Nahtoderfahrung

von Ylvi
KurzgeschichteAngst, Übernatürlich / P16
10.01.2015
10.01.2015
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Nahtoderfahrung


Es war ein seltsamer Morgen, an dem ich zum ersten Mal auf Jensen Gilbert traf. Oder vielleicht sollte ich eher sagen: Es war ein seltsamer Morgen, an dem Jensen Gilbert auf mich traf. Denn ihr konnte man eine Absicht unterstellen, während ich selbst nur ahnungslos durch das Leben streifte, darauf wartend, dass mir etwas in den Schoß fiel.

Am Himmel kämpften Wolken und Sonne und zauberten ein unwirkliches orangenes Licht. Davon bekam ich nicht viel mit – die U-Bahn war mein gewähltes Transportmittel zur Arbeit, so wie an jedem Arbeitstag.

Ich war zerstreut gewesen, an diesem Morgen, als ich zur Arbeit aufgebrochen war. Drei Mal hatte ich zurück zum Haus gehen müssen, weil ich etwas Wichtiges vergessen hatte. Zuerst mein Handy, dann meine Unterrichtsvorbereitung für meine achte Klasse und dann ging ich zurück, um mir einen Regenschirm zu holen – sicher war sicher.

Wie immer am Morgen war die Bahn einigermaßen voll, aber aus Erfahrung wusste ich schon, dass sie später noch voller werden würde. An meiner Station stiegen nicht so viele Menschen ein (ehrlich gesagt, ich wohnte reichlich unpraktisch, um von meinem Haus aus zu meinem Arbeitsplatz zu gelangen). So schaffte ich es, einen Sitzplatz zu ergattern, den ich für eine ganze Strecke zwischen zwei Stationen besetzte, bis eine ältere Dame einstieg, die langsam am Stock humpelte und ich meinen Platz für sie räumte. Ich stand von da an direkt neben dem Sitzplatz, in der Hoffnung, ihn wieder in Beschlag zu nehmen, sobald die Dame ausgestiegen war. Ich war früh aufgestanden (wie gesagt, die Strecke zwischen Haus und Arbeit war sehr lang und brauchte daher einige Zeit) und ziemlich müde.

Menschen stiegen ein und es wurde voller und voller, dann entleerte sich alles innerhalb von zwei Stationen und die alte Dame stieg ebenfalls aus. Ich setzte gerade zu innerem Jubel an, als kaum, dass sich die gute Frau von ihrem Sitz wegbewegt hatte, sich ein Teenager darauf niederließ.

Wütend fragte ich mich, wo sie auf einmal herkam, während ich auf sie hinunter starrte. Es war ein junges Mädchen, bleich und dünn, in Skinnyjeans und einem Kapuzenpulli, der viel zu groß für sie war, sodass die Ärmel fast vollkommen ihre Hände verdeckten. Sie hatte die Schultern hochgezogen und die Arme um den Körper geschlungen, als ob ihr kalt wäre und das in einem immer noch recht vollen und stickigen und warmen U-Bahn-Abteil. Insgesamt wirkte sie ein bisschen kränklich, wie sie so zusammengesunken da saß und ich dachte, sie bräuchte den Platz wahrscheinlich sowieso mehr als ich. Ein paar Haare klebten an ihrer Stirn und ich fragte mich, ob es draußen inzwischen regnete, aber alle anderen Fahrgäste schienen trocken zu sein.

Das Mädchen murmelte irgendetwas und blinzelte langsam, während sie ihre Hände zu den Schläfen hob und mit den Fingern dagegen drückte, als hätte sie Kopfschmerzen. Sie kniff die Augen zusammen und schauderte. Ich kam mir ein bisschen seltsam vor, wie ich sie da so beobachtete, aber langsam fragte ich mich, ob sie nicht vielleicht Hilfe brauchte und so konnte ich meinen Blick erst recht nicht mehr abwenden.

Mir fiel auf, dass ich nicht der einzige war, der das Mädchen mit neugierigen Blicken beobachtete, aber niemand außer mir wirkte sonderlich besorgt, eher abschätzend. Vielleicht hielten sie die anderen Fahrgäste ja für einen Drogenjunkie.

Es war wahrscheinlich meiner ländlichen Herkunft geschuldet (ich hatte mein Kleinstadtleben schon zu Studienzeiten aufgegeben), aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie Drogen nahm. Dazu sah sie viel zu jung aus. Und unschuldig irgendwie, auf eine hübsche Weise, ein wenig unwirklich, wie eine Puppe, mit ihrer Stupsnase und den langen Wimpern und dem kleinen, vollen Mund.

Eine sehr müde und kränklich wirkende Puppe.

Immer mehr Menschen stiegen aus und meine eigene Endhaltestelle rückte näher, als das Mädchen auf einmal zusammensackte. Sie wäre wohl vom Sitz gerutscht, wäre nicht die Haltestange, an der auch ich mich festhielt, gewesen, an die sie nun lehnte, leblos, wie eine Marionette, deren Fäden man durchgeschnitten hatte.

Ohne weiter darüber nachzudenken, sank ich vor ihr auf die Knie.

Ihr Gesicht glänzte inzwischen vor Schweiß. Ihre Augen waren geschlossen, unter den flatternden Lidern bewegten sich unruhig die Pupillen. Ihre schneeweißen Hände hatten sich in den dunklen Stoff ihres Pullovers verkrampft und ihre Lippen bewegten sich in einem unaufhörlichen, aber tonlosen Murmeln.

„Hey“, sagte ich und berührte zögerlich ihren Arm. „Ist alles in Ordnung?“

Eine ziemlich überflüssige Frage angesichts ihres Zustandes, aber es war das erste, das mir in diesem Moment einfiel.

„Soll ich dich zu einem Arzt bringen?“, fragte ich weiter. Ein Krankenhaus erschien mir mehr und mehr sinnvoll. Das Mädchen hatte allem Anschein nach starkes Fieber und sah aus, als würde sie jeden Moment vollkommen das Bewusstsein verlieren.

„Kannst du mich ansehen?“ Ich merkte selbst, wie ich von Minute zu Minute besorgter klang, aber ich konnte nicht anders. Die meisten Menschen in der U-Bahn interessierten sich nicht großartig für das Schicksal ihrer Mitfahrer, aber das Mädchen hätte meine Schülerin sein können und sie war allein und krank und nie und nimmer hätte ich sie einfach ignorieren können.

Von einem Moment auf den anderen riss sie die Augen auf und zuckte so heftig zurück, dass sie den Kopf an der Zugwand anschlug.

„Hey, hey!“, versuchte ich sie zu beruhigen und hob die Hände, um zu zeigen, dass ich sie nicht anfassen würde, ihr keinen Schaden zufügen wollte. „Ist alles in Ordnung?“

Das Mädchen starrte mich nur an, anstatt mir eine Antwort zu geben, die Augen unwirklich groß und unwirklich blau. Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich mich nicht von diesen Augen lösen können. Etwas hielt mich dort, bei ihr, etwas Unerklärliches, das sich gleichzeitig vertraut anfühlte.

Dann packte das Mädchen meine Hand und zog mich mit erstaunlicher Kraft näher zu sich heran.

„Sprich nicht mit der Frau in Rot“, flüsterte sie heiser.

„Was?“, fragte ich leise, nicht sicher, ob ich sie richtig verstanden hatte. Halluzinierte sie wegen des Fiebers? Oder waren doch Drogen im Spiel?

„Sprich nicht mit der Frau in Rot“, wiederholte sie, diesmal deutlicher und ihr Blick war so intensiv und überhaupt nicht fiebrig, sondern wach und eindringlich.

„Ich glaube, du bist krank“, sagte ich. „Ich kann dich zu einem Krankenhaus bringen. Oder wir rufen jemanden an und ich warte, bis jemand dich abholt. Deine Mutter vielleicht?“

„Robert!“, sagte sie und dieses Wort ließ mich verstummen. Ihre klammen Finger um meine Hand drückten fester. „Die Frau in Rot.“

Die Bahn wurde langsamer, eine weitere Haltestelle war gleich erreicht. Ich merkte nicht einmal, dass wir gerade schon an meiner Endstation vorbei gefahren waren.

„Die Frau in Rot, Robert. Du darfst nicht mit mir sprechen.“

„Woher kennst du meinen Namen?“, fragte ich.

„Sprich nicht mit der Frau in Rot, Robert. Versprich es mir.“

„Woher…?“

„Versprich es!“, forderte sie.

„Ich versteh nicht -“

„Du musst es versprechen!“ Ihr Blick wurde panischer, als würde von meinem seltsamen Versprechen alles abhängen. Auch ihr Atem wurde schneller. Ihre Finger um meine schmerzten von ihrem verkrampften Griff.

„Ich verspreche es“, sagte ich.

Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen und sie ließ mich los, sackte nach hinten gegen den Sitz. Die Bahn bremste.

„Vergiss es nicht“, sagte sie sehr, sehr leise.

Bevor ich mich versah war sie aufgestanden und zur Tür hinaus, schwankend und mit zitternden Händen. Ich brauchte einen Moment, um mich zu fassen, doch dann stürzte ich ihr nach. Was, wenn sie auf dem Bahnsteig irgendwo umkippte und niemand kümmerte sich um sie?

Draußen blieb ich wie angewurzelt stehen. Wo war das Mädchen nur hinverschwunden. Es musste mich erst ein breitschultriger Mann anrempeln, bis ich merkte, dass ich direkt vor der Tür stehen geblieben war und diese jetzt blockierte. Und als ich zur Seite wich, um den nun Einsteigenden Platz zu machen, sah ich sie wieder.

Fast hätte ich sie nicht mehr erkannt.
Sie war versunken in der Umarmung eines Mannes, der sie so fest hielt, dass es aussah, als würde er sie stützen. Ihr Gesicht konnte ich nicht erkennen, doch es waren unzweifelhaft die gleichen Skinnyjeans und der schwarze Pullover darüber, aus dessen Ärmel die beinahe weißen Fingerspitzen lugten.

Ich war erleichtert, dass er nicht länger alleine war, konnte die Sorge, die in den letzten Minuten in mir gewachsen war, jedoch nicht ganz bannen. Was, wenn sie schwer krank war?

Für eine Weile beobachtete ich die beiden, wie sie da reglos standen. Bis der Mann aufschaute, mit angespanntem Gesichtsausdruck, direkt zu mir herüber. Er war jung, vielleicht in meinem Alter oder jünger und als er mich sah, verhärteten sich seine Züge noch weiter. Er wirkte wütend, als er zu mir herüber starrte und die Sekunden verstrichen, in denen keiner von uns den Blick senkte. Dann sagte er etwas und das Mädchen löste sich ein bisschen aus seiner Umarmung, während der Mann einen Arm fester um ihre Taille schlang.

So schoben sie sich durch die Menge Richtung Ausgang ohne noch einmal zurück zu blicken.


Es ist schwer zu beschreiben, wie sehr ich mich in den nächsten Tag in Gedanken mit dem seltsamen Mädchen aus der U-Bahn beschäftigte. Allerdings sprach ich mit niemandem darüber. Vernunft sagte mir schon, was die meisten meiner Freunde womöglich von der ganzen Geschichte halten würden: Ein Teenager, der möglicherweise unter Medikamenten- oder Drogeneinfluss gestanden hatte, hatte mit Fieber halluziniert. Und vielleicht war sie mal auf die Schule gegangen, wo ich unterrichtete und kannte von dort meinen Namen.

Diese und ähnliche Erklärungen hatte ich mir durchaus durch den Kopf gehen lassen, aber ich blieb dabei: An der Sache stimmte etwas nicht und damit meinte ich keinen drogensüchtigen Teenager.

Ich war mir sicher, dass ich sie vorher noch nie gesehen hatte. Wäre sie einmal Schülerin an meiner Highschool gewesen, würde ich mich an sie erinnern. So jemanden wie sie vergaß man nicht so leicht.

Obwohl sie so kurz gewesen war, erschien mir mein erstes Zusammentreffen mit Jensen Gilbert wie die unvergesslichste Begegnung, die ich je erlebt hatte.

So ging das die ganze Woche über, bis ich am Wochenende endlich beschloss, mich am Riemen zu reißen und nicht länger über die Sache nachzudenken.

Das war am Samstag.

Am Sonntag sah ich Jensen zum zweiten Mal.


Ich hatte mich mit meiner Schullektüre der zehnten Klasse in den Park gesetzt, nicht weit von meinem Haus entfernt, wie ich es häufiger tat, selbst dann noch, wenn es langsam kälter wurde.

Eine Weile las ich und machte Notizen, bevor ich beschloss, mir die Beine zu vertreten und zu dem See zu laufen, am anderen Ende des Parks. Es war eher ein großer Teich, als ein See und um ihn herum ein Haufen Bäume und Gestrüpp, um das sich niemand kümmerte.

Und da war sie, auf dem kalten Boden im Oktober, die Arme um den Körper geschlungen und starrte auf das trübe Wasser.

Das Mädchen aus der U-Bahn.

Ich erkannte sie sofort, schneller, als es möglich gewesen wäre, denn ich näherte mich ihr von hinten. Trotzdem wusste ich ohne einen Zweifel, um wen es sich handelte.

Zuerst zögerte ich. Sollte ich sie ansprechen?

Sie schien wieder allein unterwegs zu sein. Von dem wütend aussehenden jungen Mann, der sie am Bahnsteig im Arm gehalten hatte war nichts zu sehen und auch sonst waren wir allein.

Fast wäre ich wieder dorthin verschwunden, wo ich hergekommen war, doch dann drehte sich das Mädchen um, ganz so, als hätte sie gespürt, dass ich sie beobachtete.

Sie sah besser aus, als bei unserem ersten Treffen, gesünder. Sie war immer noch blass, aber ihre Wangen waren leicht gerötet und auch ihre Lippen zeigten eine gesunde Farbe.

Langsam ging ich näher.

„Hi“, sagte ich, als ich endlich nah genug war, um ein Gespräch anfangen zu können.

„Hi“, gab sie zurück. „Falls Sie hergekommen sind, um irgendwelche Perversionen zu befriedigen muss ich Sie warnen: Ich hab Pfefferspray dabei.“

Ich muss ziemlich verdutzt geschaut haben, denn sie grinste.

„Nein“, sagte ich schnell. „Nein, natürlich nicht. Vielleicht kannst du dich nicht erinnern, aber wir haben uns schon mal getroffen. Montagmorgen? In der Bahn?“

Sie schien nachzudenken.

„Ah, richtig“, sagte sie dann, nur ein paar Sekunden später. „Robert, stimmts?“

Ich zog die Augenbrauen hoch. „Woher weißt du das?“

„Woher weiß ich…? Oh…“ Sie rieb sich mit der Hand über die Stirn, als würde ihr ein Licht aufgehen. „Tut mir Leid. Das mache ich manchmal.“

„Jemanden stalken?“

Diesmal war es an ihr, die Augenbrauen hochzuziehen. Und obwohl ich mein eigenes Gesicht dabei nicht gesehen hatte, sah es bei ihr sicherlich um einiges eindrucksvoller aus. Obwohl sie noch immer auf dem Boden saß, hatte ich das Gefühl, von oben herab angeblickt zu werden, als sie mich so musterte.

„Nein“, sagte sie schließlich und dabei blieb es auch.

„Wenn du schon meinen Namen weißt, kannst du mir wenigstens auch deinen sagen“, versuchte ich mein Glück.

„Wozu?“, fragte .

„Damit ich aufhören kann, dich in meinem Kopf als ‚das Mädchen’ zu bezeichnen.“

„So jung bin ich jetzt auch nicht“, sagte sie und zeigte einen beeindruckenden Schmollmund. Sie hatte wirklich schöne Lippen. „Ich heiße Jensen“, sagte sie dann.

„Okay. Jensen.“ Sie schaute mich abwartend an. Also fragte ich: „Geht’s dir denn besser?“

„Ja“, sagte sie. „Danke. Ich weiß, du hast versucht, mir zu helfen. Tut mir Leid, ich muss ziemlich verwirrt gewesen sein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Haben wir uns unterhalten? Ich kann mich nicht mehr erinnern.“

„Nicht wirklich. Ich dachte, du seist krank und wollte dich zu einem Arzt bringen. Und du hast gesagt: Sprich nicht mit der Frau in Rot. Was bedeutet das?“

„Die Frau in Rot?“ Sie runzelte die Stirn, rieb sich erneut die Schläfen. „Ich weiß nicht, wer das ist. Aber du solltest dich wohl lieber von ihr fern halten.“

„Wie soll ich das tun, wenn ich nicht weiß, wer sie ist?“

Jensen zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Sei einfach vorsichtig.“ Sie schaute besorgt, wie sie mich so musterte.

Warum? Warum sollte ich mich nach deiner Fieberhalluzination richten?“

„Weil du es versprochen hast“, sagte sie einfach. „Das hast du doch, oder?“

„Ich… ja. Schon.“ Ich wusste nicht, was ich darauf entgegen sollte. Natürlich hatte ich es versprochen, in einem Moment, in dem ich kaum einen klaren Gedanken hatte fassen können, aus Angst, dass ihr etwas passierte. Ich hatte sie nur beruhigen wollen.

„Dann vergiss es nicht“, sagte sie, wie schon damals in der U-Bahn und erhob sich. Wir schwiegen beide und so hatte ich Zeit, sie zu mustern.

Sie war nur ein Stückchen kleiner als ich, ein paar Zentimeter vielleicht. Wieder trug sie Skinnyjeans, diesmal jedoch dunklere und dazu ein graues Sweatshirt, dessen Kragen zu weit war, sodass es ihr über die linke Schulter rutschte und die weiße Haut dort entblößte. Unter den halblangen braunen Haaren, hatte sie die Augenbrauen leicht hochgezogen, sodass die großen Augen noch größer wirkten. Unschuldig, mit einer Skepsis im Blick, die mich schmunzeln ließ.

„Willst du ein Foto? Wärt länger.“

„Oh“, machte ich unsinnigerweise. Vielleicht hatte ich sie doch etwas zu auffällig angestarrt. Aber jetzt, da sie nicht mehr aussah, als könnte sie jeden Moment umfallen, war ihre puppenhafte Schönheit noch offensichtlicher und es schien beinahe unmöglich meinen Blick von ihr zu wenden. Sie war wie ein Kunstwerk, nur echter. Eine Perfektion, mit kleinen Fehlern. Unwirklich.

Es brauchte einige Zeit, bis ich mir klar würde, dass ich von einem Teenager wie Jensen vermutlich nicht solche Gedanken hegen sollte. Wie gesagt, sie hätte meine Schülerin sein können. Und solche Dinge sollte ich nicht über eine Schülerin denken. Ganz gleich wie sie aussah.

„Wie alt bist du überhaupt?“, fragte ich, ohne nachzudenken.

„18. Nicht, dass dich das etwas angehen würde.“ Sie verschränkte die Arme und versuchte wohl, wütend auszusehen, aber es gelang ihr wesentlich schlechter als ihr arroganter Blick kurz zuvor und ich musste grinsen.

„Was ist?“, fragte sie.

„Du siehst nicht aus, als wärst du wirklich wütend über meine Frage“, sagte ich ehrlich.

Sie lächelte. „Stimmt. Bin ich nicht. Eher neugierig.“

„Da sind wir schon zwei“, gab ich zurück.

„Bin ich ein Rätsel mit sieben Siegeln?“, fragte sie frech.

„So ungefähr. Diese Fieberträume... Hast du das öfter?“

Sie runzelte wieder die Stirn. „Manchmal“, sagte sie langsam.

„Ist es gefährlich?“, fragte ich.

„Für mich oder für dich?“, fragte sie zurück.

„Was?“

Sie schwieg. Ich ebenfalls.

Dann sagte ich: „Du bist wirklich ein Rätsel“, sagte ich.

Unter meinem neugierigen Blick trat sie unruhig von einem Fuß auf den anderen.

„Ich sollte gehen“, sagte sie schließlich, wich bereits einen Schritt zurück, rieb sich wieder die Stirn. Sie sah aus, als wäre ihr ein bisschen übel.

„Ist dir nicht gut?“, fragte ich, schon besorgt, ihr fiebriges Gesicht und die zusammengesunkene Gestalt noch zu lebhaft vor Augen.

„Doch, ich... Ich weiß nicht. Ich muss gehen. Du bist nicht... Du bist in Gefahr. Das ist nicht gut.“

„Von was redest du?“ Ich merkte, wie ungeduldig ich klang und zwang mich, meinen Ton zu mäßigen, als ich sagte: „Woher weißt du das?“

„Ich weiß es einfach“, sagte sie, trotzig und ein wenig verzweifelt. „Du...“ Sie brach ab, schüttelte den Kopf. „Ich muss hier weg...“

„Wo musst du hin? Ich kann dich bringen? Oder brauchst du einen Arzt?“

„Nein! Halte dich von mir fern. Wenn du bei mir bist, ist es am schlimmsten.“

„Ich mache dich krank?“, fragte ich. Es klang vollkommen absurd. Es war absurd. Es war vollkommener Blödsinn.

Sie schüttelte den Kopf. Ich atmete auf.

„Nicht du. Aber... bei dir ist es am schlimmsten“, wiederholte sie. „An dem Tag – Montag, oder?“

Ich nickte.

„Ich war... nicht gesund, musste nach Hause. Aber... ich wusste, ich würde dir dort begegnen, oder ich ahnte...“

„Woher? Warum?“

Sie schüttelte den Kopf, schlang dir Arme wieder um den Körper, schwankte. „Ich will hier nicht mehr sein“, flüsterte sie, kniff die Augen zusammen. Ich sah, wie sich ihre Finger wieder in den Ärmeln ihres Pullovers verkrampften. „Tut mir Leid“, sagte sie, noch leiser.

Ich ließ sie gehen. Starrte ihr besorgt nach, bis sie zwischen den Bäumen verschwunden war und ich sie nicht mehr sehen konnte.


Man sagt zwar, man sieht sich immer zwei Mal im Leben. Aber man sagt auch, aller guten Dinge sind drei. Und unser zweites Treffen war weder unser letztes noch das ungewöhnlichste.

Ich traf Jensen Gilbert zum dritten Mal fast zwei Monate später, im November, als es abends schon so früh dunkel wurde und die Temperaturen nachts auf Null sanken.

Ich traf sie nachts, nicht einmal einen Block von der Bar entfernt, in der ich mit meinem besten Freund Max und einigen anderen Bekannten dessen Geburtstag gefeiert hatte.

Ich traf sie und das war mein Glück, denn in dieser Nacht rettete sie mein Leben.

Man könnte meinen, dass ich nach all ihren eindringlichen Warnungen schlau genug gewesen wäre, nicht stehen zu bleiben, als ich die Frau da an der Hauswand sitzen gesehen habe. Die Frau im weißen Top und der dunklen kurzen Hose, getaucht in rotes Licht aus dem Fenster über ihr. Die Frau mit dem eingesunkenen Gesicht, das so viel älter aussah als sie es war.

Die Frau, die sich erst regte, als ich an ihr vorbeiging, sodass ich erschreckt zusammenzuckte, stehen blieb und mich umdrehte.

Hätte sie sich nicht kurz zuvor bewegt, hätte ich sie wohl für eine Leiche gehalten.

Ich hatte schon mein Handy herausgezogen, um einen Krankenwagen zu rufen, da stöhnte sie und fing an, sich aufzurichten, also ging ich zu ihr hin.

„Ist alles in Ordnung, Ma'am?”, fragte ich und ging vor ihr auf die Knie, um sie genauer sehen zu können. Dabei fielen mir auch zum ersten Mal die Einstichstellen in ihren Armen auf.

„Ich werde einen Krankenwagen für Sie rufen“, sagte ich. Doch bevor ich dazu kam, klirrte plötzlich laut etwas hinter mir und im nächsten Moment zerschlug neben mir eine Glasflasche.

Ich fuhr herum und stolperte, so hastig stand ich auf.

Zwei Männer standen da, nur wenige Meter entfernt, der eine mit einer Bierflasche in der Hand, der andere mit einem langen Rohr.

„Schieb das Telefon rüber“, sagte der eine, der mit dem Rohr und kam bedrohlich näher.

„Da ist ja die scheiß Nutte“, sagte der andere, trank noch einen Schluck aus seiner Flasche und warf sie dann neben die erste. Wieder zuckte ich zusammen. Mein Handy hatte ich immer noch in der Hand, aber viel zu viel Angst, es zu benutzen. Wenn dieses Rohr mit meinem Schädel kollidierte, zog mein Schädel bestimmt den Kürzeren.

„Schmeiß jetzt das Handy hin“, knurrte der erste und schwang sein Rohr. Ich gehorchte augenblicklich und wischte unwillkürlich die schweißnasse Hand an der Hose ab.

„Jetzt geh von der Frau weg. Clarice, komm jetzt.“

In mir kämpfte es. Einerseits hatte ich eine scheiß Angst, dass mir etwas passieren, dass ich sogar sterben könnte. Andererseits wusste ich auch nicht, was sie mit Clarice anstellen würden. Es wäre vernünftig gewesen die Klappe zu halten und sie alle gehen zu lassen. Und dann die Polizei zu rufen.

Stattdessen sagte ich: „Ihr solltet lieber gehen. Und ich rufe für Clarice einen Krankenwagen.“ Obwohl ich mich anstrengte möglichst selbstbewusst zu wirken, zitterte meine Stimme. Ich verfluchte mich selbst dafür, dass ich körperlicher Konfrontation eigentlich immer aus dem Weg ging und stattdessen die Streitschlichterausbildung als Ergänzung zum Lehrberuf gemacht hatte. Hätte ich lieber einen Kampfsport gelernt...

„Das geht dich einen Scheißdreck an. Die Nutte kommt mit. Die schuldet mir was“, murrte der zweite, stieß den ersten an, wie um ihm zu bedeuten, endlich Gebrauch von dem Rohr zu machen. Mir wurde übel bei der Vorstellung, mein Schädel könnte gleich gespalten werden.

Ich wich zurück und Clarice wimmerte hinter mir, als ich fast in sie hineinlief.

„Das Arschloch will eine Abreibung, glaub ich“, sagte der mit dem Rohr hämisch und ich hob die Hände, als könnte ich ihn damit abwehren.

„Ich will echt keinen Ärger“, sagte ich. „Wenn ihr mich einfach einen Krankenwagen rufen lasst, werde ich auch niemandem sagen, was hier passiert ist.“

Beide lachten.

Ich bekam Gänsehaut am ganzen Körper.

Der eine schwang wieder sein Rohr und ich zuckte heftig zurück. Sie lachten noch lauter.

Da machte der eine, der vorhin seine Bierflasche geworfen hatte, einen Satz nach vorne. Ich sah kaum, wie er mit der Faust ausholte.

Mein Kopf dröhnte, mein Gesicht brannte.

Das Rohr sauste durch die Luft.

Dann eine Stimme: „Hey, ihr Wichser. Ich hab die Polizei gerufen, also verpisst euch lieber. Das gibt ein paar Jahre Knast, ihr Arschlöcher.“

Jemand fluchte, sagte etwas, das ich neben dem Dröhnen in meinem Kopf nicht verstehen konnte. Dann etwas, das sich anhörte wie das Rohr, das zu Boden gefallen war.

Ich blinzelte ein paar Tränen aus meinen Augen und mein Rücken stieß gegen die Wand. Neben mir stieß Clarice einen erstickten Schrei aus, als sie hochgerissen wurde. Das Licht ließ ihre blonden Haare rot wirken, spielte auf ihrer bleichen Haut und in ihrem Top.

Die Frau in Rot, dachte ich.

Und sie stolperte zwischen den beiden Männern, halb gezogen, halb gestützt von ihnen, bis sie um die Ecke verschwunden waren.

„Oh mein Gott!“, hörte ich jemanden entsetzt sagen und kurz darauf tauchte ihr Gesicht vor mir im Dunkeln auf. Ebenfalls in rotes Licht getaucht wirkten ihre Augen fast lila. Sie legte ihre Hände an meine Wangen, drehte meinen Kopf.

„Haben sie dich erwischt? Sie haben dich erwischt!“ Tränen erfüllten die großen Augen und ich versuchte etwas zu sagen, aber ich war wie hypnotisiert.

„Ach was, er hat nur eine verpasst bekommen“, sagte eine zweite Stimme.

„Nur eine verpasst bekommen?“, fauchte Jensen und drehte sich um.

Ohne ihren Blick direkt auf mir zu spüren fiel es mir auf einmal leichter zu sprechen. „Mir geht’s gut“, sagte ich. „Hab nur echt Kopfschmerzen.“ Ich verzog das Gesicht.

„Es tut mir so Leid“, sagte Jensen, jetzt wieder ihren Blick auf mich gerichtet und ich sah, dass sie weinte.

„Es ist nichts passiert“, versuchte ich sie zu beruhigen. Sie weinen zu sehen verursachte ein unangenehmes Gefühl in meiner Magengegend.

„Hier ist dein Handy, Mann“, sagte der fremde Mann und mein vertrautes Smartphone wurde in meine Hand gedrückt. „Kannst dir ja ein Taxi rufen oder so.“

„Taxi? Kommt nicht in Frage. Vielleicht hat er ja eine Gehirnerschütterung oder sowas. Wir müssen ihn in ein Krankenhaus bringen“, entrüstete sich Jensen, die mich in der Zwischenzeit losgelassen hatte, um sich wieder zu ihrem Begleiter umzudrehen. Es war der Mann, den ich schon am Bahnhof gesehen hatte, der, der mich so wütend angeschaut hatte. Im Moment sah er auch nicht glücklicher aus, eher ungeduldig. Mich bedachte er mit kaum einem Blick.

„Was ist überhaupt mit der Frau? Clarice?“

„Was soll mit ihr sein?“, fragte Jensen.

„Wir müssen ihr helfen, sie ist vielleicht in Gefahr.“

„Sie ist ein Junkie“, erklärte Jensen.

„Sie macht es bestimmt nicht mehr lang“, sagte Jensens Begleiter abfällig.

„Woher wollt ihr das wissen?“, fragte ich, wütend über seine Kaltblütigkeit. „Und wer bist du überhaupt?“

„Blake“, sagte er. „Und wer du bist brauche ich wohl nicht zu fragen. Robert. Der Lehrer. Du kannst jetzt nach Hause gehen, Robert, die Gefahr ist gebannt.“

„Ich wusste, dass du nicht auf mich hörst“, sagte Jensen nicht ohne Enttäuschung in der Stimme. „Ich sagte doch, du sollst nicht mit der Frau in rot reden. Die hätten dich umbringen können!“ Angespannt schaute sie zwischen mir und Blake hin und her und rieb sich über die Oberarme, als würde sie frösteln. Diesmal trug sie eine Männerlederjacke, die ihr viel zu groß war und Handschuhe ohne Finger.

„Haben sie nicht.“

„Weil wir rechtzeitig hier waren, um deinen Arsch zu retten“, sagte Blake.

„Und ich bin wirklich dankbar“, sagte ich. „Woher wusstet ihr das überhaupt? Und das mit der Frau? War das nur Zufall?“

„Ich glaube nicht an Zufälle“, sagte Jensen bestimmt. „Und das hier war sicherlich keiner. Ich hab dich in der letzten Zeit im Auge behalten. Ich wusste, es würde etwas passieren. Und ich hatte Recht“, sagte sie ein wenig selbstgefällig. „Und wenn es euch nichts ausmacht würde ich von hier echt gerne verschwinden. Ich krieg sonst Albträume.“

„Was ist mit ihm?“, fragte Blake und nickte zu mir herüber.

„Kann er nicht mit zu uns kommen?“, fragte Jensen und schaute ihn bittend an. „Nur für eine Nacht?“

Blake stöhnte. „Eine Nacht“, sagte er und drehte sich um, um voran zu gehen.

„Komm“, sagte Jensen und nahm seine Hand. Ihre Fingerspitzen waren eiskalt.

Tausend Gedanken schossen mir in diesem Moment durch den Kopf, aber ich behielt sie alle für mich, ging nur schweigend mit. Ich wollte sagen, ich konnte nach Hause gehen. Konnte ein Taxi rufen oder einen Freund, der mich abholte. Wollte wissen, wie sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort hatten sein können. Wollte wissen, wer sie waren, woher sie kamen. Warum Jensen meine Hand hielt. Wohin wir gingen.

Aber ich ging schweigend mit. Wer wusste schon wie Blake auf mein Meer an Fragen reagieren würde? Und auch Jensen schien unsicher, wie sie mir antworten sollte.

„Es ist nicht weit von hier“, sagte sie schließlich leise. „Ist nicht so eine gute Gegend, aber... wir können uns nichts anderes leisten.“

„Jensen!“, sagte Blake laut, mahnend. „Das muss unser Herr Lehrer doch sicher nicht wissen.“

„Das wird er sowieso wissen, sobald er unsere Wohnung sieht“, fauchte Jensen.

Und dann standen wir vor einem grauen Haus und Blake schloss die Tür auf.

„Wir sind ganz oben“, erklärte Jensen. „Vierter Stock. Kein Aufzug. Aber man muss nicht so viel heizen.“ Sie zuckte mit den Schultern und ließ meine Hand los, als Blake sich zu uns umdrehte und mir einen kalten Blick zuwarf.


Mir war ein bisschen wärmer, als wir endlich oben ankamen und durch die einzige Tür gegangen waren, an der bereits die Farbe abblätterte, daneben ein Klingelschild mit dem Namen Gilbert in verschnörkelter Handschrift.

„Jensen Gilbert?“, fragte ich und sie nickte, lächelte. „Bald kennst du alle meine Geheimnisse“, sagte sie und es klang wie ein Scherz, trotzdem wünschte ich mir, es wäre wahr.


Die Wohnung war karg und kühl, mit nur wenigen Möbeln und kaum persönlichen Gegenständen.

So würde ich bestimmt nicht mehr über sie herausfinden, dachte ich und ließ meinen Blick kurz über ein an den Ecken bereits ausgefranstes Freddy-Mercury-Poster an der Wand und einen hölzern umrahmten Spiegel gleiten, der auf der Kommode stand.

„Willkommen in unserem bescheidenen Heim“, sagte Jensen. „Darf ich mir jetzt dein Gesicht ansehen?“, fragte sie und schaute mich besorgt an.

Hinter ihr schnaubte Blake und verschwand durch eine Tür, die er hinter sich zuknallte.

„Achte nicht auf ihn“, sagte Jensen. „Er hat nur schlechte Laune. Er ist manchmal wütend, weil er immer auf mich aufpassen muss.“

„Auf dich aufpassen?“, hakte ich nach.

Sie zuckte mit den Schultern. „Manchmal sehe ich Dinge, die ich nicht sehen sollte. Oder weiß Dinge, die ich nicht wissen kann. Manchmal sehe ich, wie Menschen verletzt werden. Meistens kann ich ihnen nicht helfen.“

„Aber mir hast du geholfen.“

„Du bist anders“, erklärte sie und berührte sanft mit ihren Fingern mein Gesicht. „Du bekommst schon eine Beule“, stellte sie fest.

„Nicht so schlimm.“

„Es hätte aber schlimm werden können“, sagte sie und ich schauderte. „Aber jetzt ist alles gut.“ Sie nahm meine Hände in ihre und drückte sie beruhigend.

„Warum bin ich anders?“, fragte ich leise.

Zuerst schaute sie mich nur an, musternd, prüfend, und gleichzeitig mit einer Zärtlichkeit, wie eine Mutter, die ihr Kind betrachtete.

„Ich hab gesehen, was dir passieren wird und ich dachte, ich könnte dir nicht helfen. Und dann warst du auf einmal da. Das war wie ein Wunder.“

„Oder einfach ein glücklicher Zufall.“

„Nein.“ Sie schüttelte bestimmt den Kopf. „Zufälle gibt es nicht. Wenn ich dich sehe, wenn ich an dich denke, dann spüre ich, dass du etwas besseres verdient hast, als zu sterben.“

„Die meisten Menschen haben etwas Besseres verdient, als sie bekommen.“

„Vielleicht.“ Sie senkte endlich den Blick.

„Jensen“, sagte ich eindringlich. „Warum ich?“

„Ehrlich gesagt, weiß ich das auch nicht.“ Sie ließ meine Hände los und wandte sich mit frustriertem Gesichtsausdruck von mir ab. „Die meiste Zeit ist es furchtbar nutzlos, von Menschen zu träumen, denen man nie begegnen wird.“

Ihre Stimme zitterte, während sie die Arme um ihren Körper schlang und den Kopf senkte, immer noch von mir abgewandt.

Dann gähnte sie.

„Es macht echt ganz schön müde, durch die Stadt zu rennen, um dich zu retten“, sagte sie und ihre Stimme konnte ihre Angespanntheit nicht ganz verbergen.

„Ich kann gehen“, schlug ich vor.

„Nein.“ Sie schüttelte vehement den Kopf. „Du musst hier bleiben. Nur für eine Nacht.“

„Warum?“ War ich immer noch in Gefahr? Spürte sie das?

„Weil ich dich noch eine Weile bei mir haben muss...“, flüsterte sie.


Und so schliefen wir, nebeneinander auf ihrem Bett, das breit genug war, damit wir uns nicht berührten, aber schmal genug, um nur die Hand ausstrecken zu müssen, um sich zu vergewissern, dass die Person neben einem noch da lag.

Als ich einschlief hörte ich sie neben mir atmen.


Als ich aufwachte, war sie verschwunden.

Die Wohnung war verlassen. Jemand hatte das Poster abgehängt und auch der Spiegel, der mir am Abend zuvor aufgefallen war, war nicht mehr da. Jensens Schrank war leer, kein einziges Kleidungsstück hatte sie zurückgelassen, nichts, das auf ihre Identität, ihre bloße Existenz hindeutete.


Danach habe ich Jensen Gilbert nie wieder getroffen.

Lange Zeit noch fragte ich mich, warum mein Leben auf solch ungewöhnliche Art gerettet worden war. Nie aber zweifelte ich an Jensens Visionen. Wieso auch? Für mich gab es keine andere zutreffende Erklärung.

Als ich Sheila kennen lernte und ich langsam begriff, dass sie meine Liebe, mein Herz, meine Frau war, fing ich an, mehr dankbar zu sein, als alles andere. Und während ich meine Kinder aufwachsen sah, wurde ich mir bewusst, welch unglaubliches Geschenk ich erhalten hatte: Leben.


Manchmal bilde ich mir ein, sie zu sehen, meine seltsame Retterin. Wenn ich auf die U-Bahn warte und ich glaube, sie stünde ein paar Meter weiter, so ist sie verschwunden, sobald ich den Kopf zu ihr umdrehe.
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