Wenn meine Seele einen Abgrund hat bin ich schon tief gefallen

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
Clive Hershel Layton Inspektor Chelmey
14.01.2015
27.05.2017
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Vier Schritte zum vergitterten Fenster, vier zurück zur hochgesicherten Tür.
Eins, zwei, drei, vier. Clive drehte sich an der Tür zum Fenster zurück. Die Zeit tickte erbarmungslos in seinen Ohren.
Nur noch zwei Stunden bis zur nächsten Therapiesitzung mit einer Frau, die nicht verstehen konnte, warum er das getan hatte, was er eben getan hatte.
Nicht einmal als er versucht hatte zu erklären, was ihm passiert war, woher sein Hass auf Bill Hawks, auf die Wissenschaft, die Politiker, ja, eigentlich auch auf die gesammte Menschheit herrührte. Sie wollte nicht zuhören, sondern vertrat noch immer die Meinung, er sei einfach geistesgestört, und das ließ sie ihn auch zur Genüge spüren.
Clive legte seine Hände auf die Metallstangen vor dem Fenster, das Licht der undurchschaubaren Glasbausteine warf schwarze Schattenstreifen auf sein vom langen Sonnenentzug ungesund blasses Gesicht.
Draussen, durch das Milchglas, konnte er verschwommen braune und rote Farbfelder erkennen, die Farben des herbstlichen Parkes, fünf Stockwerke unter seinem ‚Zimmer‘.                  
Er war nur einmal dort unten gewesen, als er hier angekommen war, bewacht von zehn Polizisten. „Versuche gar nicht erst auszubrechen. Du wirst von mehr als zehn Wachen rund um die Uhr bewacht.” hatten sie gesagt. „Warum sollte ich fliehen? Oder besser, wohin sollte ich gehen?” hatte Clive geantwortet.
Die forensische Psychiatrie Londons war einer der sichersten Orte der Welt. Und einer der einsamsten. Zumindest war es der Hochsicherheitstrakt, dessen andere Bewohner ähnliches verbrochen hatten wie er, und ebenfalls fast alle ihre Rechte verloren hatten.
Er seufzte und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand neben dem Glas. Laut seiner Akte war er „nicht verantwortlich für sein Handeln, gefährlich für die öffentliche Sicherheit und geistig verwirrt.” Kurz gesagt: gefährlich, unzurechnungsfähig und geisteskrank.
Also war er hier. Und zwar komplett allein. Nicht einmal Besuch wurde erlaubt, hätte ihn denn jemand sehen wollen. Er hatte keine anderen Personen als die Pfleger und seine Therapeutin gesehen, seit er hier war, er vermisste normale Gesellschaft bei einer Tasse Tee. Er sehnte sich schon danach, überhaupt einmal wieder eine annähernd warme Tasse Tee zu haben, denn hier war alles was er zu sich nehmen durfte grundsätzlich eiskalt.
Er hatte dem Himmel gedankt, seine Taten nicht in Amerika ausgeführt zu haben, denn dann wäre er jetzt tot, allerdings wäre diese Möglichkeit immer noch besser als das hier. Er verdrängte den Gedanken, setzte sich auf sein Bett und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. Er kannte das Gefühl der vollkommenen Isolation, er war hier seit... mehr als einem halben Jahr, mindestens. Seine Tür zur Öffentlichkeit war die London Times, die jeden Morgen auf seinem Frühstückstablett lag, vielleicht weil er einmal dort gearbeitet hatte, aber wohl eher, um ihn am Wiederaufbau des durch ihn verursachten Schadens so qualvoll wie möglich teilhaben zu lassen. Wenigstens hatten so viele Leute wieder Arbeit gefunden. Er fragte sich oft, wie sein eigener Lebenslauf wohl aussah. „Wird adoptiert, verlässt die Schule mit der Bemerkung ‚sehr gut‘, beginnt als Außenreporter bei der Times zu arbeiten, kündigt ein paar Jahre später, verschwindet über Monate von der Oberfläche Londons. Zerstörte halb London in einer riesigen Metallfestung. Übrigens nicht verantwortlich für sein Handeln, gefährlich, manisch grössenwahnsinnig, hat eine oder vermutlich mehrere u heilbare Störungen. Fristet sein nutzloses Dasein in der forensischen Psychiatrie, und zwar lebenslänglich.”
Toll. Natürlich würde er mit diesem Leben wieder Arbeit bekommen. Er merkte, wie die negativen Gefühle in ihm aufstiegen, also durchwühlte er seine Jackentasche nach Stift und Papier und begann zu schreiben. Mein Name ist Clive Dove. Mein Name ist Clive Dove, Clive Dove, Clive Dove... schrieb er immer und immer wieder nieder, bis ihm die Finger wehtaten und er seine eigene, saubere Reporterschrift kaum noch lesen konnte. Als ungefähr das halbe Blatt voll war, begann er, einen Kreis zu malen und ihn wieder und wieder nachzufahren, um seine Hände am Zittern zu hindern. Das Zittern, so konnte es sich Clive jedenfalls erklären, kam von den Medikamenten die er nehmen musste. Hartes Zeug, würde man auf der Straße sagen, wenn er es sich auf illegalem Wege bezogen hätte, doch hier wurden sie schon fast Becherweise ausgeschenkt.
Morgens, Mittags und Abends. Wozu? Das wusste er selbst nicht. Anfangs hatte er sich noch verweigert, aber er wusste nun, dass das nichts brachte. Sie würden ihn zwingen.
Und danach gäbe es noch mehr Beruhigungsmittel. So wie es ihm bei seinem ersten Fluchtversuch vor gut einem Monat passiert war, bei dem er die tatsächliche Gewalt der Pfleger und die Unbarmherzigkeit des englischen Rechtssystems zu spüren bekam. In Form einer Sedierungsspritze. Den Einstich spürte er immer noch, vor allem Nachts, wenn er versuchte zu schlafen, bevor er sich klarmachte, wie melodramatisch und albern die Vorstellung war, den Einstich einer Spritze auch noch nach dreißig Tagen zu spüren. Clive schüttelte sich und rieb sich den Oberarm, knüllte das Papier in seinen bebenden Händen zusammen und brachte es zum Mülleimer, auf dem Rückweg ließ er sich auf das Bett fallen und schloss die Augen.
Er war müde, denn die üblichen Schuldgefühle, die Erinnerungen und die an ihm nagende Einsamkeit raubten ihm fast jeden Schlaf, der so oder so seit zehn Jahren fast ausschließlich aus Albträumen bestand. Er versuchte, zur Ruhe zu kommen, dachte an Constances Garten. Es war schon fast ein Park gewesen. Ein schöner Garten, und Shipley hätte ihn nicht besser in Stand halten können. Er seufzte.
Aber diese kurze Pause in völliger Entspannung dauerte nicht lange, es klickte, die Tür öffnete sich und er schreckte auf. Seine grenzdebil lächelnde Therapeutin Veronica Thaw stand in der Tür.
„Clive, es ist jetzt genau...zwei Uhr. Kannst du vermuten was das bedeutet?” „Nein.” Er stand auf und strich seine Kleider glatt. „Du hast deine tägliche Kontrolle, aber keine Sorge. Setz dich einfach und warte. Sicher hast du nichts Verbotenes bei dir, hm?” Ich habe keinen Besuch oder ähnliches. Wie sollte ich etwas Verbotenes haben, dachte er bei sich.
Doch er leistete ihrer Anweisung folge, und beobachtete vom Bett aus unbeeindruckt die Wächter, wie sie das wenige durchwühlten, was er noch besaß. „Scheint alles in Ordnung zu sein. Bitte stehe jetzt auf.” „Was?” „Wir haben deine Sicherheitsstufe erhöht. Wir müssen noch prüfen, ob du etwas am Körper trägst, was uns oder dir gefährlich werden könnte.” Clive stand zögerlich auf. „Leere deine Taschen dort auf den Tisch.” Er kramte ein Taschentuch, einen Bleistift und anderen Krimskrams hervor, aber nichts Besonderes. „War das alles?” Er musste kurz überlegen, dachte an den Inhalt seiner Innentasche. „Ja.” log er dann ausdruckslos. „Bitte strecke deine Arme zur Seite.” Clive holte tief Luft, wie vor einem sehr tiefen Tauchgang, und tat was der Sicherheitsmann verlangte. Er musste die Zähne zusammenbeissen, als der Mann ihn von oben bis unten abtastete um ihn auf verbotene Gegenstände zu kontrollieren. Er hasste Körperkontakt im Grunde über alles, vor allem dann, wenn er diese Person auf den Tod nicht mochte. Als Clive dachte, er hätte es fast geschafft, machte der Mann plötzlich auf Höhe seiner Jackentasche halt, überprüfte noch einmal. Clives ganzer Körper verkrampfte sich. Er war ein Idiot, zu glauben, dass sie es nicht bemerken würden. „Hast du dort etwas?” „Nein.” erwiderte er wieder. Der Mann griff in seine Aussentasche, doch sie war, bis auf drei vollgekritzelte und zerknüllte Zettel, leer.
“Komm schon Clive, lüge mich doch bitte nicht an.” tadelte die Psychologin. „Sehen Sie bitte noch einmal in der Innenseite nach.” Der Mann machte eine auffordernde Handbewegung. „Zieh deine Jacke aus und gib sie mir.” Befahl der er dann.
Ich gebe auf. Diese Situation ist wirklich nicht mehr zu retten, dachte Clive, streifte seine Jacke ab und gab sie dem Wächter. Der Mann zupfte etwas aus der Jackeninnentasche, ein kleines Buch. Die Therapeutin nahm es dem Sicherheitsmann sofort ab sofort und schlug es schamlos auf. „Was ist das?” fragte sie, während sie achtlos darin herumblätterte. Clive biss sich auf die Lippe, ihr das Buch nicht sofort aus den Händen zu reißen.
„Nur ein paar alte Fotos meiner Eltern und meiner Adoptivmutter. Geben sie es mir bitte wieder.” sagte er mit einem fordernden Unterton und ließ die Arme sinken. „Warum hast du das verheimlicht? Du weisst dass scharfe Kanten hier momentan verboten sind.”, gab Thaw unbeeindruckt zurück. „Diese Regel haben Sie soeben erfunden. Als ich hier herkam, war es noch kein Problem.” erwiderte er kühl. „Ich nehme das erst einmal mit. Aber komm jetzt.” „Ich dachte die nächste Sitzung wäre erst um vier.” widersprach er tonlos.
„Ja, aber du hast Besucher.” Er war sofort hellwach. Es schien sich tatsächlich noch jemand für ihn zu interessieren, der keinen Test mit ihm machen wollte, oder ihn nur als subjektives Studienobjekt betrachtete. „Wirklich? Wer ist es?” Immer noch lächelnd schüttelte die blonde Frau ihren Kopf. „Oh, nein Clive. Es ist nicht die Art ‚Besucher‘ die du erwartest, es ist niemand den du kennst. Komm mit. Davor müssen wir noch ein wenig über dich reden.” Clives gute Laune verschwand sofort. „Aha.” Sagte er stattdessen, während er sich die Jacke wieder überzog.
Die gute Laune hatte er sich sparen können.
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