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Geschwister sind...

von Merli
GeschichteFamilie / P12 / Gen
Amerika Deutschland Kanada Preussen Russland Schweiz
20.01.2015
09.09.2017
40
33.629
7
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Dieses Kapitel
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23.05.2017 1.378
 
Geschwister sind eine Hürde, die es zu überwinden gilt


Der Sand knirschte unter ihren schweren Stiefeln und gab ihrem Gang etwas Unbeholfenes.
Aber das war Ukraine egal.
Sie hatte ein Ziel und weder der Schutt unter ihren Stiefeln, noch die gepanzerten Autos um sie herum oder die vielen Männer, welche sie misstrauisch ansahen, ließen die Nation innehalten.
Sie war hier nicht erwünscht, das konnte sie in den abwertenden Gesichtern sehen.
Zwar wusste niemand, wer sie war- aber jeder Einzelne wusste instinktiv, dass sie hier nicht erwünscht war.

Was sehr schade war- immerhin war das ihr Land. Egal wie viele Menschen auf dieser Seite das verneinen wollten. Das hier war kein russisches Gebiet- sondern ihres, mit ihren Bürgern und ihren gemeinsamen Erinnerungen.
Und egal wie sehr diese Menschen versuchen würden, Wunden in ihr Land zu reißen- sie würde den Kopf nicht senken.

Auch blieb sie nicht stehen, als ein Mann, Kopf größer und doppelt so breit wie sie, versuchte sie zum Stehen zu bekommen. Nicht mal die halbautomatische Waffe, welche in verkrampften Fingern lag, konnte sie davon überzeugen. Solle er es sich doch wagen auf eine junge Frau zu schießen, selbst dann würde sie weiterlaufen. Kugeln brachten sie nicht um.
Aber die Person, welche nur fünfzig Meter von ihr entfernt war und in einem Kreis von Rebellen stand, würde sie eines Tages umbringen.  
Irgendwann. Da war sich Ukraine sicher.

Nur jetzt war noch nicht der Zeitpunkt erreicht, also sagte sie nur kalt zu dem Mann, welcher nicht aufhörte auf sie einzureden: "Schweig und lass mich weiter."

Der Mann zögerte nicht mal, als er seine Waffe an ihre Brust hob. "Ich gebe hier die Befehle", knurrte er in einem akzentreichen Russisch. Sie verstand ihn trotzdem perfekt, reagierte aber nicht.

Viel mehr schob sie die Waffe zur Seite und ging weiter, ohne sich umzudrehen. Dann hätte sie nur gesehen wie der Lauf jetzt an ihren Kopf gehalten wurde. Bevor aber ein tödlicher Schuss fallen konnte, waren Kameraden auf den Mann zugelaufen und redeten auf ihn ein.
Was sie sagten, war ihr egal. Es gab nur eine Person, für die sie sich interessierte.

Dieser sah auch endlich zu ihr hin, als sie nur noch zehn Meter von ihm entfernt stand.
Kein anderer der vielzähligen Männer, die sich offen und versteckt zeigten, waren noch mal auf sie zugekommen. Obwohl sie gerade die bewaffnete Linie durchbrochen hatte, welche hier vor Tagen errichtet worden war.  

"Ukraine", begrüßte Russland sie herzlich. "Schön dich zu sehen."

"Verschwindet", sagte sie an die noch um Russland stehen Männer. Diese zögerten zuerst, kamen dann aber auf dessen Kopfnicken dem Befehl nach.

So standen sich die zwei Länder nur noch zu zweit gegenüber auf einem Feld, umringt von Waffen, Soldaten und Chaos. Genau das, was Russland am liebsten hatte.

"Russland", sie versuchte etwas anderes als Verachtung in ihre Stimme zu bekommen, schaffte es aber leider nicht. "Es überrascht mich das du dich an meine Abmachung gehalten hast."

"Nun alles für mein Schwesterherz", lächelte Russland immer noch, wobei seine Augen immer kälter wurden. "Wann tu ich das jemals nicht?"

Auf solch eine lächerliche Aussage brauchte sie gar nicht eingehen.
Sie hatte das Treffen vor drei Tagen gefordert, eigentlich noch auf ukrainischem Gebiet. Umso geschockter war sie gewesen, zu merken, dass Russland sich das Stück Boden schon an sich gerissen hatte. Aber sollte sie das wirklich überraschen?

"Aber du wolltest mir etwas sagen? Was darf es denn sein, Katya? Dass ich meine Leute alleine lassen soll? Oder möchtest du mir sagen das ich auf mein Geburtsrecht und das dieser vielen Menschen verzichten soll, nur weil es für dich unangenehm ist?“, seine Augen wurden immer kälter.
„Vielleicht habe ich dich ja auch nur traurig gemacht mit meinem Recht auf mein Land? Möchtest du wieder weinen kommen? Deinem kleinen Bruder kannst du alles erzählen."

Ukraine verschränkte die Arme vor ihrer Brust und sah sich lange um.
Zu den wartenden, sich zum Teil langweilenden Männern, zu den zerschossenen Häusern, die noch gestern ein normales zu Hause sein hätten können. Sie fühlte den Boden unter sich, welcher vor einer Woche noch ein Teil von ihr war- und den man nun besudelt hatte.
Welchen man versucht ihr wegzureißen, weil sie selbstständiger werden wollte.
Sie, die größere Schwester von Russland.
Sie merkte, wie ihre Mundwinkel sich zu denselben hässlichen Lächeln hochzogen wie das ihres Bruders.

"Vanja", ihre Stimme war zuckersüß, "Du hast nicht gut geraten. Nichts von dem möchte ich dir sagen. Viel mehr", und sie breitete ihre Arme einladend aus, "Ist das hier deine letzte Chance. Nicht als Anführer der Rebellion, nicht als das Land Russland, sondern als mein Bruder.
Dir Vanja, mein kleiner Bruder, möchte ich eine Frage stellen: Ist es dir das wert?"

Wie sie es erwartet hatte, war Russland kurz verwirrt. Er war es bisher nur gewohnt, seine größere Schwester weinend vor der Sowjetunion weglaufen zu sehen.
Diese Zeiten waren vorbei. Egal was mit ihrem Land geschehen würde, sie würde nicht aufgeben.
Und wenn man sie in zwei reißen müsse, um wieder ein Gebiet unter russischer Herrschaft zu werden.

"Ob es mir das wert ist?", fragte Russland schlussendlich, nach dem er lange in ihrem Gesicht nach einer Schwachstelle gesucht hatte. Wahrscheinlich fragte er sich, woher ihre Wandlung kam, warum sie in einem dunklen Mantel vor ihm stand und sich nicht einschüchtern ließ.

Und wenn die Ukraine ehrlich zu sich war, wusste sie es auch nicht.
Sie hatte von den Nachrichten gehört, es gespürt und gedacht ihr würden wieder die Tränen kommen. So wie immer wenn Russland vor ihrer Haustür stand.
Nur diesmal hatte sie ihre Sekretärin lange angeschaut, einen tiefen Atemzug genommen und gemeint, es würde einen Widerstand geben.
Die Frau war daraufhin schwankend von ihr weggegangen und hatte die Hände vor den Mund gelegt. Das meinen sie nicht ernst, hatte sie geflüstert und sie hatte nur genickt.
Doch diesmal war es ihr ernst. Es gab keinen Grund für ihre stolze Haltung oder dem Glauben, alleine gegen so ein mächtiges Land anzukommen. Aber diesmal würde sie es versuchen.
Egal was mit ihr passieren würde.

"Damit meine ich alles, Vanja. Wenn du diesen Wahnsinn weiterführst", dabei sah sie verächtlich in die zum Teil vermummten Gesichter der Rebellen, "Wirst du zugrunde gehen. Du wirst jeden verlieren, der dir nahesteht. Ist dir das bewusst?"

Russland entspannte sich augenblicklich, denn natürlich waren es diese Worte, die solch einen verdrehten Geist beruhigen konnten.
"Ach Katya, endlich erkenne ich dich wieder. Für einen Augenblick dachte ich wirklich, du hättest dich verändert. Aber du bist immer noch so verweichlicht wie früher.
Weißt du, man muss nicht weinen, um wie ein kleines Mädchen dazu stehen. Wenn es das Einzige ist, was du mir sagen möchtest- das ich meine Freunde verliere- dann würde ich dich gerne bitten vom russischen Gebiet runter zu gehen.
Bisher haben meine Männer noch nicht auf dich geschossen, aber das kann sich ganz schnell wieder ändern. Und in deinem Zustand würde ich mir das Sterben nicht zutrauen."

Da war es wieder dieses Lächeln, was nur aus Irrsinn und Machtgier bestand. Ukraine sah noch mal genau in Russlands Gesicht und fand genau das, was sie gesucht hatte. Dieser Mann vor ihr war nicht mehr Vanja, ihre Familie, sondern ein Feind, welchen es zu widerstehen galt.

"Du wirst nicht gewinnen", sagte sie dann nur noch sachlich und störte sich nicht an Russlands verächtlichen Schnauben. "Egal was du dir hierdurch erhoffst, es wird dich zugrunde richten."

Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging genauso gelassen von diesem Platz, wie sie gekommen war. Waren die Blicke vorhin nur kritisch gewesen, so waren sie nun unverhohlen feindlich gesinnt.
Zwar konnte kein Mensch verstehen, was hier beredet wurde, aber unbewusst wusste jeder das diese junge Frau nichts Gutes beuteten würde.

Als sie die Grenze überschritten hatte, fragte sie sich, ob sie etwas spüren würde.
Einen Stich im Herzen, weil dieses Gebiet verloren war?
Aber zu ihrer Zufriedenheit war da nichts, sondern nur das Knirschen unter ihren Schuhen.
Das hier war immer noch ihr Grund und Boden, egal wie sehr Russland es ändern wollte.  
Sie würde es nicht zulassen. Und auch nicht aufgeben.
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