Der Durst nach Blut - Die 72. Hungerspiele

GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16 Slash
14.01.2015
05.08.2015
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Die Ernte – Distrikt 1


Chrystal Woodden

„Schneller Chrystal!“, schreit Trainer Nives quer durch die Halle und die Adern auf seiner Stirn treten bei seinem Gebrüll hervor. Keuchend versuche ich nochmal an Tempo zuzulegen, aber meine Oberschenkel brennen wie Feuer und verweigern die Forderung. Ich werfe mich auf den Boden und krieche so schnell es mir mein Körper erlaubt durch einen engen Plastiktunnel und kaum bin ich durch, rappele ich mich auf und sprinte wieder los, direkt auf das nächste Hindernis im Parcour zu.
„Halt!“, ruft Nives und sogleich werde ich langsamer und laufe den Schwung den ich hatte aus. Schließlich bleibe ich stehen und beuge meinen Oberkörper vor während ich meine Hände auf meinen Knien abstütze. Meine dunklen Haare, die ich zu einem Pferdeschwanz gebunden habe kleben in meinem Nacken und einzelne Strähnen kleben auf meiner verschwitzten Stirn. Schweratmend streiche ich mir mit dem Handrücken über die Stirn und richte mich völlig außer Atem wieder auf. Vor Nives darf ich keine Schwäche zeigen.
„Das war armselig!“, bemerkt der Trainer hinter mir und ich drehe mich erschrocken um. Die kalten Augen des Ausbilders mustern mich abfällig und treiben mich so zur Weißglut.
„Ich war gut! Und das weißt du auch!“, erwidere ich und verschränke meine Arme vor der Brust.
„Du warst vielleicht gut, aber du verbesserst dich nichtmehr und das ist mehr als schlecht“, antwortet er und sieht auf das Klemmbrett welches er hält. Darauf hatte er während der letzten Jahre alle Zeiten und Ergebnisse meinerseits aufgeschrieben.
„Vielleicht bin ich so gut, dass es nicht mehr besser geht“, gebe ich pampig zurück, drehe mich auf dem Absatz um und gehe auf die Haupttüre zu. Ohne mich noch einmal umzudrehen oder gar eine Verabschiedung zu murmeln verlasse ich das Trainingsgebäude der Akademie.

Erschöpft steige ich die Treppen zu unserem Haus hinauf und öffne träge die Tür. Ein Empfangskomitee erwartet mich bereits.
„Wie war das Training, Chrys?“, fragt meine Mutter und sieht von dem Messer auf, welches sie gerade poliert. Ihre grünen Augen treffen meine, wobei meine eher grell-grün sind und nicht von dem beruhigenden Grünton den die meisten aus 1 in ihren Augen tragen.
„Ich habe mich seit drei Monaten nicht mehr gebessert, Nives war nicht gerade begeistert“, gebe ich zu und senke den Blick, was eigentlich unsinnig ist, da meine Mutter um einiges kleiner als ich ist und ich sowieso zu ihr runtersehen muss. Ich hätte natürlich auch etwas anderes erzählen können, aber meine Mutter ist schlimmer als ein Lügendetektor. Bei meinen Worten zieht sie ihre Augenbrauen zusammen, legt das Messer bedächtig weg und strafft ihren blonden Zopf.
„Seit drei Monaten? Chrystal, du weißt was mit Shine passiert ist!“, sagt meine Mutter und bei diesem Namen ist es, als drücke mir jemand die Kehle zu.
Shine war meine große Schwester gewesen, die im Alter von achtzehn Jahren in den Hungerspielen gestorben war. Sie war mir sehr ähnlich gewesen, hatte genauso ausgesehen wie ich und sie hatte dasselbe Schicksal wie ich gewählt. Obwohl gewählt ist wohl der falsche Begriff für meine Situation. Meine Eltern waren es gewesen, die alles daran gesetzt hatten, dass Shine die Hungerspiele gewann, aber leider hatte ihnen der damalige Tribut aus Distrikt 4 einen Strich durch die Rechnung gemacht. Als nur noch vier Tribute übrig gewesen waren, hatte er meine große Schwester im Schlaf getötet und mir die Chance genommen von den Spielen verschont zu werden.
Wie auch Shine hatte ich nie die Akademie besuchen wollen, aber meine Eltern hatten mich gezwungen, um die Ehre der Familie zu wahren. Nach dem Tod meiner Schwester waren sie noch versessener darauf gewesen und ich hatte darunter gelitten, zumindest am Anfang, aber nun war ich bereit. Bereit die Spiele zu gewinnen, bereit Shine zu rächen.
„Mir wird das nicht passieren! Ich bin besser vorbereitet“, sage ich und um dieses Aussage zu bekräftigen machte ich mich gerade und straffe die Schultern.
„Das will ich für dich hoffen!“, droht Mutter und kneift die Augen zusammen. Ich erschaudere bei diesem Blick.
„Geh' dich waschen, die Ernte beginnt in Kürze“, sagt sie und urplötzlich ist ihre Stimme wieder normal, beinahe sogar liebevoll. Es ist seltsam mit ihr. Ich kann nie sicher sein in welcher Stimmung sie gerade ist.
Zur Antwort nicke ich und schnell verschwinde ich in meinem Zimmer.

Ich will mir gerade die dunklen Haare in einen Zopf zurückstecken, als es unten wild gegen die Tür hämmert. Das kann nur eine sein! Ich stürme aus dem Zimmer und überspringe immer eine Stufe während ich die Treppen runter hetze. Ich muss sie aufhalten, ehe meine Mutter böse wegen dem Gehämmer wird.
„Rubine!“, rufe ich empört und reiße die Tür weit auf und da steht sie, erntebereit.
Meine beste Freundin trägt ein einfaches grünes Baumwollkleid mit Rüschen am Saum des Rockes und ihre blonden Haare trägt sie in einem geflochtenen Zopf der ihr geschmeidig über die Schulter fällt. Das grün des Kleides findet sich auch in ihren Augen wieder und bringt sie noch mehr zum Strahlen.. Sie sieht aus wie das typische Mädchen aus Distrikt 1, weshalb ich mit meinen dunkelbraunen Haaren manchmal ein wenig heraussteche.
„Du siehst sehr hübsch aus“, sagt Rubine mit ihrer tiefen, kratzigen Stimme und betrachtet mich von oben bis unten. Auch ich trage eines dieser beknackten Erntekleider, aber meines ist beige und an manchen Stellen findet sich ein Blumenprint wieder und um meine schlanke Taille ist ein braunes Lederband verknotet.
„Danke, du auch! Dann können wir ja los“, antworte ich und schlüpfe in meine braunen Schuhe, dann ziehe ich die Haustür hinter mir zu. Meine Eltern werden selber gleich zur Ernte aufbrechen, aber ich darf auch ohne sie gehen.
Es vergehen Minuten in denen Rubine und ich schweigend nebeneinander her gehen und nur den grauen Schotter auf den Wegen vor uns betrachten, den Vögeln lauschen und hin und wieder Menschen überholen die träge zur Ernte marschieren. Sie sollten sich freuen, denke ich, immerhin ist die Ernte das Ereignis des Jahres.
„Du gehst also dieses Jahr...“, sagt Rubine plötzlich und unterbricht unser Schweigen.
„Wenn ich es schaffe, dass ich die erste bin die sich freiwillig meldet, dann ja! Ich meine wofür trainiere ich seit neun Jahren“, antworte ich und zupfe an meinen Haaren herum. Ich hätte mir die Zeit nehmen sollen, sie doch noch zusammen zu binden!
Rubine antwortet darauf nichts mehr, aber das ist auch nicht nötig, wir haben schon oft über das Thema gesprochen und ich weiß wie sie darüber denkt. Meine Freundin hat nie eine der Akademien besucht, ihre Eltern halten es für unsinnig ihre Tochter in die Spiele zu schicken. Seltsam dass sie trotzdem meine beste Freundin ist, sie ist nämlich ein ganz schönes Weichei.
Ehe ich weiter überlegen kann, erreichen wir den Hauptplatz des Distrikts. Die leuchtenden Fahnen des Kapitols sind allgegenwärtig und verdecken die schönen Läden die sich entlang des Platzes säumen.
Rubine und ich reihen uns in die Schlange der wartenden Jugendlichen ein. Wie jedes Jahr würde man uns Blut abzapfen um zu überprüfen ob alle anwesend waren. Nervös stelle ich mich hinter meine Freundin und kaue nervös auf meiner Unterlippe herum.
„Rubine Golding“, nennt sie ihren Namen als sie dran ist und die Friedenswächterin, die an einem Tisch sitzt, pikst ihr in den Finger. Golding ist ein ziemlich verbreiteter Name hier, steht er doch für Luxus, genau wie unser Distrikt. Als die Prozedur vollbracht ist, wird Rubine weitergewinkt und ich trete vor.
„Chrystal Woodden“, bringe ich gerade noch heraus als die Friedenswächterin grob nach meiner Hand greift und eine Nadel in meinem Finger versenkt, dann trägt sie meinen Namen fein säuberlich in dem danebenliegenden Feld ein und winkt auch mich weiter. Mit eiligen Schritten bewege ich mich auf den Pferch der Achtzehnjährigen zu und stelle mich zu Rubine.
„Viel Glück!“, flüstert sie mir zu und blickt dann nach vorne zum Rathaus und der davor liegenden Tribüne. Ja Glück kann ich gebrauchen! Wenn ich gezogen werde könnte sich jemand anderes freiwillig melden und ich hätte verloren.
Urplötzlich geht die Tür des Rathauses auf und der Bürgermeister Dawson tritt auf die Tribüne, gefolgt von Orchidy Grey der Betreuerin des Distrikts. Ihre stahlgrauen Augen streifen über die Menge und ihre platinfarbenen Haare reflektieren die Sonnenstrahlen. Ihre Haare haben einen sehr seltsamen Schnitt, denn es sieht aus als hätte sie sich einen Topf auf den Kopf gesetzt und um den Rand herum abgeschnitten, dabei aber versehentlich eine Zacke ausgelassen die auf der rechten Seite ihrer Stirn wie betoniert klebt. Die schmalen, pechschwarzen Lippen verstärken ihr groteskes Äußeres.
Bevor sich die beiden setzten können tritt noch eine dritte Gestalt auf die Bühne. Cashmere Ritchson, die Siegerin von vor vier Jahren. Auch sie sieht aus wie das typische Distrikt 1 Mädchen, nur dass sie hundertmal schöner als die meisten hier ist. Ich sehe sie manchmal in der Akademie, wo sie die jüngeren trainiert, zusammen mit ihrem Bruder, Gloss.
Alle bleiben stehen und der Bürgermeister tritt ans Mikrofon und ließt den Hochverratsvetrag vor, erzählt von der stolzen Geschichte Panem's, dass ich nicht lache, und von den Hungerspielen, meiner großen Chance. Dann ist es soweit. Orchidy Grey tritt ans Mikrofon.
„Willkommen! Fröhliche Hungerspiele und möge das Glück stets mit euch sein!“, trällert sie in ihrem lächerlichen Kapitolakzent und stöckelt dann zu der Urne der Mädchen, um ein Los zu ziehen.
Ich atme tief ein und aus. Meine Hände zittern und sie sind klebrig vor Aufregung. Es geht los. Sie wird einen Namen nennen. Ich muss schnell sein, mich freiwillig melden. Ich könnte mich aber auch weigern, ich bin achtzehn. Nächstes Jahr wäre ich aus dem Schneider. Nein! Mutter würde mich töten! Ich bin hin und her gerissen und mein Kopf dreht sich schon fast, als ich einen Entschluss fasse! Ich habe trainiert, ich bin bereit und ich kann gewinnen.
Die Worte liegen mir bereits auf der Zunge, als Orchidy den Zettel auseinander faltet und sie mit sanfter Stimme einen Namen in das Mikrophon sagt. Ich höre gar nicht wer es ist, denn ich reiße meinen Arm in die Luft.
„Ich melde mich freiwillig!“, schreie ich mit einem Lächeln im Gesicht. Die Mädchen um mich herum drehen sich um, aber niemand ist überrascht. Sie machen mir wie selbstverständlich Platz und mit festen Schritten marschiere ich durch sie hindurch, auf die Bühne zu. Mein Blick huscht zur Seite und ich sehe, wie meine Eltern lächeln und mir aufmunternd zunicken. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen.
„Wie heißt du, Liebes?“, fragt Orchidy und zerrt mich neben sich.
„Chrystal Woodden!“, sage ich mit fester Stimme und verspüre so etwas wie ein Triumphgefühl. Ich habe es tatsächlich geschafft.
„In Ordnung Chrystal, kommen wir nun zu den Jungen!“, flötet die Betreuerin und stöckelt zu der Jungen-Urne. Ohne große Umschweife faltet sie den Zettel auseinander und geht zum Mikrofon.
„Brick Loss“, verkündet sie, aber kaum haben die Worte ihren Mund verlassen ruft jemand die berühmten Worte durch die Menge.
„Ich gehe freiwillig!“, ruft eine dunkle Stimme aus dem Block der Achtzehnjährigen. Ein Loch tut sich dort auf,  in welchem am Ende nur noch ein Junge steht. Mit versteinerter Miene bahnt er sich einen Weg durch die Menschen und stiefelt die Tribüne hoch.
„Und wer bist du?“, fragt Orchidy und hält dem Jungen das Mikrofon unter die Nase. Ja, das wüsste ich auch gerne, ich habe den Typen noch nie gesehen!
„Romeo Lampert“, sagt er monoton und seine grünen Augen schweifen über das Publikum und bleiben an einem Punkt hängen. Ich folge seinem Blick und entdecke ein junges Mädchen bei den Fünfzehnjährigen. Sie hat braunes Haar und sieht sehr unglücklich und mit Tränen in den Augen zu Romeo hinauf.
„Nun, unsere Tribute aus Distrikt 1!“, verkündet Orchidy und hält jeweils eine unserer Hände hoch in die Luft. Ein Zeichen des Triumphs wie mir scheint. Der ganze Distrikt bricht in Gejohle aus und sie applaudieren uns, jauchzen und schreien. Wahrscheinlich schätzten sie unsere Chancen gut ein und das tue ich ehrlich gesagt auch und deshalb flutet Stolz meine Körper, gelangt in jede einzelne Faser und gibt mir Auftrieb. Orchidy lässt unsere Hände sinken und verschränkt sie miteinander, damit wir sie schütteln.
Romeo's Hände sind stark und rau, beste Vorraussetzungen, denn das sind Zeichen für Stärke, für einen guten Verbündeten!

Der Raum ist klein, aber sehr sehr hübsch. Marmorwände, teurer Parkettboden und edle Samtsessel, all das deutet auf Kapitol hin. Ich gehe nervös im Raum auf und ab, als die Tür aufgerissen wird.
„Gut gemacht, Chrystal“, lobt mich mein Vater und seine Lippen verziehen sich zu einem Lächeln.
„Danke, Vater! Ich habe alles so gemacht wie ich es sollte und ich war zum Glück schnell genug“, gebe ich zurück und hebe mein Kinn ein wenig.
„Mach uns keine Schande! Wehe du stirbst am Füllhorn, Chrystal!“, sagt Mutter streng und sieht mich durchdringend an. Freundliche Abschiedsworte, die ich da zu hören bekomme.
„Wir lieben dich!“, erklärt Vater, aber er bleibt steif stehen und zeigt keine Regung, ebenso wenig meine Mutter, deshalb gehe ich auf sie zu und nehme sie in den Arm. Ich spüre, dass sie diese Geste nur über sich ergehen lassen.
„Ich schaffe das schon!“, flüstere ich und halte die Tränen auf, die sich einen Weg in meine Augen bahnen. Wenn ich jetzt vor meinen Eltern heule bin ich komplett unten durch!
Sie lösen sich von mir und ohne ein weiteres Wort verlassen sie das Zimmer. Ich bin allein, mal wieder.


Romeo Lampert

„Ich hasse dich!“ Ihre Stimme hallt in meinem Kopf wieder, der Satz springt zwischen meinen Gehirnwindungen hin und her. Ich hatte einen Fehler gemacht, es war nicht das erste Mal gewesen, ihr erstes Mal gewesen. Trotzdem bin ich wütend und ist es mir vorzuwerfen? Wohl kaum...
„Lion! Hörst du mir überhaupt zu?“, holt mich eine Stimme in die Wirklichkeit zurück.
„Was? Nein, tut mir Leid, ich war in Gedanken bei Tam“, antworte ich und blicke zu Flo, der an dem Holztisch sitzt und an seinem Schlüssel rumspielt. Seine roten Haare stehen ihm wirr vom Kopf ab und die braunen Augen mustern mich traurig. Er hat Mitleid, aber ich will es nicht!
„Vielleicht solltest du zu ihr...“, setzt mein bester Freund an, aber ich unterbreche ihn scharf.
„Zu ihr? Wo ist sie denn? Bei welchem Liebhaber soll ich anfangen zu suchen?“, frage ich gereizt und pfeffere den Schwamm mit dem ich die Theke geputzt habe in die Spüle.
„Vielleicht ist sie bei einer Freundin“, wirft Flo ein und steht auf. Er sieht so anders aus, anders als ich, anders als die Bewohner von Distrikt 1. Klein, hager, rothaarig. So ein Aussehen reicht schon aus, um hier aufzufallen.
„Glaube ich kaum“, gebe ich zurück und lehne mich an die Küchentheke. Ich bin groß, ohne Probleme könnte ich mich daraufsetzten, aber die Ermahnungen meiner Mutter spuken in meinem Kopf herum.
Sie ist tot, genau wie mein Vater. Beide starben bei einer Explosion in einer der Schmuckfabriken. Sie hatten nicht einmal dort gearbeitet, sie waren nur in dem Moment an der Fabrik vorbeigegangen als es passierte und deshalb waren meine kleine Schwester Tamara und ich seit vier Jahren auf uns allein gestellt. Ich hatte die Verantwortung übernommen, aber mich wohl überschätzt, denn irgendetwas musste ich wohl falsch gemacht haben, denn Tam geriet immer mehr auf die schiefe Bahn.
Es war selten, dass sie mal die Schule besuchte und ihre immer wechselnden Beziehungen waren mir schon immer ein Dorn im Auge gewesen doch trotzdem war sie mein Ein und Alles, aber leider hatte ich sie gestern Abend vergrault. Wir hatten gestritten, dar Grund waren mal wieder ihre naja, Freizeitaktivitäten mit Jungs, und daraufhin war sie ausgezogen und hatte mich mit Flo zurückgelassen. Der Rotschopf hauste nämlich auch hier, obwohl er eine eigene Wohnung besaß und genug Geld zum Überleben hatte.
„Sie kommt schon wieder, wart's einfach ab“, versucht Flo mich zu beruhigen und klopft mir auf die Schulter.
„Ich sollte mich freiwillig melden, dann bin ich bald tot und hab' diesen ganzen Stress nicht mehr“, schnaube ich und blicke genervt zu Boden.
„Wieso das denn? Man kann auch viel einfacher sterben, Lion“, sagt Flo und grinst. Er scheint mich wohl nicht ernst zu nehmen.
„In der Arena abzunippeln ist ehrenvoller als mich für den Hungertod hier zu Hause zu entscheiden“, werfe ich ein und wirklich, ich freunde mich mit dem Gedanken langsam aber sicher an.
„Das denke ich nicht. Komm wir lenken dich jetzt ab! Wie wär's mit einer Runde laufen?“, fragt Flo und sieht mich herausfordernd an.
Er weiß, dass ich zu Laufen nur selten nein sage, deshalb nicke ich und gehe mich umziehen. Ich entscheide mich für eine kurze schwarze Hose und ein einfaches graues T-Shirt, denn es ist warm und beim Laufen wird mir noch viel wärmer werden.
Als ich hinausgehen will, fällt mein Blick auf den gesprungenen Spiegel im Flur. Ich sehe aus, als wäre ich über Nacht um Jahre gealtert. Mein Gesicht wirkt verhärtet, die grünen Augen kaltherzig und meine blonden Haare kommen mir noch kürzer vor als sonst, strenger als sonst.
„Kommst du?“, ruft Flo von draußen und ich reiße mich von meinem Spiegelbild los und vertreibe den Gedanken aus meinem Kopf. Man sieht nicht plötzlich wie ein anderer Mensch aus!

Erschöpft bleibe ich vor dem Bunker stehen, der mein Zuhause darstellt. Wir sind eine große Runde gelaufen und dann auch noch mit einem ziemlichen Tempo, aber auf dem Rückweg sahen wir die vielen Menschen die zum Hauptplatz gingen und deshalb sind Flo und ich schnell zurück gesprintet, immerhin müssen wir uns noch herrichten.
Ich betrete den kleinen Bunker und Flo folgt mir natürlich. Ich benutze als Erster das Bad und dusche ausgiebig, versuche den Dreck und den Schweiß loszuwerden, dann steige ich aus der Dusche, gehe in mein Zimmer und ziehe mir meine Erntekleidung an.
Diese besteht aus einem grau-melierten Sweatpullover und einer roten Stoffhose, meinen besten Anziehsachen. Während ich mich umziehe wächst in mir der Wunsch dieses Leben hinter mir zu lassen, aus dem immer gleichen Trott heraus zu kommen.
Ich habe es vorhin zwar nur aus Spaß gesagt, aber nun denke ich dass es nicht die dümmste Idee wäre. Wenn ich mich freiwillig melden würde, könnte ich alles hinter mir lassen. So wie es aussieht ist Tam ohne mich besser dran oder wenigstens denkt sie das. Ich liebe sie, ja, aber ich sollte auch an mich denken.
Ich bin zwar ein Karriero, aber ich will nicht gewinnen... Die Arena ist eine gute Möglichkeit, mein Leben hinter mir zu lassen. Unentschlossen ob ich es wagen soll oder nicht, trete ich aus meinem Zimmer und bleibe abrupt stehen, als ich Flo sehe, der aus seinem Zimmer kommt.
Er trägt ein sauberes weißes Hemd, eine braune Krawatte und eine dunkelbraune Anzughose. Seine Kleidung ist edel und teuer, aber er kann es sich leisten. Flo ist der einzige Erbe einen Luxuswarengeschäfts in der Innenstadt und nun besitzt er ein kleines Vermögen.
„Ich bin soweit. Lass' uns los!“, sagt er und geht aus der Haustür. Ich blicke mich noch einmal in dem Haus um und fasse einen Entschluss: Ich werde ein Tribut!

Zu zweit folgen wir den vielen Menschen die zum Hauptplatz strömen und sich angeregt unterhalten. Ich überlege wie es in den anderen Distrikten ist. Hier freut man sich auf das Ereignis, aber ich weiß, dass es in den äußeren Distrikten wesentlich anders zugeht. Es ist kein Geheimnis, dass die Menschen in diesen Distrikten die Ernte und die Spiele fürchten, aber ich verstehe es nicht ganz, immerhin geben sie uns die Chance der Armut zu entkommen...
Viel zu schnell erreichen wir den Hauptplatz der dekadent mit den bunten Fahnen des Kapitols geschmückt ist. Kamerateams sind auf Balkonen stationiert und nehmen jede unserer Bewegungen auf. Ich reihe mich in die Schlange der Jungendlichen ein und Flo stellt sich neben mich. Er ist neunzehn, hat nichts mehr zu befürchten.
„Lion... ähhh. Romeo Lampert“, stammle ich und halte der Friedenswächterin meinen Finger hin. Sie zieht eine Augenbraue hoch, stellt aber keine Fragen mehr. Es ist wie ein Reflex, immerhin nennt mich niemand Romeo, ich bin für alle nur Lion. Tam gab mir den Namen, kurz nachdem wir Waisen geworden waren. Ihre Begründung dafür war, dass ich stark war und niemals aufgab. Damals war mir klar geworden wie sehr sie mich brauchte und umgekehrt, aber nun ist dieser Gedanke wohl nichtig geworden.
Nachdem die Friedenswächterin mich eingetragen hat winkt sie mich weiter und ich gehe zielstrebig auf den Pferch der Achtzehnjährigen zu, doch bevor ich ihn betreten kann werde ich am Arm festgehalten.
„Ich weiß was du vorhast, Lion. Überleg' es dir noch einmal gut... bitte!“, flüstert Flo eindringlich und zieht besorgt die Augenbrauen zusammen.
Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll, aber das muss ich gar nicht, denn Flo lässt mich los, dreht sich um und gesellt sich zu den Angehörigen.
Ungläubig schüttele ich den Kopf und betrete dann das Areal in welchem die gleichaltrigen Jungen stehen. Ich nicke ihnen kurz zu und starre dann mit starrem Blick nach vorne. Jedenfalls versuche ich es, aber mein Blick gleitet immer wieder zu dem Bereich der fünfzehnjährigen Mädchen. Wo ist sie? Wenn sie nicht zur Ernte erscheint wird sie von den Friedenswächtern bestraft werden.
Dann endlich entdecke ich sie. Die langen braunen Haare hat sie zu einem Zopf geflochten und ihre grünen Augen blicken suchend umher, bis sie an meinen hängen bleibt. Nur kurz treffen sich unsere Augen, ehe Tam zu Boden schaut, aber in dem Moment in dem sie es tun ist es so als sähe ich den ganzen Schmerz den sie spürt. Wenigstens setzt ihr unser Streit auch so sehr zu wie mir!
Meine Gedanken werden von unserem Bürgermeister Dawson unterbrochen. Wie jedes Jahr erzählt er von dem Krieg, dem strahlenden Land Panem und den schrecklichen Rebellionen die uns die Hungerspiele brachten und wie jedes Jahr höre ich auch diesmal nicht zu. Die einzige die meine volle Aufmerksamkeit bekommt ist Orchidy Grey, die Betreuerin des Distrikts. Wie immer trägt sie ein seltsames Äußeres zur Schau und ich frage mich ob es schmerzhaft ist auf diesen schrecklichen, würfelförmigen Schuhe zu laufen. Bestimmt ist es das.
„Willkommen! Fröhliche Hungerspiele und möge das Glück stets mit euch sein!“, ruft sie euphorisch in das Mikrofon und ihr Akzent gewinnt die Oberhand.
Mit einem strahlenden Lächeln wackelt sie zu der Mädchen-Urne und wühlt nach einem Los. Schließlich bekommt sie eines zu fassen und stöckelt zurück zum Mikrofon. Um Tam mache ich mir ehrlich gesagt keine Sorgen, denn es gibt immer irgendein Killer-Mädchen das in die Arena will.
Orchidy spricht einen Namen in das Mikro, aber ich verstehe gar nicht wer es ist, denn jemand schreit schrill über den Platz.
„Ich melde mich freiwillig!“
Ich drehe meinen Kopf um zu sehen, wer sich dieses Jahr ins Gemetzel stürzt. In dem Bereich der Achtzehnjährigen nehme ich Bewegung war und dann löst sich eine Gestalt aus der Menge. Ein großes Mädchen mit dunkelbraunen Haaren geht mit langen, festen Schritten zu der Tribüne auf der Orchidy steht. Diese zieht das Mädchen neben sich und nun kann ich einen Blick auf sie werfen. Sie hat schmale Schultern und sehr lange Beine, aber ihr Körper ist weich und weiblich. Ihre grünen Augen schauen selbstgefällig in die Menge und ihre geraden Augenbrauen verstärken den Eindruck, dass sie sich den anderen überlegen fühlt. Ich selber muss mir eingestehen, dass ich das Mädchen ziemlich hübsch finde, was mir persönlich gar nicht gefällt.
„Wie heißt du, Liebes?“, fragt die Betreuerin und blickt lächelnd zu der Freiwilligen hoch.
„Chrystal Woodden!“, sagt das Mädchen mit fester Stimme, jedenfalls bemüht sie sich, dass sie fest klingt, aber ihre Stimme ist dunkel und ein wenig rauchig.
„In Ordnung Chrystal, kommen wir nun zu den Jungen“, zwitschert Orchidy und wackelt zu der Urne der Jungen. Ohne groß Zeit zu verlieren faltet sie das Los auseinander und verkündet den Gezogenen.
„Brick Loss!“, hallt es über den Platz, aber sie hat den Namen nicht einmal zu Ende gesprochen da brechen die Worte aus mir heraus, ohne dass ich mir das alles noch einmal durch den Kopf gehen lasse.
„Ich gehe freiwillig!“, rufe ich und augenblicklich weichen die Jungen um mich herum ein wenig zurück, bis sich ein Kreis um mich bildet. Mit starren Blick gehe ich auf die Tribüne zu, meine Hände habe ich zu Fäusten geballt, damit man nicht sieht wie sie zittern. Was tue ich eigentlich gerade?
„Und wer bist du?“, fragt Orchidy mich lächelnd und hält mir das Mikro hin.
„Romeo Lampert“, gebe ich tonlos zurück und bin erleichtert, dass ich nicht mit Lion rausgeplatzt bin.
Bei dem Gedanken blicke ich in das Publikum und halte nach ihr Ausschau. Als ich Tam entdecke schnürt sich mir die Kehle zu. In ihren Augen stehen Tränen und sie ist in sich zusammen gesackt. War es die falsche Entscheidung? Ehe ich mich mit dieser Frage auseinander setzten kann, werde ich von Orchidy unterbrochen.
„Nun, unsere Tribute aus Distrikt 1“, ruft sie, hält meine rechte Hand und die linke dieser Chrystal hoch. Diese Geste des Sieges beruhigt mich ein wenig und das Johlen und Jauchzen meines Heimatdistrikts besänftigt mich ungemein. Nach einigen Sekunde lässt Orchidy unseres Hände sinken und verschränkt sie miteinander.
Ich ergreife Chrystal's Hand, schüttele sie und blicke ihr ins Gesicht. Die hohen Wangenknochen, die bronzefarbene Haut und die stechend grünen Augen die von dichten schwarzen Wimpern umrahmt sind. Sie ist wunderschön und genau deshalb ist sie eine Bedrohung, denn sie wird keine Probleme haben Sponsoren für sich zu gewinnen.
Ich drücke ihre schmale Hand fester um ihr zu zeigen, dass ich kein Schwächling bin, kein einfaches Opfer, denn irgendwie wurde gerade mein Kampfgeist geweckt.

„Du bist ein Idiot!“ sagt Flo, während er die Tür öffnet und zu mir in den edlen Raum tritt.
„Wo ist Tam?“, frage ich und gehe auf seinen Kommentar gar nicht erst ein.
„Sie ist zusammengebrochen und mit einer Freundin nach Hause gegangen! Sie wird nicht kommen!“, sagt er hart und lässt sich dann auf einem der roten Samtsessel nieder.
Für einen kurzen Moment vergesse ich das Atmen! Sie ist zusammengebrochen... meinetwegen. Es war ein Fehler sich freiwillig zu melden, ein riesiger Fehler!
„Du musst dich um sie kümmern, hörst du? Hol' sie wieder nach Hause und pass' auf sie auf!“, fordere ich und werde unruhig! Wenn ihr etwas passiert, könnte ich mir das niemals verzeihen!
„Mach dir keine Sorgen um sie, Lion, mach' dir lieber Sorgen um dich, obwohl eigentlich hast dich ja für den Freitod entschieden...“, meint Flo traurig und ich sehe wahrhaftig Trauer in seinen braunen Augen.
„Ich habe es mir anders überlegt!“, rufe ich verzweifelt und raufe mir die Haare.
„Na großartig, anders überlegt... Dann musst du halt gewinnen!“, sagt Flo und ich höre dass er es todernst meint.
„Und wie?“, frage ich ungläubig und werfe mich in den anderen Sessel.
„Du bist sportlich und du hast ein Ziel. Ein Ziel dass sich lohnt!“, trichtert mein bester Freund mir ein und steht auf.
„Du hast gute Chancen, okay?“, fragt er und ich nicke. Zu meiner Überraschung kommt Flo zu mir und drückt mich kurz.
„Pass' auf sie auf“, sage ich noch und da ist Flo auch schon verschwunden. Was habe ich nur getan?


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Hallooo ♡
Die erste Ernte ist endlich da und ich hoffe ihr seid soweit zufrieden und euch gefällt mein Schreibstil :)
Ich werde versuchen bis Dienstag die nächste Ernte zu schreiben, damit es schnell weiter geht!
Bitte lasst mir doch ein Review da, darüber würde ich mich sehr freuen !
Außerdem fehlen immer noch ein paar Tribute, also wenn ihr Zeit und Lust habt, dann erstellt doch einen und schickt mir den ausgefüllten Steck per Mail ;)
Außerdem schaut auf der Homepage vorbei, dort kann man viel entdecken, von den Tributen bis hin zur Musik aus den Panem-Filmen

http://linabehrendt1.wix.com/der-durst-nach-blut

@Tiva : Ich hoffe du bist mit der Umsetzung zufrieden, wenn dir irgendwas auffällt sag mir Bescheid :)

Eure Aquamarina ♥
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