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Geschwister sind...

von Merli
GeschichteFamilie / P12 / Gen
Amerika Deutschland Kanada Preussen Russland Schweiz
20.01.2015
09.09.2017
40
33.629
7
Alle Kapitel
19 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
03.04.2015 853
 
Geschwister sind inspirierend


"Matthew, was machst du da?", Alfred klang nicht gelangweilt.
Das konnte er gar nicht.

Er war der coolste und beschäftigte junge Mann im ganzen Block, solch ein Typ langweilte sich nicht. Besonders nicht an einem Samstagnachmittag.
Gut, es regnete in Strömen, seine ganzen Freunde waren bei ihren Familien und er war mit seinem Bruder gezwungen auf das Haus aufzupassen- aber all das war kein Grund um solch eine niedere Form der Unlust zu spüren.

Nur totale Loser, die nichts mit ihrem Leben anzufangen wusste, konnten sich nicht beschäftigen.

Aber er war weder langweilig und er wusste sehr wohl etwas mit seinem Leben anzufangen.
Beschäftigten konnte er sich gerade trotzdem nicht.

Es lief nichts im Fernsehen, seine letzte Serie hatte er zu Ende geschaut, Videospiele waren ihm gerade zu anstrengend.
Bücher las er nie- denn bitte schön, was war er, ein Streber?
Gegessen hatte Alfred schon, wie gesagt, das Wetter war grausam und es gab niemanden, mit dem er sich unterhalten konnte.
Außer seinem Bruder, aber der saß gerade konzentriert an seinem Schreibtisch und schien ihn zu ignorieren.

Überhaupt, Matthew hatte heute den ganzen Tag kein Mal mit ihm geredet, was ihn langsam etwas sauer machte.

Es könnte daran liegen, dass er gestern seinen Bruder richtig verarscht hatte, mit irgendeinem Mädchen, das auf ihn stand oder so.
Mit seinen Freunden hatte er zusammen einen Liebesbrief verfasst und in den Rucksack seines Bruders geschmuggelt.
Zudem hatte er eine selbstgepflückte Blume an seinen Tisch gelegt mit einem Zettel auf dem stand „An meinen Liebsten“.
Halt der übliche Quatsch.

Zwar war Matthew leider nicht darauf reingefallen, dennoch hatte er es absolut nicht lustig gefunden.
Wie gesagt, sein Bruder war ein riesiger Langweiler.

Der gerade aber beschäftigter war als er, was Alfred mehr als verstimmte.
Vielleicht klang das jetzt, wie ein neidisches, bockiges Kind, aber das täuschte.
So niedrig sank Alfred nicht.

"Ernsthaft, was machst du da?", okay, langsam klang er wie ein bockiges Kind.
Aber nur ein ganz wenig.
Und wahrscheinlich würde es niemand anderes heraushören, weil keiner ihn so gut kannte wie er sich selbst.
Oh ja, Alfred empfand sich als einen sehr tiefgründigen, vielschichtigen Menschen.

Matthew sah endlich auf, aber nur um ihn mit einem langen, nichtssagenden Blick zu streifen.
"Ist dir langweilig?", waren dann die ersten Worte seines Bruders nach einem Tag.

Hätte er sich vielleicht doch entschuldigen sollen?
Oder Matthew nicht beleidigen sollen, dass er total steif und unlustig war?
Ja, vielleicht war das etwas hart gewesen.
Aber nachdem er seinen Bruder einfach mit seinem traurigsten Blick angesehen hatte und meinte, er langweile sich bloß nicht, das täusche nur, seufzte sein dieser nur.

"Oh man Alfred, bist du so schlecht dadrin?
Kannst du dich nicht wie jeder andere Mensch selbst beschäftigen?
Kleine  Kinder lernen das mit vier Jahren", waren Matthews Worte hart, setzte dieser sich aber neben ihm und zeigte ihm endlich, woran er arbeite.

Zwar hatte er sich nie wirklich dafür interessierte, was sein Bruder da so trieb, es zu wissen war ja auch nicht verkehrt.
Vielleicht konnte er ihn damit aufziehen?
Aber nachdem Matthew ihm eine weiße, quadratische Schablone gezeigt hatte, auf der die amerikanische Flagge mit kleinen, runden Perlen aufgesteckt war, blieben ihm die Worte weg.
Erst mal fragte Alfred sich wie sich diese Dinger nannten- Bügelbilder, oder?- zweitens war das ein Kinderspielzeug.
Das wusste er ganz genau.

Okay, jetzt war der Zeitpunkt zu lachen, und zwar laut und heftig.
Doch kein Wort drang heraus und Alfred strich über die halb fertige Flagge.
Bis ihm ein Gedanke kam.

"Sag mal, das ist nicht für mich, oder?
Wenn ja wäre das schon ein wenig mädchenhaft", sagte er halb ihm ernst, halb belustigt.

So dämlich und kindisch das auch war solche Schablonen mit bunten Perlen zu bestecken, die Idee an sich war...anders.

"Nun, mir war langweilig und da habe ich mal in den alten Schubladen rumgekramt und das gefunden.
Zuerst wollte ich gar keine Flagge machen, aber ich hatte nur dich und deinen dämlichen Streich im Kopf und so kam eins zum anderen", Matthew nahm ihm die Schablone wieder ab und fing an weiter daran zu arbeiten.

Okay, sein Bruder hatte ihm verziehen, sonst würde dieser ihm keine Bilder basteln.
Und das war...echt nett und so.

"Das war gestern nicht so cool, oder?", fragt Alfred dann auch zögerlich und sah, wie Matthews Mundwinkel leicht nach oben gingen, bevor dieser nachdrücklich den Kopf schüttelte.

"Nein, kein Stück."

"Wenn ich sage, dass es mir leidtut, krieg ich dann auch eine Schablone?
Ich glaube mir ist gerade ein gutes Motiv eingefallen", was Matthew zum Lächeln brachte und so saß Alfred an diesem nichtssagenden Tag zusammen mit seinem Bruder an kleinen Steckbildern.

Es war nicht der beste Nachmittag seines Lebens, dachte sich Alfred.
Aber auch nicht der Schlechteste.

Zudem er jetzt eine weitere Flagge in seiner Amerikasammlung hatte, auf die er selbst nie gekommen wäre.
Das schon alleine entlohnte alle Strapazen des Nichtstun und dem Gefühl, mal nichts mit sich anfangen zu können.
Ab und zu musste das auch mal sein.
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