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Fuchs Tagebuch

GeschichteAllgemein / P18 / Gen
18.01.2015
20.09.2015
9
23.916
 
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18.01.2015 1.819
 
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Öffne: Hamburg 1

Eiskalter Regen fiel in Strömen und durchnässte mich bis auf die Haut während ich durch die Straßen irrte. Zwei Tage hatte ich nichts gegessen, kaum getrunken und nur wenig und unruhig geschlafen. Das letzte bisschen Geld das ich mir zusammengeklaut habe wurde mir von einer Gruppe Orksquatter wieder abgenommen und als einzige Gegenleistung habe ich eine ordentliche Tracht Prügel bekommen.
Es gab keinen Ort an dem ich mich verstecken konnte, kein Zuhause zu dem ich zurückkehren konnte und keinen einzigen Freund mehr auf der Welt. Und dazu suchten sie bestimmt noch nach mir um mich genauso zu verschleppen wie meine Freunde. Es war kein guter Tag, und dabei war ich gerade einmal zwölf.

Ich schlug mein Lager überall dort auf wo man mich nicht gleich wieder vertrieb, oder schlimmer, zurück ins Waisenhaus bringen wollte, aß was ich in den Mülltonnen fand oder erbettelte mir Geld und Essen von anderen Obdachlosen. Manchmal, wenn ich genug Mut aufbrachte bestahl ich sie auch einfach. Aber wenn ich dabei erwischt wurde drohten mir brutale Prügel.
In dem Viertel in dem ich mich herumtrieb herrschten die Brick Kids, heute würde ich sagen das sie zu den absoluten Verlierern der Gangs in Hamburg zählten, aber damals waren sie meine großen Idole. Sie mussten keine Angst davor haben verdroschen zu werden, hier teilten sie die Prügel aus. Und sie hatten auch immer genug zu essen und ein Dach über dem Kopf, auch wenn es nur eine halb verfallene Ruine war. Waffen, Essen und halbwegs saubere Kleidung, mehr konnte sich ein Kind in meiner Lage nicht wünschen, aber leider hatten sie keinen Platz für ein halbverhungertes Elfenkid.
Immer wieder lungerte ich in der Nähe ihres Clubhauses herum, hoffte das eines Tages ein wenig von dem "Reichtum" dort drinnen für mich abfiel. Aber das blieb für mich immer ein Traum. Zumindest bis der Große Fuchs mich fand.

Wie so oft hatte ich mich mit leerem Magen in meinem neuen Versteck zum Schlafen verkrochen. Es war ideal, ein kleiner Raum dessen einziger Eingang fast vollkommen unter der heruntergefallenen Decke begraben war, nur ein schmaler Spalt war noch frei. Gerade genug damit ich mich durchzwängen konnte. Es gab sogar ein schimmliges Bett mit muffiger Decke wo man halbwegs bequem Schlafen konnte.
Ich war gerade weg gedämmert als mich leises, raues Lachen wieder aus dem Schlaf riss. Ein Lumpenberg am anderen Ende des Raumes bewegte sich. Wurde größer und kam näher! Ich hatte zu viel Angst um mich zu bewegen oder auch nur einen Ton von mir zu geben also tat ich weiter als würde ich schlafen. Es kam immer näher und mein Herz schien regelrecht meine Brust zu sprengen, aber immer noch rührte ich mich nicht.
Erst als es ganz nah war konnte ich erkennen das es ein Zwerg war, ein Squatter genau wie ich. Die Haare im Gesicht und auf dem Kopf waren wirr und verfilzt, die Kleidung bestand aus einer so dicken Schicht aus Lumpen das man die Statur darunter kaum erkennen konnte, aber es waren die Augen die meinen Blick bannten. Groß, grün und absolut klar, nicht wie die der Verrückten, Junkies und Verzweifelten aus den sich die Squatter hier zusammensetzten.
"Ich weiß das du nicht schläfst, Welpe." Ich war immer noch fast starr vor Schreck, aber zumindest schaffte ich es mich aufzurichten und von dem seltsamen Mann wegzurutschen. Es lag vielleicht ein Meter zwischen uns, keine sichere Entfernung aber zumindest machte der Fremde keine Anstalten diese zu verkürzen.
"Keine Angst kleiner Welpe, ich bin nicht hier um dir weh zu tun." Ein unmöglich breites Grinsen wie in einem Cartoon erschien in seinem Gesicht und zeigte zwei Reihen makelloser, strahlend weißer Zähne. Ich mochte dieses Grinsen sofort, es war nicht bedrohlich oder überheblich, weder einschmeichelnd noch unsicher. Es war dieses Grinsen das mir am deutlichsten in Erinnerung blieb.
"Weißt du wer ich bin, kleiner Welpe?" Meine Angst war wie weggezaubert, aber jetzt war ich vor Ehrfurcht gelähmt. Dieser schmutzige und heruntergekommene Squatter strahlte etwas aus, keine Autorität oder die falsche Selbstsicherheit mit der sich die Brick Kids schmückten. Ihn umgab eine Aura der Gelassenheit und Heiterkeit wie man sie immer irgendwelchen fernöstlichen Mönchen nachsagt.
"Ich bin der Große Fuchs. Ich gebe dir was du dir nimmst, und ich nehme dir was du dir nehmen lässt. Ich belohne die Mutigen, die Dreisten aber ganz besonders belohne ich die Schlauen und Gerissenen." Eigentlich waren das in etwa die selben Worte die man von jedem verrückten Bettler in jedem Viertel von Harburg hören konnte. Aber aus seinem Mund mit den makellos weißen Zähnen hatten sie eine ganz andere Bedeutung. Sie klangen wichtig, sie klangen nach dem einzig Wahrem auf der Welt.
"Du hast Hunger, nicht wahr? Du hast Angst, du frierst jede Nacht und willst nicht mehr das andere über dein Leben bestimmen weil sie dir sonst schlimme Dinge antun. Wie deinen Freunden. Ist es nicht so?" Der Zwerg war bei diesen Worten an das Fenster gegangen. Das Haus war in der Zeit vor dem Erwachen gebaut worden, deshalb musste er sich auf eine Kiste stellen um hinaus zu sehen.
"Wen du willst kannst du das alles überwinden. Kein Hunger mehr, keine Angst mehr, das kannst du schaffen, du musst nur clever sein."
Der Zwerg sah aus dem scheibenlosen Fenster in die Nacht und ich wusste was er dort sah. Das Clubhaus der Brick Kids. Den Ort an dem es Nahrung und Geld im Überfluss gab.
"Und ich werde dir dabei helfen." Er drehte sich wieder zu mir um, wieder dieses riesige Cartoongrinsen im Gesicht und ich musste ganz automatisch zurück grinsen.
"Aber vergiss nicht: Ich bin der Große Fuchs, ich helfe denen die sich selbst helfen."
Und dann bin ich aufgewacht.
Einen Moment lang dachte ich das alles wäre nur ein wirrer Traum gewesen, aber ich hatte immer noch dieses Grinsen vor Augen. Dieses "Ich kenne jede Menge cooler Geheimnisse, und vielleicht verrate ich dir sogar ein paar davon"-Grinsen.
Konnte das wirklich mehr als nur ein Traum gewesen sein? Gab es den Großen Fuchs wirklich? War er so etwas wie der Liebe Gott von dem der alte Priester im Waisenhaus immer erzählt hatte? Mit einem Kopf voller Fragen stand ich auf und ging im Zimmer umher. War es Zufall das ich am Fenster kurz sehen blieb und rausschaute? Oder hatte der Große Fuchs mir ein bisschen auf die Sprünge geholfen?
Dort lag das Clubhaus der Brick Kids. Nicht die uneinnehmbare Festung für die ich sie noch vor ein paar Stunden gehalten hatte, sondern ein Ort voller Reichtümer und Geheimnisse. Ich musste nur reingehen und mir nehmen was ich wollte. Und das war der Moment in der ich mich entschied genau das zu tun.
Und ich musste beim Gedanken daran bis über beide Ohren grinsen.

Ich war clever, genauso wie es der Große Fuchs wollte. Ich stahl alles an Wertsachen das ich in die Finger bekommen konnte, was in dieser Ecke von Hamburg wohl gerade einmal fünfzig Euro waren, und erkaufte mir damit die Hilfe von Fix It. Fix It war einer der freundlicheren Squatter hier in der Gegend, nur leider vollkommen durchgeknallt. Er redete ständig mit Leuten die gar nicht da waren, Realität schien für ihn ohnehin nur eine störende Option zu sein der er nach Kräften aus dem Weg ging. Aber er war auch immer noch ein technisches Genie, konnte aus Schrott den er auf der Straße fand, oder dem ihm die Leute hinterher warfen, funktionierende Geräte basteln.
Mir bastelte er ein paar Bomben die Rauch und Funken spucken würden sobald sie gezündet waren. Ich versteckte sie rund um das Gebäude der Brick Kids und nachdem ich den Timer gestellt hatte machte ich mich ins Nachbargebäude auf. Das Gebäude war schon Jahre vor meiner Geburt in Schieflage geraten und drohte bald in sich zusammen zu fallen. Nicht einmal die verzweifeltsten untern den Squattern ließen sich hier nieder. Heute lehnte es sich gegen das Clubhaus der Brick Kids, und wenn man ein bisschen mutig war konnte man mit einem kleinen Sprung von einem Gebäude ins andere wechseln.
Die Rauchbomben von Fix It zündeten, und nur kurze Zeit später strömten die Ganger mit gezogenen Waffen nach draußen um zu sehen was der Aufruhr sollte. Ich hatte dem Großem Fuchs bewiesen das ich clever war, und jetzt bewies ich das ich Mutig war und sprang.
Es waren nicht einmal zwei Meter, aber für mich fühlte es sich an als hätte ich gerade aus dem Stand einen kilometerbreiten Canyon übersprungen. Und es fühlte sich gut an.
Aber es war keine Zeit sich selbst auf die Schulter zu klopfen, ich war hier um etwas zu erledigen. So schnell und leise wie möglich eilte ich durch das Gebäude und hoffte das die Brick Kids ihre Schätze am scheinbar sichersten Ort aufbewahrten, nämlich weit oben. Und tatsächlich schon hinter der dritten Tür verbarg sich das Gesuchte.
Abgepackte Lebensmittel, sauberes Wasser in Flaschen und gestohlenen Elektronik. Schnell packte ich alles in Reichweite in meine Taschen, ich war damals wohl fast ein wenig zu gierig den ich konnte sie kaum bis zum Fenster zurück schleppen. Aber es gelang und ich schaffte es sogar sie in das andere Gebäude zu werfen. Ich versteckte zuerst meine Beute und dann mich selbst in einen umgekippten Schrank.
Dort wartete ich ein paar Stunden ab, verschlang genüsslich ein paar Schokoriegel und amüsierte mich über die Brick Kids, deren Clubhaus nur ein paar Meter entfernt lag während ich mich mit ihren Vorräten vollstopfte. Und damit hatte ich wohl auch bewiesen das ich dreist war. Es war alles so gut gelaufen das ich mir ein Grinsen nicht verkneifen konnte.

Den größten Teil der Elektronik schenkte ich Fix It, als Dank für seine Unterstützung, zusammen mit einigen Lebensmitteln und ein paar Flaschen Wasser. Wie üblich schien er mich kaum wahrzunehmen. Das er lange genug bei Sinnen war um mir zu helfen grenzte schon an ein mittleres Wunder und ich nahm es ihm nicht übel. Aber irgendwas schien doch zu ihm durchgedrungen zu sein, denn als ich das nächste Mal bei ihm vorbeischaute drückte er mir ein Digitalfernglas in die Hand, ziemlich mitgenommen aber es funktionierte immer noch, oder war dank Fix Its Fähigkeiten wieder, funktionsfähig. Von da an teilte ich regelmäßig die Beute aus meinen Raubzügen mit ihm, und ab und zu hatte er auch eine Kleinigkeit für mich.
Auch den Großen Fuchs sah ich wieder, jedes Mal in anderer Gestalt aber immer mit seinem diebischen Grinsen. Er brachte mir bei wie ich meine Gaben nutzen konnte, wie ich die Magie kontrollieren und nach meinem Willen formen konnte.
Von diesem Tag an wusste ich: Was auch immer passieren würde, ich würde selbst über mein Schicksal bestimmen. Und es gab nichts was ich nicht erreichen konnte wenn ich nur clever, mutig und dreist genug war.
Schließe: Hamburg 1
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