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Geschwister sind...

von Merli
GeschichteFamilie / P12 / Gen
Amerika Deutschland Kanada Preussen Russland Schweiz
20.01.2015
09.09.2017
40
33.629
7
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22.03.2016 484
 
Geschwister sind ausreichend


Es war eine Sache, die Ludwig erst seit kurzem aufgefallen war.

Wieso er überhaupt drauf geachtet hatte, wusste er nicht mal, aber als er es ein Mal gesehen hatte, so konnte er es nicht mehr ignorieren. Irgendwann, in den letzten Wochen oder auch Monaten, hatte er sich an seinen großen Bruder gewöhnt.
Jetzt mag einer hämisch kichern und sagen, ja, sie seine Brüder, da ist das normal.
Wenn man gemeinsam aufwächst, so muss man sich aneinander gewöhnen. Sonst könnte man ja schlecht unterm gleichen Dach wohnen.

Da war Ludwig einer anderen Meinung.
Bis vor kurzem hätte er keine Konversation führen können, ohne die Augen zu verdrehen oder zu glauben, sein Bruder sei ein Idiot. Das beruhte auf Gegenseitigkeit: Ludwig fand Gilbert ätzend und Gilbert ihn. So einfach war das. Jahrelang.
Nur seit kurzem...passierte das nicht immer. Manchmal gab es Momente, in denen sie einfach beisammen waren, ohne zu meckern, zetern oder den anderen nur zu nerven.
In denen man nur in einem Zimmer saß, jeder seine Sachen nachging und nicht versuchte, den anderen zu verscheuchen. Wo man miteinander reden konnte, ohne viel zu verlangen, manchmal gar nicht in ganzen Sätzen, sondern nur Wortfetzen.

Es war seltsam und unerwartet zugleich. Früher hatte er sich immer fremd um seinen Bruder gefühlt. Immerhin war er immer älter und er war immer jünger und diese Kluft würde man nie ändern können.
Zeit veränderte sich nicht.

Aber Zeit veränderte einen, denn mit jedem Jahr fiel es ihm leichter, Gilbert nicht als nervigen, großen Bruder mit viel zu großer Klappe zu sehen, sondern als eine Person.
Sein Bruder war nicht mehr nur ein Bruder, mit der Aufgabe auf ihn aufzupassen und manches Mal ihn in den Wahnsinn zu treiben. Sondern ein Mensch mit denselben Facetten, die er langsam aber sicher in jeder der anderen Personen in seinem Leben sah.

Gilbert wurde mit jedem Tag plastischer und diese kleine Änderung konnte er einfach nicht mehr übersehen. Oh ja, sein Bruder war immer noch die nervigste Person auf dieser ganzen Erde und das würde sich auch nie ändern. Aber ohne es zu wollen musste Ludwig hinnehmen, dass diese Schadenfreude immer weniger wurde und der Wunsch, sich mal in Ruhe und ohne sich gegenseitig zu zerfleischen in seinem Zimmer zu sitzen, immer öfters auftauchte.

Wahrscheinlich würden sie sich auch noch in Jahren gegenseitig an die Kehle springen, wenn einer beim anderen genau diesen Punkt traf, den jeder Mensch in den Wahnsinn trieb.
Und Ludwig hoffte inbrünstig, dass dieses kindische Necken und auf die Nerven gehen nie vergehen wird.

Doch wie jetzt wollte er nur Zeit neben seinem Bruder verbringen, beide in ihrer Welt, aber doch gemeinsam an etwas arbeiten. Sei es nur für ein paar Minuten. Oder für ein paar Stunden.
Immerhin würden sie sich schnell genug wieder angiften.
Denn auch in den nächsten Jahren blieben sie großer Bruder und kleiner Bruder.
Das würde sich definitiv nicht ändern.
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