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Geschwister sind...

von Merli
GeschichteFamilie / P12 / Gen
Amerika Deutschland Kanada Preussen Russland Schweiz
20.01.2015
09.09.2017
40
33.629
7
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Dieses Kapitel
1 Review
 
18.05.2016 1.894
 
Geschwister sind schwer erziehbar

1.

Es war ein warmer Sonntagmorgen, als Lilli die Küche betrat.
Diese hatte sie gestern in liebevoller Kleinarbeit Grundgeputzt- zwar wurde sie regelmäßig gewischt, aber der Dreck in den Ecken wurde schon langsam wirklich penetrant. Also hatte sie sich gesagt: Einmal im Jahr sollte man auch mal die Stellen anschauen, die sonst jeder gerne ignorierte. Vier Stunden hatte es gedauert, aber die Küche hatte danach so geglänzt, dass es jeden Stress wert gewesen war. Zumal sie die ganze Zeit Musik hatte hören können, was auch ein riesiger Pluspunkt gewesen war.

Man brauchte ja nicht zu erwähnen, dass sie unglaublich stolz auf sich war und hoffte, dass dieser Zustand auch länger als zwei Tage anhalten würde.

Als sie sich nun eine Schüssel Cornflakes genehmigen wollte, musste sie ihre Aussage revidieren. Die Küche blieb nicht zwei Tage lang sauber, sondern nicht mal vierundzwanzig Stunden.

Mit leicht offenem Mund und einem Gefühl der kalten Wut sah sie, wie ihr Bruder einfach sein ganzes Geschirr auf den Küchentisch verteilt hatte. Nicht geordnet oder von Essensresten befreit- nein, einfach nur auf den Tisch geklatscht, mit all den Krümeln und Papier, was sich nun mal in so einem Berg verbirgt.

Lilli war sprachlos. Dann war sie wütend. Und zum Schluss resigniert, denn wenn ihr Bruder beschäftigt war, dann bekam er gar nichts mehr mit. Nicht mal das seine kleine Schwester stundenlang geschrubbt hatte.

Vash war vieles, aber sauber gehörte leider nicht dazu.*

2.

"Ich kann es nicht glauben", passend zu seinen Worten warf Alfred die Hände in die Luft und sah Matthew ungläubig an. "Was war das Matthew? Ernsthaft- was?"

Sein Bruder sah ihn unschuldig an: "Keine Ahnung was du meinst."

Alfreds Hände flogen noch eine Runde, bevor sie in seine Hüften gepresst wurden: "Natürlich weißt du das. Dieses süße Mädchen in dem blauen Kleid? Mit der Schleife? Die, die der Hingucker des ganzen Cafés war? Die hat so übertrieben mit dir geflirtet.
Und du Trottel? Hast nichts gemacht. Die hat so oft zu dir rübergeschaut. Wieso bist du nicht ein einziges Mal aufgestanden, um an ihrem Tisch vorbei zu gehen? Fragen was sie trinkt oder ob sie öfters hier ist? Oder ich weiß nicht, einfach mal zurücklächeln? Nein, du versteckst dich nur und guckst mich Hilfe suchend an. Manchmal könnte ich dich würgen, weißt du das?"

"Ach du interpretierst da nur was rein", zwar wollte Matthew desinteressiert wirken, aber Alfred sah sofort, dass er einen Nerv getroffen hatte. Und das nicht zum ersten Mal.
Ja, er wusste, dass sein Bruder dachte, er wäre der Beliebtere von beiden. Vielleicht stimmte das ja auch. Ihm war es aber ziemlich egal, denn es lag nicht an ihm, dass Matthew keine Aufmerksamkeit bekam, sondern es war seine eigene Schuld. Wenn er nichts machte, dann wollte halt auch niemand etwas mit ihm unternehmen. Und von vornherein sagen das alle Mädchen eh nur auf Alfred stehen würden, war auch keine Lösung.
Vielleicht war das damals, als sie jünger waren ein größerer Faktor. Ja, Matthew war immer sehr still gewesen und man hatte ihn leicht übersehen können. Aber die Gewichtung hatte sich jetzt geändert. Sein Bruder war offener, lachte mehr und hatte genauso das Recht mit einem süßen Mädchen zu flirten wie er.

Zudem hatte Alfred ja versucht mit dem Mädchen im blauen Kleid Kontakt aufzunehmen, aber diese hatte klar gemacht, dass ihre Augen nur auf Matthew gerichtet waren.
War er neidisch? Vielleicht, aber viel mehr war er sauer, dass sein Bruder sich weiterhin so klein und schlecht machte.

Aber wenn er Matthews große, verwirrten Augen sah, da musste Alfred sich daran erinnern, dass es mit der Selbsteinschätzung nicht so einfach war. Es war nun mal sein Bruder.
Matthew würde wahrscheinlich immer denken, er sei der coolere.
Da konnte man wenig gegen machen.

3.

Eiserne Stille. Ein Augenblick der Giganten, nur ein Atemzug davon entfernt voll gegen die Wand zu krachen, um in der gerechtfertigten Katastrophe zu enden.
Eine falsche Bewegung- und es würde losgehen. Und niemand würde es aufhalten können.
Die Stimmung war angespannt, keiner wollte etwas Falsches sagen, denken, handeln, nicht mal kurz niesen- denn egal was geschah, es würde eklig werden.

Man musste es verhindern. Einfach um den eigenen Verstand zu wahren.
Aber es geschah. Er wagte es sich. Er hatte das eine verbotene Wort gesagt.
Schande über sein Haupt.

"Linkin Park?", Gilberts Augen verengten sich zu schlitzen, "Was ist mit denen?"

"Nun, die geben ein Konzert in der Nähe und ich-" man ließ Ludwig nicht ausreden, was eigentlich überraschend fair war, denn er hatte dieses Ungetüm erst erschaffen. Solchen Verbrechern sollte man keine Würde zuteilen.

"Das sind die Letzten", spie sein großer Bruder und sah ihn strafend an, so als hätte er erzählt, er wolle kleine Kinder um ihr Geld bestehlen und nicht auf das Konzert einer leicht kommerziellen Band gehen. Für ihn gab es da wohl keinen großen Unterschied mehr.

Seufzend fuhr sich Ludwig durch die Haare und versuchte links und rechts einen Ausweg zu finden, um sich das Gefluche, welches bald folgen würde, nicht anhören zu müssen. Dabei wusste er doch, dass Gilbert bei diesem Thema sofort an die Decke ging. Egal was für eine Laune er davor hatte oder was er in diesem Moment tat- erwähnte einer seine ehemals Lieblingsband, so war es um ihn geschehen. Jedes Mal aufs Neue. Es war lustig und nervig zugleich.

"Ja ich weiß, ich wollte dir aber nur eine faire Chance geben-"

"Fair?", fuhr man ihm wieder dazwischen, "Wenn einer fair sein sollte, dann die. Das sind solche Penner, hast du dir die letzte Single angehört? Die ist reiner Müll!"

Vielleicht sagte sein Bruder daraufhin noch mehr, auf jeden Fall bewegte er aufgeregt seine Arme und ab und zu wurde seine Stimme lauter. Aber auf den Inhalt zu achten war nicht so wichtig, denn es war immer eine Variation aus früher waren sie besser, heute sind sie doof, kommerziell, scheiß Producer, Elektro und wehe du gehst auf dieses Konzert du Verräter.

Nachdem sich sein großer Bruder wieder einigermaßen beruhigt hatte, nahm dieser einen großen Atemzug und sah ihn fragend an: "Hast du auch solch einen Hunger wie ich? Ich mach uns was."

Ach ja, was Ludwig immer wieder vergaß, wenn Gilbert mal wieder über die Welt fluchte, dass es diesem Spaß machte. Wenn sein großer Bruder seine Meinung nicht laut und deutlich kundtun konnte, dann war es einfach nicht die richtige Ausdrucksweise.

Wenn er so darüber nachdachte, war es doch ganz lustig, fand Ludwig und setzte sich wie ein braves, jüngeres Geschwisterchen hin um bedient zu werden.

Sollte er bei jedem Wutanfall von seinem Bruder, welchen er mit anhören musste, danach bekocht werden, war das ein guter Deal. Am besten sollte er das Konzert einfach noch mal in einer Woche erwähnen.


4.

"Du möchtest was?", Ivan sah seine jüngere Schwester vor sich kritisch an.

Diese lächelte süß, wippte mit ihrem Kopf ein wenig und sah aus wie die Unschuld in Person.
Egal was Natasha ihn fragen wird, ihm würde es auf jeden Fall nicht gefallen. Noch schlimmer war Katyushas wissender Blick, der besagte, ich weiß genau, worum es geht, denn ich bin eine riesige Tratschtante und auch noch stolz drauf. Frauen konnten manchmal echt gruselig sein.

"Einen neuen Laptop. Ich habe doch letztens mein erstes Gehalt bekommen und da wollte ich mir was Neues leisten. Meiner ist doch schon vier Jahre alt."

"Ja das stimmt", sagte er vorsichtig, denn er ahnte schon, worauf es hinausliefen wird. "Und was hat das mit mir zu tun? Du weißt ja was ein Laptop ist? Dann such dir doch mal einen Eigenen heraus."

Oh, jetzt kamen die großen ängstlichen Augen die immer zu sagen schienen, aber Bruder ich bin so ein kleines, hilfloses Mädchen, was verlangst du da von mir? Was eine große, absolute Lüge war. Ja, Natasha war ein Mädchen, aber eins das ihren Mund sehr wohl alleine aufbekam und extrem viel im Hirn hatte.

"Aber ich weiß doch nicht, worauf ich achten soll", kam dann auch der Standardspruch seiner Schwester, wobei sie anfing mit ihren langen blonden Haaren zu spielen. Wie oft hatte er diese Diskussion schon geführt? Ach eigentlich schon viel zu oft.

"Nun, du willst einen Laptop, dann überlegst du dir, was du damit machen möchtest, ob nur arbeiten oder auch drauf spielen und dann schaust du dich in deiner Preisklasse um. Man, es gibt doch Amazon, da liest du dir einfach ein paar Rezensionen durch, schaust ein paar Videos..." umso mehr Punkte Ivan aufzählte, umso unglücklicher sah Natasha aus. Verlangte er da echt etwas Unmögliches?

Hilfe suchend schaute er zu seiner anderen Schwester, aber diese zuckte nur mit den Schultern.
Immerhin hatte sie sich damals ihren PC selber ausgesucht. Wenigstens eine Frau aus diesem Haushalt schaffte das.
Nur seine jüngere Schwester sah weiterhin traurig vor sich hin und versuchte mit ihrer ganzen Körpersprache auszudrücken, dass es für sie wirklich unmöglich war, scheiß Google zu benutzen.
So faul konnte kein Mensch sein.

"Ja aber ich versteh Technik doch einfach nicht", jammerte Natasha und signalisierte damit automatisch, dass sie es anscheinend die nächsten sechzig Jahre auch nie lernen wollen würde.

Er musste durchgreifen. Das wusste Ivan instinktiv, denn würde er weiterhin seine Schwester so verhätscheln, dann würde sie immer wieder zu ihm kommen und es nie selbst schaffen.
Man, es waren ein paar Zahlen die es zu vergleichen gab, so schwer war das nicht.

Deswegen sah er Natasha ernst ins Gesicht und sagte: "Du suchst dir deinen Laptop selber aus. Ich werde dir nicht helfen."

Als seine kleine Schwester dann wütend das Zimmer verlassen hatte, sah Katyusha ihn zweifelnd an: "Meinst du das wird sie abschrecken?"

"Ja", sagte er voller Zuversicht. Diesmal würde er sich durchsetzen. Da könne seine kleine Schwester machen, was sie wolle.

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Zwei Wochen später sah Katyusha, wie Natasha fröhlich wippend auf einen Stuhl saß und an ihrem neuen Laptop rumspielte.

"Schick", kommentierte sie das Gerät und war stolz auf ihre kleine Schwester. Anscheinend hatte sie sich selbstständig mal mit diesem Thema befasst. Ivan hatte also gewonnen.
Als sie aber das süffisante Grinsen dieses kleinen Teufels sah, wusste sie, dass sie sich irrte.

Und ohne irgendwie schuldbewusst auszusehen, sagte Natasha stolz: "Ja, Vanja hat sich da echt Mühe gegeben. Ist wirklich ein schönes Teil. Und lag genau in meiner Preisklasse."

Okay, Ivan hatte es doch nicht geschafft. Und Natasha auch nicht, denn sie würde es wahrscheinlich nie lernen, sich solch hochtechnischen Geräte selbst auszusuchen.
Katyusha fragte sich, wem zuerst der Kragen platzen würde.

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*Die liebe Kate Marley hat mich daraufhingewiesen, dass die Schweiz ein sehr sauberes und ordentliches Land ist, weswegen man diese falsche Information bitte übersehen/sofort vergessen soll.


Nachwort:

Zuerst ist das hier ein Rekord für mich, immerhin ist das die erste Geschichte mit dreißig Kapitel. Das einzig logische ist ja nun eine Geschichte mit vierzig Kapitel, aber das wird wahrscheinlich noch Ewigkeiten dauern.
Zweitens möchte ich keinem Linkin Park Fan auf die Füße treten, es ist aber wirklich die Hass/Lieblingsband meiner Schwester und dadurch das sie jeder kennt, dachte ich mir belass ich es bei denen. Ich möchte hiermit niemanden meine Meinung aufdrücken, ich selber finde die ja völlig in Ordnung.

Grüße Merli
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