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Fragmente

von rebelyell
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Sci-Fi / P18 / Gen
Jonathan Archer T'Pol
05.01.2015
05.03.2018
8
31.382
2
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Dieses Kapitel
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07.05.2015 2.293
 
04 - Misstrauen


Captain Archer sah über die Mündung der fremden Waffe hinweg in die entschlossenen, doch sehr jungen Augen eines schmächtigen Kindes.

Er nahm an, dass es sich um ein Kind handeln musste, denn von der Größe her reichte es ihm höchstens bis zur Brust.

Lange, schwarze, zerzauste Haare säumten ein dreckiges und abgemagertes Gesicht mit den Merkmalen eines Xindi Primaten. Die Kleidung war teilweise versenkt und durchlöchert. Sie war offensichtlich verletzt.

»Waffen fallen lassen!« Die zitternde Stimme quiekte und überschlug sich zum Ende des Satzes.

Archer schob sich durch den Spalt und hob beide Hände hoch. Er sah sich prüfend im Raum um. Es war dunkel, doch hier funktionierte mindestens ein Paneel mit der Notbeleuchtung. Füße scharrten über den Boden, und aus den Ecken drangen flüsternde und keuchende Stimmen. Es war stickig, aber nicht annähernd so feucht wie im Gang, aus dem er eben gekommen war.

Der Captain gab den zwei MACOs hinter ihm ein Zeichen, hereinzukommen und sich ebenfalls zu ergeben. Mit einer langsamen Bewegung beugte er sich vor und legte seine Phaserpistole vor seine Füße, den Halbling nicht aus den Augen lassend.

»Wir wollen euch nichts tun«, fing er an.

»Das haben die anderen vor euch auch gesagt!« unterbrach die kleine Xindi ihn forsch und deutete eine Kopfnicken an. Kurz darauf kamen zwei Gesalten aus einer der Ecken und durchsuchten die Eindringlinge.

»Wir sind eurem Notrufsignal gefolgt«, versuchte Archer sich zu rechtfertigen.

»Ja, sicher! Um uns auszurauben! Doch wir haben nichts mehr herzugeben! Es sei denn, ihr wollt uns an die Orions verkaufen. Aber da muss ich euch enttäuschen. Eher zerstör ich das Schiff, bevor man uns wieder zu Sklaven macht!« Mit jedem Wort wurde ihre Stimme schneller und dünner, doch der Griff um ihre Kanone nahm an Zuversicht zu.

Archers Augen gewöhnten sich allmählich an die schlechte Beleuchtung. In den Ecken kauerten mehrere Gestalten. Wie viele es waren, konnte er nicht einschätzen. Die dürren Halbwüchsigen, von denen sie durchsucht wurden, waren auch nicht viel größer als ihr piepsiger Anführer.

Die zwei gaben ihr ein Zeichen, dass sie keine weiteren Waffen finden konnten. Allerdings hatten sie die Kommunikatoren eingesammelt.

»Was ist das?« wollte das Xindi Mädchen wissen.

Es musste sich hierbei größtenteils um Kinder handeln. Also versuchte er, sie auf seine Seite zu ziehen. Alleine würden sie nicht mehr lange überleben können. »Da, wo ich herkomme, stellt man sich zuerst gegenseitig mit Namen vor, bevor man andere Fragen klärt. Mein Name ist Jonathan Archer. Ich bin Captain vom Raumschiff Enterprise. Und wir sind gekommen, um euch zu helfen. Das da sind unsere Kommunikatoren. Wenn wir uns nicht bald bei unserem Schiff melden, wird man Verstärkung schicken, um nach uns zu suchen.« In seinen Ohren klang es überzeugend, aber mit seiner Meinung stand er recht einsam da. Ihre Augen verengten sich zu misstrauischen Schlitzen. »Wie heißt du?« setzte er noch einmal an.

Sie zögerte.

Aus dem Dunkel drang eine ältere Stimme: »Vielleicht wollen sie uns wirklich helfen…«

»Halt dich da raus!« maulte die dürre Gestalt und ließ die drei Verdächtigen für einen Bruchteil einer Sekunde aus den Augen.

»Hör zu«, fing Captain Archer an und ließ sich auf ein Knie herab, um mit ihr auf Augenhöhe zu kommunizieren. Sie starrte ihn entsetzt an, doch er sprach unbeirrt weiter: »Wenn ich etwas Böses im Schilde geführt hätte, dann hätte ich den Moment eben dazu genutzt, um dich zu entwaffnen. Aber das habe ich nicht, oder? Also kannst du mir deinen Namen verraten, damit ich weiß, wie ich dich ansprechen soll?«

Sie senkte die Waffe ein Stück weit. »Mein Name ist Talaika. Das da drüben sind Dolnyas und Takk«, sagte sie schließlich und deutete mit einem Kopfnicken auf die zwei Halbstarken, die sie eben noch abgetastet hatten.

»Also gut, Talaika. Wir haben euren Notruf abgefangen. Kannst du mir sagen, wie das geschehen ist?« fragte er und hoffte inständig, ihr Vertrauen zu erlangen.

Die Waffe war immer noch auf ihn gerichtet. »Wir sind auf der Flucht.«


* * *



»Lieutenant, die Konsole hier scheint mit dem Hauptcomputer verbunden zu sein.«

Reed schaute dem Crewman über die Schulter. »Scannen Sie die Oberfläche und schicken Sie die Daten zu Lt. Sato. Sie soll eine Übersetzung anfertigen. Vielleicht können wir die Störfrequenz abschalten, die die Scanner der Enterprise abschirmen.«

Der Crewman nickte und machte sich sofort an die Arbeit.

Reeds Kommunikator ertönte.

»Reed hier, sprechen Sie.«

»Lt. Reed, ist etwas nicht in Ordnung?« meldete sich T'Pol von der Brücke aus.

»Nein, wir sind auf keine Schwierigkeiten gestoßen. Warum?«

»Der Captain reagiert nicht auf seinen Kommunikator«, informierte sie ihn.

»Wir haben uns in zwei Teams aufgeteilt. Ich werde mich gleich darum kümmern. Sie erhalten einige Daten, für die wir eine Übersetzung benötigen. Außerdem haben wir hier eine Fischkreatur, die nicht mehr lange zu leben hat. Vielleicht sollte sich Phlox bereithalten, wenn wir das Schiff gesichert haben. Ich melde mich, sobald ich den Captain erreicht habe. Reed, Ende.«

Die beiden Offiziere hatten aufmerksam mitgehört und warteten auf seine Befehle. »Schließen Sie die Arbeit an der Konsole ab, Davidson. Michaels, Sie sichern den Gang. Ich werde zurückgehen und nach dem anderen Team sehen.«

»Aye, Sir«, meldeten beide und widmeten sich sogleich ihren Aufgaben.

Sie mussten aufpassen, denn das Wasser aus den Tanks hatte sich über den Boden zu kleinen Fützen verteilt. Durch die vielen herunterhängenden Kabel war die Gefahr eines Stromschlages hoch. Die Schuhe ihrer Raumanzüge isolierten sie zwar ausreichend, aber keiner von ihnen wollte die Grenzen der Anzüge austesten.

Reed presste sich an die Wand mit dem Phaser im Anschlag. Die Gänge waren zwar leer, aber die Kabel und die immer wieder aufflammenden Stromfunken erzeugten genug Lärm, dass er nicht einmal seine eigenen Schritte hören konnte.

Der Weg war kurz. Er hatte schnell die Biegung erreicht, an der sie sich getrennt hatten.

Seine Schritte waren schnell und er blickte in alle Richtungen.

Keine Seele weit und breit.

Er ging weiter und kam bald einem halb geöffneten Schott näher. Stimmen aus der Richtung ließen ihn erstarren. Sie waren leise und er konnte nicht viel verstehen. Eine der Stimmen gehörte dem Captain. Die Wortfetzen reichten ihm aus, sich unbemerkt wieder zurückzuziehen.

Er schirmte seinen Kommunikator ab, damit das Aktivierungsgeräusch keine Aufmerksamkeit erregte. »Reed an Davidson.«

»Davidson hier, sprechen Sie, Sir«, tönte es aus dem kleinen Gerät.

»Wir haben hier ein kleines Problem. Der Captain und die MACOs sind gefangen genommen worden. Stellen Sie Ihre Arbeiten ein und kommen Sie sofort hierher.«



* * *



Auf der Brücke der Enterprise ging T'Pol vor dem Kommandostuhl auf und ab. Die Offiziere der Beta Schicht störte ihr Verhalten nicht. Sie hatten bisher ohnehin recht wenig mit der Vulkanierin zu tun gehabt.

Lt. Hoshi Sato allerdings fiel die Nervosität des ersten Offiziers sehrwohl auf. Hoshi vernachlässigte ihre Arbeit deswegen nicht, aber sie nahm sich vor, die Vulkanierin später einmal darauf anzusprechen. Die Sitten und Normen dieses Volkes waren ihr bekannt, deswegen kam sie nicht umhin, sich Sorgen zu machen. T'Pols Verhalten war durchaus merkwürdig, und wenn es schon Hoshi auffiel, dann steckte mit Sicherheit mehr dahinter. Es war vielleicht an der Zeit, der Vulkanierin zu zeigen, dass sie ein integriertes Mitglied der Mannschaft war. Eine Mannschaft unterstützte sich gegenseitig und hielt zusammen…

Ihre Konsole blinkte.

»Sub Commander? Wir erhalten die Daten von Ensign Davidson. Es sind Scans dabei von der Kreatur, die Lt. Reed erwähnte«, vermeldete sie.

T'Pol ging sofort auf ihre Station, um die Daten auszuwerten. »Es handelt sich um einen Aquarianer. Den Anzeigen zufolge, leidet er an akuter Mangelversorgung und schlechten Sauerstoffwerten. Ich sende die Auswertung an den Doktor. Sagen Sie ihm, dass er sich auf einen Ausseneinsatz vorbereiten soll«, orderte T'Pol an, während ihre Hände über die Knöpfe flogen.

»Aye, Ma'am« bestätigte Hoshi.


* * *



»Vor wem seid ihr auf der Flucht?« fragte Captain Archer die kleine Gruppe. Allerdings war er nicht sicher, ob das die richtige Frage war. Er war immer noch gewillt, diesen Leuten zu helfen, obwohl sie zu dem Volk gehörten, die seinen Planeten bedrohten.

Die abgemagerten und zerlumpten Kreaturen hier waren aber kaum mehr als Kinder, hilflos und schwach. Er konnte ein, zwei ältere Personen entdecken, die sich aber von ihm fernhielten und mit ihm nicht sprechen wollten. Dies waren nicht die Soldaten und Ingenieure, die die Erde zerstören wollten. Sie stellten keine Bedrohung dar, auch wenn sie mit einer Waffe auf seine Brust zielten.

»Warum sollte dich unsere Geschichte interessieren? Habt ihr nicht schon genug angerichtet?« fragte das dürre Mädchen, das sich als Talaika vorgestellt hatte.

»Weil wir gekommen sind, um zu helfen. Und auch wenn du mir nicht glauben magst, wirst du keine andere Möglichkeit haben, mir zu vertrauen. Euer Schiff ist antriebslos. Die Systeme sind defekt und eure Lebenserhaltungssysteme laufen auch nur noch auf Notstromaggregat. Wenn ihr euch nicht helfen lasst, ist das euer Todesurteil!« Captain Archer addressierte nicht nur Talaika. Er fing an, in dem beengten Raum im Kreis zu laufen, um jeden Einzelnen ins Gesicht zu blicken, auch wenn er sie nur erahnen konnte. »Ist es das, was ihr wollt? Hier auf diesem Friedhof auf den Tod zu warten?« Er kam vor Talaika wieder zum stehen. Sie richtete die Phaserpistole direkt zwischen seine Augen.

»Es ist immer noch besser, als mit euch mitzugehen!« rief sie erbost. Er wusste, dass es mit ihrer Geduld nicht mehr lange anhalten würde.

Einer der Kommunikatoren piepte nun schon zum fünften Mal. Wenn Archer den Ruf nicht bald erwiderte, würde T'Pol ein zweites Team losschicken.

Das Geräusch irritierte Talaika und die anderen sehr. »Ist das eine Bombe?« Sie hielt ihm den piependen kleinen Kasten ins Gesicht als wolle sie prüfen, ob er davor zurückweichte. »Oder willst du uns damit betäuben? Damit wir deinen Leuten zu Willen sind?!«

Er traute seinen Ohren nicht, und auch wenn sein Magen sich zu einem schweren Klumpen verschnürte, versuchte er ruhig zu bleiben. »Wie ich schon sagte, das ist ein Kommunikator. Meine Leute versuchen, mich zu erreichen. Wenn ich darauf nicht antworte, werden noch mehr Leute kommen und die Situation falsch einschätzen.«

»Du kannst mir nicht drohen, Primat!« spie sie voller Argwohn.

»Laika, er hat recht«, hörten sie eine leise Stimme aus den Schatten sprechen.

»Nana, du sollst dich doch ausruhen!« Ein sorgenvoller Ton mischte sich in Talaikas Stimme. Sie senkte die Waffe und wollte zuerst zu der Person eilen, dann besann sie sich wieder und zielte erneut auf Archers Kopf.

Die Füße schlurften über den vergitterten Boden. Ein Umhang verhüllte die magere und abgekämpfte Gestalt. Die Schultern stachen trotz der Lumpen kantig durch den Stoff. Den Rücken gebeugt, die Hände zittrig. Ihr Gesicht war eingefallen und die schwarzen Haare von silbernen Streifen durchkämmt. Doch ihre Augen waren schwarz und klar, und sie hatten einen Glanz, der vor Leben strotzte, auch wenn ihr Körper schon vor langer Zeit aufgegeben hatte.

»Laika, ich weiß, du meinst es gut«, sagte die alte Frau mit schwacher Stimme. Sie kam ganz langsam näher. Jeder Schritt wirkte wie eine unerträgliche Last. Sie stolperte. Sofort kam Talaika ihr zur Hilfe. »Lass den Mann helfen. Wir können so nicht weitermachen, und auch wenn mein Leben schon verbraucht ist, kannst du nicht das der anderen leichtfertig vergeuden.«

»Aber sie werden uns wieder zurückschicken!« flüsterte Talaika angespannt und trotzig.

»Dann soll es so sein. Wir haben den Kampf verloren. Aber du hast uns Hoffnung gegeben, mein Kind. Unsere Zeit ist vorüber.«

Das Mädchen ließ die Arme sinken.

»Du bist stark, meine kleine…« Der Übersetzer versagte und sie hörten nur eine Aneinanderreihung von seltsam rhythmischen Knacklauten. Sie legte dem Mädchen ihre knochigen Hände auf die schmächtigen Schultern und ging ihr durch das zerzauste dunkle Haar.

»Ihr Name war Archer, richtig?« wandte sich die alte Frau schließlich an den Captain.

»Ja, das stimmt«, sagte er und wusste die Szene nicht ganz einzuordnen.

Die Frau legte ihre Kapuze ab, damit sie ihn besser begutachten konnte. Eine silberne Halskrause schnürte sich um ihre Kehle. Es besaß LEDs, die asymetrisch blinkten.

Ein medizinisches Hilfsmittel?, fragte sich der Captain. In ihrem Alter war es vielleicht lebensnotwendig.

»Verzeihen Sie unserer kleinen…« Wieder hörten sie die knackenden Geräusche. »Wir haben zwar keinen Anführer, aber sie besitzt einen sehr ausgeprägten Beschützerinstinkt. Mein Name ist Arylanka.«

Sie schaute auf das Mädchen hinab und lächelte dabei.

»Was ist passiert?« wollte Archer wissen.

»Das ist eine sehr lange Geschichte. Ich würde es bevorzugen, wenn Sie erst Ihr Versprechen umsetzen. Wie Sie sehen können, geht es vielen von uns nicht sehr gut und wir leiden großen Hunger.«

Der Captain nickte und sagte schließlich mit erhobener Stimme: »Lieutenant Reed, Sie können reinkommen! Es ist alles in Ordnung!« Obwohl er sich dessen nicht ganz sicher war.



* * *



»Sub Commander, der Kommunikator des Captains wird aktiviert«, meldete Hoshi. Sie drückte den Verstärker in ihrem Ohr, so wie sie es immer tat, wenn sie ein Geräusch in den Wirren der Funksignale herausfiltern wollte.

»Stellen Sie es durch«, befahl T'Pol. Sie wirkte angestrengt und ihre vulkanische Fassade aufgesetzt. Hoshi senkte den Blick und schalt sich innerlich. Sicher bildete sie sich das seltsame Verhalten ihrer kommandierenden Offizierin nur ein.

»Archer an Enterprise.«

»Hier ist die Enterprise, sprechen Sie, Captain«, meldete T'Pol.

»Lieutenant Reed hat etwas von Übersetzungen erwähnt, ist das erledigt? Die könnten wir hier grade gebrauchen. Schicken Sie Trip und seine Leute rüber. Sagen Sie ihm, er soll sich auf ein paar größere Reparaturen einstellen. Außerdem brauche ich Phlox für eine erste Notversorgung. Wir haben hier mehrere verwundete Xindi.«

»Captain?« fragte sie. Obwohl sie es nicht zugeben würde, war sie genauso verwirrt wie jeder andere auf der Brücke, der mitgehört hatte.

»Es sind Kinder und Ältere… Wir sind gekommen, um zu helfen. Und ich habe mir vorgenommen, mein Vorhaben durchzusetzen. Schicken Sie uns die übersetzten Daten. Sobald wir die Störsender deaktiviert haben, beamen sie die Verstärkung rüber. Sagen Sie Phlox, dass er sich auf Verbrennungen und Unterernährung vorbereiten soll.«
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