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Geschwister sind...

von Merli
GeschichteFamilie / P12 / Gen
Amerika Deutschland Kanada Preussen Russland Schweiz
20.01.2015
09.09.2017
40
33.629
7
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Dieses Kapitel
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09.09.2017 1.350
 
Geschwister sind ein stummer Begleiter


Was genau sie sich erhofft hatte, wusste sie gar nicht mehr.
Vielleicht ein freudiges Lächeln, ein aufmunterndes Nicken und die Worte „Das ist eine gute Entscheidung?“
Auf jeden Fall hatte sie nicht erwartet, dass Schweiz sie misstrauisch ansah und sogar vor ihr zurückwich. Was war das denn für eine Reaktion? Hatte sie sich vielleicht falsch ausgedrückt? Dann schadete es bestimmt nicht, ihre gute Nachricht noch mal zu wiederholen.

Aber die erhoffte Erwiderung blieb aus. Viel mehr sah ihr Bruder so aus, als würde er auf eine besonders unangenehme Zitrone beißen, um sich davon abzuhalten, dass zu sagen, was er wirklich dachte.
Nur war das nicht offensichtlich? Alles, was kein „Glückwunsch“ war, galt automatisch in ihren Augen als Abweisung. Solch eine Zurückhaltung war das Letzte, was sie vor so einem Schritt gebrauchen konnte.  

„Vash“, sagte sie betont und verschränkte die Arme vor der Brust. Hatte sie je in diesem Ton mit ihm geredet? Eigentlich nicht. Dennoch machte sie diese ganze Atmosphäre mehr als kratzig.
„Sag mir bitte, was du denkst. Du weißt ja, dass ich deine Meinung immer brauche.“

„Ach ja?“, kam die genervte Erwiderung, bevor sich Schweiz wieder fasste und anfing, mit seinen Händen zu kneten. Eine Sache, die sie bei ihm noch nie beobachtet hatte, wie Lichtenstein überrascht feststellte.
„Es tut mir leid, aber es fällt mir schwer, eine passende Erwiderung auf das Thema zu finden, wenn du quasi meine Tür einrennst und es heraussposaunst. Hättest du mich nicht wenigstens vorwarnen können?“

Viele Dinge vielen ihr darauf ein, so was wie, du hättest es mir doch nur madig geredet, mich böse angeschaut oder das Thema gewechselt. So wie bei vielem, worüber ihr Bruder nicht reden wollte.
Aber das wäre nicht die Wahrheit gewesen. Denn sie hatte es nur so plötzlich angesprochen, weil sie den Entschluss, es wirklich durchzuziehen, auch erst im letzten Moment gefasst hatte. Denn mit dieser Entscheidung, die sie treffen würde, würde sie sich bewusst von ihrem Bruder abwenden. Eine Sache, die sie beide nur zu gut wussten.

Deswegen entspannte sie sich wieder und sah Schweiz mit einem warmen Lächeln an.
„Ja, das war meine Schuld“, sagte sie, als sie näher zu ihrem Bruder schritt. Wie konnte man so viele Überlegungen und Zweifel nur in Worte fassen? Gar nicht, also musste sie es mit allen Mitteln versuchen, die sie kannte.
„Aber ich war mir so unsicher, dass auch nur ein Zögern mich aus dem Konzept gebracht hätte. Und ich bin mir ganz sicher“, hier stockte sie und sah ihn die grünen Augen ihres Gegenübers. Dieser nickte unbewusst mit, so als würde er sie verstehen. Eine Sache, die sie an diesem Mann sehr schätzte.
„Das ist ein Schritt, den ich gehen muss, um mich alleine zu behaupten. Bruder“, das Wort wurde mit der Liebe und dem Vertrauen ausgesprochen, die sie seit Jahren damit verband.
„Du hast mir gezeigt, dass ich auf eigenen Beinen stehen kann. Dass ich mehr bin, als ein kleines Mädchen, welches auf die Almosen von anderen angewiesen ist. Du hast mich zu einem Land gemacht, indem du mich gerettet und gefördert hast. Ohne dich, wäre ich nichts.“

Diese Worte hangen zwischen ihnen in der Luft und kurz wusste Lichtenstein nicht, ob sie es übertrieben hätte. Vielleicht wirkten diese Worte nach ihrem vorherigen Geständnis verlogen?
Aber Vash sah sie nur mit erschrockenen Augen an, so als wäre diese stumme Wahrheit, die immer zwischen ihnen hang, ausgesprochen so viel mehr wert. Was sie nicht war.
Dennoch tat es gut, Fakten einfach mal zu nenne. Egal wie übertrieben sie wirkten. Immerhin hatte Schweiz ihr damals als einziger geholfen. Das musste auch gewürdigt werden. Nicht nur mit stillen Gesten, so wie die Jahre zuvor, sondern einfach mit der frontalen Wahrheit. Schade nur, dass sie diese Stimmung auch sofort wieder zerstören musste.

„Deswegen bitte ich dich, sag mir ehrlich, was du von meiner Entscheidung hältst. Nicht weil ich mich so oder so über dich hinwegsetzen möchte, sondern weil ich auf dein Urteil vertraue. Denn du bist die fairste Person, die ich kenne und auch jetzt setze ich auf deine Neutralität.“

Das warme Lächeln verschwand sofort und Schweiz schien sich zurückziehen zu wollen. Stattdessen ballte er seine Hände nur zu Fäusten und atmete tief durch. Dieses Geräusch hallte viel zu laut in dem hohen Raum, in dem man ansonsten nur eine ferne Kuckucksuhr ticken hörte. Es waren die längsten Sekunden, die Lichtenstein jemals warten musste, bis Vash in sich zusammensackte und sie aus schmerzverzerrten Augen ansah.

„Es ist eine vernünftige Entscheidung“, presste er hervor. „Auch wenn es mir weh tut, das so zu sagen.“

„Dann folge mir doch einfach, dann-„ Lichtenstein brach sofort ab, als sie sah, wie verachtend Vash aussah.
„Keine gute Idee?“, fragte sie schelmisch nach.

„Nein, ganz und gar nicht. Wenn du dich diesem Zirkus anschließen möchtest, um deine hart erarbeitete Unabhängigkeit wieder zu verlieren, halte ich dich nicht auf. Es ist eine gute Sache, und wenn du daran glaubst, dann werdet ihr es schaffen. Vielleicht.
Wie dem auch sei, ich werde wohl oder übel immer an deiner Seite sein und falls du dich doch wieder anders entscheiden solltest, werde ich es dir nicht vorhalten. Aber dasselbe von mir zu verlangen? Ich hoffe, das sollte nur ein Scherz sein.“

Nur ein Halber, dachte sie sich im Stillen, stimmte ihrem Bruder dann aber zu. Sie brauchte ja nicht zu zeigen, dass sie ein wenig Angst hatte, zum ersten Mal alleine auf eigenen Beinen zu stehen.
Nur darum ging es hier doch, oder? Sie musste lernen, eigene Entscheidungen zu treffen und mit den Konsequenzen leben können.  Viel zu lange hatte sie sich im Schatten ihres großen Bruders ausgeruht. Es war an der Zeit, selber einen Weg zu finden und das Wichtigste und auch Schmerzhafteste war dabei, ihren Helfer von sich zu stoßen. Es würde sie noch viele Nächte wachhalten.
Aber genauso würde sie an sein zerknautschtes Gesicht denken, als er ihr versprach, immer hinter ihr zu stehen.
Egal, mit welchen schlechten Nachrichten sie durch die Tür platzen würde. Sie hatte einfach den besten Bruder der Welt.

„Natürlich war das ein Scherz“, sagte sie mit einem Zwinkern. „Als ob du auf irgendjemanden anderen hören würdest.“

„Das hast du sehr gut beobachtet“, sagte er mit einem gewissen Stolz. Dann wurde er aber sofort wieder ernst und sah sie lange an. „Du hast dich schon entschieden, oder?“

„Ja“, sagte sie leise, und dann lauter: “Aber ich habe noch auf deine Zustimmung gewartet. Denn ich wusste, auch wenn es dir nicht gefallen wird, wirst du so entscheiden, wie es für mich am besten wäre. Und das hast du. Dafür bin ich dir unglaublich dankbar.“

„Komm später nur nicht heulend zu mir, weil die anderen böse Sachen gesagt haben“, grummelte Vash, als er sich Richtung Küche machte.

Amüsiert den Kopf schüttelnd, ging sie im Gleichschritt hinter ihm her. „Als ob. Ich werde ihnen zeigen, dass sie gar nicht ohne mich können. Du wirst schon sehen.“

„Ja, das werde ich. Du in der EU. Eine Sache, an die ich niemals gedacht hätte.“

Die Hand ihres Bruders kurz drückend, meinte sie nur, dass er doch immer gesagt hätte, sie solle selbstständig entscheiden. Nun, das war nach langem hin und her ihr Wunsch.  
Dass sie sich nur zutraute, diesen Weg zu gehen, weil sie wusste, niemals ganz alleine zu sein, behielt sie für sich.
Ab jetzt galt es Stärke zu zeigen, einmal vor den restlichen EU Länder und vor allem vor ihrem Bruder. Sie würde ihn nicht enttäuschen, dafür würde sie sorgen. Denn es war das Mindeste, was sie ihm nach all den Jahren der Fürsorge zurückgeben konnte.  


Nachwort:
Das war es. Das (vorerst) letzte Kapitel dieser  Sammlung und ein Projekt das ziemlich lange gedauert hat. Ich hoffe es war trotzdem amüsant und lesenswert und vielleicht konnte der eine oder andere sich mit einem der Gefühle identifizieren.
Wie man vielleicht rauslesen konnte stehe ich meinen Geschwistern ziemlich nahe und viele Ideen sind eins zu eins von ihnen geklaut worden, weswegen erst so viele Kapitel entstehen konnten. Mir hat es auf jeden Fall Spaß gemacht und wenn ich irgendjemanden unterhalten konnte, hat es sich schon gelohnt.

Liebe Grüße
Merli
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