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Geschwister sind...

von Merli
GeschichteFamilie / P12 / Gen
Amerika Deutschland Kanada Preussen Russland Schweiz
20.01.2015
09.09.2017
40
33.629
7
Alle Kapitel
19 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
19.06.2016 880
 
Geschwister sind idiotisch


Gilbert war ein Idiot. Nein, kein Idiot, sondern ein riesiger Trottel.
Mit stampfenden Schritten ging Ludwig auf sein Zimmer und knallte die Tür hinter sich. Ob er sauer war? Und wie!

Da war er nach Wochen mal wieder alleine mit seinem großen Bruder in der Stadt gewesen und dieser konnte es nicht lassen, alle Blicke auf sich zu ziehen. Gilbert musste mit jedem reden. Einfach jedem. Egal ob jung, alt, Verkäufer, Passant oder Umweltaktivsten.
Jeder der Gilbert ansprach, wurde mit fünf Minuten seiner Zeit beglückt.

Ludwig hatte sich nur ein neues Spiel kaufen wollen, was normalerweise dreißig Minuten dauerte. Mit der Labertasche an seiner Seite waren sie fast zwei Stunden in der Stadt unterwegs gewesen, hatten nicht nur ein Spiel, sondern auch zwei Eis und ein neues T-Shirt gekauft.
Dabei war es noch Winter. Wer kaufte da denn T-Shirts? Alles in allem war es eine richtige Tortur für ihn gewesen, denn sein großer Bruder war einfach nur...unmöglich.

Wenn es ging, dann redete er mit den Menschen. Was halten sie hiervon? Sind sie sicher, dass dieser Anschluss der Richtige ist? Wirklich?
Glaubst du wirklich du hilfst damit der Umwelt? Meinst du nicht, man nimmt dich viel eher aus? Es gibt auch andere Dinge, die man machen kann um sich sozial zu engagieren...
Und so weiter und so fort. Irgendwann hatte Ludwig seine Ohren einfach nur auf Durchzug gestellt, denn seien wir mal ehrlich: Wer konnte denn so neugierig sein? Und wer stellte sich denn gerne freiwillig so ins Scheinwerferlicht?

Er hatte ja schon immer gewusst, dass Gilbert gerne redete und diskutierte, aber wieso musste er es machen, wenn er sich gerade sein zweites Eis am Kaufen war?
Ludwig konnte das gar nicht nachvollziehen.
Ihm waren Gespräche mit Fremden eher suspekt, immerhin wusste er nie, wie er sie anfangen sollte. Durch Gilberts heutigen Feldzug hatte er zwar ein, zwei Mal die Chance gehabt sich auch mit jemand Fremdem zu unterhalten, aber meistens war das Gespräch nicht sehr weit gekommen.
Er war halt nun mal nicht gut in Smalltalk. Wer brauchte das denn auch schon?
Hallo, guten Tag, schönes Wetter, nicht? Danke, tschüss.
Mehr war das doch nie.

Dennoch, Ludwig bekam das ungute Gefühl nicht los, das Gilbert das extra gemacht hatte.
Immerhin hatte sein Bruder mehr als einmal erwähnt, dass er ganz schön in sich gekehrt sei und viel zu selten den Mund aufmachte. Aber was gab es denn auch zu sagen?
Die meisten Leute waren doch eh langweilig und woher sollte er wissen, ob sie gemeinsame Interessen hatten? Zudem hatte er genug Freunde in der Schule, das reichte doch.
Was war denn so wichtig daran, sich mit anderen Menschen sofort zu verstehen? Wenn es wichtig wäre, würde man es ja in der Schule lernen.

Genervt und auch wenig erschöpft holte Ludwig das T-Shirt aus seinem Rucksack und schüttelte den Kopf. Es war knatschrot, mit dem Logo seines Lieblingsspiels drauf.
Kurz gesagt: Auffällig und einladend, von irgendwem in der Bahn angesprochen zu werden.
Oh, ja, Gilbert hatte auch das extra gemacht. Das Schlimmste daran war, dass er es nicht mal gemerkt hatte.

Das Gesicht verziehend holte er dann noch das Spiel raus und überlegte kurz, was er machen wollte.
Seine neue Errungenschaft ausprobieren und für die nächsten acht Stunden nicht mehr ansprechbar sein? Das klang nach einem ziemlich guten Plan. Zuerst sollte er sich aber mit Essen eindecken, denn es gab nichts Nervigeres, als mitten in einer Mission zu sein, um dann Hunger zu bekommen. Zumal Gilbert früher oder später sich zu ihm gesellen würde, um dann auch mitzuessen.
Dieses faule Stück.

Mit müden Schritten ging er hinunter in die Küche, in der sein Bruder gerade dabei war, sein drittes Eis zu essen. Irgendwann würde dieser fett werden, das wusste Ludwig jetzt schon.

"Hey Ludwig, zockst du gleich? Hast du was dagegen, wenn ich mich zu dir geselle? Francis kommt erst später vorbei."

Nein, ich habe keine Lust mehr auf dich, wollte er sagen, stattdessen kam ein: "Wieso musst du jeden auf der Straße ansprechen? Das ist total nervig."

"Huch, hab ich das? Ist mir gar nicht aufgefallen."

"Ja und du hast mich immer wieder dazu geholt. Hätte ich nicht einfach weitergehen können?"

Sein großer Bruder hielt kurz inne und sah ihn wissend an. "Nein, hättest du nicht. Du kannst dich nicht ewig davor drücken, mit anderen Menschen zu sprechen. Deswegen solltest du so früh wie möglich üben."

"Ach, ich kenne genug Leute. Die anderen können mir da gestohlen bleiben. Smalltalk ist vollkommen überbewertet."

Mit einem fertigen Eis und einer zweiten Schüssel voller Chips schob Gilbert ihn Richtung seines Zimmers. "Wenn du das meinst, Kleiner, aber wir sprechen uns noch mal in fünf Jahren, okay? Dann wirst du glücklich sein, die ganzen Tipps von mir bekommen zu haben."

"Tipps?", fragte Ludwig ungläubig, "Du meinst, wie ich Leute zu Tode nerve, damit sie mir das geben, was ich möchte?"

"Exakt. Du hast es auf jeden Fall schon theoretisch verstanden."

Nachwort:
Ich weiß das Deutschland nie Probleme hat das zu sagen was er denkt, aber ich bin mir sicher in inhaltlosen Floskeln würde er sich etwas schwerer tun. Zumindest kann ich mir das ziemlich gut vorstellen.
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