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Geschwister sind...

von Merli
GeschichteFamilie / P12 / Gen
Amerika Deutschland Kanada Preussen Russland Schweiz
20.01.2015
09.09.2017
40
33.629
7
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Dieses Kapitel
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11.02.2016 2.269
 
Geschwister sind ahnunglos:


Es lag eine angenehme Stimmung in diesem Saal. Die Lichter waren gedämpft und zum Teil mit buntem Papier verhangen- weswegen eine mystische Stimmung entstand, die mit der Dekoration des Raumes harmonierte. Die Wände waren mit Blumen bestückt, welche man auf den Tischen wiederfand und auch das Büffet war in denselben Farben und Formenschema gehalten.

Wer auch immer diese Festlichkeit geplant hatte,  hatte es wirklich ernst gemeint.
Denn es war hübsch. Und wenn es selbst Vash auffiel, dann sollte das schon was heißen.
Nicht dass er wahre Schönheit nicht zu schätzen wusste- aber diese befand sich meistens außerhalb, auf einem hohen Berg umgeben von frischer Luft.
Nicht in einem Saal, in dem sich um die dreihundert festlich gekleidete Menschen befanden, die zusammen aßen, lachten und sich unterhielten. Hier und da wurde ein Foto geschossen oder eine Dummheit angestellt.
Der Geruch, das Licht, die Temperatur- alles passte.

Vash lächelte leicht, als er einen Schluck aus seinem Sektglas nahm und sich an seine eigene Abschlussfeier erinnerte.

Zum Ende hin war er natürlich mehr als betrunken gewesen, aber woran er sich noch erinnerte war, das er es nicht so angenehm empfunden hatte wie heute.
Vielleicht weil er sich nicht so darauf gefreut hatte? Vielleicht weil zu dem Zeitpunkt seine Familie mehr als zerstritten war? Oder vielleicht hatte auch jemand nur nicht so viel Geschmack bei der Dekoration bewiesen oder so viel Finesse beim Abendprogramm.
Ja, daran wird es wohl liegen. Zumal der Alkohol auch besser zu schmecken schien.

Er wusste, dass er lächerlich argumentierte, aber egal wie sehr Vash sich sagte, er hasste solche Veranstaltungen, so schaffte er es heute nicht.
Dieser Abend war schön. So einfach war das gerade.

Was die Situation besser machen würde, wäre natürlich seine kleine Schwester, um die es eigentlich ging. Es war ihr Abschlussball, mit ihrer Abschlussklasse und natürlich fand ihr Bruder sie nicht.
Typisch dachte sich Vash, als er gemächlich durch die Menschengruppen schritt.

Leider kannte er niemanden von hier- er war auf eine andere Schule gegangen als seine Schwester. Zudem war sein Abschluss auch schon sieben Jahre her, weswegen ihm wohl alle Gesichter eh fremd sein sollten. Hier und da versuchte er vielleicht jemand Bekanntes zu finden, schaffte es aber nicht.

Normalerweise würde Vash sich jetzt unwohl fühlen, inmitten dieser hunderten von Fremden, aber diesmal störte es ihn nicht. Immerhin war er wie alle schick gekleidet in seinem Anzug und hatte es diesmal sogar geschafft, seine Haare zu bändigen.
Er sah gut aus und fühlte sich gut.

Das Einzige was er jetzt wollte, war seine Schwester zu finden, um mit ihr ein Foto zu schießen, sie zu beglückwünschen und schauen, ob einer der Jungs ein Auge auf sie geworfen hatte.
Was er nicht zulassen würde.

Nach ein paar Tischen und einem weiteren Sektglas fand er dann auch endlich seine Schwester in einer Ecke des Raumes, umgeben von ihren Freundinnen und lachend.
Vash erlaubte es sich kurz stehen zu bleiben, um die Mädchengruppe zu betrachten.

Es waren fünf Mädchen, alle im Alter von Lilli, alle mit hübschen Kleidern und schick gemachten Frisuren. Manche sahen damit schick aus, manche eher deplatziert, so als wäre das Kleid schön und das Mädchen auch, aber zusammen passte es nicht. Aber insgesamt war es niedlich mit anzusehen wie die Mädchen sich gegenseitig anstießen, etwas erzählten, um dann wieder in Gelächter auszubrechen.

Und mittendrin saß Lilli, mit ihren offenen Haaren, ihrem schüchternen Lächeln und diesen Leuchten in den Augen.

Oh man, war es eine Geburt gewesen, seiner kleinen Schwester diesen Abend zu ermöglichen.

Zuerst wollte Lilli nicht- sie hasste ihre Klasse und traute sich nicht, diesen Leuten in die Augen zu sehen. Nachdem ihre Freundinnen und auch Vash sie überredet hatten, sich einfach zu betrinken und kein Wort mit den anderen Idioten zu reden, hatte sie zugesagt.
Damit war die erste Hürde bestanden.
Dann kam das zweite Drama, denn sechzehnjährige Mädchen brauchten einfach Dramen.
Das Kleid.
Lilli hatte kein passendes, keine Ahnung, was sie anziehen wollte und auch kein Geld.
Das Angebot, ihr Geld zu leihen, hatte sie entrüstet abgelehnt und lieber nur rumgejammert.
Nach weiteren mentalen Arschtritten hatte Vash es endlich geschafft Lilli davon zu überzeugen, dass kein Geld von ihren Eltern kommen würde, die nicht mal eingeladen waren, sie selbst keins verdienen würde und wolle sie nicht nackt gehen, sie sein Angebot annehmen sollte.

Nach weiterem Schmollen und der ein oder anderen Träne war Lilli endlich losgegangen, sich ihr Kleid zu kaufen. Welches sie auch giggelnd geschafft hatte und es ihm dann einfach nicht gezeigt hatte. Sie hatte nur gemeint, er würde es ja noch früh genug sehen.

Und nach einer Woche und zwei Gläsern Sekt, durfte er als Sponsor seine Investition bewundern. Wurde auch Zeit.

Zuerst sah Lilli ihn nicht, weil ein braunhaariges Mädchen etwas in ihr Ohr flüsterte, aber als sie aufschaute, erkannte sie ihn sofort.

"Vash", sagte sie strahlend und befreite sich aus der engen Tischreihe. "Schön das du es geschafft hast. Wie war die Arbeit?"

"Gut", antwortete er ehrlich und wollte etwas Gemeines hinzufügen, als er Lilli das erste Mal von Nahem sah.

Sie sah...wow aus.
Vash wusste schon immer, das er eine wirklich hübsche Schwester hatte, weswegen er besonders acht auf sie gab. Nur in diesem Moment war Lilli nicht nur hübsch, sie schien zu strahlen, so sehr unterstrichen ihre Haare, das Make-up und das Kleid sie.
Im Gegensatz zu ihren ganzen Freundinnen sah sie nicht aufgesetzt aus, sondern wie eine kleine Lady. Seine Schwester wurde wirklich schnell erwachsen, dachte sich Vash leicht perplex.
Wie die Zeit verflog.

"Das Grün steht dir echt gut", brachte er schlussendlich heraus, als Lilli lächelnd vor ihm stand und das Sektglas aus der Hand nahm.

"Danke, es ist ja auch deine Lieblingsfarbe", scherzte sie und dreht sich einmal im Kreis. "Gefall ich dir?“

"Natürlich", erwiderte Vash ernst, "Und das ist nichts Gutes. Wie viele Jungs haben dich heute Abend schon angesprochen? Lüg mich bloß nicht an."

"Ach Brüderchen", Lilli schob ihn leicht in Richtung ihres Tisches, an dem ihre Freundinnen ihn interessiert musterten. "Sei nicht so steif. Wir haben uns heute alle hübsch gemacht. Da werde ich wohl nicht auffallen."

Das glaubst du, dachte sich Vash verbissen, als er die anderen Mädchen von Nahem sah. Sie waren hübsch, ohne Frage, aber keine strahlte so wie seine Schwester. Und er war bestimmt nicht der Einzige der das so sah.

"Ja aber bei so besonderen Abenden, da weiß man nie", gab er nüchtern zurück und versuchte wirklich, sich nicht aufzuregen. Ja, er wurde etwas nervös bei all diesen halbstarken Kerlen um ihn herum, aber seine Schwester war klug wie hübsch.
Sie würde sich bestimmt auf nichts Dummes einlassen.

Lilli grinste nur und holte ihre Tasche vom Stuhl. Dabei sagte sie ihren Freundinnen, dass sie gleich wieder da sei und sie auf das Gruppenfoto warten sollten.
Danach gingen sie zu zweit zur Theke und Vash beobachte weiterhin kritisch seine Umgebung.
Seit dem er seine Schwester gesehen hatte, war die ganze gute Stimmung verflogen, was nicht fair ihr gegenüber war.
Es war ihr Abend und er benahm sich wie ein Idiot.
Aber auch Lilli neben ihm war stiller geworden und ein nachdenklicher Blick hatte sich auf ihre Züge gelegt. Hatte sie gerade noch gestrahlt, so sah sie viel mehr müde aus und sah ihren Bruder immer wieder von der Seite an.

Nach einer Ewigkeit, in dem sie in der Schlange zur Theke standen, wurde es Vash zu viel: "Was ist los Lilli? Bist du traurig das nur du und ich hier sind? Das Mama und Papa keine Zeit hatten?"

"Nein", wobei ihre Augen verrieten, das das nicht die ganze Wahrheit war, "Das wusste ich ja schon. Es ist nichts."

Wieder eine Lüge und Vash musste sich zusammenreißen, um seine kleine Schwester nicht an den Schultern zu packen. Sie war eine miserable Lügnerin und gerade wollte er ihre Vorstellung nicht sehen.

"Komm wir gehen raus", mit diesen Worten zog er Lilli mit in den Hof hinein, der an diesem Saal grenzte. Zwar standen hier auch Gruppen, aber viel mehr verteilt und schnell fand er eine ruhige Ecke. In der sah Vash Lilli lange und ruhig an. "Ernsthaft was ist los?", fragte er schlussendlich und sah wie seine Schwester anfing, sein Gesicht zu meiden.
"Komm Lilli, was beschäftigt dich? Dass diese Kuh Anna dich heute Abend ärgert? Keine Sorge, darum kümmere ich mich. Oder liegt es an Frau Bartz, die dir die Vier reingedrückt hat? Auch kein Problem. Oder bin etwa ich dir peinlich?", bei diesen Worten sah Lilli ihn scharf an und er bekam endlich seine erhoffte Wirkung.
Manchmal konnte sie richtig stur sein.

"Sei nicht albern", fing sie an, verlor sich aber bald daraufhin in stille.
"Es ist nur das...na ja", dabei fummelte sie immer am Saum des bis zum Knie gehenden Kleides und sah ihm schlussendlich an: "Dieser ganzer Abend, die Karten, das Kleid, diese Kette, das alles hast du mir gekauft."

Ja, das hatte seine kleine Schwester gut erkannt. Ein Problem sah er leider immer noch nicht.

"Und ich habe nichts gemacht, außer mich zu beschweren, zu meckern und dir dann auch noch das Kleid vorenthalten. Das war wirklich kindisch von mir", Lilli sah ihn traurig an und ließ endlich ihr Kleid los, "ich habe das alles nicht verdient, verstehst du Vash? Ich freue mich wirklich hier zu sein, wirklich riesig, aber ich…ich"
Und ohne das er es verhindern konnte, oder ohne das sie es wollte, fing sie an zu heulen.
"Ich kann dir das alles gar nicht zurückzahlen", brachte sie zwischen den ersten Schluchzern hervor. "Erst in zwei Jahren oder so. Und dann ist es auch nicht mehr wichtig, weil, weil, ich will doch gar nicht heulen", bei den Worten fing Vash an zu lächeln und er nahm seine Schwester in den Arm.

"Deswegen bist du so traurig? Weil ich für dich Geld ausgeben habe?", er fühlte, wie Lillis Kopf an seiner Brust bejahend nickte. "Das ist doch egal. Lilli, ich verdiene Geld. Und ob du es mir erst in zwei Jahren zurückzahlst ist doch vollkommen unwichtig. Heute ist deine Abschlussfeier.
Das Einzige was in deinem Kopf seins sollte ist Spaß und noch mehr Spaß.
Vielleicht ein Foto mit deinem lahmen großen Bruder, aber mehr nicht. Hast du mich verstanden?"

"Das weiß ich doch", kam es genuschelt von seinem Jackett. "Dennoch fühle ich mich so schlecht. Du kaufst mir alles und was kriegst du als Gegenleistung?
Das ich heule und du mir noch meine Getränke zahlen musst. Das ist doch nicht gerecht."

Vash hatte schnelle eine Erwiderung auf den Lippen, so etwas wie spätere Rückzahlung, lauf der Dinge oder das ihre Eltern an allem Schuld seien.
Aber etwas in ihm wehte sich gegen diese Gedanken, denn er fühlte sich nicht ausgenommen.
Ja, er bezahlte seiner Schwester gerade den ganzen Abend, was nicht wirklich günstig war, aber es war einmalig. Auch das war nicht der Grund, weswegen er sich heute Abend so wohl fühlte.
Es war etwas Abstrakteres, ein Gefühl, was er sich seitdem er seine Schwester zum Kleid kaufen geschickt hatte, nicht wirklich verstand.

Nie hatte er sich für solch dämliche Veranstaltungen erwärmen können, aber Lilli hatte so traurig geklungen, als sie meinte, dass es die letzte Chance sei, all ihre Freundinnen zu sehen.
Weil sie wegziehen würden und sie mochte sie wirklich alle sehr gerne. So viele kleine Gründe, weswegen Vash sich gesagt hatte, das Lilli trotz aller Umstände zu diesem Abend kommen sollte.

Und was war der Dank? Das umwerfende Lächeln seiner Schwester, ihr heiteres Lachen, die Witze mit ihren Freunden, das Schimmern ihrer Augen.
Seine Schwester war glücklich. Und das war alles, was zählte.

Dieser Gedanke brachten ihn wieder auf den richtigen Weg, als er seine sich langsam beruhigende Schwester ihm Arm hielt. Manchmal war dieses kleine Mädchen ziemlich dumm, dachte er sich amüsiert und strich ihr durch die blonden Haare.

"Lilli, weißt du, was mich glücklich macht? Mehr als Geld?" Ein kurioser Blick aus geröteten Augen verriet ihm weiterzureden, "Da gibt es nur eine Sache. Es klappt nicht immer, aber wenn ich es schaffe, dann ist es das tollste Gefühl der Welt. Kannst du es erraten?"

Lilli schüttelte ihren Kopf und versuchte den Schaden ihres Make-Ups zu erfühlen.

"Das du glücklich bist", sagte Vash, ohne zu zögern, weswegen Lilli ihn aus großen Augen anstarrte.

"Was?", hauchte sie fast.

"Ist das nicht offensichtlich? Das Kleid, die Karten, die Getränke, das kriegst du weil ich möchte, dass du dich heute freust. So einfach ist das. Es ist dein Abend und das Einzige was ich von dir will ist ein Foto mit dir. Glaubst du, das kriegen wir hin?", ein kurzes Nicken.
"Wunderbar. Dann beruhige dich und konzentrier dich auf das Wichtige: Auf deine Abschlussfeier. Gedanken machen kannst du dir ein anderes Mal, okay?"

Man sah, dass Lilli noch etwas sagen wollte, wahrscheinlich so etwas wie, ich habe aber schon geheult, stört dich das nicht?, aber sie hielt ihren Mund.
Kurz schloss sie ihre Augen, atmete tief durch und dann lächelte seine kleine Schwester wieder.
"Ja, das schaffen wir", sagte sie zuversichtlich und zog ihren Bruder wieder in die gedimmte Halle.

Vash sollte diesen Abend genug entlohnt werden- seine Schwester amüsierte sich köstlich und es gab mehr als ein schönes Foto von den zweien.
Und das war die beste Rückzahlung überhaupt.
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