Was hinter den Friedhofsmauern geschah…

von - Leela -
KurzgeschichteAngst, Horror / P12
Kong sr. Spenser sr. Tracy
08.01.2015
08.01.2015
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Was hinter den Friedhofsmauern geschah…

Spenser kam vergnügt in das Büro von »Spenser, Tracy & Kong«, der kleinen Ghostbusting-Firma in Piru, Kalifornien, und sah sich um. „Hallo! Jemand da? Kong? Tracy?“
      Doch nichts rührte sich. Das Büro lag verwaist da.
      Neugierig sah Spenser hinter die Vorhänge am Fenster, unter den Schreibtisch und hinter die Schränke, mußte jedoch einsehen, daß er allein war. Ein wenig enttäuscht ging er zurück zum Schreibtisch und fand plötzlich eine Notiz. Neugierig nahm er den in Kongs schneller Handschrift geschriebenen Zettel auf und las:
      „Geister beim alten Schloß! Komm schnell zum Friedhof nach! Können jede Unterstützung gebrauchen!“
      Spenser verdrehte die Augen und seufzte tief. Er konnte nicht gerade behaupten, jemals ein großer Freund von Friedhöfen gewesen zu sein, aber dieser hier erschütterte ihn bis in die Grundfesten! Und dann sollte er auch noch heute allein dorthin gehen. Ausgerechnet heute…

Spenser hatte sich in Ermangelung des Dematerialisators mit dem »Anti-Geister-Spray« bewaffnet, das Tracy vor kurzem erfunden hatte, und schlich mit rasendem Puls zwischen den ersten Grabsteinen entlang. Hastig sah er sich um. „Kong! Tracy!“ wisperte er, darauf bedacht, einen Mittelweg zu finden, nicht zu laut zu sein, um die Geister nicht auf sich aufmerksam zu machen, aber trotzdem laut genug, damit seine Kollegen ihn bemerken würden. Er hoffte inständig, daß er nicht den umgekehrten Erfolg erzielen würde.
      Ganz vorsichtig entfernte er sich von dem Tor, welches zumindest noch einen kleinen Bezug zur Außenwelt vermittelte. Die hohen Bäume ließen den ganzen Platz noch dunkler und schauriger wirken, als er ohnehin schon war. Spenser konnte sich an kaum einen Auftrag erinnern, der ihn und seine Kameraden nicht mindestens einmal über den Friedhof geführt hätte; und sei es nur, um zum alten Schloß zu kommen, das auf der anderen Seite lag und gerne von Geistern heimgesucht wurde. Er fragte sich, wie Kong und Tracy es hier aushielten. Ihm war schon in Gesellschaft nicht wohl in dieser Gegend; noch weniger, wenn sie sich hier, auf dem Friedhof trennten – und am allerwenigsten jetzt, wo er nicht einmal wußte, wo seine Partner waren, in welchem Zustand, und ob sie überhaupt hier waren. Er konnte es drehen und wenden, wie er wollte, er konnte sich an diesen Ort nicht gewöhnen!
      „Kong!“ zischte er, als er sich angespannt zum nächsten Grabstein vorarbeitete. Er sah sich um, prüfte genau, ob sich jemand hinter dem Stein verbarg und nutzte ihn als Deckung. Von dort aus sah er sich erneut in dem Areal um, das er von seiner neuen Position aus überblicken konnte. So aufmerksam wie noch nie sondierte er die Umgebung, doch noch konnte er weder Geisteraktivitäten feststellen, noch seine Kameraden entdecken. Ein schauriger Gedanke schoß ihm durch den Kopf. Was, wenn die Geister sie bereits überwältigt, und fortgeschafft hatten? Vielleicht zum Schloß, oder… Er schluckte. Der Grund und Boden, auf dem er wandelte, verhieß eine Alternative, die er nicht in Worte, und auch gar nicht erst in Gedanken fassen wollte. Er spürte, wie ihm die Stimme in eine gepreßte, hohe Tonlage abrutschte. „Tracy…?“
      Der junge Mann mit den dunklen Haaren spähte in die finstere Schattenwelt zwischen Bäumen, Sträuchern und Grabsteinen. Bei jeder Bewegung schreckte er zusammen. Im Augenblick jedoch war es allenfalls der Wind in den Ästen, der das spärliche Laub zum Rascheln brachte, das sich noch an den Bäumen befand. Er schluckte und atmete beklommen. Er wußte nicht, was schlimmer war; hier auf eine Gegenüberstellung mit einer Horde Geistern zu treffen, oder diese Stille, die verhieß, daß seinen Freunden etwas zugestoßen war… „Tracy…!“ Seine Stimme wurde leiser und eindringlicher zugleich, mit einem Hauch von Furcht, die er nicht hatte vermeiden können. Die Gefühle in seinem Inneren, die Furcht und Angst und Panik, die von innen gegen seinen Brustkorb hämmerten, wollten raus und ließen sich nur noch mit Mühe im Zaum halten.
      Gerade huschte er über eine viel zu große lichte Ecke, obwohl sie ihn nur knappe vier Schritte kostete. Aber dieser Weg war schon zu viel. Er verbarg sich auf der anderen Seite wieder in den Schatten. Sein Atem ging keuchend, als er sich vorstellte, daß er nicht wußte, was ihn hier erwarten würde. Schnell schaute er sich um. Doch es schien, als wäre er allein. Er sah in die Dunkelheit vor sich, die ihn erwartete und schluckte erneut. Er wußte, dieser Weg führte ins Herz des Friedhofs, und weit weg von dem Rettung verheißenden Tor. Doch was blieb ihm für eine Wahl? Wenn Tracy und Kong wirklich etwas zugestoßen war, mußte er ihnen zu Hilfe kommen! Und so faßte er allen Mut, setzte seinen Weg fort und wurde von der Dunkelheit verschluckt.
      Unheimliche Geräusche begleiteten ihn. Das Heulen des Windes in den Ästen, die im fahlen Abendlicht wie die Gliedmaßen deformierter Skelette wirkten; das Rascheln der verbliebenen Blätter, als wären ein Duzend Klapperschlangen am Werk, der unvermittelte Ruf einer Eule, der ihm bis ins Mark ging… Er schlang die Arme um den Körper, als er sich mit zusammengebissenen Zähnen weiterschob und versuchte, die ganze Umgebung im Auge zu behalten.
      Alte, verwitterte Grabsteine standen wie unsortiert in der Gegend. Erkennbare Wege gab es nicht; anscheinend waren die Toten begraben worden, wie es dem Bestatter in den Sinn gekommen war. Das machte die ganze Sache noch unheimlicher. Vielleicht war es das, was ihm hier mehr als auf allen anderen Friedhöfen, auf denen er in seinem Leben gewesen war, zu schaffen machte!
      Unter seinen Schuhen knackten Zweige. Eigentlich hätte ein wenig Schnee für das Ambiente gefehlt. Die Jahreszeit dafür war es, und es hätte die Szenerie ein bißchen freundlicher gemacht. Aber das war ihm wohl nicht vergönnt. Warum hätte sich auch der Wettergott mit ihm verbünden sollen, wenn es schon der Rest der Welt nicht tat?
      „Ko-kong…?“ brachte er mit zitternder Stimme hervor. Je mehr er sich vom Eingang entfernte, desto mehr verließ ihn der Mut. Er versuchte sich zu konzentrieren. „Nur Ruhe bewahren, Spense! Du wirst jetzt nicht in Panik schreiend wieder zurücklaufen und Kong und Tracy ihrem Schicksal überlassen!“
      Mittlerweile wurde das Licht immer schummriger. Spense sah nach links zu einem niedrigen, verwitterten Grabstein, dann nach rechts, zu einem hohen Stein mit einer eingravierten Aufschrift, die man noch erstaunlich gut entziffern konnte, und zurück zwischen den Steinen hindurch zu einem dritten Stein, der bald umzukippen drohte, während er langsam, völlig überfordert und den Klang seines rauschenden Blutes in den Ohren weiterging. Überall sah er Grabsteine, rechts, links, vor ihm, im Hintergrund, im Vordergrund, hinter ihm… „Ko-kong? T-t-t-tracy…?“ Er drehte sich um die eigene Achse, ließ den Blick in die Äste der Bäume und über den modrigen Boden schweifen, versuchte, zu erspähen, ob sich hinter den Grabsteinen oder im Dunkel etwas tat. Doch alles war gespenstisch still.
      Er biß die Zähne zusammen und sah sich verzweifelt um. Wo waren nur Tracy und Kong? Und wo waren die Geister, wegen denen sie Unterstützung brauchten? Er war sich sicher, den beiden war etwas zugestoßen! Mittlerweile war er sich absolut sicher; anders konnte es nicht sein! Dies war einer der Tage, die er immer gefürchtet hatte: Allein auf dem Friedhof, den dunklen Mächten ausgeliefert, und seine Kameraden vielleicht schon im Verderben. Und das ausgerechnet heute…
      Langsam drehte er sich um die eigene Achse, den Blick beklommen in jeden kleinen Winkel richtend, bis er direkt vor einem weiteren Grabstein stand und erschrocken zusammenzuckte. Ihn schauderte unwillkürlich; ein eigentümliches Gefühl, während gleichzeitig der Schreck nachließ. Er ging langsam rückwärts an den Grabsteinen vorbei. Wo sollte er seine Kollegen nur finden? Wo sollte er anfangen zu suchen…? Er ging ein paar Schritte bedächtig rückwärts und drehte sich dann wieder bedächtig und mit einem leichten Zittern um, während er überlegte, wie er nun weiter vorgehen wollte. Mit einem Mal sprangen zwei Gestalten hinter einem der Grabsteine hervor, rissen die Arme in die Luft und riefen: „Überrraschung!“
      Spenser riß entsetzt die Augen auf, schnappte nach Luft und stolperte einen Schritt rückwärts, bevor er sich für eine Sekunde in geschockter Starre fing, ohnmächtig zusammensank und liegenblieb.
      Kong und Tracy starrten auf ihren Kameraden hinab, dann sahen sie sich betroffen an. Kong kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Tja, ähm… Ich glaube, das war vielleicht doch etwas viel des guten, die Überraschungsparty ausgerechnet hier zu veranstalten…“

„Sagt mal, wer von euch ist eigentlich auf die lausige Idee gekommen, eine Überraschungsparty beim alten Schloß zu geben?“ fragte Spenser, als er die Korken knallen ließ und Champagner, den die beiden Initiatoren für die Party organisiert hatten, an seine beiden Kollegen ausschenkte.
      Kong und Tracy wechselten einen Blick und hoben die Schultern. „Das hat sich so ergeben!“ erklärte Kong, und Tracy nickte. Der Gorilla ging zu seinem Teampartner herüber und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Kong lachte. „Tracy meint, du hast dich gut als Ghostbuster bewährt! Das war eine meisterhaft bestandene Prüfung!“
      „Prüfung?“ rutschte es Spenser fassungslos heraus. „Seid ihr von allen guten Geistern verlassen? Wenn so etwas schon sein muß, warum könnt ihr das dann nicht an einem anderen Tag machen, als meinem Geburtstag! Ich will nicht auf meinem Geburtstag sterben!“
      „Nun beruhige dich mal wieder!“ beschwichtigte Kong ihn und nahm ihm ein Glas aus der Hand, das schon kurz vor dem Überschwappen stand, so wie sich der junge Mann in dem graublauen Anzug aufregte. „Es ist doch gar nichts passiert!“
      „Wenn du »nahe an einem Herzinfarkt« als »gar nichts passiert« ansiehst, vielleicht!“ ereiferte sich Spenser. „So etwas kann auch nur euch in den Sinn kommen!“
      Kong und Tracy wechselten einen Blick und grinsten. „Vielleicht sollten wir ein Patent darauf anmelden!“ schlug der Mann mit dem gelben Nummernshirt vor.
      Tracy nickte und nahm Spenser das mittlerweile zweite gefüllte Glas ab.
      „So, jetzt trinkst du erst Mal etwas auf den Schreck…“ Kong nahm seinem Partner die Flasche aus der Hand und füllte das dritte Glas. „Dann sieht die Welt gleich anders aus!“
      Spenser sah sich derweil skeptisch in dem alten Gemäuer um. „Und… der Platz hier ist… wirklich geisterfrei?“
      „Tracy und ich haben das geprüft, und es gibt derzeit keine außergewöhnlichen Aktivitäten!“ bestätigte Kong und gab seinem Teamkollegen das Glas in die Hand. „So, auf dein Wohl, Spense! Alles Gute zum Geburtstag!“ Damit stieß er mit ihm an, und Tracy tat es ihm gleich.
      Spenser schmunzelte und zuckte gleich darauf erneut zusammen, als Kong unvermittelt in eine Partytröte blies.
      Tracy organisierte indes die Geburtstagstorte und teilte die Stücke aus.
      Nachdem sich der erste Schreck gelegt hatte, beruhigte sich auch das Geburtstagskind wieder, auch wenn Spenser beschloß, den Abend über immer in der Nähe von Kong, von Tracy, oder vorzugsweise von beiden zu bleiben – nur vorsichtshalber.
      Seine beiden Kameraden hatten indes bereits ihren Spaß an der Party und registrierten beruhigt, daß dem eleganten Ghostbuster unter ihnen die Feier ebenfalls mehr und mehr zu gefallen schien. Fasziniert sah Spenser sich um, während er sich mit seinem Teller zu den beiden Teamkameraden gesellte.
      „Ist das nicht eine klasse Deko?“ fragte Kong und deutete auf die schaurigen Girlanden aus kleinen Geistern. „Die hat Tracy selbst gemacht!“
      Der Gorilla nickte eifrig und trommelte sich auf die Brust.
      „Phantastisch!“ bestätigte der Dunkelhaarige. „Ihr habt euch wirklich viel Mühe gegeben!“
      Kong und Tracy grinsten und klatschten ab.
      „Eins würde mich noch interessieren!“ gestand Spenser mit vollem Mund, während er seine Torte genoß. Auf Kongs fragenden Blick hin erklärte er: „Wo habt ihr das dritte »r« in eurer »Überraschung« her?“
      Kong sah Tracy selbst ein wenig aus der Bahn geworfen an, der bereits das Ghostkit nahm und darin kramte. Kurz darauf präsentierte der Gorilla ein großes kleines »r« aus Styropor.
      Spenser und Kong betrachteten es verblüfft. Dann brachen sie in herzliches Lachen aus, und Tracy stimmte mit ein.
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