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Geschwister sind...

von Merli
GeschichteFamilie / P12 / Gen
Amerika Deutschland Kanada Preussen Russland Schweiz
20.01.2015
09.09.2017
40
33.629
7
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1 Review
 
15.02.2016 597
 
Geschwister sind selbstverständlich


"Ich versteh es nicht", flüsterte Ivan in seine Tasse Tee und starrte lange und ohne mich anzusehen aus dem Fenster. "Wieso hilfst du mir?"

Ach ja, mein kleiner Bruder, der zwei Köpfe größer war als ich. Wie ich es vermisst hatte diesen starken, klugen Mann so ahnungslos zu sehen. Es amüsierte mich immer wieder.

"Weil Vanja", man sah, wie Ivans Mundwinkel bei seinem Namen nach unten gingen.
"Du Hilfe brauchst. Oder erinnere ich mich falsch, dass du mich anriefst und meintest, du hättest keine Wohnung mehr? Habe ich mich da verhört?"

"Nein, hast du nicht", nuschelte er und vergrub sich weiter in die Decke, die ich ihm gegeben hatte.

Das war eine der Spezialitäten meines Bruders: Wenn es einen Zeitraum gab, in dem seine Wohnung gekündigt wurde und er auf der Straße saß, lass es den kältesten Tag des ganzen Jahres sein.
Mein kleiner Bruder. Manchmal wusste ich nicht, ob ich stolz sein sollte oder nicht.

"Aber das ich alle meine Sachen mitnehmen sollte- das war doch etwas übertrieben nicht? Immerhin hast du auch nur eine Einzimmerwohnung", Ivan beobachtete immer noch lieber den Schnee, welcher am Fenster vorbei wirbelte als in mein Gesicht zu schauen.

Also sah ich mir selber meine kleine Wohnung an und fand das da noch reichlich Platz für meinen Bruder war.
Und den würde ich immer wieder finden, denn immerhin war das Ivan- meine Familie.
Wenn ich ihn nicht aufnehmen, wenn er bei fünfzehn Grad minus auf der Straße sitzt, wer dann? Meine Eltern momentan leider gar nicht, also gab es da wenige Personen zur Auswahl.
Zumal man mein Schlafsofa auch ausklappen konnte und solange Ivan mich im Schlaf nicht zerdrückte, konnte man sich dieses auch teilen.

Außer natürlich..."Du willst nicht mit mir zusammen in einem Bett schlafen oder? Ach Vanja du bist so süß", und wie zu erwarten war, starrte mich Ivan bei diesem Kommentar nur sprachlos an und wurde leicht rot.

"Das ist doch normal, oder? Wir sind keine Kinder mehr", flüsterte Ivan immer noch überfordert und kurz fragte ich mich, wie lange er wohl in der Kälte gesessen hatte, bevor er mich angerufen hatte. Nach den blauen Lippen und den steifen Händen zu urteilen schon viel zu lange.
Aber wenigstens hatte er mich angerufen, seufzte ich innerlich und machte uns einen neuen Tee.

Wenn Ivan genauso stur wäre wie unsere Mutter, hätte er nie angerufen, versucht es sich draußen gemütlich zu machen und wäre wahrscheinlich erfroren.
Dabei war es für mich selbstverständlich als ältere Schwester mich um meinen Bruder zu kümmern. Nur weil ich eine Frau war, hieß das nicht, dass ich nicht die Stärke dafür besaß.
Und das Einzige was mein Bruder jetzt brauchte war eine warme Decke, Tee und einen Ort, an dem er sich wieder sammeln konnte.
Weswegen meine kleine Einzimmerwohnung ein guter Ort wie jeder andere war. Nur das Ivan hier gerne so lange bleiben durfte, bis er wieder auf die Beine kam- irgendwann würde sich dieses sture Kind auch daran gewöhnen, mit mir ein Bett zu teilen.

Als ich dann mit einem neuen warmen Tee ins Zimmer kam, sah Ivan mich skeptisch an, bevor er lächelte: "Danke Katyusha das ich bei dir bleiben darf. Das bedeutet mir wirklich viel."

Und mir bedeutete es viel, wenn es meinem kleinen Bruder besser ging. Also drückte ich ihm wortlos die Tasse in die Hand und schaute mit ihm den Rest des Abends fernsehen, bis wir beide vor Erschöpfung einschliefen.
Auf meiner Couch, aneinandergekuschelt und zufrieden.
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