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Unstillbares Verlangen

von Lady S
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Draco Malfoy Hermine Granger Lucius Malfoy Pansy Parkinson
16.01.2015
10.07.2015
23
88.101
345
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23.01.2015 3.712
 
Zweites Kapitel



Magenschmerzen

Hermine erwartete regelrecht, dass sie mit Magenschmerzen erwachen würde, doch nichts dergleichen geschah.

Es ging ihr sogar ausgesprochen gut. Wahrscheinlich hatte sie bloß etwas Falsches gegessen. Vergnügt stürzte sie sich wenig später auf ihr Frühstück, trank ihren Kaffee und widerstand der Versuchung, zum Tisch der Slytherins hinüber zu schielen. Bei dem Zusammenstoß gestern war Malfoy für seine Verhältnisse erstaunlich zuvorkommend gewesen.

Merkwürdigerweise es reizte sie, ihn zu beobachten. Bald sah sie ihn im Unterricht, da sie gemeinsam Pflege magischer Geschöpfe belegt hatten. Hermine hatte immer noch ein schlechtes Gewissen, weil sie das Fach in der sechsten Klasse abgewählt hatte. Doch damals war ihr Stundenplan einfach zu voll gewesen. Dafür hatte sie dieses Mal auf Geschichte der Zauberei verzichtet. Zu Beginn des Schuljahres hatte Hermine ernsthaft überlegt, sich im Ministerium auf eine neu zu besetzende Stelle in der Abteilung zur Arterhaltung gefährdeter magischer Wesen zu bewerben. Eine entsprechende Ausbildung würde vermittelt werden, jedoch war ein UTZ-Grad im Fach Pflege magischer Geschöpfe dafür unerlässlich. Mittlerweile hatte sie von dem Berufswunsch allerdings wieder Abstand genommen. Die meisten Geschöpfe waren unheimlich, giftig oder auf andere Weise hochgradig gefährlich.

Harry und Ron hatten ohnehin andere Pläne und deshalb darauf verzichtet, Hagrids Kurs zu belegen. Der Halbriese war so froh, dass wenigstens Hermine noch seinen Unterricht besuchte, dass er sich für ihren Geschmack ein wenig zu sehr auf sie konzentrierte.

Was Malfoy allerdings darin zu suchen hatte, war Hermine von Anfang an ein Rätsel gewesen. Er tat sich in dem Fach nicht besonders hervor. Hagrid hatte er als Lehrer schon immer für unter seiner Würde erachtet und für magische Geschöpfe hatte er bisher in Hermines Augen nie auch nur einen Funken Verständnis aufgebracht.

An Parvati Patils Seite betrat Hermine das sogenannte Klassenzimmer. Es war unter freiem Himmel errichtet worden und glich sehr einer Arena. Für manche von Hagrids Geschöpfen war das auch der passende Ort, weil sich immer wieder Schüler in die oberen Ränge flüchteten, wenn einer der Schützlinge allzu anhänglich werden wollte.

Misstrauisch beobachtete Hermine die Holzkiste, die Hagrid in der Mitte platziert hatte. Die Schülerinnen und Schüler bildeten einen Kreis darum, hielten aber ausreichend Abstand von der Box.

Sichtlich zufrieden rieb sich Hagrid die Hände und schaute in die Runde. »Heute habe ich euch etwas ganz Besonderes mitgebracht«, verkündete er stolz.

Die Hälfte der Schüler unterdrückte ein Stöhnen. Hermine sah, wie Malfoy sich an Nott wandte und die Augen verdrehte.

»Frisch eingetroffen aus Südamerika und noch ein wenig aufgeregt«, fuhr Hagrid begeistert fort.

»Oh weh, auch das noch«, stieß Parvati an Hermines Seite hervor und trat einen halben Schritt zurück.

Während ihr Professor den Deckel der Kiste öffnete, ertönte daraus ein dunkles Fauchen.

»Darf ich euch vorstellen: Das ist ein Krokomantis«, erläuterte Hagrid und griff mit beiden Händen zu. Heraus hob er ein Tier von ungefähr zwei Metern Länge. Es sah im ersten Augenblick aus wie ein Kaiman, hatte jedoch merkwürdige Hautfalten an den Seiten.

Hagrid legte das Tier auf den Boden, kniete sich halb darauf und zog ein Seil aus der Tasche. Damit band er die Schnauze der Echse zu. Dann packte er einen dieser Hautlappen und faltete ihn auf wie einen Fächer.

»Unter Wasser sind sie damit unglaublich schnell und können sogar ein Stück darüber segeln, um niedrig fliegende Vögel zu fangen«, erklärte er.

Ein tiefes Grollen ertönte.

»Ich fasse es nicht, ein knurrendes Krokodil, das fliegen kann«, ließ Malfoy sich vernehmen und die Slytherins prusteten los.

Sofort fühlte Hermine Mitleid mit Hagrid in sich aufsteigen und den Drang, ihren Lehrer zu verteidigen. Doch sie hielt sich zurück. Stattdessen begnügte sie sich damit, ihrem Mitschüler einen bösen Blick zuzuwerfen.

Hagrid hatte Malfoy die Sache mit Seidenschnabel, dem Hippogreif, nie verziehen. Nun hatte der Slytherin keinen einflussreichen Vater mehr, der im Schulrat saß. Lucius Malfoy musste zwar nicht ins Gefängnis, hatte aber doch sehr an Macht eingebüßt.

Vielleicht war sein Sohn deshalb zurückhaltender als früher. Hermine war nach wie vor davon überzeugt, dass Draco Malfoy kein böser Mensch war. Die Begegnung mit ihm am gestrigen Abend tauchte erneut vor ihrem inneren Auge auf. Wenn er allein war, wirkte Malfoy gar nicht so schlimm, nur in Begleitung der Slytherins war er unausstehlich.

»Was ist jetzt? Du musst schon beherzt zugreifen, wenn du ihn halten willst.«

Hatte sie etwas verpasst? Unsicher blickte Hermine ihren Lehrer an, der ihr aufmunternd zunickte und ihr den Krokomantis vor den Bauch hielt. Die gelblichen Augen des Tieres starrten die Gryffindor an.

»Eine Hand an den Hals, die andere am Anfang des Schwanzes und gut festhalten. Wenn der Griff zu locker wird, fängt er an zu tanzen«, sagte Hagrid und schien vor Stolz über seine mutige Schülerin fast zu platzen.

Zögernd streckte Hermine die Arme aus. Die schuppige Haut fühlte sich glatt und warm an. Er war nicht so schwer, wie Hermine befürchte hatte. Sie entspannte sich ein wenig.

Die Bewegung kam plötzlich und mit ungeheurer Kraft. Instinktiv hielt Hermine fester, doch das Tier, dessen Augen nun leuchtend rot geworden waren, bäumte sich auf. Der Schwanz peitschte durch die Luft. Sein Ende klatschte Hermine ins Gesicht und die verhärteten Schuppen an der Oberseite ritzten ihr die Wange auf.

Entsetzt sprang Hagrid vor, packte den Krokomantis und riss ihn von Hermine fort.

»Schnell, lauf zu Poppy, ich meine Madam Pomfrey«, befahl er.

»Ach was«, winkte Hermine ab. »Das ist nur ein Kratzer, das kann ich selbst heilen.«

Hagrid schüttelte energisch den Kopf. »Die Schuppen der Schwanzspitze enthalten ein Gift. Es ist nicht besonders stark, aber es kann Schmerzen bereiten und die Wundheilung verzögern.«

Automatisch griff sich Hermine an die verletzte Wange und glaubte nun ein Brennen zu spüren.

»Geh jetzt«, drängte Hagrid. »Ich habe Madam Pomfrey schon das Gegengift für eventuelle Unfälle gegeben. Das wird immer einem Krokomantis beigelegt, gehört zum Lieferumfang.«

»Wie beruhigend«, murmelte die Gryffindor vor sich hin und machte sich auf den Weg.

Als sie die Slytherins passierte, grinste Malfoy sie an. »Na Granger, wie fühlt es sich an von einem Krokodil eine Ohrfeige verpasst zu bekommen?«

Millicent Bulstrode kicherte und Nott feixte über das ganze Gesicht.

»Probiere es doch selbst aus, vielleicht stellst du einen Unterschied zu meinen fest«, entgegnete Hermine wütend.

Die Slytherins sahen den Blonden entsetzt an.

Malfoys Augen verengten sich zu Schlitzen. »Pass bloß auf, was du sagst.«

Hermine machte eine wegwerfende Handbewegung und setzte ihren Weg fort.



»Was meinte sie damit, Draco?«, fragte Millicent sogleich.

»Keine Ahnung. Woher soll ich wissen, was im Kopf dieses ... Schlammblutes vorgeht«, meinte der Slytherin verärgert.

Eigentlich hatte er `Mädchen´ sagen wollen, doch das alte Schimpfwort erschien ihm in dem Moment passender, zumal sie bereits außer Hörweite war.

Ein stechender Schmerz durchbohrte seine Eingeweide. Draco stieß die Luft aus und krümmte sich.

»Was hast du?«, quiekte Millicent erschrocken.

»Weiß nicht«, quetschte Draco zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor.

»Du solltest auch zur Medihexe«, meinte Nott pragmatisch.

»Professor«, rief Millicent sofort, »Draco geht es nicht gut.«

Es war dem Slytherin mehr als peinlich, dass er plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand. Doch der Schmerz hatte ihn fest im Griff und er stöhnte leise.

Hagrid schickte auch ihn auf die Krankenstation und verlangte, dass Theodore Nott ihn bis vor die Tür begleiten sollte.

»Ich schaffe das schon alleine«, knirschte Draco, doch sein Lehrer gab nicht nach. Also unterstützte Theodore seinen Klassenkameraden auf dem Weg zu Madam Pomfrey.

Vor der Tür des Krankensaales schickte Draco ihn jedoch sogleich zurück zum Unterricht.

Kaum hatte er die Tür geöffnet, bot sich ihm ein Bild des Chaos. Jedes Bett war mit stöhnenden Erstklässlern belegt. Offenbar hatte es eine Massenkarambolage bei der Flugstunde gegeben. Bei manchen hatten sich Besenborsten durch Finger oder Wangen gebohrt, Arme und Beine von einigen Schülerinnen und Schülern standen in unnatürlichem Winkel vom Körper ab. Blessuren aller Art schmückten die Verletzten. Der Saal war erfüllt von ächzen und stöhnen. Die Medihexe huschte von einem zum anderen.

Granger saß an der Seite auf einem Stuhl. Sie hielt sich die Wange, die mittlerweile rot und geschwollen war.

Draco schleppte sich zu dem Stuhl neben der Hexe und ließ sich mit einem unterdrückten Seufzen darauf fallen.

Ihn traf ein mürrischer Blick, dem jegliche mitleidige Regung fehlte. Hatte er wohl auch nicht anders verdient.

»Entschuldigung«, murmelte er zu seinem eigenen Erstaunen. »Tut es sehr weh?«

Die braunen Augen vergrößerten sich, ehe die Gryffindor antwortete: »Ja, ziemlich und weshalb bist du hier? Hat das Biest dich auch erwischt?«

»Magenschmerzen«, sagte Draco gepresst, obwohl er gerade den Eindruck hatte, das Stechen hätte etwas nachgelassen.

In dem Moment kam Madam Pomfrey auf sie zugehastet. »Miss Granger, Mr. Malfoy, Sie sehen ja, was hier los ist. Also wenn es nicht wirklich schlimm ist, muss ich Sie bitten, später wieder zu kommen.«

»Der Krokomantis hat mich verwundet«, sagte Hermine.

Die Medihexe verzog den Mund. »Das hätte ich mir ja denken können, dass mit Hagrids Vieh wieder etwas schief geht. Und Sie, Mr. Malfoy?«

»Bauchweh.«

»Dagegen können Sie sich auch einen Trank von Ihrem Hauslehrer geben lassen. Aber wenn Sie schon mal da sind, können Sie wenigstens die Versorgung von Miss Granger übernehmen.«

Draco zog eine Augenbraue hoch, während Madam Pomfrey sich schwungvoll umdrehte und energisch auf ein kleines Medizinschränkchen zuschritt, auf dem ein Totenkopf mit zwei gekreuzten Knochen abgebildet war.

Als sie erneut vor den beiden stand, wackelte sie mit einem braunen Fläschchen vor Dracos Nase herum und drückte ihm einen Tupfer in die Hand. »Befeuchten und so lange immer wieder auf die Wunde drücken, bis diese sich geschlossen hat. Damit helfen Sie mir sehr.«

»Und meine Magenschmerzen?«, fragte Draco. »Ich dachte, ich sollte zu Professor Slughorn.«

»Das hat noch Zeit, erst helfen Sie Miss Granger.«

»Ist nicht nötig«, sagte Hermine, »das schaffe ich schon alleine.«

Madam Pomfrey schüttelte den Kopf. »Kommt nicht in Frage. Sie müssen die Wunde schon richtig treffen, wenn es helfen soll.«

»Aber ich könnte doch einen Spiegel ...«

»Keine Widerrede jetzt. Ich habe wahrlich genug zu tun mit den verunfallten Erstklässlern«, rief die Medihexe und rauschte davon.

Entrüstet starrte Draco einen langen Augenblick auf das Fläschchen in seiner Hand, ehe er sich dazu durchrang, Madam Pomfrey lieber zu gehorchen. Er entkorkte es und schüttete etwas von dem gelblichen Inhalt auf den Tupfer.

»Dann wollen wir mal, Granger«, murmelte er.

Die Gryffindor warf ihm zunächst einen kritischen Blick zu, hielt ihm aber dann die Wange hin. Vorsichtig benetzte Draco die Wunde und drückte den Tupfer sacht gegen die Haut.

»Geht es so?«, fragte er.

»Du brauchst nicht so vorsichtig zu sein«, erwiderte Hermine.

Draco presste ein wenig fester und wurde mit einem erschrockenen Zischen belohnt. »Das war wohl doch zu stark«, meinte er.

Hermine kniff die Lippen zusammen und schwieg. Draco hatte nichts anderes erwartet und lächelte wissend. Es hätte ihn auch stark gewundert, wenn die Gryffindor ausgerechnet ihm gegenüber eine Schwäche zugegeben hätte.

Immer wieder betupfte er die Wunde. Er spürte die Wärme, die von ihrem Körper ausging. Sein Atem traf ihre Wange und er glaubte, sie für einen Moment erschauern zu sehen, war sich aber nicht ganz sicher.

Die Schwellung bildete sich zurück, während der Tupfer mittlerweile eine grünliche Färbung angenommen hatte.

Draco stand auf und holte sich einen neuen, gefolgt von Hermines Blick.

»Bin noch nicht fertig, Granger«, brummte er.

Er setzte sich neben sie, kippte das Gegengift auf den Tupfer, verkorkte die Flasche und stellte sie auf dem Boden ab. Dabei verrückte er den Stuhl.

Schwungvoll drehte er sich nach der Gryffindor um. Sein Knie prallte gegen das ihre, die braunen Augen nur wenige Zentimeter von den seinen entfernt. Draco schluckte unwillkürlich. Ihm war gar nicht bewusst gewesen, dass er sich so nah neben ihr befand.

Er starrte sie an, während sie ihr Bein zur Seite zog und so wieder etwas Abstand zwischen ihre Knie brachte. Plötzlich flog ihr Kopf in die andere Richtung, als einer der Erstklässler aufschrie und einige ihrer Locken berührten Dracos Gesicht. Ihr Duft stieg ihm in die Nase und er fühlte einen warmen Strom, der durch seinen Körper flutete und sich im Magen sammelte. Doch ehe er darüber nachdenken konnte, blickte sie wieder nach vorn und sagte mit etwas kratzig klingender Stimme: »Du kannst weiter machen.«

»Da ist noch eine Strähne im Weg«, widersprach Draco.

Hermine strich sie sich ungeduldig hinter das Ohr.

»Da klebt immer noch ein Haar«, ergänzte er.

Vergeblich wischte Hermine mit der Hand über ihre Wange. »Dann mach´s doch weg«, fauchte sie schließlich.

Zögernd hob Draco die Hand. Seine Finger bebten leicht, als er ihre Haut berührte und das Haar zur Seite strich. Hastig betupfte er die Wunde, bis sich der Riss geschlossen hatte und die Rötung verschwunden war.

Eine peinliche Stille entstand für einen Moment zwischen ihnen, ehe Madam Pomfrey erneut auf sie zukam.

»Sehr schön«, sagte sie nach einem fachmännischen Blick auf die Wange der Gryffindor. Die Medihexe nahm das Fläschchen und die benutzten Tupfer entgegen. »Sie können jederzeit bei mir anfangen, Mr. Malfoy«, lächelte sie. »Und jetzt machen Sie sich auf den Weg zu Professor Slughorn.«

Draco und Hermine erhoben sich. Vor der Tür sah die Gryffindor den Slytherin von unten her an. »Danke«, quetschte sie hervor. »Ich kann mir denken, was für eine Überwindung es dich gekostet haben muss, mich zu berühren.«

»War schon in Ordnung«, murmelte Draco und stellte in dem Moment fest, dass es der Wahrheit entsprach.

Hermine rang sich ein knappes Lächeln ab. »Mich interessiert, welchen Trank dir Professor Slughorn geben wird.«

»Wieso Trank?«, fragte Draco irritiert.

»Du hast doch Magenschmerzen oder nicht?«

Draco stutzte. Erst jetzt bemerkte er, dass es ihm gut ging. »Merkwürdig«, murmelte er, »die Schmerzen sind weg.«

»Tatsächlich?«, fragte Hermine und klang aufrichtig interessiert. »Hast du öfter Probleme mit dem Magen?«

Draco zuckte mit den Schultern. »Eigentlich nicht. Hin und wieder in den letzten Tagen. Ist bestimmt nichts Ernstes.«

»Sicherlich nicht«, stimmte ihm die Gryffindor mit nachdenklichem Gesichtsausdruck zu.



Nach dem Unterricht und dem Mittagessen hatte Hermine nur ein Ziel: die Bibliothek. Sichtlich ungeduldig hatte sie die Fragen ihrer Freunde nach der Verletzung beantwortet. Natürlich hatte Parvati es sich nicht nehmen lassen, den anderen Gryffindors ausführlich von Hagrids Stunde und seinem neusten Geschöpf zu berichten.

»Mir geht es gut, es ist ja noch nicht mal mehr ein Kratzer zu sehen«, sagte Hermine schließlich und erhob sich. Malfoys Hilfe erwähnte sie lieber nicht. Er hatte wirklich gute Arbeit geleistet, gestand sich Hermine auf dem Weg zu ihrem Lieblingsort ein. Der Slytherin hatte sich noch nicht einmal davor gescheut sie zu berühren. Seltsam, wie warm seine Fingerspitzen gewesen waren. Wenn Hermine je einen Gedanken daran verschwendet hätte, sie hätte angenommen, seine Finger wären kalt.

Sie erinnerte sich an den feinen warmen Strom, der von seiner Berührung ausgegangen war und sich bis in den Magen fortgesetzt hatte. Unmutig schüttelte Hermine den Kopf. Wahrscheinlich war sie überreizt. Ihr letztes halbes Schuljahr lang vor ihr und damit auch die UTZ-Prüfungen. Daher rührte auch sicherlich ihr nervöser Magen, obwohl sie ihn heute kaum gespürt hatte.

Hermine schnaubte unwillig und betrat die Bibliothek. Sie trat auf einen Tisch zu und legte ihre Tasche ab.

Madam Pince schenkte ihr ein verkniffenes Lächeln, als Hermine an das Regal in der Nähe ihres Pultes trat und nach einem Buch über magische Geschöpfe suchte.

Sie musste unbedingt mehr über Hagrids neuen Liebling herausfinden. Die Gryffindor blätterte einige Werke durch, ehe sie eine Abhandlung über das Tier fand. Doch die würde sie in der Ruhe ihrer separaten Räume lesen. Hermine ließ sich die Ausleihe von Madam Pince quittieren und steckte das Buch ein.

Auf dem Rückweg dachte sie über Draco Malfoys Magenschmerzen nach. Sie selbst hatte heute keine gehabt, nun ja, vielleicht ein kleines Grummeln, nachdem der Krokomantis sie erwischt hatte. Doch das war bald darauf verschwunden.

Ob Krankheitserreger durch Hogwarts schwirrten? Allerdings hatte keiner ihrer Freunde und Hauskollegen in den letzten Tagen über Bauchweh geklagt. Vielleicht hatte sie oder Malfoy etwas Falsches gegessen. Hermine beschloss, die Sache noch ein oder zwei Tage zu beobachten und dann auf sich beruhen zu lassen, falls es keine weiteren Auffälligkeiten gab.

Als Hermine am nächsten Morgen die Augen aufschlug, konzentrierte sie sich sofort auf ihren Bauch. Es war alles in Ordnung. Erleichtert sprang sie aus dem Bett und huschte ins angrenzende Badezimmer.

Hermine liebte es, Schülersprecherin zu sein. Tief in ihrem Innern hatte sie natürlich mit der Ernennung gerechnet.

Sie genoss die Vorteile, die diese Position mit sich brachte in vollen Zügen. Hier konnte sie in Ruhe lesen, ohne ständig gestört zu werden. Mit Ginny und Luna konnte sie so lange quatschen, wie sie wollte, ohne dass Harry oder Ron dazwischen platzten.

Natürlich hatte sie durch das Amt auch Verpflichtungen und musste eine Vorbildfunktion ausüben. Doch Verantwortung zu übernehmen war ihr noch nie schwer gefallen.

Ernie war ein angenehmer und vor allem ruhiger Mitbewohner, mit dem Hermine sich gut verstand. Sie hatte sich damals ein wenig gesorgt, wer wohl der zweite Schulsprecher werden würde und Merlin angefleht, es sollte bloß kein Slytherin sein.

Doch McGonagalls Abneigung gegen das Haus der Schlangen war wohl ausschlaggebend dafür gewesen, dass einem Hufflepuff die Ehre zuteil geworden war.

Hermine lächelte sich selbst in dem großen Spiegel entgegen, der über dem Waschbecken hing. Das Badezimmer gefiel ihr besonders gut. Es war in einem blassen Gelbton gekachelt und die Fliesen schlossen in Türhöhe mit einer roten Bordüre ab. Neben Waschbecken, WC und Dusche gab es jedoch ein besonderes Highlight: eine Eckbadewanne mit Whirlpoolfunktion.

Ron hatte mehrfach geschluckt, als er sie das erste Mal gesehen hatte und schließlich mit roten Ohren gefragt, ob er sie mal ausprobieren dürfte. Sie hatte gelacht und es ihm versprochen, doch bis jetzt war er noch nicht wieder darauf zurückgekommen.

Mit kräftigen Strichen bürstete sich Hermine durch das Haar und machte sich bereit für ihren nächsten Schultag.



Beim Frühstück erinnerte Ron nochmals daran, dass sie alle gemeinsam am morgigen Samstag nach Hogsmeade gehen wollten.

George Weasley hatte dort mittlerweile eine Filiale seines Scherzartikelladens eröffnet und Ron sollte nach der Schule die Leitung des Ladens übernehmen.

Harry war darüber etwas betrübt gewesen. Er hatte bereits jetzt die Zusage des Ministeriums zur Ausbildung zum Auror erhalten und stark gehofft, Ron würde ihn begleiten. Doch seit Freds Tod hatte es Ron schon beinahe als seine Pflicht angesehen, seinen Bruder zu unterstützen und in das Familienunternehmen einzusteigen.

Ginny hingegen wollte unbedingt professionelle Quidditchspielerin werden und die Holyhead Harpies hatten schon Interesse an der Jägerin signalisiert.

Nur Hermine war sich immer noch nicht schlüssig. Nachdem sie für sich eine Karriere in der Abteilung für Arterhaltung gefährdeter magischer Wesen ausgeschlossen hatte, hatte sie bis jetzt vergeblich über weitere Berufsmöglichkeiten gegrübelt. Einerseits stellte sie es sich schön vor, Aurorin zu werden, doch sie wusste auch, dass sie immer hinter Harry zurückstehen würde, wenn es um den Kampf gegen die dunklen Künste ging. Sie gestand sich ehrlich ein, dass es ihrem Ehrgeiz nicht zuträglich wäre, sich mit dem zweiten Platz zufrieden zu geben. Vielleicht sollte sie doch lieber die Gesetzgebung vorziehen. Es gab noch viel an der Situation der Hauselfen und anderer, in Hermines Augen unterdrückten, Kreaturen zu verbessern.

Sie zuckte zusammen, als Ginny sie anstupste und unauffällig zum Tisch der Slytherins deutete. »Sie gibt nicht auf, dabei scheint er gar nichts von ihr wissen zu wollen, jedenfalls nicht ernsthaft.«

Hermine sah hinüber und ihre Augen blieben an Pansy Parkinson haften. Das Mädchen strich sich kokett eine schwarze Haarsträhne hinters Ohr und lächelte Malfoy verführerisch an. Doch der blonde Zauberer schüttelte den Kopf und wandte sich wieder Gregory Goyle zu, der auf seiner anderen Seite saß.

»Sie will bestimmt morgen mit ihm nach Hogsmeade«, vermutete Ginny.

»Weshalb interessiert dich das so?«, fragte Hermine, nun neugierig geworden.

»Tut es nicht, aber ein wenig ich bedaure sie schon.«

Hermine riss die Augen auf. »Habe ich das gerade richtig verstanden? Du empfindest Mitleid für die Person, die Harry an Voldemort ausliefern wollte?«

Sie hatte damals zwar mit Ron nach den Basiliskenzähnen gesucht, als Pansy aufgestanden war und auf Harry gezeigt hatte, aber Harry hatte es ihnen später erzählt.

Ginny nickte. »Sie ist vor einiger Zeit auf Harry und mich zugekommen und hat sich bei uns dafür entschuldigt.«

Hermine öffnete den Mund, schloss ihn aber sogleich wieder.

Ginny lachte. »Hat mich auch überrascht.«

»Weiß Ron davon?«, fragte Hermine und fing sich allmählich wieder.

»Ja.«

»Und weshalb habt ihr mir nichts erzählt?«

»Du verkriechst dich ja die meiste Zeit in deinen Schulsprecherräumen. Wir haben es nicht für so wichtig gehalten und es schließlich vergessen. Entschuldige bitte.« Ginny sah verlegen auf ihr Toast und Hermines Unmut verflog so rasch, wie er gekommen war.

»Woher kam die plötzliche Einsicht?«, fragte sie.

Ginny zuckte mit den Schultern. »Sie sagte, ein Leben unter Voldemort wäre bestimmt schrecklich geworden, auch für Reinblüter. Jedenfalls ist sie jetzt froh, dass Harry gewonnen hat. Seitdem haben wir uns gelegentlich unterhalten.«

»Auch über intimere Dinge, wie ihre Zuneigung zu Malfoy?«, hakte Hermine nach.

Ginny grinste schief. »Nein, natürlich nicht. Pansy hat nur mal am Rande erwähnt, dass sie mich um mein Glück mit Harry beneidet. Da habe ich ihr knapp umrissen, dass dies nicht immer so war. Erst nachdem ich mir deinen Rat, Hermine, zu Herzen genommen hatte und mich auf andere Jungs konzentrierte, wurde ich lockerer im Umgang mit ihm, sodass Harry schließlich auf mich aufmerksam wurde.«

»Es sieht für mich nicht so aus, als wollte sie diesen Rat in Bezug auf Draco Malfoy befolgen«, konnte sich Hermine nicht verkneifen.

Ihre Freundin schüttelte den Kopf. »Pansy weiß selbst, dass sie ein wenig auf Abstand gehen sollte, aber es fällt ihr halt sehr schwer, zumal das Schuljahr in wenigen Monaten vorbei ist. Wahrscheinlich ist für sie jetzt die letzte Möglichkeit gekommen, Malfoy doch noch für sich zu gewinnen.«

»Meinst du?«, fragte Hermine skeptisch. »Die kannten sich doch schon vor der Schule. Sicherlich wird sie ihn auch später noch besuchen können.«

»Du weißt ja nicht, was für Pläne Dracos Vater mit seinem Sohn hat«, gab Ginny zu bedenken.

»Du etwa?«

»Nein, natürlich nicht. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Pansy Parkinson ernsthaft eine Rolle in der Zukunft des Familienerben spielen darf. Ich schätze Lucius Malfoy so ein, dass er das Bestmögliche für seine Familie herausschlagen will und einer Verbindung mit dem Hause Parkinson würde er nur zustimmen, wenn sie die entsprechenden Vorteile mit sich bringen würde.«

Hermine zog die Stirn kraus. »Du hast es geschafft: Jetzt bedaure ich die Slytherin auch noch irgendwie.«

Ginny grinste breit und klopfte ihr auf die Schulter. »Deshalb bist du meine Freundin. Du hast das beste Herz von allen.«

Hermine blieb die Antwort schuldig.
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