Kalypso

KurzgeschichteDrama, Tragödie / P16
10.01.2015
05.02.2015
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I

Ein Mädchen – vielleicht sechzehn Jahre alt – ging in der tiefsten Nacht über einen kahlen Feldweg. Sie schien keine Angst zu haben, sondern sich sogar wohl zu fühlen. Als wäre sie hier zu Hause und hätte nichts zu befürchten. Nebel kroch schleichend über den Boden und wurde vom Mond in unheimlich schimmerndes Licht getaucht. Auf beiden Seiten war der Weg von hoch gewachsenem, goldenem Getreide begrenzt, das dem Mädchen den Blick auf den Rest des Feldes verweigerte. Das arme Ding trug nichts als ein leuchtend rotes Kleid und sah aus, als fröre es fürchterlich. Natürlich fror es. Nein, nicht das Mädchen, sondern ich, sagte sich Kalypso. Sie war es, wer sollte es sonst sein? Schließlich träumte Kalypso im Moment. Ihr war es immer schon bewusst gewesen, wenn sie träumte, und dann konnte sie ihre Träume frei nach ihrem Willen verändern. In ihnen hatte sie absolute Freiheit, ganz anders als im echten Leben, und deshalb liebte sie das Träumen auch so. Jede Nacht konnte sie der Realität entfliehen und sich ihre eigene Welt erschaffen. Es hatte ihr immer viel Spaß gemacht, ihre Träume zu steuern, aber das sollte sich bald ändern. Doch davon ahnte Kalypso noch nichts.
  Sie stellte sich einen riesigen Schwarm Raben vor und als sie nach oben blickte, war der Nachthimmel von den schwarz gefiederten Tieren erfüllt. Sie sahen wirklich majestätisch aus, fand Kalypso. Raben waren einfach ihre Lieblingstiere, sie wusste nicht, warum. Bei dem Anblick der Vögel musste sie darüber lächeln, wie gut sie die Traummanipulation mittlerweile beherrschte. Es war für sie immer noch schwer vorstellbar, wie sie in Gedanken so aktiv sein konnte, während sie doch schlief, aber es funktionierte.
  Kalypso sah noch, wie die Raben am Himmel immer kleiner wurden und schließlich in den Wolken verschwanden, dann verschwommen Mond und Getreide vor ihren Augen und sie wachte auf.
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