THE ONE THAT I WANT

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
06.01.2015
06.12.2018
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Ian

Ich fummelte umständlich an meinem dunkelgrauen Wollschal herum, während ich – partiell erfolgreich – versuchte, durch kunstvolles Drapieren des Stoffes meine Ohren vor der kalten Novemberluft zu schützen. Neben mir ertönte ein schäbiges Meckern.
     „Hör‘ auf, sag‘ bloß, deine Ohren werden langsam kalt?!“
Ich warf Ginny einen grimmigen Blick zu.
Ginny, die grinsend und einem Michelin-Männchen gleichend in ihre dicke Daunenjacke eingepackt neben mir saß und auf deren Kopf eine knallrote Schihaube mit Bommel prangerte. Sah nicht unbedingt stilsicher aus, aber für die Wärme, die sie abgab, hätte ich gerade einiges gegeben.
     „Selber schuld, Jay. Wenn du zu eitel bist, eine Haube zu tragen, kann ich dir auch nicht helfen…“
     „Ich bin nicht…“ – setzte ich an und brach mitten im Satz ab.
Doch, war ich.
Ich hatte Hauben schon als kleines Kind gehasst. Sie zerstörten die Frisur und sahen einfach nur abscheulich aus. Selbst Ginny wirkte durch die Kopfbedeckung wie ein Volksschüler. Ihre Wangen, die durch die frische Luft und den Wind rot leuchteten, trugen ihren Teil zu diesem Gesamteindruck bei.
Meine beste Freundin – warum ich sie überhaupt noch als solche bezeichnete, war mir in Momenten wie diesen selber nicht klar – deutete mein Schweigen als stille Zustimmung und zog vielsagend die Augenbrauen in die Höhe.
Ich ersparte mir jeglichen weiteren Kommentar und schlug stattdessen die Beine übereinander, in der Hoffnung, dass auf diese Weise wenigstens der eine Oberschenkel durch das Gewicht des anderen gewärmt werden würde.
Mir war wirklich kalt.
Und das Schlimmste daran war, dass das Spiel noch nicht einmal begonnen hatte.
Der dicke Strickpullover, den ich unter meiner schwarzen Lederjacke trug, konnte mit Ginnys Daunenjacke in Sachen Wärme nicht mithalten. Meine in eng geschnittenen, schwarzen Boots steckenden Füße fühlten sich jetzt schon klamm an und die Haut, die durch meine an den Knien löchrigen Skinny-Jeans zu sehen war, hatte mittlerweile die gleiche Farbe wie die Wangen meiner besten Freundin angenommen.
Ginny folgte meinem Blick und gab ein unverständliches Schnauben von sich.
     „Du bist so ein Idiot…“ murmelte sie, während sie ihren eigenen Schal abwickelte und mit dem Stück Stoff meine freiliegenden Knie bedeckte.
     „Sorry, dass mir etwas daran liegt, gut auszusehen.“ grummelte ich ohne Feuer hinter meinen Worten und war insgeheim einfach nur dankbar, dem beißenden Wind ein kleines bisschen weniger ausgesetzt zu sein.
Schuldbewusst beobachtete ich, wie Ginny den Reißverschluss ihrer Jacke bis zum Anschlag zuzog. Sie warf mir einen ihrer typischen, geringschätzigen Blicke zu.
     „Ganz ehrlich? Ich bin mir verdammt sicher, dass es ihm wirklich scheißegal ist, was du anhast. Du könntest hier sitzen wie ein Nordpolforscher und würdest heute trotzdem noch zum Schuss kommen. Und ich denke, dass du das ganz genau weißt.“
In einem kurzen Anflug von Paranoia schielte ich zu meinem rechten Sitznachbarn hinüber, der allerdings in ein Gespräch mit einer jungen Frau zwei Plätze weiter vertieft war und uns offenbar gar nicht beachtete.
Ich wandte mich wieder Ginny zu und grinste verlegen.
     „Sag‘ ihm bloß nicht, dass ich dir davon erzählt habe, sonst überlegt er es sich womöglich noch anders…“
Meine beste Freundin gab ein belustigtes Schnauben von sich.
     „An mir soll es nicht scheitern. Bleibt nur zu hoffen, dass dir bis dahin nicht die Eier abgefroren sind…“
Ich gab ein unerwartet lautes Lachen von mir, das mich erschrocken die Hand vor den Mund schlagen ließ.
     „Sorry…“ grinste ich, als sich eine Gruppe von Mädchen in der vorderen Reihe brüskiert zu mir umdrehte und kramte zur Ablenkung mein Smartphone aus der Tasche meiner Lederjacke, wobei ich dem Typen rechts von mir unabsichtlich den Ellbogen in den Oberarm stieß.
Ich entschuldigte mich hastig und biss mir – immer noch grinsend – auf die Unterlippe, als ich Ginnys amüsiertem Blick begegnete.
     „Du kannst es echt kaum erwarten, oder? So aufgekratzt habe ich dich schon seit Ewigkeiten nicht mehr erlebt…“
     „Ein Gentleman genießt und schweigt.“ antwortete ich im Singsang, während ich mein Handy auf neue SMS checkte.
Nein, Kai hatte mir nach meiner letzten Liebesbekundung nicht mehr geantwortet. Nicht dass ich damit gerechnet hatte. Wahrscheinlich war er gerade dabei, sich auf das bevorstehende Spiel vorzubereiten.
     „Stimmt, aber du bist kein Gentleman.“
     „Nicht bei dir, nein.“ erwiderte ich, während ich mich bemühte, mein Dauergrinsen gegen eine halbwegs neutrale Miene zu ersetzen und gleichzeitig mein Handy wieder in meiner Jackentasche verstaute, diesmal darauf achtend, meinem Sitznachbar nicht noch eine mit dem Ellbogen mitzugeben.
     „Erinnere mich daran, Kai beizeiten zu fragen, was ich falsch mache.“
     „Kannst du dir das nicht denken?“
     „Ich weigere mich zu glauben, dass es nur am Sex liegt. Muss ich dir wirklich einen blasen, damit du mich mit mehr Respekt und Anstand behandelst?“
Ich prustete abermals los, verschluckte mich an meiner eigenen Spucke und musste ausgiebig husten. Ich gab sicher einen erbarmungswürdigen Anblick ab, wie ich da zusammengekringelt, mit hochrotem Kopf auf der Zuschauertribüne saß und erstickende Laute von mir gab, die teils von meinem Husten, teils von zwischendurch eingeworfenen Lachern herrührten.
Ginny klopfte mir ungerührt auf den Rücken, bis ich mich wieder beruhigt hatte.
     „Ich denke nicht, dass ich dich noch respektieren könnte, wenn du mir erst mal…“ – ich senkte die Stimme – „… wenn du mir erst mal einen geblasen hast.“
Allein die Vorstellung jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken und das lag nicht nur daran, dass Ginny eine Frau war.
Gott, allein der Gedanke kam mir schon inzestuös vor und das, obwohl wir nicht einmal miteinander verwandt waren. Obwohl… Irgendwie konnte man ja auch Seelenverwandtschaft als eine Art Verwandtschaft ansehen, oder etwa nicht?
     „Willst du damit andeuten, dass ich nicht gut darin wäre?“
Ihr herausfordernder Tonfall ließ mich grinsen.
     „Dein Lipgloss-Mund kommt jedenfalls nicht in die Nähe meines Schwanzes.“ erwiderte ich und beugte mich nach vorne, als ich bemerkte, dass die beiden Schulmannschaften in eben diesem Moment nach und nach aus ihren jeweiligen Umkleidekabinen tröpfelten.
     „Denk‘ bloß nicht, dass ich…“ setzte Ginny zu einem Konter an, brach aber ab, als sie merkte, dass sie im Moment nicht meine volle Aufmerksamkeit hatte.
     „Na schön, dann halten wir mal Ausschau nach deinem Loverboy...“ wechselte sie das Thema, als ihr Blick dem meinen gefolgt war.
Das tat ich schon längst.
Ginny und ich saßen schweigend nebeneinander, die Ellbogen auf unsere jeweiligen Knie gestützt, und scannten die einzelnen Spieler.
Ich hielt die Augen nach einem kleingewachsenen Jungen mit dunkelblonden Haaren und einer ansehnlichen Hinteransicht offen, wurde aber nicht fündig. Ginny ihrem Schweigen nach zu urteilen ebenfalls nicht.
Ich beobachtete die übrigen Spieler, die aufgrund der Kälte von einem Bein auf das andere hüpften, am Rand des Spielfeldes Aufwärmrunden drehten, halbherzige Dehnübungen machten oder ihre Verwandten und Bekannten auf der Zuschauertribüne suchten und ihnen zuwinkten.
Kai war noch immer nicht zu sehen. Ich behielt den Ausgang der Umkleidekabinen im Auge.
     „Hast du nicht mal Handschuhe mitgebracht?“ wollte Ginny wissen, die für den Moment das Interesse an der Suche verloren zu haben schien.
Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich die ganze Zeit über meine klammen, roten Finger geknetet hatte.
     „Doch, hab‘ sie aber im Auto vergessen…“
Ein Seufzen zu meiner linken.
     „Willst du zumindest einen von meinen haben?“
     „Nein, danke…“
     „Willst du deine Hand in meine Jackentasche stecken?“
     „Nein.“
Kurzes Schweigen.
     „Soll ich dir einen Tee oder Kaffee holen, an dem du dir die Hände wärmen kannst? Ich glaube, ich habe vorhin einen kleinen Stand gesehen, bei dem Heißgetränke-“
     „Ginny!“ unterbrach ich meine beste Freundin.
Mir entging der leicht gereizte Unterton in meiner Stimme nicht.
Ihr ebenso wenig.
     „Hey… Was ist denn los?“
Das fragte ich mich selber auch gerade.
Keine Ahnung warum, aber irgendwie hatte ich kein gutes Gefühl.
Ich hatte den Eingang zu den Umkleidekabinen in den letzten Minuten keine Sekunde aus den Augen gelassen, Kai war jedoch noch immer nicht aufgetaucht. Und es hatte auch nicht unbedingt den Anschein, als ob die Mannschaft noch auf jemanden wartete.
     „Er ist nicht da…“ stellte ich das Offensichtliche fest.
Ich sah, wie einige der Spieler sich am Spielfeldrand mit dem Trainer unterhielten, nahm wahr, wie dieser aufmerksam zuhörte, mehrmals gewichtig nickte und seinem Team schließlich die nötigen Anweisungen gab.  
Ich suchte das Feld nach Constantin ab und fand ihn schließlich etwas abseits stehend, die Hände in den Hosentaschen vergraben und mit mürrischem Gesichtsausdruck vor.
Wieso war er nicht mit Kai zusammen? Constantin, Kevin und Kai klebten doch im Unterricht auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit aneinander.
     „Na und? Das heißt doch nichts. Er könnte sich verspätet haben.“
Ich schüttelte den Kopf, wippte unruhig mit meinem Bein auf und ab.
Ich hatte gar nicht bemerkt, dass mir Ginnys Schal vom rechten Knie gerutscht war.
     „Nein, das glaub‘ ich nicht…“
     „Ian, hör‘ mir zu…“ – ich spürte wie sie mit ihrer Hand meinen Oberarm umklammerte – „Du brauchst jetzt nicht kopflos zu werden.“
Ich war nicht kopflos, ich war nur beunruhigt.
Ich tastete in meiner Jackentasche fahrig nach meinem Handy und zog es so hastig heraus, dass es mir beinahe zwischen meinen tauben Fingern hindurchglitt.
Keine SMS, kein verpasster Anruf.
     „Siehst du, es ist alles bestens. Er hätte sich sicher bei dir gemeldet, wenn ihm etwas dazwischengekommen wäre.“
Und was, wenn er sich nicht mehr bei mir melden konnte?
Wenn ihm etwas zugestoßen war?
Ich wusste, dass meine Gedanken irrational waren, dass ich gerade dabei war, in eine ausgewachsene, höchstwahrscheinlich vollkommen unbegründete Panik zu verfallen, aber ich hatte einfach dieses ungute Bauchgefühl, dass sich mit fortschreitender Zeit nur noch verstärkte.
Ich löste mich aus Ginnys Griff und stand auf.
     „Jay…“
Ich wusste, dass ich gerade im Begriff war etwas verdammt Blödes zu tun, das ich hinterher nur schwer erklären können würde.
     „Jay!“
Ginnys Schal war vollends zu Boden gerutscht und brachte mich beinahe zu Fall, als ich – ohne ihn auch nur zu bemerken – Richtung Treppe hasten wollte. Ich entschuldigte mich flüchtig bei den Zuschauern, bei denen ich mich auf meinem Weg durch die Sitzreihe vorbeidrängen musste, versuchte mich so schmal und wendig wie möglich zu machen und stieß trotzdem gegen gefühlte hunderttausend Kniescheiben.
Als ich an der Treppe angekommen war und sich die Gefahr über eine Handtasche oder einen mitgebrachten Rucksack zu stolpern deutlich verringert hatte, ging es endlich schneller voran. Ich hastete hinunter, nahm teilweise zwei Stiegen auf einmal und beugte mich– in der untersten Reihe der Tribüne angekommen – mit dem Wagemut des Verzweifelten über das ohnehin viel zu niedere Geländer.  
     „Constantin!“
Meine Stimme hallte lauter über das Spielfeld als gedacht.
‚Gott, was machst du da‘, schlug der letzte Rest meines klaren Verstandes die Hände über dem Kopf zusammen.
Constantin drehte sich zu mir um, als er seinen Namen vernahm. Seine Miene schien sich bei meinem Anblick noch eine Spur zu verdüstern, während sich ein intensives Rot über seinen Hals und seine Wangen zog.
Ich hatte weder die Zeit noch den klaren Kopf um seine Reaktion oder die der anderen Teammitglieder zu analysieren. Entfernt nahm ich wahr, wie ich von einigen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen am Spielfeldrand neugierig gemustert wurde.
Ich winkte Constantin mit einer Handbewegung näher heran. Eine Aufforderung, der er nur sichtlich widerwillig und dementsprechend zögerlich nachkam.
     „Hast du…“ – ich schluckte und versuchte mich an einem möglichst unauffälligen, gelassenen Tonfall – „Hast du Kai gesehen? Weißt du zufällig wo er ist?“
Ich ignorierte das kindische Pfeifen und Kichern, das ich von einigen Seiten zu vernehmen glaubte.
     „Ja und nein.“ antwortete Constantin lapidar, ohne mir dabei in die Augen zu sehen.
Wäre ich nicht auf dieser scheiß Tribüne gestanden, ich hätte ihn in diesem Moment vermutlich am Trikot gepackt und kräftig durchgeschüttelt.
     „Was soll das heißen?“ fragte ich in schneidigerem Tonfall als geplant.
     „Soll heißen: Ja, ich habe ihn gesehen und nein, ich weiß nicht, wo er hin ist.“
Es war zum aus der Haut fahren.
Verfickte Scheiße!
     „Na los, raus damit! Was hast du mitbekommen?“ knurrte ich, während ich mir in meinem Kopf alle möglichen Szenarien ausmalte, was ich mit dem kleinen Arsch anstellen würde, wenn er nicht auf der Stelle mit der Sprache rausrückte.
Gott, am liebsten hätte ich…
Ich klammerte mich an der Brüstung fest – die Kälte des Metalls schnitt in meine Handflächen – und bemühte mich meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu bekommen. Bloß nicht die Fassung verlieren.
Constantin rang sichtlich mit sich selbst, trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen und warf einen unsicheren Blick zu einigen seiner Teamkollegen hinüber, die unsere Konversation aus sicherer Entfernung mit verschränkten Armen und grinsenden Gesichtern mitverfolgten.
     „Ich…“ – er kratzte sich im Nacken, wodurch sich die rote Färbung seines Halses nochmal zu intensivieren schien – „Nicht viel?“
Ich konnte nicht länger an mir halten.
     „Verdammte Scheiße, mach dein Maul auf und sag‘ mir endlich, was du weißt!“ fuhr ich Kais Mitschüler an.
Dass ich mir spätestens in diesem Moment mein eigenes Grab geschaufelt hatte, war gerade meine letzte Sorge.
Scheiße, scheiße, scheiße…
     „Was wollen Sie denn von mir hören?!“ fauchte Constantin, der sich offenbar in die Enge getrieben fühlte, nun ebenfalls mit erhobener Stimme zurück. „Er ist einfach so aus der Umkleide gerannt! Ich bin ihm nicht nach!“
Vor meinem inneren Auge stellte ich mir vor, wie Kai fluchtartig die Kabine verließ, um… Ja, um was zu tun?
Wahrscheinlich hatte er wirklich nur seine Turnschuhe vergessen, oder…
Oh Gott sei Dank.
Ich atmete zittrig die Luft aus, die ich die ganze Zeit über unbewusst angehalten hatte.
Oh Scheiße, ich war so ein Idiot.
Ginny hatte die ganze Zeit über recht gehabt.
Ich suchte verzweifelt nach Möglichkeiten, wie ich meinen vulgären Umgangston rechtfertigen, wie ich mein ungewöhnliches Interesse am Wohlergehen meines Schülers erklären konnte. Wie ich überhaupt begründen konnte, wieso mir in erster Linie aufgefallen war, dass Kai fehlte.
     „Einfach so?“ fragte ich merklich ruhiger nach, um die peinliche Pause, die entstanden war, zu überbrücken und um mir mehr Zeit zum Nachdenken zu verschaffen.
Constantin antwortete nicht.
Wieso gab er mir keine Antwort?!
Ich vernahm die Trillerpfeife des Trainers, die den nahenden Beginn des Fußballmatches ankündigte.
Kais Mitschüler nahm das schrille Pfeifen sichtlich erleichtert zum Anlass, um ohne mich eines weiteren Wortes oder Blickes zu würdigen, die Flucht zu ergreifen.
     „Hey!“ rief ich ihm noch hinterher, wurde aber ignoriert.
Na wunderbar.
Frustriert fuhr ich mir mit der linken Hand durch die Haare, die vom Wind vollkommen zerstört waren und überlegte fieberhaft, wie ich weiter vorgehen sollte.
Ich hatte keinen Plan.
Ich war gerade dabei mein Handy aus meiner Jackentasche zu ziehen, um noch einmal sicherzugehen, dass Kai mir in der Zwischenzeit nicht doch noch eine SMS geschickt hatte, als ein stimmbrüchiges Krächzen vom Spielfeldrand meine Aufmerksamkeit auf sich zog.
     „Nein, nicht einfach so.“
Mein suchender Blick fand einen groß gewachsenen, schlaksigen Jungen mit unauffälligem, braunen Kurzhaarschnitt, der mit in seine Trainingsjacke geschobenen Händen, das Gewicht auf das linke Bein verlagert, dastand und mich von oben bis unten musterte. Die Art und Weise wie seine Augen über meinen Körper glitten und das verhaltene Grinsen, das seine Mundwinkel umspielte, gefielen mir gar nicht. Ebenso wenig wie das Verhalten seiner beiden Freunde, die ihn beidseitig flankiert hatten und grinsend und kichernd miteinander tuschelten.
Das ungute Gefühl war wieder da.
     „Eigentlich sollte man ja meinen, dass einer, der den Mumm hat mit seinem Lehrer zu vögeln, auch in der Lage sein sollte dazu zu stehen, aber… anscheinend nicht.“
Es dauerte einige Sekunden bis ich die Worte registrierte. Bis der ganze Satz in meinem Kopf einen Sinn ergab.
Dafür schlug er, als er es endlich tat, wie eine Bombe ein.
Fuck.
Ich bemerkte selbst, wie mir sämtliche Gesichtszüge entglitten.
Das Grinsen der Jugendlichen wurde breiter.
     „Er ist weggelaufen wie ein Mädchen.“
Ich stolperte zwei Schritte zurück.
Scheiße, verdammte Scheiße!
Was hatte Kai sich bloß dabei gedacht? Ich hatte ihn gewarnt. Ich hatte ihm davon abgeraten sich zu outen! Hatte ihm damals doch erklärt, dass es schwierig sein würde, mit den Reaktionen der anderen zurecht zu kommen. Dass er sich wirklich sicher sein musste. Wieso um alles in der Welt hatte er genau diesen Zeitpunkt gewählt um…?
Nein.
Kai hätte sich niemals selbst geoutet. Nicht heute und nicht solange er noch zur Schule ging. Nicht solange für uns beide so viel auf dem Spiel stand.
Der nächste Gedanke, der mich wie ein Blitz traf, war der, dass offenbar nicht nur die drei dämlich grinsenden Vollpfosten dort unten, sondern die ganze Fußballmannschaft Bescheid wusste.
FUCK.
Wieso war ich nur so blind gewesen?! Ich hatte selbst ein unfreiwilliges Outing hinter mir, ich hatte das alles schon mal erlebt.
Die heimlichen Blicke, das Kichern hinter dem eigenen Rücken oder – noch schlimmer – das offene, unverhohlene Lachen mitten ins Gesicht.
Constantins offensichtliche Unbehaglichkeit, seine Unfähigkeit mir in die Augen zu schauen.
Alle Hinweise waren da gewesen und ich war trotzdem nicht in der Lage gewesen eins und eins zusammenzuzählen.
Ich war vollkommen unvorbereitet gewesen.
Und das Beste daran: Wenn sie sich bis jetzt noch unsicher gewesen waren, ob an den Gerüchten, die zweifellos existierten, etwas dran war, dann hatten sie jetzt dank meiner Reaktion Gewissheit.
Ich war wie ein Trottel in die Falle gestolpert, die wir uns selbst gestellt hatten. Vor meinem geistigen Auge sah ich Kai fluchtartig aus der Umkleidekabine stürzen. Das waren wir wohl beide.
In weiter Ferne hörte ich erneut die Trillerpfeife des Trainers und nahm wahr, wie die Spieler langsam ihre jeweiligen Positionen einnahmen. Auch das schlaksige Elend und seine beiden Freunde setzten sich – nicht ohne nochmal einen Blick über ihre Schultern in meine Richtung zu werfen – in Bewegung. Ich beobachtete wie sie ihrem Leitwolf anerkennend auf den Rücken schlugen, ihn vermutlich zu seiner dreisten Wortmeldung beglückwünschten.
Meine Gesichtsentgleisung würde in der Pause ohne Zweifel für reichlich Erheiterung sorgen.  
Ein kleiner Teil meines Bewusstseins rannte gerade Amok und fragte sich panisch, wie es jetzt mit meiner Karriere weitergehen würde. Ob sich unser Verhältnis bis zur Direktion durchsprechen würde und wenn ja, ob man mir immer noch erlauben würde, als Lehrer zu arbeiten, ob man mich jemals wieder auf Kinder loslassen würde. Ob ich mein Praktikum an dieser Schule beenden würde können.
Der weitaus größere Teil meines Gehirns schob Panik wegen Kai. Wo war er hingelaufen, wie fühlte er sich, wie kam er damit zurecht, dass er – wie auch immer es dazu gekommen war – vor der ganzen Mannschaft geoutet worden war?!
WO ZUM GEIER SOLLTE ICH IHN SUCHEN?!
Ich hatte keine Ahnung, wo ich anfangen sollte, aber ich wusste, dass ich ihn sicherlich nicht in der Nähe des Fußballplatzes finden würde. Ich stolperte rückwärts und kollidierte mit einem fremden Körper.
     „Jay…“
Ginnys Hände fassten mich an den Schultern, in ihren Augen lag Besorgnis.
Ich wusste nicht, wie viel sie von den Konversationen mitbekommen hatte.
     „Kai, er… Ich muss ihn finden!“ stammelte ich hervor, während ich meine beste Freundin energisch zur Seite schob.
Die teils neugierigen, teils genervten Blicke der Zuschauer, die sich in meiner unmittelbaren Nähe befanden, registrierte ich kaum.
     „Ich komme mit dir!“  
Ich antwortete nicht, fühlte im Moment nicht einmal Erleichterung, dass jemand, dem ich voll und ganz vertraute, bereit war, mir bei der Suche zu helfen.
Roboterartig setzte ich mich in Bewegung, weiter zum Ausgang, immer Richtung Ausgang.
Die Panik ließ mich immer schneller werden.
Ginny, die mir folgte, hatte Mühe mitzuhalten, was ich aber auch nur am Rande wahrnahm.
     „Was ist passiert?“ keuchte sie, als wir endlich auf dem asphaltierten Weg vor dem Sportplatz angelangt waren und ich für einen Moment innehielt, um mir einen Plan zurechtzulegen, wo ich als erstes Nachschau halten sollte.
Ich schwieg weiter.
Wo sollte ich hin? Links oder rechts? Zurück zum Schulgebäude oder Richtung Park? Wie hatte Kai reagiert, was war ihm durch den Kopf gegangen?!
     „Jay!“
Völlig unerwartet gaben meine Beine unter meinem Körper nach. Ich ging vor Ginny in die Knie und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Den kalten Boden unter meinen freiliegenden Knien nahm ich kaum wahr.
Ich wollte schreien, aber kein Laut kam über meine Lippen.
Ich wollte heulen, aber meine Augen waren trocken wie Sandpapier.
     „Ian, du machst mir echt Angst! Sag‘ schon, was ist los!“
Meine Hände zitterten unmerklich, als ich mich an meinen Oberschenkeln abstützte.
     „Sie wissen es.“
Ich starrte den mit Kieselsteinen übersäten, rissigen Asphalt an.
Mir war noch nie aufgefallen, dass Asphalt aus nächster Nähe so hässlich aussah. Getrockneter Teer, der wie ein langes schwarzes Band die Erde überzog und alles Leben darunter zunichtemachte. Menschen konnten grausame Kreaturen sein. Ich hatte die Menschheit noch nie so sehr gehasst wie in diesem Moment.
     „Oh Gott, sie wissen es…“
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