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Die Geschichte zweier Seelen

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Übernatürlich / P16 / Gen
OC (Own Character)
07.01.2015
19.01.2015
3
4.233
1
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07.01.2015 1.645
 
Es war später Abend, die Sonne ging rot glühend hinter Kjartan unter. Sie warf lange Schatten und ließ das Tal vor ihm in tiefe Dunkelheit sinken. Er hockte mit seiner dünnen und hochgewachsenen Statur auf einem Felsen der Bergkette, die er den gesamten Tag bereits überquerte. Die Arme um die Knie gelegt, sah er hinab, bis die Dunkelheit über sie hereinbrach. Ich bin Nuri, ein Geist, der an ihn gebunden ist, auch wenn ich es vielleicht nicht immer wollte. Im Moment ist es so, dass ich ihn unterstütze und er mir hilft, meinen Willen durchzusetzen. Doch es war auch schon anders.

Kjartan lief lachend hinter den anderen Kindern her, die Fußball spielten. Ich hielt mich zurück, meinen Spaß hätte ich sowieso erst am Abend. So wie der rothaarige Junge gerade abgelenkt war, war es für ihn ein leichtes, meine Versuche abzublocken. Wenn ich mich wirklich angestrengt hätte, könnte ich vielleicht durchbrechen, aber das wäre sowohl für mich, als auch für den Jungen gefährlich. Der wusste noch nicht viel von mir, ich war noch zu schwach, um reden zu können. Er wusste nur, dass ich da war und ihn beschützte, manchmal aber auch angriff. So sah ich ihm beim Spielen zu und versuchte nur ein wenig Radau zu machen. Den Ball ein, zweimal vom Kurs abbringen, Zweige zwischen ihre Beine bewegen, sodass sie fielen, nichts auffälliges. Irgendwann hörten sie auf und ich war erleichtert. Es war verdammt langweilig geworden, nachdem die Kinder sämtliche Stöcke vom Feld geräumt hatten.

Kjartan ging nach Hause und endlich gab es ein paar mehr Möglichkeiten, Mist zu bauen. Kastanien aus einem Baum auf seinen Kopf schütteln, zum Beispiel. Doch schon bald wurde mir ein Ende bereitet: "Lass das Nuri!", rief der Junge aufgebracht. Damit wurde es fast schon zu einem Zwang, in ihn zurückzuweichen. Warum hatte der kleine nur so eine Macht über mich? Ich konnte ja noch nicht einmal mit ihm sprechen! "Du bist echt gemein", murmelte er. Ich tat mich abschätzig. War er etwa nicht gemein? Blockierte er doch schließlich alle Wege, Spaß zu haben. Zu Hause ließ ich ihn bis zum Abend in Ruhe. Aufgebrachte Eltern führten meistens zu nichts. Und sie schienen Angst vor Kjartan zu haben, als ich am Anfang noch allzu offensichtlich Dinge bewegte, oder Vasen zu Bruch gehen ließ. Und das wollte ich nun wirklich nicht. Den Jungen nerven und ihm das Leben schwer machen: ja. Ihm jedoch ein vernünftiges Leben verweigern: nein. Schließlich war alles, was dem Jungen geschah auch etwas, was mich beeinträchtigte.

Am Abend dann ging er ins Bett. "Machst du das heute schon wieder, Nuri?", fragte Kjartan ängstlich von unter seiner Bettdecke. Jemand weicheren Herzens hätte ihm jetzt bestimmt Folge geleistet und in Ruhe gelassen. Aber er war der Grund, warum ich hier festsaß, er hielt mich fest. Und dabei wollte er mich so wenig, wie ich ihn. Ich war wütend und hatte genügend Möglichkeiten, ihn dies spüren zu lassen. Gerade wollte ich beginnen und die Nachttischlampe flackern lassen, da hörte der Junge plötzlich etwas. "Warst du das, Nuri?", fragte er noch ängstlicher als zuvor. Doch ich hatte noch nicht einmal begonnen. Ich überlegte, wie ich ihm sagen konnte, dass ich mal nachsehen ging. Doch ich konnte nicht. Also ging ich einfach. Das Geräusch war von draußen gekommen, also bewegte ich mich auf das Fenster zu. Ich schwebte hindurch und sah auf die Straße. Die Mülltonne vor dem Haus war umgekippt, doch weit und breit war niemand zu sehen. "Geh bitte nicht so weit weg, Nuri! Das tut weh!" Ich hielt inne. Gerne wüsste ich, wer das getan hatte, wenn ich es nicht war. Doch dem Jungen Schmerzen zufügen wollte ich auch nicht. Ich würde am nächsten Abend einfach vor dem Fenster stehen bleiben.

Ich verzichtete dieses Mal darauf, ihm vorm schlafen noch Angst einzujagen. Mich interessierte dieser Vorfall schon. Schließlich wiegten sich die Äste der Bäume nur sanft, der Wind war also nicht stark genug, die Mülltonne umzuwerfen. Tiere waren ebenfalls keine zu sehen. Ich beobachtete die Umgebung dann noch eine Weile, dann drehte ich mich wieder um. Kjartan war eingeschlafen. Also keine Scherereien mehr bis zum Morgen. Na toll! Ich wollte mich wabernd ein wenig durchs Haus bewegen, da brach plötzlich etwas schwarzes durch die Wand, direkt auf den Jungen zu. Ich brachte schnellstmöglich all meine Kraft auf und konnte die erste Entität vernichten. Doch die zweite schien stärker zu sein. Kjartan war aufgewacht und begann zu schreien. Ich konnte nicht mehr lange gegenhalten und entschied mich blitzschnell. All meine Kraft lenkte ich auf eine Art Schutzschild um den Jungen. Mehr gab es für mich nicht mehr. Tatsächlich prallten die schwarzen Geister gegen die Hülle und verschwanden so plötzlich, wie sie gekommen waren. Ich hörte den Jungen dankbar flüstern. "Danke Nuri. Wenigstens darauf kann ich mich bei dir verlassen."

Ich hätte gelächelt, besäße ich denn einen Körper. Doch woher kamen diese Wesen? Waren sie wie ich? Es waren körperlose Wesen, so viel stand fest. Könnte ich mich denn auch von dem Jungen freisagen? Wenn ja, würde ich das auf jeden Fall tun! ich könnte frei sein und der Junge könnte normal aufwachsen. Das wäre wunderbar! Doch wie auch immer ich es versuchte, das Band zwischen uns blieb. Und als Kjartan einmal durch meine Versuche ohnmächtig wurde, ließ ich es bleiben.

Ich erlebte, wie er wuchs und älter wurde. Und je größer er wurde, desto mehr Kraft bekam ich.
Bald konnte ich mich mit ihm verständigen. Zwar nicht sprechen, aber Kjartan wusste, was ich tat und wie ich mich fühlte. Somit konnte er so manchen Streich unterbinden. Und je mehr er Freunde fand, desto mehr schloss er mich in seinem Innersten ein. Nur wenn er kurz vorm Einschlafen war, konnte ich mich seinem Griff entwinden. Ich hatte gehofft, sobald der Junge wüsste, wie es mir ging, würde er mich auch verstehen und mir vielleicht ein wenig Freiraum geben. Doch scheinbar hatten meine jahrelangen Aktionen gegen ihn nun Konsequenzen. Das Band hielt mich fest, je mehr ich versuchte auszubrechen. Und er schaffte es, wenn er Hilfe brauchte, mich einzusetzen. Er ließ mich frei, unter der Bedingung, das zu tun, was er mir sagte. Was hätte ich tun sollen? Ich musste also folgen. In lebensbedrohlichen Situationen musste ich eingreifen, ansonsten würde es mich mit ins Unglück ziehen.

Kjartan schöpfte seine Position voll aus, machte mich zu einem Sklaven. Mein Hass auf ihn wurde stärker und stärker, trotzdem konnte ich nichts tun. Bis er eines Tages mit siebzehn Jahren mit seinem Fahrrad stürzte und sich das linke Bein schwer brach. Durch die Schmerzen hatte er endlich keine Kontrolle mehr über mich und ich konnte seinem Klammergriff entkommen. Immer wenn er nun versuchte mich einzusperren, entfernte ich mich so weit, dass die Schmerzen unserer Trennung zu viel wurden. Ich bereitete ihm die Hölle auf Erden und oftmals bettelte er eine halbe Stunde lang, bis ich wiederkehrte. Ich zahlte ihm all das, das er mir angetan hatte in ein paar Wochen dreimal zurück.

An einem Abend, nachdem ich meine Tortur wieder einmal durchgezogen hatte, sah er mich direkt an, das hieß er sah für jeden außenstehenden sehr angestrengt gegen eine Wand. Gut, dass wir im Moment allein waren. "Warum tust du mir das an, Nuri?", fragte er mit leiser Stimme. Man merkte, wie schlecht es ihm ging. Als wüsstest du nicht, warum! Ich wartete seine Reaktion ab. Es war gar nicht so einfach, einen gedachten Satz so in Gefühle umzusetzen, dass der andere es verstand. "Jetzt sei doch nicht so. Damals hast du das doch auch gemacht. Außerdem warum hast du meinen Sturz eigentlich nicht abgefangen? Das wäre deine Aufgabe gewesen!" Empört verzog ich mich in den Parallelgang des Krankenhauses, sodass Kjartan erneut Kopfschmerzen bekam, wenn auch nicht so stark, wie zuvor. Meine Aufgabe. Pah. Wenn er meine Hilfe wollte, sollte er sie sich verdienen. Als ich zurückkehrte, sickerte ein kleines Blutrinnsal aus seiner Nase.

Ich durfte das nicht zu weit treiben. Für heute würde ich aufhören und erst morgen weitermachen. "Schon gut! Ich geb dir schon nicht mehr die Schuld daran!"
Gut.
"Aber warum lässt du mich nicht in Ruhe, du merkst doch, dass es mir nicht gut geht."
Und mir? Wie ging es mir die letzten fünf, sechs Jahre? Du schließt mich ein, ohne Rücksicht auf mich. Was meinst du, warum ich das jetzt ausnutze. Ich zahle alles zurück, was du mir angetan hast! Kjartan seufzte und packte sich an den Kopf. Er sah weg. Ich blieb jedoch, wo ich war. "Ich war es einfach leid, von dir schikaniert zu werden! Das wäre doch mein ganzes Leben so weitergegangen, hätte ich dich nicht weggesperrt. Warum hast DU es denn damals gemacht?" Ich antwortete schnell, denn es war die Wahrheit. Mir war langweilig. Für mich ist nicht viel zu tun, wenn ich nicht wollte, dass du in Schwierigkeiten kommst. Und die ganze Zeit nur hinter dir her schweben ist kein guter Zeitvertreib. Also hab ich dir ein paar Streiche gespielt. Nur bei dir kann ich das machen. "Ich verstehe." Das war seine einzige Antwort? Verdammt noch eins ich - "Wie wäre es, wenn wir beide damit aufhören? Ich lasse dich raus und du bist nicht so mies. Deal?" Ich wollte antworten, wurde jedoch unterbrochen, als eine Krankenschwester eintrat. "Mit wem sprechen sie da, Herr Taake?" Mit der Wand, meinte ich leise. Kjartan musste sich bemühen, nicht plötzlich los zu prusten. "Mit mir selbst, das ist normal bei mir", antwortete er schließlich. Die Krankenschwester runzelte die Stirn, ging aber wieder.

"Ich wusste gar nicht, dass du Humor hast", bemerkte der Junge. Ich tat unbeteiligt.Wenn man mich sechs Jahre wegsperrt ist das nicht verwunderlich. "Und nimmst du an?", fragte er. Ja, ich nehme an. Solange du dich auch daran hältst.
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