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Geschwister sind...

von Merli
GeschichteFamilie / P12 / Gen
Amerika Deutschland Kanada Preussen Russland Schweiz
20.01.2015
09.09.2017
40
33.629
7
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Dieses Kapitel
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25.02.2015 1.320
 
Geschwister sind wiederholend


"Ich möchte nicht darüber reden", ich sah meinen Bruder ernst an.

Diese Worte konnte man nicht missverstehen?
Sie sagten das, aus was sie meinten: Das das Thema beendet war.
Klar und deutlich.

Nur war für meinen Bruder nie etwas klar und ganz bestimmt nicht deutlich.
Für ihn war alles eine Hälfte dazwischen, ein Sinn zwischen den Wörtern, eine unterschwellige Botschaft bei offensichtlichen Aussagen- es war entnervend.
Besonders wenn es bei seinen Überlegungen um mich ging.
Denn bitte schön- ich war alt genug um zu wissen, was gut für mich war.

Dennoch ließ mein Bruder nicht locker.

"Ich finde das aber ein wichtiges Thema", sagte Gilbert, als er die Hände in die Hüfte stemmte und mich fordernd ansah.
"Also noch mal: Wieso willst du das genau machen?"

Hatte ich ihn das nicht schon mehr als ein Mal erklärt?
Und jedem anderen auch, der die Muße hatte mir dieselbe Frage zu stellen?
Was zum Glück nicht viele waren, denn dieses Thema war keins, über das ich gerne redete.
Denn bitte schön, wer wusste denn schon, was man in der Zukunft machen wollte?
Also so wirklich ernsthaft?
Niemand oder?

"Weil es mir Spaß macht?", ja es war eine Frage, aber eine rhetorische, trotzdem verengten sich Gilberts Augen.

"Weil es Spaß macht?", äffte er mich nach, "Seit wann macht dir das Spaß?
Und wieso gehst du nicht einer Tätigkeit nach, die dir eher entspricht?
Was ist so schwer daran?"

Alles dachte ich mir innerlich seufzend, versuchte meinen Bruder aber schnell abzuwimmeln.

"Weil es nicht immer darum geht was mir Spaß macht Gilbert, sondern was sinnvoll ist.
Und momentan ist dieser Schritt der einzig logische um das zu erreichen, was ich möchte.
Nämlich Sicherheit und Selbstständigkeit.
Kennst du diese Prinzipien oder glaubst du immer noch an das Schicksal?
Ich nämlich nicht mehr."

"Oh Ludwig, du wirst noch so unglücklich werden", seufzte Gilbert daraufhin nur, anstatt sauer zu werden.

Was komplett falsch war, denn er sollte beleidigt sein, um dann endlich abzuhauen.
Normalerweise klappte das nämlich immer wunderbar nur dann, wenn er seinen großen Bruder wirklich mal abwimmeln wollte, blieb dieser stur.
Was für eine Nervensäge. Es war sein Leben, punkt aus Ende.
Niemand sollte sich darin einmischen, besonders nicht jemand der nichts, aber auch gar nichts besser gemacht hatte als er.
War das nicht rein logisch?

"Ach und wieso?", ohne es zu wollen, wurde ich sauer.

Reichte es nicht mal langsam?
Hatte Gilbert wirklich nichts Besseres zu tun als seine Nase in Dinge zu stecken, die ihn wirklich, aber auch rein gar nichts angingen?
"Bis jetzt fühle ich mich ganz wunderbar."

"Ja und das freut mich ja auch wirklich und ich will es dir auch nicht schlecht reden", seufzte Gilbert nur wehmütig und hatte wieder diesen durchdringenden Blick drauf, den ich so sehr hasste.

Der Kerl sollte bloß nicht so tun, als würde er ihn verstehen. So ging das nicht.
Ich war vielleicht manchmal naiv, aber nicht komplett dumm.

"Es ist nur so, Ludwig, weißt du was meine Aufgabe als dein Bruder ist? Als der Ältere?"

Mir auf die Nerven zu gehen?
Dann zu stören, wann ich es gar nicht gebrauchen kann?
Mir meinen letzten Lieblingsjoghurt wegzuessen?
Oh mir vielen Hunderte Gründe, wofür es nervige, ältere Brüder gab, die alles besser wussten und dieses Wissen nur zu gerne mitteilten.

Nur war es kein Grund, welchen ich laut sagen wollte.
Immerhin sollte dieses Gespräch, welches eh schon viel zu lang war, nochmehr in die Länge gezogen werden.

"Mir zu sagen, welche Fehler ich mache? Ohne dich darum zu bitten und so oft wie möglich?", sagte ich schlussendlich.
Was Gilbert zum Grinsen brachte, das erste Mal seit fünf Minuten, was eine wirklich lange Zeit sein konnte.

"Ja das auch. Auch um dir unter die Nase zu reiben, wie viel toller ich bin als du und das du egal wie alt wir sein werden, du immer mein jüngere Bruder sein wirst", scherzte Gilbert, wurde aber schnell wieder ernst.

"Nur Spaß beiseite. Ludwig, weißt du das was ich dir jetzt sagen werde, wird dir nicht gefallen. Aber es sollte dir bei jeder Entscheidung bewusst sein die du triffst: Ich achte darauf, was du tust. Mir ist es egal, ob es mir gefällt- das ist nicht mein Job, das zu beurteilen.
Das einzige worum es mir geht, ist ob es dir gut geht und ob du noch zufrieden bist.
Und weißt du, wie ich das erreiche?
Indem ich frage.
Immer und immer wieder, bis ich eine ehrliche Antwort erhalte.
Und ich habe dich immer gefragt und frage dich jetzt und werde es immer wieder tun.
Weil ich dein Bruder bin und es meine Aufgabe ist, zu schauen, was aus dir wird.
Nicht ob es mir gefällt oder jemand anderem - nein, was dir gefällt, ob es dir bewusst ist oder nicht. Ich stelle dann die unangenehmen Fragen zu den unangenehmen Zeiten, wo du sie am allerwenigsten hören willst, weil sie dann und auch nur dann, wichtig sind.
Also noch mal, bist du dir sicher, dass das Richtige für dich ist?
Sagst du ja, glaube ich es dir.
Solltest du aber zögern werde ich nicht aufhören so lange nachzubohren, bis ich eine ehrliche Antwort bekomme."

Es waren die ernsthaftesten Worte von Gilbert, die ich je gehört hatte.

Von meinem großen Bruder, der selbst glaubte der Mittelpunkt der Welt zu sein und es auch jedem unter die Nase rieb.
Welcher immer am lautesten lachte von allen und sich für den witzigsten, charmantesten Menschen auf der ganzen Erde hielt.
Der größte Egozentriker und Narzisst dieser Welt.
Bis jetzt.

Denn solche Worte, schon fast Drohungen, kamen nicht von irgendwoher.
Wenn ich so daran zurückdachte, wie oft Gilbert mir schon auf die Nerven gegangen war- dann fand dieses Gespräch schon öfters statt.
Nicht mit denselben Wortlaut, aber mit demselben Sinn.
Zu hinterfragen, ob das was ich gerade machte, auch das Richtige sei.

Die Erkenntnis traf mich schwer und kurz konnte ich Gilbert nicht in die Augen schauen.
Sollte ich lügen? Ausweichen?
Sauer werden weil es dreist, unnötig und selbstverliebt war, sich so einen Job anzueignen?
Was konnte Gilbert schon für seine Zukunft machen?

Doch als ich in das ernste Gesicht seines Bruders sah, blieben mir all diese Worte im Hals stecken. Er hatte sich diesen Job nicht ausgesucht- es war einfach die Beschreibung eines älteren Bruders, auf seine jüngeren Geschwister aufzupassen.
Und es war der schwerste Job, den Gilbert wohl je bekommen würde.

Dafür machte er ihn eigentlich ganz gut, dachte ich mir nüchtern.

"Ich weiß es nicht", gab ich dann schlussendlich zu.
"Aber ich möchte es versuchen. Einen besseren Plan habe ich gerade nicht."

"Du wirst aber nicht aufhören zu suchen, nicht?", fragte Gilbert mit so etwas wie Hoffnung, obwohl er langsam genauso müde aussah, wie ich mich fühlte.
Wahrscheinlich war es für ihn auch kein einfaches Gespräch.

"Wirst du aufhören mir damit auf den Keks zu gehen?", sagte ich herausfordernd, woraufhin Gilbert nur grinsend den Kopf schüttelte und erwiderte, dass er seinen jüngeren Bruder nie aufhören würde, zu nerven und zu triezen.

"Okay solange werde ich alles dafür tun um etwas zu finden, was dich zum Schweigen bringt.
Ich hoffe es dauert nicht mein ganzes Leben."

"Ja das hoffe ich auch, für uns beide", und mit diesen Worten ließ Gilbert endlich von mir ab.
Wir hatten nur ein paar Minuten geredet, dennoch fühlte es sich für mich an wie eine halbe Ewigkeit, in der ich mehr gelernt hatte als in manchen Wochen zusammen.

Wenn es Gilberts Job war, auf mich achtzugeben, würde es meine Aufgabe sein, so gut zu werden, dass er damit auch aufhören konnte.
Damit ich endlich meine Ruhe vor diesem Spinner haben werde.

Das war ein Ziel, wofür es sich zu arbeiten lohnte, fand ich.
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