Schrödingers Katze

von Dusana
KurzgeschichteRomanze, Familie / P6
Dr. Cal Lightman Dr. Gillian Foster Emily Lightman
21.01.2015
21.01.2015
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„Schrödingers  Katze.“, sagte Cal. Emily sah ihn verwirrt an. Sie hatte im Wohnzimmer gesessen und gelesen, während ihr Vater am Kochen war. Nun legte sie ihr Buch weg und ging zu ihm in die Küche.
„Wie bitte?“
„Schrödingers Katze ist ein Gedankenexperiment. Eine Katze wird in eine Box gesteckt, in der sich ein radioaktives Präparat befindet, dass sich zu einem unbekannten Zeitpunkt  öffnet. Solange man die Box nicht öffnet, weiß man nicht, ob die Katze noch lebt oder schon tot ist. Deswegen kann man sie als lebendig und tot zugleich betrachten.“
Emily setzte sich auf einen der Hocker an der Kücheninsel und sah ihren Vater an. „Ja, ich kenne das Experiment. Ich weiß nur nicht, was du mir damit sagen willst.“
„Gillian.“, antwortete er. „Du hast mich gefragt, worauf ich warte.“
„Und deine Antwort ist ein Gedankenexperiment zur Quantenphysik?“
„Sieh es doch mal so, Em: solange ich die Box nicht öffne, ist die Katze noch lebendig. Aber wenn ich Gillian sage, was ich für sie empfinde, und sie das nicht erwidert, dann ist die Katze tot, dann kann ich die Box nicht wieder schließen und sagen, dass sie ja vielleicht doch noch lebt. Sie wäre dann endgültig tot. Und ich weiß nicht, ob ich das aushalten würde.“
Emily schüttelte den Kopf. „Du bist schon manchmal seltsam, Dad.“
„Ja, aber ich will unbedingt, dass diese Katze überlebt. Und wenn das bedeutet, dass ich die Box dafür nie öffnen darf, dann ist das halt so.“
„Was bringt dir eine lebendige Katze, wenn du nicht an sie herankommst?“
„Ich kann hoffen, dass es der Katze gut geht. Das ist mehr als ich tun könnte, wenn ich die Box öffne und sie tot ist.“
„Wie schon gesagt. Manchmal bist du seltsam.“

„Du kannst nicht einfach hinter mir her spionieren und dann auch noch behaupten, das wäre zum Wohl der Firma, Cal.“, schimpfte Dr. Foster einige Tage später ihren Geschäftspartner an. „Ja, ich habe mich mit Alec getroffen, na und? Es war nicht grade das, was ich erwartet hatte, aber das geht dich verdammt noch mal nichts an. Du erinnerst dich an die Grenze, über die wir gesprochen hatten?“ Cal nickte stumm. „Dann sollten wir uns auch daran halten!“
Als sie sich umdrehte und aus dem Raum stürmen wollte, sah Gillian Emily mit betroffenem Gesichtsausdruck im Türrahmen stehen. „Was ist denn hier los?“, fragte sie vorsichtig und trat zur Seite, um Gillian vorbei zu lassen.
Cal vergrub sein Gesicht in den Händen. „Sie ist tot, Em. Die Katze ist tot.“
„Hast du die Box geöffnet?“
„Das war nicht nötig. Sie ist sehr laut gestorben.“
Emily ging zu ihrem Vater und umarmte ihn.

„Die Katze ist tot.“ Murmelte Gillian in ihrem Büro und runzelte die Stirn. Die Lightmans hatten nie eine Katze gehabt, aber Cals trauriger Gesichtsausdruck, als er seiner Tochter vom Tod der Katze berichtet hatte, verwirrte sie. Er war so intensiv gewesen, dieser Blick, so voller Trauer, als wäre ihm diese Katze wichtiger gewesen als alles andere. Und dennoch hatte sie keine Ahnung, wovon er sprach.
„Hey, darf ich reinkommen?“, fragte Emily, die in der Tür zu Gillians Büro stand. „Dad musste ins Labor.“
Gil nickte, Emily schloss die Tür hinter sich und setzte sich auf den Stuhl auf der anderen Seite von Gillians Schreibtisch. „Was war das grade mit dir und Dad? Wieso bist du so wütend auf ihn?“
„Er hat mir nachspioniert. Ich habe mich gestern mit Alec getroffen. Ich weiß selbst nicht genau, warum, aber er hatte angerufen und wir sind essen gegangen. Dein Dad hat das wohl irgendwie mitbekommen und hat mir hinterherspioniert.“
„Ich bin mir sicher, er wollte nichts Böses. Wahrscheinlich wollte er nur auf dich aufpassen.“
Gillian sah müde und irgendwie enttäuscht aus. „Ja, wahrscheinlich hast du Recht. Aber wir haben diese Grenze, weil wir mehr sehen können als andere. Er behauptet es zwar immer wieder, aber er hält sich nicht wirklich daran.“
„Du erinnerst ihn ja auch oft genug an diese Grenze.“ Gillian machte kurz ein betroffenes Gesicht. Emily wusste nicht so recht, was sie damit anfangen sollte. „War das Bedauern?“, fragte sie vorsichtig.
Gillian war überrascht. „Du bist tatsächlich deines Vaters Kind, Emily. Ja, das war ein Anflug des Bedauerns.“
„Aber warum?“
„Es ist… Cal hört nicht auf mich. Das tut er eigentlich nie. Ich sage ihm, dass wir einen Fall nicht annehmen können, weil wir zu wenige Leute dafür haben, er nimmt ihn an. Ich sage ihm, er soll sein Buch schreiben, anstatt seinen Nase in meinen Auftrag zu stecken, er hackt meinen Kalender und taucht bei der Misswahl auf. Ich sage ihm, dass wir uns gemeinsam um den verrückten Vater deiner Freundin kümmern sollten und am nächsten Tag hat er sich bereits einweisen lassen. Dann steht er da, grinst mich an und ist auf seine seltsam-verdrehte Art und Weise stolz auf das, was er getan hat. Er ist überzeugt davon, das Richtige getan zu haben und das sagt er mir dann auch ohne Umschweife oder Zögern ins Gesicht. Nur bei dieser einen Sache, nur bei dieser Grenze, da ist es anders. Ich sage ihm, er solle sie beachten, er übertritt sie. Aber statt dazu zu stehen, schiebt er immer irgendetwas vor.“
Emily ließ die Worte auf sich wirken, dann machte sie große Augen. „Du WILLST, dass er diese Grenze überschreitet, habe ich Recht? Und dass er dann dazu steht. Du willst gar nicht, dass er diese Grenze beachtet. Du sagst das nur, weil er ja nie auf dich hört… Damit er wieder das Gegenteil machen kann von dem, was du ihm sagst.“
Gillian ließ sich in ihrem Stuhl zurückfallen. „Aber es funktioniert ja ohnehin nicht. Er erreicht eigentlich alles, was er sich in den Kopf gesetzt hat. Und offensichtlich gehöre ich nicht dazu. Hey, wo willst du hin?“
Emily war aufgesprungen und schon fast aus dem Zimmer, als sie sich noch einmal umdrehte.
„Kein Wort davon zu Cal, einverstanden?“
„Klar. Ich will ihm nur eben sagen, dass die Katze gar nicht tot ist.“ Damit war sie aus dem Büro verschwunden und hinterließ Gillian erneut mit der Frage, was das für eine Katze sein sollte.

„Wolltest du nicht nach Hause, Em?“, fragte Cal, als seine Tochter ins Labor gestürmt kam.
„Nein, ich wollte heute eigentlich bei einer Freundin übernachten. Ich bin auch gleich weg, wollte dir vorher aber noch sagen, dass die Katze doch noch lebt.“
Ria Torres und Eli Loker, die grade mit ihrem Chef ein Verhör analysiert hatten, sahen das Mädchen verwirrt an, Lightman musterte seine Tochter unterdessen mit intensivem Blick.
„Wie kommst du denn darauf, Schätzchen?“, fragte er dann.
„Du meintest, sie sei laut gestorben. Ist sie aber gar nicht. Das war eher ein… ein Fauchen, das du gehört hast. Sie lebt noch.“
„Woher weißt du das?“
„Ich habe mich grade mit Gillian unterhalten. Die Katze lebt. Sieh mich an, du weißt, dass ich die Wahrheit sage. Jetzt geh und mach gefälligst diese Box auf.“
„Aber was, wenn…“
„Nein, kein aber.“, entschied Emily. „Kümmere dich um die Katze, sie ist es leid, in dieser Box zu sein.“
Cal drehte sich zu seinen beiden Angestellten um. „Ich bin mit Foster den Rest des Tages weg, Sie schaffen das hier ja auch alleine. Rufen Sie mich nur an, wenn es was wirklich Wichtiges ist. Foster und ich haben zu tun.“
Während Cal zu Gilllians Büro ging, wandte Eli sich Emily zu. „Seit wann habt ihr ‘ne Katze?“
„Haben wir nicht“, sagte das Mädchen, dann nahm sie ihre Tasche und verließ das Firmengebäude, ohne sich von ihrem Vater oder Gillian zu verabschieden. Sie war sich sicher, dass sie nicht gestört werden wollten…

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Die Idee ist mir beim Stöbern auf YouTube gekommen, ich hoffe, sie wirkt nicht zu abstrakt. Wer sich das von jemandem erklären lassen möchte, der sich besser mit Physik auskennt als ich, dem empfehle ich die Erklärung von Dr. Dr. Sheldon Cooper (https://www.youtube.com/watch?v=FG9kvUvn-rg).
Falls ihr mir ein Review dalassen wollt, würde ich mich natürlich sehr freuen, allerdings muss ich zugeben, dass mir diese Geschichte spontan zugeflogen ist, vielleicht ist sie noch seltsamer, als ich das mit meinem subjetiven Blick einschätzen kann.
LG
Dusana
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