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Fragmente

von rebelyell
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Sci-Fi / P18 / Gen
Jonathan Archer T'Pol
05.01.2015
05.03.2018
8
31.382
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05.02.2018 3.498
 
Fragmente

 
Kapitel 5 - Verloren

 
 
 
»Das ist wirklich bemerkenswert!« rief Phlox aus. Die schlimmsten Fälle waren bereits auf der Krankenstation versorgt worden. Es handelte sich insgesamt um zwölf Xindi Primaten, zwei Arborealer und ein Aquarianer - die fischartige Kreatur in dem einzigen noch intakten Wassertank. Sie mussten ihn an Bord des anderen Schiffes lassen, weil sie keine Möglichkeit zum Transport der Kreatur samt Tank hatten so lange der Störsender ihre Sensoren blockierte. Phlox hatte zwei seiner Assistenten zur Versorgung herüber geschickt. Er hatte so schon alle Hände voll zu tun und musste seine Zeit überlegt einsetzen.
Gerade als Captain Archer die Krankenstation betrat, untersuchte Phlox die metallene Manschette, die Arylankas Hals umgab.
»Doctor?« machte sich Archer bemerkbar. Phlox hatte die beinahe bewundernswerte Eigenart, sich völlig in seinen Gedanken zu vergraben - und das Ganze auch noch mit Selbstgesprächen zu dokumentieren.
Überrascht drehte sich der Denobulaner zu ihm um. »Captain! Was kann ich für sie tun?« fragte er leicht desorientiert und schickte eins seiner eigentümlichen Gekicher hinterher, die er fast jedem Satz hinzufügte. Captain Archer hatte sich längst an die Eigenart des Doktors gewöhnt.
»Nun, ich hatte gehofft, Sie könnten mir einen vorläufigen Bericht geben über den Zustand unserer Gäste«, sagte er und betrachtete eins der Padds mit einigen Untersuchungsergebnissen, obwohl er kein Wort davon verstand.
»Nun, Sie werden genauso erstaunt sein, wie ich als die Ergebnisse fertig waren. Diese Metallkrause ist keineswegs ein medizinisches Gerät. Es dient weder ihrer Gesundheit noch der Überwachung ihrer Werte oder sonstigen medikamentösen Zwecken. Zuerst dachte ich, es handele sich um eine Art Schmuck, bis ich die synaptischen Verbindungen mit dem Kleinhirn der Patientin entdeckte.«
Arylanka sah beschämt zu Boden und ihre in sich eingefallene Figur wirkte noch zerbrechlicher als zuvor, während Phlox freudestrahlend seine Untersuchungsergebnisse preisgab.
»Möchten Sie uns etwas sagen?« fragte der Captain die alte Xindi Primatin.
Sie schaute bedrückt und schloss die Augen für einen Moment, ehe sie leise zu erklären begann: »Es tut mir leid. Manchmal vergesse ich den Zweck meiner Krollaris oder dass ich sie überhaupt besitze, dass es mir nicht in den Sinn kommt, es könne bei anderen Völkern anders zugehen als bei uns.«
Captain Archer wechselte fragende Blicke mit Phlox. »Wozu dient das… wie sagten Sie?«
»Krollaris.«
»Ja, genau. Wozu dient dieses Krollaris, wenn es keinen medizinischen Zweck hat?« wollte der Captain wissen.
»Viele von uns sind in diese Verhältnisse hineingeboren worden. Talaika zum Beispiel kennt ihre wahre Heimat gar nicht.« Arylanka suchte den Blickkontakt mit dem Mädchen, das ein paar Biobetten weiter entfernt aufrecht dasaß und ihre Untersuchung ungeduldig über sich ergehen ließ. Als sie ihren Namen hörte schaute sie zunächst auf, doch dann mied sie plötzlich Arylankas Blick.
Trotzdem sprach die Frau unbeirrt weiter: »Wir lebten in einer Kolonie, wo es viele von uns gab. Nicht nur Xindi. Was uns verband war unsere Zugehörigkeit zu unseren… wir nannten sie Meister. Böse Zungen nannten sie… die Eintreiber.« Sie schaute sich ängstlich um, obwohl ihr schon mehrmals versichert wurde, dass ihr auf der Enterprise niemand etwas Böses wollte. »Keiner wagte, so etwas auszusprechen. Ein leises Flüstern genügte und derjenige war am nächsten Tag verschwunden.«
»Verschwunden?« hakte Archer nach.
»Gehängt, verkauft… in die Minen geschickt. An Möglichkeiten mangelte es den Meistern nicht.« Sie rieb sich die dünnen Oberarme und zitterte als verspürte sie auf einmal eine enorme Kälte. »Die Krollaris ist ein Kennzeichen. Sie zeigt einem Meister, wer unser Besitzer ist und welchen Status man in seinem Besitz einnimmt.«
»Sie waren Sklaven?« dämmerte es dem Captain schließlich.
»Sklaven, Diener, Gespielinnen, Leibeigene. Die Krollaris wurde jedem ab einem gewissen Alter eingesetzt. Sie verbindet sich mit dem Nervensystem. Man kann sie nicht abnehmen ohne enorme gesundheitliche Schäden davonzutragen. Ich habe schon öfter einen Diener dabei gesehen, wie er versuchte, sich seine Krollaris abzunehmen. Es endete in den meisten Fällen tödlich und in den wenigsten Fällen mit einer Schädigung des Bewusstseins. Bisher habe ich tatsächlich nur einen Diener gekannt, der die Entnahme überlebt hatte. Er war danach nicht mehr derselbe. Er verlor die Fähigkeit zu sprechen und reagierte auf Berührungen äußerst aggressiv. In den schlimmsten Straffällen wurde die Entnahme der Krollaris ohne Betäubung vorgenommen. Die Bestraften wurden öffentlich vorgeführt und seine Qual zur Schau gestellt. Jeder von uns musste hinsehen. Die Meister wollten so ihre Macht demonstrieren… und Angst verbreiten. Es war so schrecklich, dass sich nur noch selten welche die Krollaris abnehmen wollten.«
»Und wie sind sie auf dieses Schiff gekommen, wenn sie diese Krollaris immer noch tragen? Wie konnten Sie Ihren 'Meistern' entkommen, ohne dabei zu schaden zu kommen?« wunderte sich Archer als Arylanka zu sprechen aufgehört hatte.
»Die Kinder und Jugendlichen werden noch nicht mit dem Kragen versehen. Ihnen pflanzen die Meister lediglich einen Sender ins Handgelenk ein, damit sie sehen können, wo sich ihr Besitz aufhält. Verstehen Sie? Die Kinder waren Handlanger oder Boten. Sie wurden nicht mit dem Ende ihres Lebens bedroht, aber die Meister behielten sie immer im Auge. Sie kontrollierten jeden Schritt, jeden Atemzug. Es gab für uns Diener keine eigene Zeit. Doch die Kleinen von uns… die fanden immer einen Weg hinaus zu den Verkäufern und Schmugglern. Captain Archer, mich erwartet in meinem Leben keine große Welt mehr. Meine Energie ist verbraucht. Ich habe in der Kolonie mein ganzes Leben verbracht, wurde dort geboren, habe meine Eltern schuften gesehen und meine Mutter den Meistern…« Sie stockte und seufzte kurz auf. »Nur weil sie unsere Körper beherrschten, heißt das nicht, dass sie unseren Geist kontrollierten. Die Kinder haben noch ihr ganzes Leben vor sich. Es gibt so viele Möglichkeiten für sie, und die wollte ich nicht ungeschehen verstreichen lassen. Wir konnten zuerst keinen Schmuggler finden, den wir auch bezahlen konnten. Es dauerte sehr lange. Ich schmiedete an dem Plan schon mehrere Jahre.« Ihre Augen verrieten ihre Verzweiflung, die sie ganz offensichtlich nicht zur Schau zu stellen versuchte. »Bitte, Captain Archer, ich weiß, dass Sie uns nichts schulden und wir haben Ihnen auch nichts zu bieten. Aber schicken Sie die Kinder nicht zu den Meistern zurück!«
Das Schiff wurde von einer großen Erschütterung durchgerüttelt. Medikamente und Instrumente fielen von den Tabletts. Im Labor des Doktors gingen einige Petrischalen zu Bruch und die Käfige mit seiner kostbaren Kreaturensammlung fielen herunter. Jeder hielt sich fest, wo er gerade stand.
Dann erfolgte ein zweites Beben.
Captain Archer schwankte zum nächsten Comlink. »Archer an Brücke! Bericht!«
Es war Lieutenant Franklin, der sich am anderen Ende meldete - Reeds Stellvertreter.
»Wir werden angegriffen, Sir! Zwei Einschüsse an der vorderen Hülle. Deck C ist betroffen. Entsprechende Sektion wurde teilweise versiegelt.«
»Wie viele sind es?«
»Bis jetzt nur eins, Sir. Es hat einen stärkeren Schild. Ich fürchte, dafür sind unsere Torpedos zu schwach, Sir.«
»Rufen Sie die Führungsoffiziere zusammen und holen Sie das Außenteam sofort zurück. Ich bin in drei Minuten auf der Brücke!«
Er warf Arylanka einen fragenden Blick zu. »Wer war hinter Ihnen her? Wer hat sie angegriffen? Es macht keinen Sinn, dass diese 'Meister' Ihr Eigentum maneuvrierunfähig zurücklassen.«
»Ich weiß es nicht, Captain. So sehr ich Ihnen auch helfen möchte. Als wir angegriffen wurden, befanden wir uns in einem der Frachträume. Wir bekamen nur die Erschütterungen mit, die durch die Treffer verursacht wurden.«
Archer wollte ihre Geschichte glauben, aber eine leise Stimme in seinem Kopf sagte ihm, dass das nicht die ganze Wahrheit sein konnte. Trotzdem nickte er und verließ im Laufschritt die Krankenstation.


* * *


Auf dem Weg zur Brücke traf Captain Archer auf Lieutenant Reed. Seine Frisur wirkte zerwühlt und er machte immer noch einen übermüdeten Eindruck. Trotz aller Hast saß seine Uniform perfekt und makellos. Reed hatte sich selbst darüber gewundert, dass er nach der stickigen Atmosphäre auf dem anderen Schiff nicht in die Dekontaminierungskammer musste. Immerhin blieben ihm wenige Minuten für Dusche und Uniformwechsel.
Ein Luxus, den sich Captain Archer nicht hatte leisten können. Von seiner Stirn perlte immer noch der Schweiß herunter und seine Uniform klebte regelrecht auf seiner Haut.
Reed studierte eifrig sein Datenpad.
»Die Einschüsse auf das andere Schiff waren präzise. So schießen keine Zivilisten oder stümperhaften Schmuggler. Ich fürchte, die Angreifer haben einen militärischen Hintergrund, Captain«, berichtete er ohne den Blick vom Pad zu lösen. »Ich sehe nur wenige Fehltreffer. Die Einschüsse trafen fast auf den Zentimeter genau die Antriebswerke, die Waffenschotts und den Energiekern, der für die Versorgung des Schiffes zuständig war.«
Captain Archer nickte und sein Blick verdunkelte sich. »Wenn wir Pech haben, sind das genau die gleichen Scharfschützen, die uns jetzt angreifen.«
Die Lifttüren öffneten sich.
Malcolm löste Lieutenant Franklin ab. Seine Hände flogen regelrecht über die Konsole.
»Zwei Treffer. Einer auf Deck C, minimale Schäden. Ein Treffer hat unser Achterdeck gestreift. Laut Schadensberichten gibt es drei Verletzte. Ein Crewman wird vermisst. So lange der Treffer auf Deck C nicht komplett versiegelt ist, können wir die Hüllenpolarisation nicht aktivieren«, meldete er.
»Haben wir Sichtkontakt zu dem fremden Schiff?« fragte der Captain. Anstatt auf dem Kommandosessel Platz zu nehmen, begann er auf und ab zu gehen.
Malcolm aktivierte die Außenkamera, die das angreifende Schiff in den Focus nahm.
Die Bauweise kam ihm unbekannt vor. Es war olivgrün ligiert und besaß eine äußerst schnittige Dreiecksform. Weder Fenster noch Antriebsgondeln konnte er ausmachen. Irritiert blickte Archer zu T'Pol. »Ist Ihnen die Schiffsart bekannt?«
»Es ist nicht in der vulkanischen Datenbank aufgeführt. Aber in der Xindi Datenbank findet sich eine Bauart, die diesem hier sehr ähnelt. Es wird keinem Volk zugeordnet. Wir haben lediglich vage Andeutungen über den Antrieb und den Verwendungszweck. Selbst den Xindi scheint die Bauart nicht gänzlich bekannt zu sein. Wenn die Andeutungen stimmen, wird die Bauart von einer militanten Händlergruppierung verwendet.«
Ein erneutes Beben schüttelte das Schiff durch. Aber dieses Mal war es kein Treffer, der sie erfasst hatte. Durch die Brücke lief ein greller Schleier, der sich bis zu den Warpgondeln entlangzog.
»Wir werden gescannt«, erklärte T'Pol. Selbst in ihrer Stimme konnte Captain Archer eine Spur von Panik heraushören.
Ihm blieb keine Zeit ein Manneuver zu befehlen. Bisher hatten sie nicht noch einmal angegriffen. Aber sie umflogen die Enterprise als würden sie sich eine Rundumsicht verschaffen wollen.
»Malcolm?« fragte Archer und blickte sich hilfesuchend nach seinem taktischen Offizier um.
Reed schüttelte ahnungslos den Kopf. »Das Schiff umgibt ein Schutzschild. Ich kann sie nicht scannen, Sir. Aber den Treffern und dem Schaden nach zu urteilen, sind sie uns um Längen überlegen.«
»Wir werden gerufen, Sir«, meldete Hoshi.
»Stellen Sie durch«, rief Archer und stellte sich vor die Navigationskonsole.
Auf dem Schirm baute sich ein dunkles Bild auf, in dessen Mitte sich ein Gesicht befand, das auf entfernte Weise humanoid wirkte. Die schwarzen Augen saßen weit auseinander. Auf dem Kopf rankten verfilzte Zöpfe mit grünen und braunen Metallplättchen. Der Mund war eine immer offen stehende Höhle mit haifischartigen Zahnreihen. Zu beiden Seiten ragten zwei große geschmückte Hauer heraus. Trotzdem wirkte das Gesicht platt und gedrungen. Die Augen waren zu Schlitzen zusammengekniffen und versanken tief in ihren Höhlen. Die Kreatur atmete schwer.
»Mein Name ist Captain Jonathan Archer und Sie nehmen gerade mein Schiff unter Beschuss. Nennen Sie mir unverzüglich den Zweck Ihres Angriffs!« Selbst Archer wusste, dass seine Art ziemlich undiplomatisch und schroff war und die Gratlinie sehr schmal war, auf der er balancierte.
Die Kreatur zeigte sich gänzlich unbeeindruckt.
Erst hörten sie nur fremde Knackgeräusche, doch dann setzte ein Übersetzer ein, der nicht zur Enterprise gehörte.
»Captain Archer… Wir haben Ihr Schiff ausgesondert! Übergeben Sie mir Ihre Crew oder ich werde Sie zerstören!«
»Wir lassen uns nicht ins Bockshorn…«
Die Verbindung brach ab, bevor Captain Archer seinen Satz beenden konnte.
»Sie beziehen Stellung und senken ihre Schilde, Sir«, meldete Reed. Doch ehe sie darauf reagieren konnten, wurde die Enterprise von zwei Torpedosalven getroffen.
Es rauchte auf der Brücke. Zwei Konsolen waren aus der Wand gesprungen und hingen Funken schlagend an ihren Kabeln. Irgendwo im hinteren Bereich war eine Anzeigentafel durchgeschmort und brannte schon wenige Sekunden später lichterloh.
»Schadensbericht!« befahl Captain Archer. Er setzte sich auf den Kommandosessel und ging seine Anzeigen durch.
»Treffer an der linken Warpgondel und am Ausgang des linken Photonentorpedoschachts. Der Schacht ist blockiert, die Torpedokammer hat ein Leck. Keine Verletzten, Sir.« Immerhin gab es eine gute Nachricht.
Archer nickte bitter. »Konnten Sie einen Scan durchführen?«
»Nur einen kurzen. Die Antriebskammern befinden sich an der Seite unterhalb ihrer Waffen. Ich zähle acht verschiedene Waffenschächte, Sir.«
»Die Enterprise wurde nicht umsonst aufgerüstet. Zeigen wir's ihnen! Lieutenant Reed, zielen Sie auf ihre Waffen. Eine Fusionstorpedosalve. Ensign Mayweather, halten Sie uns auf Kurs.« Archer wartete eigentlich nur noch auf eine Bestätigung seines Waffenoffiziers. »Feuer!«
Gespannt waren ihre Blicke auf den Bildschirm gerichtet.
Die Leuchtkraft ihres Torpedos wirkte wie eine Wunderkerze im Vergleich zu denen des Gegners. Trotzdem hoffte Archer auf ein Wunder. Etwas, das die Moral seiner Mannschaft heben und ihnen Mut machen würde.
Der Torpedo zerschellte an einem unsichtbaren Schild, ohne das gegnerische Schiff zu berühren.
»Lieutenant Reed?« Captain Archer hielt es nicht mehr auf dem Kommandosessel aus.
»Nichts, Captain«, rief Malcolm ihm zu.
»Nicht einmal die Schilde?« fragte Archer fassungslos.
»Negativ, Sir.« Malcolm sah ebenso fassungslos aus. Seine Hände kamen kurz zum Stillstand und wartete auf den nächsten Befehl. Dies durfte nicht das Ende ihrer Mission sein!
Malcolm und Jonathan verstanden sich wortlos.
»Ensign, bringen Sie uns so schnell wie möglich hier raus!« Er hasste es, mit eingekniffenem Schwanz davon zu laufen! Aber er durfte seinen Stolz nicht über das Leben von über 80 Crewmitgliedern stellen. Blind tippte er auf seiner Armlehne den Code für den Kanal zum Maschinenraum ein. »Trip, wir brauchen alles an Geschwindigkeit, was du uns geben kannst.«
»Das wird nicht einfach, Captain! Wir haben hier ein großes Leck!«
»Improvisiere! Sonst ist das Leck bald unser kleinstes Problem!« bellte er in den Lautsprecher hinein und schloss den Kanal.
Das Schiff wurde erneut durchgeschüttelt. Archer konnte sich eben noch an der Rückenlehne festhalten.
Einige Deckenplatten fielen auf die Navigationskonsolen herab.
Der Bildschirm wurde schwarz.
Wer sich noch auf den Beinen halten konnte, löschte die brennenden Konsolen an Wänden und Stationen.
Das Licht fiel aus und Rauch vernebelte die Sicht. Die Notbeleuchtung flackerte und hüllte die Brücke in unheilvolles Rot.


* * *


Es war still auf der Brücke. Und dunkel. Im Besprechungsbereich explodierte noch eine Schalttafel und einige Konsolen brannten lichterloh. Aber das Schiff wurde nicht mehr von Einschlägen durchgeschüttelt.
Die Abzugschächte mussten beschädigt worden sein, denn der dunkle Qualm verbreitete sich ungehindert. Giftige Gase von verbranntem Plastik und austretender Kühlflüssigkeit erschwerte ihnen das Atmen.
»Bericht!« keuchte Captain Archer noch bevor er sich am Kommandostuhl emporziehen konnte.
»Hüllenpolarisation bei 40%. Sämtliche Waffenausgänge sind deaktiviert oder beschädigt. Ich kann es nicht richtig entziffern.« Malcolm schob das Trümmerstück von einer Konsole, aber das Metall hatte die Scheibe zerschlagen, so dass er die Bereiche weder bedienen, noch auslesen konnte.
Zwei Reparaturkräfte kamen durch die Jeffrysröhren auf die Brücke gestiegen, mit Feuerlöscher und Atemmasken.
»Haben sie angedockt?« fragte Archer und schaute zu T'Pol hinüber, fand aber nur einen leeren Platz vor. Die Erschütterung musste sie in eine Ecke geschleudert haben. Er schaute also wieder zu Reed. Malcolm blutete aus einer Schnittwunde am Kopf. Asche und Staub verschmierten sein Gesicht. Doch Archer konnte es genau von Reeds Augen ablesen. Seinem Sicherheitsoffizier stand die Panik auf die Stirn geschrieben. »Haben sie angedockt, Malcolm!?« brüllte Archer wütend.
»Sorry, Sir… Keine angedockten Schiffe, weder backbord noch steuerbord.« Plötzlich hielt er still und starrte ungläubig auf seine Anzeigen. »Sir? Die Angreifer ziehen sich zurück… Sie sind auf Warp gegangen.«
Archer atmete auf, obwohl ihm das Verhalten ziemlich unlogisch erschien.
»Hoshi, öffnen Sie einen Kanal!« rief er ans andere Ende der Brücke. So schnell würden sie sich nicht aus dem Staub machen können, nicht ohne eine entsprechende Abschiedsnachricht.
Als keine Antwort kam, schaute er zu seiner Kommunikationsoffizierin hinüber. Er musste seine Augen abschirmen, weil ihn die Funken aus der Decke blendeten. Der Rauch machte es ebenfalls unmöglich, auch nur eine Armeslänge entfernt etwas genaues zu erkennen. In seiner Benommenheit merkte er kaum wie ihm jemand eine Atemmaske aufsetzte. Taumelnd ging er an Hoshis Konsole.
»Das feindliche Schiff ist außer Reichweite.« Das war aber nicht Hoshis Stimme gewesen. Es war Malcolm, der ihn darüber informierte.
Hoshis Station war verwüstet. Ihr Stuhl war aus der Verankerung gerissen worden. Aus der Decke war ein großer Stützpfeiler herausgebrochen und hatte den Stuhl regelrecht aufgespießt. Panisch schaute er sich um, aber er konnte kein Blut entdecken. Nur Asche und verkohlte Technikteile, funkenschlagende Kabel.
Mit Schwung, der einen heißen Schmerz durch sein Kreuz jagte, hangelte er sich unter die Konsole hinüber und besetzte die Station selbst. Die Anzeigen reagierten nicht. Er konnte weder ein Signal senden, noch empfangen. Wenn das feindliche Schiff zurückkehren sollte, würden sie ihnen hilflos ausgeliefert sein und könnten nicht einmal eine letzte Nachricht an die Sternenflotte absetzen.
»Ist der Transporter online?« stellte er die Frage in den Raum. Niemand antwortete.
Archer öffnete einen Kanal zum Maschinenraum. »Trip, wie schaut es bei euch aus?«
Das Signal wurde von Interferenzen begleitet.
»Die Warpspulen sind überhitzt. Wir mussten sie offline nehmen. Derzeitige Reparaturen dauern an. Mehr als Impuls kann ich dir gerade nicht geben. Tut mir leid!«
»Ist der Transporter online, Trip?«
»Einen Moment, wir haben hier gerade alle Hände voll zu tun…«
Archer hörte es krachen und die Leute im Hintergrund sprachen und schrien durcheinander.
»Positiv, Sir. Transporter sind online«, meldete Trip schließlich.
»Erfasse das Außenteam und beam den Aquarianer in Frachtraum 3. Wir machen, dass wir hier weg sind, bevor die wiederkommen!«
»Verstanden, Sir. Tucker, Ende.«
Archer achtete gar nicht mehr auf den letzten Satz.
»Malcolm, geben Sie bescheid, wenn unsere Leute wieder an Bord sind. Travis, setzen Sie einen Kurs und halten Sie sich bereit!«
Etwas bereitete ihm jedoch mehr Sorgen: Er konnte Hoshi nirgends entdecken. Es mochte eine Illusion seines Visiers sein, das von innen beschlug, oder ihr zierlicher Körper war unter den Trümmern irgendwo begraben. Jedoch fehlte auch von T'Pol jede Spur.
»Captain?«
»Wenn Sie mir jetzt nicht sagen, dass wir Kurs setzen können, Mr. Reed, dann setz ich Sie eine Woche lang auf Notration«, drohte Archer dem Briten.
»Ich glaube, damit werde ich klarkommen müssen, Sir.«
»Was ist denn los?« fragte er und ging mit zwei großen Schritten auf die andere Seite der Brücke.
»Es treffen Vermisstenmeldungen ein.«
»Das ist zwar schlimm, Malcolm, aber unvermeidlich. Wie viele?«
»Bisher sind es 16, Sir, und es sind keine Meldungen aus Sektionen mit Photonentreffern. Sir, in den Nachrichten heißt es, dass sie einfach verschwunden seien.«
»Verschwunden?« wiederholte der Captain und starrte verwirrt auf T'Pols leeren Platz. Das würde einiges erklären.
»Noch etwas, Sir.«
Die Hiobsbotschaften rissen einfach nicht ab.
»Was, Malcolm?«
»Es handelt sich bei den Vermissten ausschließlich um Frauen, Sir.«
»Was?!?« Er eilte zu T'Pols Station und überprüfte die Messungen. Es wurden Transporterrückstände auf allen Ebenen angezeigt.
»Brücke an Maschinenraum! Trip, sind die Frauen in deinem Team noch an Board?«
»Tucker hier…« Stille. Wenn es tatsächlich nur 16 Vermisste gab, dann hatten sie nicht alle weiblichen Besatzungsmitglieder verloren. »Ich kann grad zwei weibliche Offiziersanwärter nicht finden, eine haben wir schon als vermisst gemeldet. Aber der Rest arbeitet hier auf Hochtouren.«
»Trip, ich schicke dir den Datensatz runter, den wir beim Angriff aufgezeichnet haben. Ich möchte, dass ihr die Transportersignaturen analysiert. Wenn die hier noch einmal auf dem Schiff auftauchen, soll der taktische Alarm automatisch aktiviert werden.«
»John, wir haben hier gerade wirklich nicht die Zeit dazu! Kann das nicht T'Pol machen?«
»Nein, das kann sie nicht. Wir haben sie verloren… genau wie Hoshi und vierzehn weitere weibliche Crewmitglieder.«
Wieder Schweigen, während auf der Brücke immer noch die Funken sprühten.
»Verstanden. Wir geben unser Bestes. Tucker, Ende!«
Er kontrollierte noch einmal die Anzeigen auf T'Pols Station. Es trafen Schadensberichte im Sekundentakt ein. Darunter waren wieder mehrere Vermisstenmeldungen. Fassungslos fuhr er sich durch die Haare und ignorierte die Beule auf seinem Hinterkopf.
»Ist das Außenteam wieder an Bord?« fragte er.
»Gerade rübergebeamt worden, Sir. Der Tank ist in Frachtraum 2. Frachtraum 3 ist unzugänglich, und der Tank weist instabile Stellen auf«, berichtete Malcolm.
»Machen Sie die Reparatur des Tanks zur Priorität. Vielleicht kann uns der Aquarianer einige Informationen liefern. Travis, setzen Sie einen Kurs. Wir verfolgen sie. Egal, wo sie hingeflogen sind. Ich fürchte, wenn wir sie nicht schnell einholen, werden wir unsere Leute nie wiedersehen.«
»Sir, ich habe ein Problem…« verkündete Lt. Mayweather.
Archer fiel dazu nichts mehr ein. Leidgeprüft starrte er zu Travis' hinüber.
»Bis eben noch konnte ich noch Plasmarückstände messen, aber jetzt sind alle Spuren verwischt. Keine Plasmarückstände, nicht einmal die Waffensignaturen. Als wenn sie nie existiert hätten, Sir!«
»Malcolm, Sie haben die Brücke!« war alles, was sie als Reaktion des Captains hörten.


---


A/N:
Archer and the boys - alone in the dark :D

Sehr nette Anekdote beim Zusammen"kleben" der einzelnen Szenen:

Szene 1 - gerade das Ende geschrieben - endet so:
Das Licht fiel aus und Rauch vernebelte die Sicht. Die Notbeleuchtung flackerte und hüllte die Brücke in unheilvolles Rot.

Szene 2 - vor Jahren geschrieben - fängt so an:
Die Notbeleuchtung hüllte die Brücke in rotes Dämmerlicht. Der Rauch vernebelte ihnen die Sicht.

Schon witzig, welche Bilder und Eindrücke sich bei mir einbrennen beim schreiben...
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