sein Mantel hinter ihm her und unter seinen Füßen brachen die morschen Äste die am Boden lagen. Ein gutes Gefühl.
Zwar war es nur lebloses Holz, aber immerhin gab es unter ihm nach, war schwächer und hatte nicht die geringste Chance irgendetwas gegen ihn auszurichten.
Das war auch einer der Gründe, warum er nur bei der Jagd wirklich gute Laune hatte. Die Adrenalinstöße in seinem Körper und die Gier nach Rache und Gerechtigkeit – so nannte nur er es – bedeuteten für ihn, dass er jedes einzelne dieser Mistviecher verbrennen, erschießen, köpfen oder sonst wie bis zum Tode quälen würde, sobald sie ihm vor die Waffe liefen.
Er hatte schon oft die abgeschreckten und schockierten Reaktionen der Bürger kleiner und auch großer Städte auf seine Methoden gesehen und das einzige was diese davon abhielt ihn für die Grausamkeiten hinrichten zu lassen, die er alle Nase lang an den Hexen ausübte – sie wollten doch, dass er sie jagt! – waren die guten Worte seiner Schwester. Sie glaubte stets an das Gute und Rechte im Menschen oder in der Hexe.
Und genau diese Schwester hatte er heute erneut zur Weißglut getrieben… Im Nachhinein betrachtet sicherlich nicht die beste Idee, die er gehabt hatte, aber wenn man jeden Tag planlos und an Langweile sterbend mit denselben Leuten zusammen saß kam es nun einmal zu Spannungen. Oder Schlägereien…
Hänsel glaubte allmählich, dass Gretel in seine Spritzen nicht nur die Medizin sondern auch irgendein Aufputschmittel füllte… Aber er hatte in letzter Zeit kaum trainiert und war dementsprechend noch voll mit Energie, die er irgendwie loswerden musste.

So kam es, dass der Braunhaarige auf einen armen wehrlosen Baumstamm einschlug, bis er zerbrach. Dank der Lederhandschuhe waren seine Knöchel geschützt, ansonsten hätte er sich wohl die Haut von den Fingern geschabt.
Es ging ihm danach zwar schon ein wenig besser, aber immer noch nicht wirklich gut. Da sah er Eduard auf sich zukommen.
Der Troll stapfte mit großen schweren Schritten durch den Wald auf ihn zu.
„Kämpfen…!“, bestimmte er knurrend.
Hänsel legte den Kopf schief, setzte dann ein freches Grinsen auf und fragte: „Hat Gretel dich geschickt?“
Die Vermutung war nicht abwegig, seine Schwester tat das öfters, wenn das Training mit ihr und Ben ihm nicht reichte.
„Kämpfen!“, wiederholte Eduard nur.
„Na gut“, meinte der Jäger dann und griff direkt an.
Er trug keine Waffen – die lagen noch im Hinterzimmer des Hauses auf dem Tisch und warteten darauf gesäubert zu werden – also schlug er einfach mit bloßen Fäusten zu, so wie kurz zuvor auf den Baumstamm. Feuerholz.
Eduard war allerdings bedeutend härter, steckte mehr ein und schlug zurück!
Der erste Hieb des Trolls hätte beinahe getroffen, wäre Hänsel nicht zur Seite ausgewichen. Er rollte sich ab, stand dann wieder auf den Füßen und setzte zu einem Tritt an. Diesen konnte Eduard allerdings auch leicht abblocken, indem er den Fuß des Jägers packte und zur Seite zog, sodass Hänsel ein paar Meter über den Boden rutschte und schließlich gegen einen Baum flog.
Es krachte, aber das schien ihn nicht zu stören, er stand wieder auf, schüttelte kurz den Kopf, um wieder eine klare Sicht zu bekommen und rannte erneut auf seinen Gegner zu. Der nächste Schlag saß, er hatte Eduard voll erwischt und dieser taumelte zurück. Allerdings ging ihm das wohl ordentlich gegen den Strich, denn er knurrte laut, nahm Anlauf und versetzte seinem Gegenüber einen heftigen Schlag gegen die Brust, der ihn ein paar Meter fliegen ließ.
Diesmal war der Aufprall härter und Hänsel brauchte einige Zeit um wieder auf die Füße zu kommen. Er hustete und hob den Kopf, sah gerade noch wie Eduard erneut ausholte und duckte sich, sodass der Troll den Baum hinter ihm fällte.
Nach Luft schnappend stolperte er die ersten Schritte von Eduard weg, dann musste er auch schon dem nächsten Schlag ausweichen.
Wieder ging ein wehrloser Baum zu Boden – mehr Feuerholz.
Als Hänsel sich schließlich aufrichtete spürte er ein ziemlich unangenehmes Stechen in der Brust, genau dort, wo der Troll ihn erwischt hatte. Er hielt sich eine Hand an die Seite und wich den nächsten beiden Schlägen aus. Direkt danach trat er wieder zu, was allerdings als Folgefehler endete und dafür sorgte, dass er wieder ein paar Meter durch die Luft flog.
Bei der harten Landung blieb ihm für einen Moment die Luft weg.
Zu seinem Glück konnte er sich noch zur Seite rollen, ehe Eduards Fäuste auf den Boden eindroschen. Um ein Haar hätte er damit den Jäger platt gemacht und das hätte sicherlich mehr als eine angeknackste Rippe zur Folge gehabt.

Dieses Spiel ging noch etwa 10 Minuten weiter, dann hatte Eduard dem Jäger gezeigt, wer der Boss war und Hänsel hatte inzwischen auch keine Lust mehr wieder aufzustehen.
Zum Glück konnte der Troll seine Wut kontrollieren, brach den letzten Angriff ab und stapfte in normalem Tempo auf ihn zu.
Hänsel wollte erst etwas sagen, entschied sich aber dagegen, als Eduard ihn aufhob und sich über die Schulter warf.
Das Einzige was er rausbrachte war ein: „Agh!“
„Jetzt besser?“, grummelte der Troll.
Hänsel murrte nur.


„Na, wieder da?“, begrüßte Gretel ihren Bruder, der soeben von Eduard heruntergelassen wurde.
Sie hatte viel bessere Laune als zuvor und auch Ben hatte sich entspannt.
„Schlafen…“, murmelte Hänsel allerdings nur und schlurfte in das Schlafzimmer, wo er sich stöhnend auf sein Bett fallen ließ.
Ihm tat alles weh… Man sollte sich wohl doch nicht unbedingt mit Trollen anlegen. Das hatte er eigentlich auch gewusst, schließlich hatte er Eduard schon mehrere Male in Aktion erlebt – ganz schön brutal, dieser Riese – aber dennoch war er so in Rage gewesen, dass er dem Kampf zugestimmt hatte.
Aber wenigstens war für die Moment alles wieder gut.
Die Stimmung lag nicht mehr im Keller, Eduard könnte das Holz holen und Gretel hatte sicher noch irgendein Rezept zum Wundenheilen in Minas Buch finden können.

Mina…
Sie war gestorben, als sie versuchte sich an seiner Seite gegen Muriel aufzulehnen…
Er hatte oft darüber nachgedacht, ob es wirklich seine Schuld war, sie hatte sich schließlich selber dazu entschlossen, aber jedes Mal wenn er an ihren Tod zurück dachte schien es, als hätte er einen Schlag abbekommen.
Für einen Moment konnte er seine Gedanken nicht lösen und vergaß völlig, was um ihn herum geschah, dann schmerzte etwas in ihm…

Jedenfalls hatte Gretel danach ihr Buch mitgenommen, sie waren schließlich beide weiße Hexen. Sie hatte schon viele Mixturen und Sprüche ausprobiert, ihre Waffen verstärkt, Heilmittel zusammengebraut und noch so einiges dazu gelernt.
So blieb die Rothaarige ihm nun auch in Erinnerung. Intelligent und mutig, so wie Gretel und vermutlich auch seine Mutter …

Jetzt, wo er so da lag und sich entspannte, dachte er weiter darüber nach, über seine Mutter, Mina, seine Schwester, ihren Glauben an das Gute im Menschen und auch in den Hexen… Das hatte er damals alles für völligen Blödsinn gehalten.
Seine Eltern hatte er vergessen wollen und bis zu einem bestimmten Zeitpunkt hatte er auch stets seine Schwester schützen müssen, aber diese Zeiten hatte schon längst ein Ende genommen.
Er wusste nun, was mit seinen Eltern passiert war, hatte viele Leute kennengelernt und Gretel konnte bestens auf sich selbst aufpassen.

So dachte er noch lange über die Vergangenheit nach, bis er schließlich in einen traumlosen Schlaf fiel.
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