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Fragmente

von rebelyell
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Sci-Fi / P18 / Gen
Jonathan Archer T'Pol
05.01.2015
05.03.2018
8
31.382
2
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05.03.2018 4.016
 
A/N: Ich weiß nicht, ob ich die Notizen jeweils an den Anfang oder ans Ende setzen sollte... Hier doch lieber ans Ende... *hehe*

Fragmente

Kapitel 8 - Unscheinbar

 
 
 
 
»Wo hat man euch untergebracht?« fragte Coleman. Sie liefen sich zufällig über den Weg.
Hoshi hatte den ganzen Tag darauf gewartet.
Gleich nach ihrer Einarbeitung hatte man sie voneinander getrennt.
Coleman stemmte den Wasserkübel auf ihr Becken. Die Warteschlange war heute länger als sonst.
»Cutler und ich sind in Kubus 291. Die haben uns zusammengepfercht. Ich habe keine Ahnung, von welchen Planeten die anderen Frauen kommen. Wir sind mit den Jüngeren zusammen. Das nehme ich zumindest an.« Ihre Stimme war gedämpft und Hoshi ließ die Wachen keinen Moment aus den Augen. Sie durften nicht miteinander sprechen, das hatte man ihnen gleich bei der ersten Arbeitseinheit eingeprügelt. »Wo sind die anderen?«
Es ging nur langsam voran.
Die Wasserleitungen waren defekt, und es gab nur noch einen funktionierenden Hahn.
»Ich weiß es nicht. Ich hab keine mehr von ihnen gesehen. Kubus 291? Welche Ebene ist das?« fragte Coleman. Ihre Augen lagen in tiefen Schatten rot umrandet. Die Haare hatte man ihr unfachmännisch geschoren. Unebene Stoppeln stachen in alle Richtungen von ihrem Kopf. Sie kratzte sich. Auffällig oft.
»Auf der dritten Ebene.«
»Wow, ziemlich weit oben. Das ist ja fast schon privilegiert!« Coleman schnaubte lachend und Hoshi war nicht sicher, ob sie sich lustig darüber machte. »Irgend eine Idee, wo sie uns hinbringen?«
»Nein. Die Mädchen wissen selber nicht, was das Flugziel ist, und die älteren Sklavinnen wollen nicht mit uns reden. Ich glaube, sie sehen uns als Bedrohung an… oder so etwas. Man hat uns jedenfalls nicht mit offenen Armen empfangen. Sie schubsen uns gerne herum, und die Arbeit erklären sie uns nicht. Wer Fehler macht, wird gleich an die Wachen verpetzt«, flüsterte Hoshi.
Es ging zwei Schritte voran.
»Wir waren vierzehn Frauen. Wenn sie uns weiter getrennt halten, wird es schwierig, wieder von hier weg zu kommen.«
Bei diesen Worten schaute Hoshi sie verwirrt an.
Die Tage waren schnell vorangeschritten, und sie mussten jeden Tag arbeiten, auf Knien umher rutschen und das Bodengitter schrubben bis ihr die Finger bluteten. Sicher hatte sie an Flucht gedacht, oder auf Rettung in naher Zukunft gehofft, aber die Arbeit war körperlich sehr herausfordernd.
Sie bekamen wenig zu essen.
Das Bisschen, was man ihnen gab, war für Menschen kaum verträglich.
Es war eine Art brauner Brei mit roten Stückchen - Hoshi bildete sich ein, das seien Fruchtstücke. Etwas anderes wollte sie gar nicht glauben. Wo die Konsistenz schon unappetitlich wirkte, war der Geschmack irgendwo einzuordnen zwischen gegorenem, sauren Reis und altem Fisch.
Der Hunger trieb die Masse rein, doch oft waren sie zu müde zum essen.
Das Wort Flucht war ihr tatsächlich in den Sinn gekommen, aber nicht die Absicht, einen Plan zu schmieden.
Jetzt fiel es ihr wie ein Schleier von den Augen.
»Was ist, wenn sie uns nicht finden?« fragte Hoshi ängstlich und schob sich in der Schlange voran.
»Daran dürfen wir nicht denken! Die Enterprise wird uns finden. Bis dahin müssen wir zusammen bleiben. Je besser wir uns gegenseitig im Auge behalten, umso schneller wird die Rettung über die Bühne gehen.«
»Wir müssen damit rechnen, dass sie uns nicht finden, oder dass sie lange brauchen, um uns zu finden. Wir haben keine Uniform mehr. Unsere Kommunikatoren sind weg. Allein auf diesem Schiff sind so viele Sklaven, dass sie die Zahl der Wachen übertreffen…« Hoshi stockte mitten im Satz als Coleman ihr die Hand um den Oberarm legte und schmerzhaft fest zudrückte.
»Kein Rückzug! Keine Aufgabe! Wir werden uns nicht unterkriegen lassen! Habe ich mich klar ausgedrückt, Lieutenant?« Sie hob die Hand, aber als sich einer der Soldaten auf sie zu bewegte, unterdrückte sie den Drang, Hoshi bei den Schultern zu packen. Argwöhnisch blickte sie sich um ohne den Kopf zu bewegen. Als sich die Schritte schließlich entfernten, sprach sie weiter: »Pass auf: Wir müssen zusammenhalten! Komme, was wolle! Finde T'Pol! Die hab' ich kein einziges Mal mehr gesehen. Stell Fragen! Egal was! Wenn die Enterprise kommt, müssen wir bereit sein!«
Hoshi wirkte eingeschüchtert. Sie legte das Kinn auf ihre Schulter und wagte es nicht, den Blick zu heben. »Aber wie? Wie kann ich Fragen stellen, wenn ich nichts als Gegenleistung habe?«
»Kreativität ist alles, Hoshi! In der Ausbildung bekamen wir Frauen eine spezielle Anweisung. Sie scheinen anders zu sein, aber Männer sind überall gleich. Machen Sie was draus!«
Plötzlich zog der Soldat Coleman aus der Reihe. Er hatte sich von hinten an sie herangeschlichen. Ohne Erklärung schleifte er sie mit sich und versperrte Hoshi den Blick.


* * *


Der Raum war unheimlich warm, und die hohe Luftfeuchtigkeit schlug einem beim Betreten direkt ins Gesicht. Die Deckenleuchter erhellten den Raum in einem angenehm rotgelbem Licht. Tücher hingen von den Decken und trennten die vielen Kissenoasen voneinander. In der Luft lag ein schwerer Geruch, den Elisabeth Cutler nicht einordnen konnte. Der Saal schien für Feste und Empfänge vorbehalten zu sein.
Es war als würde sie eine andere Welt betreten.
Der Rest des Schiffes war kalt und rein zweckmäßig minimalistisch gehalten. Die Quartiere waren mehr ein Stall mit wahllos hingeworfenen Matratzen und Decken und einer Ecke zur Erleichterung, wobei diese aus einem bloßen Loch im Boden bestand. Der Gestank, der aus dem Loch empor kroch, hatte ihnen in den ersten Tagen fast den Magen umgedreht. Es gab kein Wasser, mit dem nachgespült werden konnte. Niemand wusste, wo das Rohr hin führte. Und niemand sprach mit ihnen darüber - oder über irgend etwas anderes.
Cutler musste sich jedes Mal zusammenreißen, wenn sie es benutzen musste. Die Quartiere waren so unhygienisch und schmutzig, dass sie sich regelrecht auf die Arbeit freute. Insgeheim hoffte sie jede Minute, dass sich die Türen öffneten und Captain Archer mit einem Bataillon von MACOs hineinstürmte - alles und jeden niedermetzelnd, der sich ihnen in den Weg zu stellen wagte.
Doch es passierte nichts dergleichen.
Niemand kam ihnen zu Hilfe.
Es kümmerte keinen, ob sie verreckten oder arbeitsfähig waren.
Der Trageriemen des Eimers schnitt in ihre Hand und sie beeilte sich, die Reste des Vorabends zu entsorgen. Die Wachen beobachteten sie genau. Wer von den Tellern etwas zu sich nahm anstatt es in die Mülltonnen zu werfen, bekam zehn Schläge auf die Hände.
Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen als sie die Obstschalen auf den kleinen Kaffeetischen entdeckte.
Sie bekamen einmal täglich etwas zu essen. Aber der Schleim, den man ihnen in dreckigen Schalen servierte, roch weder angenehm, noch war er genießbar. Die ersten Tage hatte sie versucht, das Zeug zu meiden, aber es war schließlich unmöglich. Sie musste arbeiten und sie musste vor allem bei Kräften bleiben, denn in ihrem Quartier gehörte es beinahe zur Tagesordnung, dass eine Sklavin vor Erschöpfung einfach nicht mehr aufstehen konnte.
Wenn man sie morgens zur Arbeit zusammentrieb, wurden die Schwachen ignoriert. Am Abend waren sie dann fort, und niemanden kümmerte es.
Eins wurde Elisabeth schnell klar: Sie waren unwichtig und ersetzbar.
Den einzigen Trost, den sie sich abends leistete, war die Gesellschaft von Hoshi. Sie teilten sich das Lager, denn es war selbst mit Decke einfach zu kalt.
Tagsüber waren sie meistens getrennt, und obwohl Elisabeth sich immer mit Arbeit abzulenken versuchte, befürchtete sie, dass sie Hoshi das letzte Mal gesehen hatte.
Der Raum, in den man sie geschickt hatte, war ihr vollkommen neu. Die Vorarbeiterin starrte jede von ihnen mit nur einem Blick in Grund und Boden, dass Cutler selbst Angst vor einem falschen Atemzug hatte.
Obwohl der Raum offensichtlich der gehobenen Schicht vorgesehen war, und es sich hier bestimmt sehr gut verweilen ließe, lag in der Luft ein herber Geruch, der Cutler an die Pokerrunden auf der Enterprise erinnerte. So sehr ihr die Wärme gefiel, sie wollte nicht herausfinden, was in diesem Saal vor sich ging, wenn er gefüllt war und das Licht gedämmt wurde.
»Arbeite gefälligst ordentlicher!«
Das Geschrei der Vorarbeiterin riss Cutler aus ihren Gedanken. Erschrocken schaute sie in ihre Richtung. Die Vorarbeiterin war eine stämmige Frau gehobenen Alters. Sie wirkte humanoid, jedenfalls mehr als die anderen, die Cutler auf diesem Schiff hatte arbeiten sehen. Das einst schwarze Haar zierten silberne Strähnen, und es war so dick, dass selbst der Dutt es kaum bändigen konnte. Ihre Halskrause war reich verziert und gold durchwirkt. Sie trug die Krause mit Stolz und sie ließ keinen Zweifel aufkommen, dass sie ihr Leben als Sklavin jemals bereut hätte.
Ihr eigentlicher Name war Draqenn, so wie Cutler es von den anderen aufgeschnappt hatte. Aber die Sklavinnen nannten sie hinter ihrem Rücken ganz andere Dinge, und dem Gesicht nach zu urteilen, das so manche Sklavin dabei verzog, waren das keine netten Bezeichnungen. Vermutlich waren ihre unfreiwilligen Beinamen der Funken Wahrheit, der ihren Charakter widerspiegelte.
Von Elisabeths Seite aus betrachtet war die Draqenn nicht viel besser als die Soldaten, die mit den Sklavinnen machen konnten, was sie wollten. So lange keiner hinsah, war es nicht geschehen.
Egal, was passierte, es sah sowieso keiner hin.
Draqenn hatte heute besonders wenig Geduld mit den Neuen. Irgend etwas versetzte alle in helle Aufruhr und Cutler meinte einen heiteren Unterton zu spüren, wenn die anderen ihre Arbeit verrichteten. Etwas stand auf dem Plan, etwas Großes, und dafür musste der große Festsaal blank poliert werden.
Dieses Mal hatte den Zorn der Vorarbeiterin ein Mädchen getroffen, das keine zehn Jahre alt sein konnte. Vielleicht war es aber auch nur eine optische Täuschung, oder jede Frau von ihrem Planeten sah so jung aus - in humanoiden Maßstab berechnet.
Sie trug wie alle anderen nur einen einfachen Armreif. Ihr zierlicher Körper war mit einem dünnen seidenen Stoff bedeckt, der mehr als Sack bezeichnet werden konnte und eigentlich mehr Einblicke zuließ. Was sie getan hatte, war unklar. Vermutlich war sie Draqenn einfach nur im Weg gewesen oder hatte es gewagt, sie anzusehen.
Draqenn hatte sie am Arm gepackt und hoch gezerrt. Die alte Frau überschattete das Mädchen fast um zwei Längen.
»Sieht so ein ordentlich gefaltetes Tuchkissen aus? Wie oft muss ich es dir noch zeigen?!«
Verwirrung machte sich breit, denn sie hatte es weder dem Mädchen noch den anderen erklärt. Sie waren zum putzen her beordert worden und nicht zum dekorieren. Es wagte natürlich niemand, ihr Widerworte zu leisten.
Als das Mädchen nur betroffen zu Boden starrte, wurde Draqenn ihr irgendwann überdrüssig. Angewidert schleuderte sie das Mädchen von sich und nahm besagtes Kissen von der Sitzbank. »Ihr seid alle zu nichts zu gebrauchen! Alles muss ich selber machen, wenn es den Meistern gefallen soll! Was starrt ihr denn Löcher in die Luft? Arbeiten hab ich gesagt! Sonst gibt es für euch keine Essensration heute Abend!« Und wie aus einer Schockstarre erlöst, erfüllte stetes Schrubben die angespannte Stille.
Auch das Mädchen kroch wieder zu ihrem Platz, wo sie sich ihre Bürste nahm und sich wieder den merkwürdigen Flecken auf dem Laufsteg widmete anstatt mit ihren schmutzigen Fingern an dem teuren Stoff herumzuzupfen.
Während sich Draqenn daran machte, die Kissen neu zu sortieren und die Stoffbahnen genau so zu falten, wie sie nach ihrer Ansicht auszusehen hatten, kroch Cutler unauffällig zu dem Mädchen hin. Als sie direkt neben ihr kniete und ihre Schüssel mit Seifenlauge zwischen ihnen platzierte, flüsterte sie ihr leise zu: »Hat sie dir wehgetan?«
Eine einfache Frage, aber bisher hatte sich keiner einen Deut darum geschert, sie zu stellen.
Das Mädchen war zu eingeschüchtert, um zu antworten, umso intensiver scheuerte sie einen hartnäckigen Fleck.
»Verstehst du mich nicht?« fragte Cutler. Sie verstand diese Welt nicht. Es herrschte kein Zusammenhalt. Jede war sich selbst die Nächste.
»Lass mich in Ruhe!« zischte das Mädchen und rückte von ihr ab.
»Ich möchte dir helfen. Woher kommst du?«
»Was geht dich das an? Von hier gibt es kein Entkommen. Find dich damit ab!«
»Mein Name ist Elisabeth. Wie heißt du?« So leicht wollte sich Cutler nicht abschütteln lassen.
Das Mädchen hatte abrupt zu putzen aufgehört und starrte Cutler jetzt offen und entrüstet an. »Man gibt seinen Namen nicht so schamlos preis!«
Cutler überlegte kurz.
Kontakte zu Fremden aufnehmen gehörte nicht zu ihren Stärken. In den Kursen über Diplomatie und Erstkontakte hatte sie schon immer zum unteren Drittel bei der Notenvergabe gehört. »Das tut mir leid. War das eine Beleidigung? Ich bin nicht von hier…«
Das Mädchen kroch weiter von ihr weg, stets mit irgendwelchen Flecken auf dem Laufsteg und auf den Gitterstäben beschäftigt, und sie tat gut daran, Elisabeth zu ignorieren. Doch so leicht gab Cutler sich nicht geschlagen.
Nach einigen Minuten versuchte sie es erneut: »Wie lange bist du schon hier?« Vielleicht wusste das Mädchen mehr als sie zugeben wollte. Es gab hier keinen privaten Besitz. Die Sklavinnen besaßen nur das, was sie am Leibe trugen, und letztendlich noch nicht einmal das. Denn es waren die Meister, die ihnen die Kleidung zur Verfügung gestellt hatten. Sie konnten sie ihnen jederzeit wieder wegnehmen.
Das einzige, was sie tatsächlich noch besaßen, war ihr eigenes Gedankengut. Davon würde sich niemand trennen wollen, und der Preis für Informationen war hoch, das wusste Cutler. Deswegen gab es selten echte Konversationen zwischen den Gefangenen.
Cutler war dem Mädchen auf Knien rutschend gefolgt, offensichtlich intensiv mit dem Säubern der Gitterstäbe beschäftigt.
Das Mädchen schaute sich besorgt um. Angst verdunkelte ihre Augen. »Hör zu: Ich bin schon mein halbes Leben lang hier, und wenn ich dir sage, dass es kein Entkommen gibt, dann ist das auch so. Wer fliehen will, wird bestraft. Wer sich falsch benimmt, wird bestraft. Wer seine Arbeit nicht gut genug verrichtet, wird bestraft. Je eher du dich damit abfindest, umso mehr Ärger ersparst du uns allen…« Ihr stockte abrupt der Atem. Die Pupillen verkleinerten sich und das Weiß in ihren Augen stach hervor. Auf einmal schrubbte und scheuerte sie den Boden doppelt intensiv und schaute nicht mehr auf.
Erst da bemerkte Cutler den Schatten, der sich über sie gelegt hatte. Ein verstohlener Blick über ihre Schulter bewahrheitete ihre Befürchtungen. Draqenn hatte sich hinter ihr wie ein Berg aufgebaut, mit einem Rohrstock in der Hand wippend.


* * *


Sie waren zu fünf. Eine lange Kiste wurde behände zum Spieltisch umfunktioniert. Drumherum drapierten sie sich selbst so viel Lumpen oder Kisten, wie es ihnen gerade in den Sinn kam.
Mata, der Älteste unter ihnen, holte grinsend ein Bündel unter seinem Wams hervor. Der Stoff war grob und vergilbt. Die Kanten waren ausgefranst. Doch das bedeutete ihm nichts. Triumphierend entrollte er das Päckchen vor seinen Freunden, die nicht schlecht staunten als sie die dünnen Röllchen aus Harras Tabak entdeckten.
»Mata, du alter Hund! Wie hast du das an den Handelswachen vorbeigeschleust?« fragte Xento, der neben ihm saß. Er war von gedrungener Statur. Das Wams war ihm viel zu klein und schon an einigen Stellen ausgeweitet und geflickt. In seinem Gürtel steckte eine veraltete Phaserkanone. Das Holster dazu hatte er schon lange verloren, oder es war auseinander gefallen. So genau wusste selbst er es nicht mehr.
Mata und ihn trennten nur ein paar Tage vom Alter her. Eigentlich waren sie beide schon zu alt für diese Arbeit. Xento pflegte immer zu sagen, dass sie hier wenigstens ein Dach über dem Kopf hatten.
Die anderen drei Soldaten waren hingegen Jünglinge, noch nicht ganz trocken hinter den Ohren, Kiemen oder was auch immer. Und doch standen sie den Alten in Nichts nach. Außerdem gehörten sie verglichen mit den Soldaten der anderen Ebenen auch nicht mehr zum jungen Frischfleisch.
Die Stunden nach der Essensausgabe war ihnen am liebsten.
Die Sklavinnen wurden zum Schlafen weggesperrt. Die großen Meister zogen sich zu ihrem Vergnügen zurück und kamen nur noch selten auf diese Ebene herab.
Die Sklavinnen auf ihrer Ebene wussten sich zu benehmen. Wer nachts Krach verursachte, wurde in eine Einzelzelle gesteckt und entweder sie kam nach einer Nacht wieder raus oder die Wachen vergaßen sie - absichtlich.
»Wenn ihr mich nicht hättet, würdet ihr doch kläglich verkümmern!« Mata lachte so herzhaft, dass sein ganzer Körper bebte. Sein Lachen nahm ein jähes Ende als es in Husten überging. Die dicken Augenbrauen hingen ihm fast über den Wangen.
»Reich mir mal eine«, verlangte Naiko und streckte die Hand aus. Er war der Jüngste in dieser Truppe und auch der Tollpatschigste.
»Die musst du dir erstmal verdienen, Bengel!« maulte Mata unter schwerem Atem.
»Ey, ich hab euern Dreck die ganze Woche schon weggemacht! Ich hab mir eine verdient!«
Die anderen Männer lachten.
»Und wer hat uns die Strafration einkassiert?« Xento beugte sich vor und kniff seine Augen zusammen. Sein starres Glasauge stach dabei aus der Augenhöhle heraus. Hinter der geweiteten Pupille blinkte es abwechselnd rot und blau. »Du musst noch eine Menge lernen. Vor allem, wer hier das Sagen hat, und das bist nicht du. Sorg dafür, dass du keinen Mist mehr baust, sonst denken wir uns etwas anderes für dich aus. Frag mal Tobes, warum ihm ein Tentakel im Gesicht fehlt.«
Naiko starrte Tobes an, ob da tatsächlich ein Tentakel fehlte. Seine Augen wurden groß.
»Buh!« brüllte Tobes und machte eine schnelle Bewegung.
Naiko schrak zurück und fiel fast von seiner Kiste.
In der Ferne schrie eines der Mädchen in einer Sprache, die die Männer nicht verstanden. Es hörte sich flehend an. Dazu brauchten sie keinen Übersetzer. Flehen und Betteln hörte sich in jeder Sprache irgendwie gleich an. Zu ihren Schreien gesellte sich ein dumpfer Rhythmus, der sich stetig mit ihren Rufen abwechselte.
»Muss eine der Neuen sein«, meinte Xento. Er drehte genervt an seiner Hörmuschel die Lautstärke herunter. »Schreckliches Viehzeug! Die haben geheult wie die Kinder!«
Mata stimmte in sein Gelächter ein, sagte aber nichts dazu.
»Sie sind wie alle anderen. Wenn sie hierher kommen, zieren sie sich bei jeder Berührung - als wären sie aus Gold!« spie Tobes verachtend aus. »Dabei hat man ihnen da gar nichts schlimmes getan. Mata, verteil endlich die Chips, ich will auch irgend wann einmal schlafen heute Nacht!«
Im Hintergrund hatte das Geschrei eine Note höher angeschlagen.
»Reich mal den Schnaps rüber!« verlangte Naiko, der mittlerweile wieder etwas Mut gefasst hatte. Seine Kollegen machten sich jeden Abend über ihn lustig.
Mach dies, mach das. Tu dieses oder jenes nicht. Hätte er das vorher gewusst, hätte er sich der Schieberbande vielleicht nicht angeschlossen. Jetzt gab es für ihn kein Zurück mehr. Geldschulden beim Kommandanten. Bei seinen Kollegen stand er auch in der Kreide, wenn auch nicht mit Geld. Er hatte einen Anfängerfehler nach dem anderen gemacht und ärgerte sich jeden Abend über seine Dummheit.
Den Respekt seiner Kollegen verdiente er sich damit nicht, jedoch ihren Hohn. Also versuchte er immer wieder, seinen Mut zu beweisen. Er wollte dazu gehören, egal um welchen Preis. Doch was er auch tat, niemand wollte ihn akzeptieren, und das nagte an seinem Selbstbewusstsein. Es machte ihn wütend. Naiko war berüchtigt für seine Wutausbrüche.
So hatte er sich in die Schuldenfalle geritten. Eine der Sklavinnen wollte ihm nicht gehorchen. Daraufhin hatte er ihr die Zähne ausgeschlagen und ihren Wert gemindert. Der Kommandant war gar nicht glücklich darüber gewesen.
»Du kriegst keinen Schnaps, Kleiner. Du versuchst es jeden Abend. Lass es endlich bleiben!« meinte Tobes seelenruhig und goss sich zwei Fingerbreit von der trüben Flüssigkeit ein, die so stark nach Desinfektionsmittel roch, dass sie einem das Mundinnere mit einem Schluck keimfrei brannte. Tobes kippte sich den Schnapps ohne mit der Wimper zu zucken runter.
Naiko juckten die Widerworte auf der Zunge. Er rang mit seinen Händen und wippte aufgeregt mit dem Bein hin und her. Doch gerade als er aufstehen und losschreien wollte, öffnete sich eine der Zellentüren und der Letzte im Bunde kam in den Gang geschlendert. Auf seinem Gesicht zeichnete sich Selbstzufriedenheit ab. Er trat beiseite und ließ demonstrativ die Tür offen stehen. In dem schlechten Licht der kleinen Leuchteinheit, die auf der großen Kiste stand, sahen sie die dünne Gestalt in der Zelle, die zusammengekauert auf dem Stroh lag, mit dem blanken Rücken ihnen zugewandt. Rote Striemen und Flecken zierten ihre Haut. Ihr Schreien war verstummt. Stattdessen wimmerte sie leise. Mit zittrigen Händen umschlang sie ihren Oberkörper.
Er grinste als er über die Schulter einen Blick zurück auf sein Werk warf. Dann kontrollierte er den Sitz seiner Hose.
»Mach die Tür zu, du elender Hund! Keiner will sehen, wo dein Schwanz grade war!« schnaufte Xento. Er rümpfte sich die Nase ob des vermeintlichen Gestanks, der aus der Zelle zu ihnen herübergeweht kam. Außer einem Grunzen bekam er keine Antwort.
Grimmig schlug er auf den Knopf, der die Zellen wieder verschloss. Die Tür war mit der Nummer 9 versehen, auch wenn die Markierung kaum noch zu erkennen war. Breitbeinig stiefelte er auf die Gruppe zu. Er blieb hinter Naiko stehen, der von unten auf den grobschlächtigen Hünen blickte und ziemlich kümmerlich dabei wirkte.
»Geh mir aus dem Weg, du Opfer!« blökte er den Grünschnabel an. Als dieser sich nicht fortbewegen wollte, packte er ihn am Kragen und zog ihn von seinem Sitzplatz herunter. Naiko war auf dem Boden gelandet und starrte den Hünen ungläubig an. »Na, also… geht doch!« Schließlich setzte er sich auf Naikos Platz. Das Leder seines Wams knarzte dabei ächzend. Selbst die Kiste protestierte knackend unter seinem Gewicht.
Naiko hatte sich inzwischen wieder aufgerappelt. Wütend klopfte er sich den Dreck von seinem Hosenboden. Er schnaufte und grollte, doch es kam kein vernünftiges Wort über seine Lippen.
»Hats dir die Sprache verschlagen?« fragte der Letzte. »Mach dich dünnflüssig!«
Wieder lachten ihn die anderen aus, was ihn noch wütender machte, aber das interessierte sie schon lange nicht mehr. Stattdessen verteilte Xento die Spielchips, und Tobes schenkte den anderen nach.
Der Neue rümpfte sich mit dreckigen und nassen Fingern die Nase. Seine Fingernägel waren schwarz und es klebte rotes Blut auf seinen Knöcheln.
»Hattse sich gewehrt?« fragte Tobes schlitzäugig und nickte auf die leicht abgenutzte Erscheinung seiner Kleidung.
Der Neue zog den Rotz hoch und kratzte sich genüsslich den dicken Bauch. »Versucht hatses.« Er lachte kurz auf bis es zu einer Art Röcheln überging. »Die kapierens einfach nich. Womit wollen die mich abwehren? Ham doch kaum was am Leib… Und dann zappeln se immer rum wie geangelte Aquarianer… Sollten sich lieber gleich damit abfinden…«
Jetzt meldete sich Xentos zu Wort. Er beugte sich vor, so dass sein Blick schief wirkte mit dem falschen Auge. »Ich mag es, wenn sie sich wehren. Das gibt dem Ganzen die gewisse Würze.« Er keuchte lüstern bei dieser Vorstellung.
»Diese hier nicht. Die beißt… und kratzt. Da hilft nur die Peitsche.« Er fuhr sich mit den dreckigen Fingern über den haarigen Seitenbehang an seinem Kinn. Es sah einem gestutzten Bart ähnlich, doch zuckten zwischendrin tentakelähnliche Fortsätze umher. Dort klaffte allerdings eine ungewöhnlich kahle Stelle. »Die muss noch ordentlich gezähmt werden«, sagte er mit einem Grinsen.
»Aber wo bleibt dann der ganze Spaß?« jammerte Xento und kippte sich gleich darauf einen Schnapps die Kehle runter.
Der Neue lachte schäbig. »Die alten Säcke sind doch die Schlimmsten unter uns!«
»Wollen wir spielen oder nur dumm daher reden?« maulte der alte Mata und griff nach seinen Chips.
Ein lautes Zischen ließ sie ihre Köpfe in eine Richtung drehen. Naiko hatte die Zelle Nummer 9 wieder geöffnet. Ein bestialischer Säuregeruch stieg ihnen in die Nase.
Das Mädchen lag zitternd am Boden wie es eben noch gelegen hatte. Als der Lichteinfall auf ihre Schultern fiel, zuckte sie nur leicht zusammen. Um sie herum hatte sich eine Pfütze gebildet. Angewidert rümpfte Naiko die Nase. Aber auch davon ließ er sich nicht abbringen. Entschlossen betrat er die Einzelzelle und sperrte das Licht mit seinem Schatten aus.
»Hey, Naiko!« brüllte einer der Männer.
Er warf einen Blick über die Schulter. Die Augen zu engen Schlitzen zugekniffen.
»Lass dich nicht beißen!« Jetzt lachten sie erst recht. Tobes fiel beinahe von seiner Kiste herunter und selbst Mata hielt sich die wabernde Speckschwarte.
Wütend schlug er auf den Türknopf, worauf die Tür hinter ihm zuglitt und er seine Wut an dem Mädchen auslassen konnte.
Ihre Stimme war längst heiser und ihre Schreie klangen gebrochen. Doch sie waren die Nacht durch im ganzen Trakt zu hören.

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A/N: Nun also doch ans Ende... Ich kann mir nicht helfen, aber ich will bei jedem Kapitel die Altersfreigabe noch höher schrauben... Bald gibt's dann die FSK 40 oder so... Dann dürft ich's nichtmal selber schreiben oder lesen! XD

Ob wir das arme Mädel aus der letzten Szene wohl kennen? Hmmm...

Ich weiß, dass ich gemein bin - Gemein ist mein zweiter Vorname! =)
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