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Fragmente

von rebelyell
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Sci-Fi / P18 / Gen
Jonathan Archer T'Pol
05.01.2015
05.03.2018
8
31.382
2
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20.02.2018 4.709
 
Fragmente

Kapitel 7 - Neue Fracht

 
 
 
 
Die Enterprise glich einem verletzten Tier, verdammt zum Stillstand und vollkommen hilflos.
Funken sprühten hier und da aus den Einschlaglöchern, die die Einschüsse hinterlassen hatten. Weiter entfernt schwebten Körper zwischen den stummen Sternen, leblos und unbemerkt. Verzerrte Gesichter erzählten wortlose Geschichten unendlichen Grauens aus den letzten Sekunden ihres Lebens.
In den Gängen herrschte emsiges Treiben. Reparaturteams versuchten, sich durch die Gänge vorzuschieben, die von Trümmerteilen versperrt waren. Der Captain hegte noch immer die Hoffnung, die hohe Anzahl von Vermissten irgendwie einzudämmen. Aber je weiter der Tag voranschritt und weitere Frauen vermisst gemeldet wurden, umso aussichtsloser wurde die Situation, und umso stärker wuchs seine Verzweiflung, dass sie ihre Mission unterbrechen würden, um den Teil seiner Crew zu retten.
Die Mission war bisher alles andere als verlustfrei verlaufen, und sie mussten im Personal schon den einen oder anderen Abstrich vertragen und umbesetzen. Damit konnte Captain Archer leben. Das gehörte zum Alltag, bedauerlicherweise. Der Tod konnte hinter jeder Tür lauern, hinter jedem Stern oder auf jedem Planeten.
Niemand konnte den Tod überlisten. Nicht einmal Captain Archer.
Das hier war anders.
Die Mitglieder seiner Crew waren nicht im Kampf gestorben, sie waren entführt worden.
Besatzungsmitglieder aus wichtigen Bereichen. Offiziere mit fundiertem Wissen. Es fühlte sich an, als hätte ihnen jemand ein großes Stück Fleisch aus dem Bauch herausgerissen und dabei von jedem Organ einen Teil mit entfernt.
Sie konnten die Enterprise notdürftig flicken und manneuvrieren. Aber ohne die vielen wissenschaftlichen Fachleute, war ihre Mission zum Scheitern verurteilt.
So sehr er sich auch in einem emotionalen Dilemma befand: Seine Crew retten - die Erde retten. Er konnte das eine nicht ohne das andere vollbringen. Das Überleben der Menschheit war von seinem Erfolg abhängig, und er war auf die Fähigkeit seiner Crew angewiesen.
Er musste sie retten.
Alle.
Schon allein aus dem Grund, dass er es nicht ausstehen konnte, wenn ihm jemand seine Untergebenen stiehlt als seien sie ein Gegenstand.
Was er gehört hatte, und was er sich in seinem Kopf darauf zusammenreimte, bedeutete für seine vermissten Leute kein gutes Schicksal. Sie zählten darauf, dass die Enterprise ihnen zur Hilfe kommen würde. Captain Archer wollte nicht eine Sekunde daran denken, was ihnen bevorstehen würde - ohne Waffen, ohne jede Chance sich gegen ihre Entführer zur Wehr zu setzen. Er durfte ihre Hoffnung nicht unbeantwortet lassen.
Malcolm war ihm in den letzten drei Stunden ein ständiger Begleiter gewesen. Sein taktischer Offizier folgte ihm auf Schritt und Tritt, hielt ihn auf aktuellem Stand, notierte neue Schäden oder half hier und da notgedrungen mit. Doch was auch immer Archer tat, Lt. Reed folgte ihm wie ein Schatten.
Das Licht in den Gängen war abgedunkelt wie es beim taktischen Alarm immer der Fall war. Jedenfalls dort, wo die Beleuchtung noch intakt war. Rauch und aufgewirbelter Staub verschlechterten die Sicht. Die meisten Brandherde waren längst gelöscht, doch die Belüftung arbeitete auf Notaggregat oder war blockiert.
Der Rauch verflüchtigte sich nur langsam.
Malcolm reichte ihm eine Atemmaske und sprach trotz Hustenanfällen weiter: »Hüllenpolarisation ist runter auf 20%. Wir können sie erst wieder aktivieren, wenn alle Sektionen geschlossen wurden. Der Warpantrieb wird erst in 48 Stunden wieder bereit stehen. Laut Xindi Datenbank gibt es einen Planeten der Minshara Klasse knapp ein Lichtjahr von hier entfernt. Wenn wir wieder auf Warp gehen, können wir den Planeten in 2 Tagen erreichen.«
»Bewohnt?« fragte Archer knapp und nahm zum Sprechen die Maske runter.
»Angeblich 80 Millionen Bewohner. Aber ich weiß nicht, wie alt die Daten sind.« Malcolm sah ihn zweifelnd an.
»Lassen Sie Kurs darauf setzen. Es ist die nächste Population. Wir müssen jede Chance nutzen, die sich uns bietet. Wie geht es unserem Aquarianer?« fragte Archer und hob eine geborstene Abdeckung aus dem Weg.
»Dr. Phlox hat zu viel mit unseren eigenen Leuten zu tun. Ich weiß nicht, ob er in der nächsten Stunde Zeit haben wird, um sich dem Fisch anzunehmen…« Er rempelte den Captain ohne Absicht an, der mitten im Gang stehen geblieben war. »Sir?«
Archer drehte sich zu ihm um. Seine Augen in tiefe Schatten gehüllt. »Sagen Sie ihm, dass das Wohlbefinden des Aquarianers zu seiner höchsten Priorität gehört. Er könnte uns Informationen liefern, die uns die entflohenen Sklaven vorenthalten wollen. Er muss überleben… um jeden Preis! Hab ich mich klar ausgedrückt, Lieutenant?«
Malcolm blinzelte einen Moment. »Laut und deutlich, Sir.«
»Gut. Sorgen Sie dafür, dass Phlox sich gleich um seinen Patienten kümmert. Wegtreten.«
Es widersprach Malcolm sichtlich, den Captain allein zu lassen. Sich seinen Befehlen zu widersetzen, würde ihm allerdings nie in den Sinn kommen.


* * *


Der dunkle Gang mündete in einem Raum ohne sichtbare Wände. Die Finsternis verschluckte alles, was eine Armeslänge entfernt war.
Es war kalt.
Kalt und feucht.
Ein eisenhaltiger Geruch beherrschte den Raum. Das und noch etwas, das T'Pol nicht einzuordnen wusste. Der abartige Geruch war sowieso ihr kleinstes Problem. Sie musste sich wohl vorerst damit abfinden, dass sie sich mit Gerüchen auch ohne ihren Nasalblocker zurechtfinden musste, auch wenn sie ihr den Magen umdrehten.
Ihre Entführer gingen vor ihnen her.
Der Kommandant - so hatte T'Pol ihn eingestuft, denn die anderen schienen auf ihn zu hören - drehte sich zu ihnen um und veranlasste sie, stehen zu bleiben und sich wieder in einer Reihe aufzustellen, dass er sie alle nacheinander betrachten konnte. Er schnalzte einen merkwürdigen Laut aus, woraufhin der Raum mit Licht geflutet wurde.
An der entferntesten Wand ihnen gegenüber standen Frauen mit gesenktem Kopf und sehr spärlich gekleidet. Sie trugen Schüsseln und andere Utensilien bei sich. Keine von ihnen traute sich, aufzusehen oder gar etwas zu sagen.
In der Mitte des Raumes standen mehrere Geländer aus Metall und Flaschenzüge, wenige Konsolen, die auf modernere Technik hinwiesen. Alles andere wirkte in dem Raum eher heruntergekommen und überholungsbedürftig. Der Boden bestand aus einem rostigen Gitter. Von unten wehte kalte Zugluft einher.
Auf ein lautes Rufen kamen grobschlächtige Kerle hereingestapft. Keiner von ihnen gehörte derselben Rasse an. Es war mehr ein Flickwerk von zusammengewürfelten Leuten, die nur eins gemeinsam hatten: Einen gemeinsamen Kommandanten - alles andere schien ihnen egal zu sein. Hier und da rempelten sie sich an. Ein Tentakel schnellte einem anderen quer über das Gesicht. Ein anderer boxte seinem Gegenüber in den Rücken. Das war allem Anschein nach kein militärisches Schiff. Es musste einem Händler gehören, oder noch schlimmer: Einem Schmuggler.
Erst auf ein erbostes Knacken und Knallen verebbten die Unstimmigkeiten. Ob es sich hierbei um eine Sprache oder nur zusammenhangloses 'Geschrei' handelte?
Danach ging alles recht schnell. Jeder schnappte sich eine der Frauen und fesselte sie an ihren Handgelenken. Die Fesseln wurden an den Flaschenzügen nach oben gezogen.
Sie waren im Kreis aufgestellt. Nicht, dass es anders gegangen wäre, aber sie wurden so hingestellt, dass sie in einem Kreis standen. So weit voneinander entfernt, dass keine der anderen auch nur irgendwie helfen konnte. Die Gesichter auf die Mitte gerichtet, wo sich der Kommandant selbstgefällig aufstellte und seine Beute betrachten konnte.
Als schließlich auch die Letzte an ihren Fesseln hing, traten die Handlanger zurück.
Der Kommandant genoss ihre ungeteilte Aufmerksamkeit und kostete den Moment sichtlich aus. Das Gerät schien fast von allein zu brabbeln: »Werdet gesäubert - Stoff entsorgen - Name neu - Lärm Bestrafung.« Das war's.
Ohne weiteres Zögern traten die Männer wieder vor. Sie zückten ihre Messer und schlitzten ihnen die Uniformen vom Leib. Kalter Stahl glitt über ihre bloße Haut. Die Luft war erfüllt vom Zerschleißen des Stoffes und angsterfülltem Wimmern.
»Nein! Bitte nicht!« Es war eine der Jüngeren. Crewman Dither, wenn sich T'Pol richtig erinnerte. Sie war keine 20 Jahre alt und eigentlich viel zu jung gewesen, um sich für die Mission freiwillig zu melden. Sie war die erste, die die Nerven verlor und zu flehen anfing. Die Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben. Dither war nicht die einzige, die an das Schlimmste glaubte, das unweigerlich darauf folgen würde.
Der Kommandant blieb ungerührt. Stattdessen fand er den Dreck unter seinen Tentakeln interessanter als die halbherzigen Betteleien seiner Ware. Ein Kopfnicken genügte und der Koloss, der Crewman Dither entkleidet hatte, schlug ihr wütend ins Gesicht.
»Bitte!«
Ihre Hände waren überall.
Sie gravierten sich in die Erinnerung ihrer Haut ein, wo sie sie auch berührten. Nichts hinderte die Männer daran, sie überall anzufassen. Ob es nur der Entkleidung diente oder dem eigenen Triumph über ihre Wehrlosigkeit.
Je mehr sich Crewman Dither wehrte und ihren Körper so weit von seinen Dreckspfoten zurückzog, umso vergnüglicher empfand er es, sie von ihrer individuellen Enteignung zu überzeugen. Je mehr sie an den Fesseln zog und rüttelte, umso grober wurde sein Handgriff. Erst gab er ihr nur einen verspielten Klaps auf den Hintern. Der laute Knall weckte das Interesse der anderen Männer. Sie hielten inne in ihrer Arbeit und schauten zu ihm rüber.
Ihr Gesicht war rot angelaufen. Tränen strömten hemmungslos über die verzerrten Wangen. Die kalte Luft ließ ihren Körper erzittern. Vielleicht war es aber auch nur die Angst…
Bisher hatte er ihr nur die Jacke und das Oberteil entfernt. Jetzt wo sie sich wehrte und ihr Unbehagen offen und gebrochen zeigte, nahm er sich besonders viel Zeit.
Er strich mit der stumpfen Seite seines Messers an ihrer Seite hoch, fuhr mit der Spitze unterhalb ihrer Brüste entlang. Ihr Brustkorb bebte unter ihren stummen Schluchzern. Als sie sich zurückzog, hakte er seinen Finger in ihren Hosenbund und hielt sie spielerisch einfach in ihrer Position.
Sein Grinsen entblößte vergilbte Zähne. Sein schmieriges Grinsen wirkte grotesk in der vernarbten Landschaft seiner ungepflegten Visage.
Der Hosenbund stellte kein Hindernis für sein Messer dar. Hose und Unterwäsche lagen sogleich neben dem Rest ihrer Uniform.
Sie alle wurden auch ihrer Schuhe beraubt, so dass die Kälte des Raumes sie nun völlig einhüllen konnte. Das Eisengitter stach ihnen mit scharfen Kanten in die Sohlen.
Kollektiver Schock ließ die Frauen innehalten. Was sie jetzt durchmachten, würde jeder von ihnen passieren. Sie konnten ihr Schicksal nicht abwenden.
Jede ging damit auf ihre eigene Weise um. Hoshi ertrug stumm ihre Peinigung. Dünne glitzernde Striemen auf ihren Wangen verrieten sie.
Amanda Cole ließ sich nichts anmerken. Sie hielt den Kopf stolz erhoben und provozierte die Männer damit umso mehr.
T'Pol versuchte, ihren Geist tief in ihr Bewusstsein zu vergraben, um diese Marter nicht mitzuerleben. Doch ihr fehlte die Konzentration und so blieb ihr nur die Hoffnung, dass die Männer bald kein Interesse mehr an ihnen haben würden.
Das letzte Kleidungsstück viel zu Boden. Die Männer sammelten die Fetzen ein und warfen sie in die Mitte, wo sie durch das Gitter fielen. Danach bezogen sie hinter ihnen außerhalb des Kreises Stellung.
Crewman Dither wimmerte immer noch - lauter als alle anderen. Mit jedem Atemzug wurde ihr Jammern heftiger und schaffte ihrer Verzweiflung Raum. Ganz zum Verdruss des Kommandanten.
Er war verdächtig still geworden, doch seine Augen waren auf Dither anvisiert.
»Crewman, reißen Sie sich zusammen!« blaffte T'Pol sie an, noch ehe irgend etwas anderes geschehen konnte. Denn T'Pol befürchtete, dass ihr Peiniger sich nur noch die Art ihrer Bestrafung ausdachte und je länger er brauchte, umso schmerzhafter würde es für Dither oder für sie alle werden.
Rot unterlaufene Augen sahen sie unter einem Vorhang dunkelblonder Strähnen entgegen, von Angstschweiß durchnässt und zerwühlt. Sie war erstarrt. Die Schultern hatten aufgehört zu beben. Stattdessen sprach ihr Blick von sprachloser Entrüstung. Doch was Dither erblickte, ließ alle Zweifel und jede Angst verblassen.
T'Pol war wie alle anderen entkleidet worden. Sie stand nackt unter ihnen. Sie war schutzlos der Willkür ihren Entführern ausgeliefert, genau wie die anderen auch. Nichts wies mehr auf ihren Rang hin. Sie genoss keine Sonderbehandlung. Und doch strahlte sie eine Fassung aus, die den anderen fehlte. Sicher hatte sie Angst und fürchtete sich vor dem, was ihnen bevorstehen mochte, aber sie zeigte es nicht. Stolz erhobenen Hauptes hing sie an ihren Fesseln. Eine Gänsehaut kroch über ihren Körper, aber sie zitterte nicht.
Egal, was man ihr antun würde, sie durfte nicht zusammenbrechen.
Mit Bestimmtheit in ihren Augen und in ihrer Haltung flößte sie Dither eine Zuversicht ein, die sie alle verstummen ließ.
»Ruhe!« schrie der Kommandant durch die Übersetzungsbox.
Er hatte sich den Übersetzer an die Brust geheftet, damit er seine Tentakel frei hatte. Denn er schlug T'Pol mit flachen Ende davon erbarmungslos ins Gesicht. Sie taumelte auf Zehenspitzen und nur die Ketten hielten sie aufrecht.
Auf ihrer Wange zeichnete sich im olivgrünen Ton die Form seiner fremdartigen 'Hand' ab. Aus ihrer Nase tropfte grünes Blut. Doch das hielt sie nicht davon ab, ihn mit stillem Widerstand anzustarren.
Es sollte ihn provozieren, ihm zeigen, dass sie nicht so leicht zu beeindrucken war - wehrlos oder nicht.
Aber er ignorierte sie schlicht.
Das irritierte sie mehr, als wenn er sie ein zweites oder drittes Mal geschlagen hätte. Denn davon war sie ausgegangen. Wenn Captain Archer jetzt bei ihr wäre, würde er sie zurechtweisen, damit sie diesen Verbrecher nicht noch weiter herausforderte. Stattdessen würde er die Wut des Ganoven auf sich ziehen, damit seine Aufmerksamkeit von den anderen Gefangenen abgelenkt würde.
So ausgelegt waren sie sich ziemlich ähnlich, stellte T'Pol fest.
Sie war die Ranghöchste unter ihnen und sie musste mit vorbildlichem Beispiel vorangehen, damit die anderen nicht an dieser Situation verzweifelten. Captain Archer hatte bestimmt schon einen Plan, um sie zu retten. Das stand fest. T'Pol ließ daran einfach keinen Zweifel zu. Sie mussten nur durchhalten.
Indes schritt der Kommandant im Innenkreis vor ihnen entlang. Seine Stimme war laut und der Übersetzer hakte und knackte und hing ihm einen Satz oder zwei hinterher, aber dieses Mal wirkte die Übersetzung flüssiger.
»Mir ist egal, woher ihr kommt oder was ihr vorher gemacht habt. Ihr gehört jetzt mir. Ihr seid still und gebt Laut, wenn ihr gefragt werdet. Nicht erlaubtes Reden bedeutet Strafe für alle anderen und die doppelte Strafe für den Redenden. Ihr tut, was euch gesagt wird, wenn es euch gesagt wird. Andernfalls fallt ihr im Rang weiter runter. Ihr solltet mir glauben, dass ihr das nicht wollt. Ihr habt Privilegien… denn ihr seid Neuware. Wenn ihr euch gut anstellt, werden wir euch gut verkaufen können. Seid ihr aber ungehorsam, behalte ich euch hier - als meine Sklavinnen! Ist das klar?«
Leises Gemurmel folgte. Eingeschüchtert und niedergeschlagen mieden die meisten seinen Blick. Wenn er ihnen zu nahe kam, versuchten sie sich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Unsichtbar konnten sie sich sowieso nicht machen. Also war es das Beste, seine Aufmerksamkeit nicht zu erregen. Schläge und Schikane waren vermutlich ihre kleinsten Sorgen.
Er konnte ihnen weitaus Schlimmeres antun.
»Wenn ich eine Frage stelle, erwarte ich eine klare Antwort… Also versuchen wir es noch einmal, weil es euer erster Tag hier ist: Habt ihr mich verstanden?« Den letzten Satz sprach er betont langsam aus, auch wenn der Übersetzer seine Gebärden nicht übernahm.
Ein Durcheinander folgte, denn keine wusste so recht, mit welchen Worten sie reagieren sollten. Reichte ein lautes 'Ja!' aus oder doch eher ein 'Ich habe verstanden!'? Oder war letzteres schon wieder zu viel und zu lang und nicht erlaubt.
»Gut«, war alles, was sie als Reaktion bekamen.
Dann wandte er sich an die Mädchen und Frauen, die sich an der Wand aufgehalten hatten und das Szenario wie Steinsäulen beobachtet hatten. Sie beeilten sich mit kleinen Schritten an den Männern vorbeizukommen. Nicht einer von ihnen ließ es sich entgehen, die verängstigten Frauen zu begrabschen oder ihnen Kommentare hinterher zu werfen. Wenn es sie störte, so ließen sie es sich nicht anmerken und gingen einfach ihrer Arbeit nach.
Auf ihre Hüften gestemmt trugen sie Schüsseln mit Wasser und Lappen darin. Es schwamm eine laugenartige Schicht auf der Wasseroberfläche. Vor jeder Gefesselten stellte sich jeweils ein Mädchen oder eine Frau. T'Pol fiel gleich eines auf: Die Älteren hatten eine metallene Manschette um den Hals wie die Frauen, die sie von dem Frachter gerettet hatten. Die Mädchen hingegen trugen nur einen eng anliegenden Armreif.
»Ihr werdet gewaschen! Wer sich wehrt oder dumm anstellt, wird bestraft!«
Es war erniedrigend.
Die Sklavinnen schauten sie nicht an. Das Wasser war eiskalt. Es machte die Kälte nur noch unerträglicher. Vor Scham bekam T'Pol zuerst nichts von der Kälte mit. Ihr Gesicht lief heiß an als man sie an Stellen berührte, wo sie sich selbst kaum anzuschauen wagte. An diesen Stellen wurde sie besonders sorgfältig gewaschen.
T'Pols Blick wanderte zu den anderen. Irgendwie musste sie sich von dieser Demütigung ablenken.
Eine von ihnen verlor die Fassung.
»Nein, nicht! Nicht da!«
Es war wieder Dither, die erneut hemmungslos angefangen hatte zu weinen. Das Mädchen, das sich um sie kümmerte, war noch sehr jung. Bei jeder abweisenden Bewegung Dithers und jedem Gewimmer, strauchelte das Mädchen und schaute sich hilflos um.
»Ruhe!« schrie der Kommandant Dither an. Er riss das Mädchen beiseite und ließ seinen Peitschenarm quer über Dithers Oberschenkel fahren. Dither schrie auf vor Schmerzen.
Ungeduldig packte er das Mädchen, das vor Schreck den nassen Lappen fallen ließ. Er klatschte mit einem Schwall Seifenlauge auf das Gitter.
»Ihr wisst nicht, wann ihr Ruhe geben sollt. Ich werde euch zeigen, wann ihr die Schnauze halten sollt.« Er hatte das Mädchen am Genick gepackt. Ihre Augen waren vor Angst geweitet und ihre Nasenflügel bebten mit jedem Atemzug. Doch sie sagte nichts. Sie ließ nicht einmal den kleinsten Laut über ihre Lippen kommen. Die Sklavinnen hatten sich zu ihm gewandt, mit dem Blick zu Boden gerichtet. Aus ihren Gesichtern ließ sich keine Reaktion lesen, nur blanke Resignation gegenüber ihrem Schicksal.
Die Frauen der Enterprise starrten gebannt auf das zitternde Mädchen. Der Kommandant hatte keine Mühe, sie wie eine Puppe vor sich herzuschwenken. Sie gab jeder seiner Bewegungen nach. Er schob sie ein paar Mal im Kreis umher, damit auch jede von ihnen sie sehen konnte. Er zückte das Messer in einer schnellen Bewegung aus dem Halfter an seinem Gürtel und schnitt dem Mädchen die Kehle durch - in einer so schnellen fließenden Bewegung, dass dem Mädchen nicht bewusst war, was gerade mit ihr geschehen war.
Hilflos sackte sie zu Boden. Violettes Blut pumpte in kleinen Fontänen aus der Wunde. Am Boden liegend zuckte ihr zierlicher Körper. Ihr gurgelndes Japsen verebbte schnell.
Niemand kam ihr zur Hilfe.
Keine Sklavin bekundete ihre Entrüstung. Sie schauten nur gefühllos zu Boden.
Das Blut sickerte durch das Gitter.
Der Kommandant schob den leblosen Körper mit glibbrigen Füßen zur Mitte des Gitters, wo eine Falltür den Leichnam verschwinden ließ.
»Jetzt steht ihr in meiner Schuld!« rauschte es durch den Übersetzer. »Sie ist tot wegen der da!« Er deutete mit der violett besprenkelten Klinge auf Dither. »Ihr schuldet mir eine Sklavin. Ich werde mir mit Freuden eine unter euch aussuchen.«
Er nickte der ältesten Sklavin zu. Auf ein knappes Wort machten sich die Mädchen sofort wieder an die Arbeit.
T'Pols Sinne waren wie betäubt, aber das Wasser schien ihr nun viel kälter als vorher.
Ihre Vorgehensweise war unkoordiniert. Mal schrubbten sie einen Arm, dann ein Bein oder den Rücken. Keine ordentliche Vorgehensweise von oben nach unten. Aber eines hatten sie alle gemeinsam - das Glitzern in ihren Augen verriet ihre diskrete Arglist - als Letztes wuschen sie ihnen das Gesicht. Mit dem gleichen Waschlappen, mit dem sie ihnen kurz vorher noch zwischen die Beine gepackt hatten, unter den Füßen, unter den Armen…
T'Pol zuckte mit dem Kopf zurück. Selbst für ihr Empfinden war es unerträglich, so sehr sie auch versuchte, den anderen ein Beispiel zu geben.
Die Sklavin verlor schnell die Geduld mit ihr und schlug sie mit der flachen Hand, wenn auch leicht. Schließlich drückte sie T'Pol den Lappen mit grobem Nachdruck ins Gesicht.
Auf ein schrilles Pfeifen beendeten sie abrupt ihre Arbeit. Sie nahmen Lappen und Schüsseln wieder an sich und stellten sich in einer Reihe auf. Der Kommandant schenkte ihnen keine Beachtung mehr also standen sie still und teilnahmslos da.
T'Pol zitterte.
Sie spürte, wie der Laugenschaum an ihren Beinen hinunterglitt. Die Kühlung, die von unten durch das Gitter hinaufblähte, fühlte sich jetzt wie kalte Nadelstiche an, die ihren ganzen Körper traktierten.
Auf einmal waren die zwei anderen Männer wieder zur Stelle.
Die beleibte Kreatur mit dem schleimigen Maul nahm sich eine nach der anderen vor. Er schwenkte einen Scanner vor den Frauen hin und her. Das Gerät piepste und gab andere sonorische Geräusche von sich. Wenn er mit der Untersuchung fertig war, verabreichte er wortlos eine Injektion. T'Pol glaubte nicht, dass sie sie auf Drogen setzen wollten, aber sie schloss die Möglichkeit nicht aus.
Der Kommandant schritt ungeduldig auf und ab.
Immer wenn sein Untergebener Laut von sich gab, schüttelte er enttäuscht den Kopf und seine Schritte wurden schneller und angespannter.
Die Kreatur, dessen Tentakel um seinen Kopf herum in ständiger Bewegung waren, musste eine Art Doktor sein oder er hatte zumindest medizinische und genobiologische Kenntnisse. Sein schmächtiger Begleiter hielt die Befunde schriftlich fest. Jede Frau bekam nach der Untersuchung ein Hypospray und einen Armreif, der sich wie eine zweite Haut um das Gelenk festsaugte.
Hätte T'Pol es nicht mit eigenen Augen gesehen, würde sie denken, dass es sich dabei um ein Tattoo handelte, denn es hob sich kaum sichtbar von der Hautebene ab.
Je länger die Prozedur voranschritt, umso frustrierter wirkte der Kommandant. Anscheinend waren sie auf der Suche nach etwas, das ihnen sehr wichtig war.
T'Pol war die Letzte in der Reihe. Auch sie wurde gescannt und das sich immer wiederholende Piepen hatte sich bereits in ihr Gehör eingestanzt wie eine Brandmarke. Doch dann änderte sich der Rhythmus und das Piepen wurde zu einem irrational schnellen fast durchgehenden Ton. Die Gesichtstentakel des Doktors begannen aufgeregt zu tanzen und änderten ihre Farbe.
Der Kommandant war mit zwei großen Schritten bei ihr.
Er schob den Knauf seines Messers unter ihr Kinn, um sie sich besser anzusehen. Dann entblößte er eine Reihe gelber Fangzähne und sein Gesicht entstellte sich zu einer unheilschwangeren Maske. Sein Atem stank nach verwestem Essen und faulen Zähnen. Er riss dem Doktor den Scanner aus den Tentakeln und überprüfte das Ergebnisse. Dann wurde sein Grinsen noch beängstigender.
»Eine Meschettkra!« Sein Lachen hörte sich hölzern an, geraspelt, wie ein Hobel über altes, trockenes Geäst. »Du wirst mir eine Menge einbringen, und wenn du dich nicht so dumm wie deine Gefährtinnen anstellst, lasse ich sie auch am leben… die meisten jedenfalls.«
Sie spürte, wie sich das Armband brennend in ihre Haut eingravierte. Aber der Schmerz war nichts gegen ihre Erniedrigung.
»Abführen!« Der Kommandant drehte sich um und sah die Sklavinnen in einer Reihe unsicher vor sich hinblickend. »Was steht ihr da noch so dumm rum? Schert euch weg!«
Auch wenn ihnen die Angst ins Gesicht geschrieben stand, gingen sie bloß schnellen Schrittes voran. Keine von ihnen rannte panisch wie ein wildes Tier davon. Sie blieben zusammen in einer Gruppe - wie aus reinem Instinkt.
Auf einen kurzen unübersetzten Befehl wurden ihre Fesseln gelöst.
Man trieb sie zusammen wie eine Herde geschorener Schafe, auf der Suche nach Sicherheit der Gruppe. Aber das schützte keine von ihnen, nicht von den Kreaturen begrabscht zu werden.
Die unebenen Kanten des Bodengitters schnitten in ihre Fußsohlen. Die Soldaten waren im Grunde genommen überflüssig. Sie waren ihnen nicht nur in der Anzahl überlegen. Sie waren außerdem bewaffnet und stämmig, obwohl es fraglich war, was davon bloße Muskelmasse war und was nur Wohlstandsspeck. Aber in ihrem aktuellen Zustand wären die Crewmitglieder der Enterprise keine Gefahr, nicht einmal für einen von ihnen.
»Führt sie ab«, war das Letzte, was sie in ihrer Sprache hörten. Danach deaktivierte der Kommandant das kleine Gerät an seiner Brust und sprach in seiner knackenden, gutturalen Sprache weiter.
Demonstrativ schwang einer der Soldaten eine elektrische Peitsche. Funken hüpften über das Gitter und ließ sie alle zurückschrecken.
Sie warteten nicht darauf, dass die Gruppe sich von alleine bewegte. Eine nach der anderen wurde grob am Arm gepackt und zurück in den dunklen Gang geschoben. Vorbei an der großen Halle, von wo aus man sie aufgelesen hatte, und hinein in ihr neues Leben. Zusammen mit den anderen Sklavinnen auf dem Schiff.


* * *


Seit dem Vorfall waren nun schon 28 Stunden vergangen und trotzdem sprühten immer noch Funken aus vereinzelten Wandkonsolen und Aggregaten. Die Reparaturen gingen nur schleppend voran. Die Hälfte der Besatzung wurde entweder vermisst, verletzt oder galt als entführt. Die Fremden hatten nicht alle Frauen der Besatzung erwischt, aber doch einen Großteil. Und hinzu kam, dass Captain Archer die Positionen neu besetzen musste, damit sie schneller voran kamen. Für Hoshi und T'Pol hatte er die Offiziere aus der Betaschicht herangeholt. Auf Dauer würden sie alle Doppelschichten führen müssen.
Die Stimmung im Maschinenraum hatte den Nullpunkt erreicht. Geschrei und wütende Ausrufe überlagerten sich mit dem Schweißen und unwillkürlich explodierenden Geräten. Trip hatte alle Hände voll zu tun, um seine Teams zu koordinieren. Kaum hatte er den einen den Rücken zugedreht, ging auf der anderen Seite schon wieder etwas schief. Er hatte seine Leute eigentlich immer recht gut unter Kontrolle, aber die fehlenden Leute, die Trauerfälle, die Verletzten zogen die Moral herunter wie Blei.
Er war so mit der Plasmaleitung vor ihm beschäftigt, dass er die Leute gar nicht bemerkte, die auf ihn zukamen.
»Ich hoffe, du hast gute Nachrichten für mich, Trip!« Archer versuchte verzweifelt einen lockeren Ton anzuschlagen. Sein Gesichtsausdruck sprach jedoch Bände.
»Wenn du mir mehr Leute geben kannst, wir haben hier alle Hände voll zu tun, Jon«, sagte Trip und hangelte sich unter dem Geländer entlang zum nächsten Schaltkreis, um dort bis zu den Schultern darin zu versinken.
»Es gibt grade keinen einzigen, der in Freizeit schwelgt, Trip. Wir brauchen den Antrieb. Wir sitzen auf dem Präsentierteller.« Jonathan rieb sich angestrengt die Nasenflügel und kniff die Augen zusammen.
Trip sah ein, dass die Ereignisse nicht nur an seinen Nerven zehrten. Er musste Jon entlasten. Das war er ihm schon allein als Freund schuldig. Er überflog nebenbei ein Datenpadd und verschob die Daten und Schichtpläne, damit sie zu Jons persönlichen Ordner gesendet wurden.
»Bei aktuellem Stand dürften wir in ca. 12 Stunden wieder Warp haben, Captain.« Die Prognose stimmte nicht, aber das musste Jon nicht erfahren. Trip würde sein Team so weit antreiben, dass sie sogar schneller fertig würden. Jede Stunde war eine Ungewisse mit Folgen für die Vermissten.
»Bitte um Erlaubnis, offen sprechen zu dürfen, Captain«, sagte Trip. Der Ernst in seiner Stimme ging an Captain Archer nicht unbemerkt vorbei.
Es folgte nur ein knappes Nicken, und wieder fuhr er sich mit der flachen Hand über das Gesicht. Das dritte Mal schon seit er den Maschinenraum betreten hatte.
»Jon, wann war das letzte Mal, dass du geschlafen hast?« fragte Trip besorgt. Bevor Jon etwas antworten konnte, hielt Trip ihn mit erhobener Hand auf. »Ich weiß, was du sagen willst. 'Dafür ist keine Zeit' oder 'Das können wir uns nicht erlauben' oder du sagst, dass du eben noch kurz geschlafen hast, obwohl du dir von Phlox vermutlich Methylphenidat hast geben lassen… Sag nichts… Ich will die Ausreden nicht hören. Ich weiß, du hast eine Verpflichtung unserem Schiff und der Mannschaft gegenüber. Und jeder von uns will unsere entführten Kameraden wieder zurückholen. Ich habe jedem verboten, Vermutungen anzustellen. Das ist nicht gut für die Moral. Du musst als Captain funktionieren können. Wenn wir uns nicht mehr auf dich verlassen können, wer hält dann die Crew zusammen?! Jon, du hast ein fähiges Team, das dich ein paar Stunden ersetzen kann…«
Er wurde von einem Funkspruch aus der Krankenstation unterbrochen:
»Phlox an Captain Archer.«
Der Lautsprecher rauschte in den Sprechpausen und der Ton knackte wie ein zerschlissener Reißverschluss.
Archer ging an die nächste Wandkonsole und überbrückte das Signal, um die Sprechfunktion zu triggern.
»Archer hier«, meldete er sich knapp.
»Captain, der Aquarianer ist jetzt ansprechbar.«
»Verstanden, bin schon unterwegs.«
Er warf Trip einen alles sagenden Blick zu. »Sorge dafür, dass der Warpantrieb in 12 Stunden wieder aktiv ist. Wie du schon sagtest: Unsere Kameraden rechnen mit Ihrer Rettung!«



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A/N:
Ich weiß, ich weiß!
Ich bin spät dran!
Diese Woche ändert sich mein Internetprovider und es funktioniert noch nicht alles, wie es soll... also so, wie man es eigentlich vom Hostwechsel gewohnt ist! *sfz*

Das Kapitel ist ein bisschen krass, muss ich zugeben. Deswegen hatte ich das Rating auch letztens noch hochgeschraubt angesichts dessen, was da noch folgen wird.

Ich schwöre, dass ich die Kurve zu den versprochenen Folgen noch kriegen werde! ;)
Aber vorerst müssen sie erstmal alle leiden! =)

*geht mit rotem Luftballon und ihrer Pennywise Puppe ins Bett* Angenehme Träume wünsche ich! ♥
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