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Fragmente

von rebelyell
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Sci-Fi / P18 / Gen
Jonathan Archer T'Pol
05.01.2015
05.03.2018
8
31.382
2
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
03.02.2015 4.164
 
03 - Gestrandet

 
 
 
 
Es war schon spät, doch den Filmabend wollte sich niemand entgehen lassen. Die Messe war gut gefüllt und fast alle Plätze bereits vergeben oder reserviert. Die Nachkömmlinge mussten entweder mit dem Boden Vorlieb nehmen oder sich den Film woanders anschauen. Hoshi war diesmal für die Verpflegung zuständig. Es gab sowohl süßes als auch salziges Popcorn und etwas, das sie recherchiert hatte. Es nannte sich Nachos und wurde mit einer gelben, salzigen Sauce serviert.
Hoshi war froh, wieder an Bord der Enterprise zu sein. Nach dem Zwischenfall mit der telepathischen Kreatur, welche Hoshi gefangen halten wollte, schien es ihr schwer zu fallen, wieder Vertrauen in ihre Umgebung zu fassen. Umso mehr Enthusiasmus legte sie in diese Filmvorführung.
T'Pol hatte noch nie den Drang verspürt, sich einen Film anzusehen - schon gar nicht mit einer so großen Gruppe. Sie verbrachte ihre Freizeit lieber allein und vor allem abgeschirmt von den Menschen. Es gefiel ihr gar nicht, dass man ihr keine andere Wahl ließ, und sie zu diesen Abenden regelmäßig nötigte.
Die Filmauswahl ließ auch jedes Mal zu wünschen übrig. Es stand außer Frage, dass Commander Tucker dafür verantwortlich war. Trip ließ daran auch keine Zweifel aufkommen, denn er amüsierte sich stets prächtig bei den Filmen - auch wenn die anderen Offiziere sich langweilten und die Messe zum Schluss mit langen Gesichtern verließen.
Doch seit kurzem entschied die ganze Mannschaft darüber, welcher Film gezeigt werden sollte. Jede Woche wurden drei Filme zur Auswahl gestellt und jeder konnte seine Stimme abgeben.
Es hinderte Commander Tucker trotzdem nicht daran, die Wahl zu beeinflussen oder zu manipulieren. Es wäre ja nur zum Vorteil der Mannschaft, sagte er immer dazu. Oder: Die anderen wüssten ja gar nicht, was ihnen entgehen würde bei diesem oder jenem Horrorfilm in schwarzweiß.
Der Film, der dieses Mal gewählt wurde, stand definitiv nicht auf Trips Wunschliste.
Er hieß '12 years a Slave' und war weit jünger als die Filme, die sonst an Kinoabenden gezeigt wurden. Kaum einer schien ihn jedoch zu kennen. Wie er von der Mehrheit gewählt werden konnte, erschien als allgemeines Mysterium. Obwohl auf die Auswahl bezogen, war es doch kein so großes Wunder. Bei den anderen zwei Filmen handelte es sich wieder um irgendwelche Horrorstreifen in schwarzweiß. Und mittlerweile ahnte jeder, wer diese Filme in die Auswahl buchsiert haben musste.
Als T'Pol die Messe betrat, verließen die meisten Nachzügler schon den Raum, weil sie keinen Platz mehr bekommen hatten. Sie schaute sich um. Eine Tasse in ihrer Hand. Die letzten Male hatte sie festgestellt, dass eine heiße Tasse Tee ihr bei der Konzentration half. Einmal hatte sie es gewagt, ein Datenpad mitzubringen und wurde dafür sofort gerügt. Die meisten Filme hatten ihr Interesse nur selten wecken können. Sie nutzte die Tasse Tee, um zeitweise zu meditieren. Den anderen fiel das sowieso nie auf.
»Sub Commander!«
Sie schaute von ihrem Tee auf. Trip wunk ihr von der dritten Reihe zu. Commander Tucker war ein Gewohnheitstier. Er suchte sich immer die gleichen Plätze aus. Die anderen hielten ihm sogar schon zwei Plätze frei, wenn er sich verspätete. Die Reihe war von den Ingenieuren besetzt. T'Pol brauchte nicht erst zu fragen. Die Leute standen sofort auf, um sie durchzulassen.
»12 years a slave, hm?« sagte er nachdem sie sich gesetzt hatte. »Naja, nicht meine Wahl. Nicht wirklich mein Thema und mit der Filmtechnik waren sie schon viel weiter. Aber mal schauen, wie der wird. Hat damals recht gute Kritiken bekommen.«
Smalltalk.
Sie klammerte sich an ihre Tasse.
Der Film würde zwei Stunden dauern. Ihre Meditation müsste bis dahin warten. Das würde eine sehr kurze Nacht werden. In Gedanken ging sie noch einmal ihren Plan für den nächsten Tag durch. Briefing um halb 8, Schichtbeginn um 8 Uhr. Zusätzlich wurden ihr zwei neue Offiziersanwärter zugeteilt, obwohl sie kein Offizierspatent mehr besaß. Offiziell betrachtet war sie Zivilistin und hätte eigentlich gar nichts auf der Brücke zu suchen. In den letzten Wochen hatte sie sich nicht nur einmal gefragt, ob das Oberkommando sie jemals wieder in ihrer alten Position akzeptieren würde. Ihr Rücktritt wurde mit Sicherheit nicht wohlwollend auf Vulkan aufgefasst. Aber das war die einzige logische Option. Die Enterprise brauchte einen fähigen Wissenschaftsoffizier. Davon gab es nicht genug in der Besatzung. Sie hatte die nötige Erfahrung. Der Captain und sie waren ein eingespieltes Team - mit Höhen und Tiefen.
T'Pol versuchte, sich nicht mit diesem Thema zu beschäftigen. Wenn sie lebend nach Vulkan zurückkehrte, würde man sie vor ein Tribunal stellen. So oder so betrachtet hatte sie keine Zukunft mehr in ihrer Heimat. Vielleicht würde die Sternenflotte sie eher begrüßen…
»Sub Commander?«
Sie zog die Augenbrauen skeptisch zusammen als sie Trips Hand auf ihrem Arm spürte. Instinktiv rückte sie von ihm ab.
»Haben Sie mir zugehört?«
»Tut mir leid, ich war etwas… in Gedanken«, erklärte sie.
»Sie wollen doch nicht etwa sagen, dass Sie zerstreut sind? Sollten wir etwa so deutlich auf Sie abfärben? Ich glaube, Sie haben zu viel Zeit mit uns Menschen verbracht, Sub Commander« meinte Trip und grinste. »Popcorn?«
Der salzige Geruch stach ihr in der Nase.
»Nein, Danke« lehnte sie ab. Noch eine Gewohnheit der Menschen, die sie sich angeeignet hatte. In ihrem ganzen Leben hatte sie sich nicht so oft bedankt oder entschuldigt wie in den letzten zwei Jahren auf der Enterprise.
Trip hielt ihr noch immer die Schüssel hin. Sie widerstand dem Drang ihre Nase zu rümpfen. Stattdessen klammerte sie sich mit beiden Händen an ihre Tasse. Was bei weitem viel unangenehmer roch, war die stark gewürzte Sauce, mit der einige ihre Nachos aßen. Der Geräuschpegel wurde durch das ständige Geknusper enorm angehoben und störte sie jetzt schon, obwohl der Film noch nicht einmal angefangen hatte.
»Kommen Sie schon! Sie haben das letzte Mal auch Popcorn gegessen… und zwar mit den Fingern! Ich hab es genau gesehen.«
Die anderen Crewmitglieder schauten bereits zu ihnen und tuschelten. Oder bildete sie es sich nur ein?
Die letzten Tage waren recht ruhig verlaufen, aber ihr Panikanfall auf der Seleya saß ihr noch frisch in den Knochen. Es machte sie nervös und sie konnte es nicht unterdrücken.
Dem Filmabend zuzusagen war eine schlechte Idee gewesen. Doch für einen Rückzug war es bereits zu spät.
Die Reihen waren voll besetzt. Auch an den Seiten saßen die Menschen auf dem Boden oder auf den Tischen, die für die Vorführung nach hinten und an die Wand geräumt wurden. Jetzt die Messe zu verlassen, würde unangenehm auffallen. Für ihren persönlichen Geschmack war sie in den letzten Tagen oft genug auffällig geworden. Die zwei Stunden würde sie auch überstehen.
Wie lange war es her, dass sie ihr nasales Betäubungsmittel genommen hatte? In der Vergangenheit hatte sie es immer seltener benötigt. Aber heute war einer der Tage, an denen ihr alles zu viel wurde.
Das Licht wurde gedimmt. Der Geräuschpegel sank sofort zu leisem Gemurmel und Geknabber.
»Der Film soll einen historischen Bezug auf die US-amerikanische Geschichte haben«, meinte Trip und stopfte sich eine handvoll Popcorn in den Mund. Auf ihren kühlen Seitenblick fügte er hinzu: »Sie können hier also etwas Wahres über die menschliche Geschichte erfahren.«
Sie bezweifelte, dass Trip die gleiche Filmzusammenfassung gelesen hatte wie sie. Denn wenn sie es richtig verstanden hatte, würde der Film kein gutes Licht auf die Geschichte der Menschheit werfen.
T'Pol hatte sich nicht so sehr mit der Geschichte Nordamerikas beschäftigt. Vielleicht würde der Film ihr Interesse diesbezüglich wecken.
Die erste Szene empfand sie schon in den ersten Sekunden als befremdlich. Ein Gutsbesitzer erklärte seinen Arbeitern, wie sie das Zuckerrohr abzuernten hatten. Er arbeitete sie ein. Soweit war das kein außergewöhnliches Ereignis. Aber es wurde schnell klar, wie sehr anders das Verhältnis von Gutsherrn und Arbeitern waren. Die Arbeiter waren Sklaven - wie der Titel schon besagte, und der Film verschönte die Situation um Nichts. Erzählt wurde die Geschichte von Solomon Northup, ein freier Mann und begnadeter Violinist. Das Einzige, was ihn von den anderen Amerikanern unterschied, war seine Hautfarbe. T'Pol verstand nicht, wieso ein äußeres Merkmal ausschlaggebend sein konnte für den sozialen Stand und die Intelligenz eines Individuums.
Die ersten Szenen waren eine Mischung aus Rückblenden, wie Solomon der List zweier Menschenhändler zum Opfer fiel.
Die Vulkanierin schaute sich dann und wann um, obwohl sie sicher war, wie die anderen den Film in sich aufnahmen. Die ersten Momente waren noch von leichter Stimmung und verwirrend und auch ein wenig nostalgisch ob der kunstvoll geschneiderten Kostüme, aber das änderte sich rasch. Der Unterschied zwischen weiß und farbig bestand nicht in der Hautfarbe allein. Die Menschen dunklerer Hautfarbe besaßen nichts, was auch nur im entferntesten Sinne mit dem menschlichen Grundrecht zu tun hatte, worauf Captain Archer immer zu bestehen pflegte. Ein Mensch ohne Rechte durfte besessen werden. Besitztum durfte käuflich erworben werden. Mit einem gekauften Produkt durfte umgegangen werden, wie es dem Besitzer gerade in den Sinn kam.
Diese Art von System war T'Pol nicht fremd. Sie hatte schon viele Planeten besucht, auf denen Sklaverei noch heute bestand. Meist handelte es sich um Sklaven eines eroberten Planeten, von dem sie verschleppt wurden, viel seltener traf sie auf ein Volk, das seine eigenen Leute versklavte. Die Sklaven, die sie auf anderen Planeten gesehen hatte, waren keine Arbeitskräfte in dem Sinne. Es handelte sich häufig um weibliche Individuen, die nur einen Zweck erfüllen sollten. Beide Gedanken verstörten T'Pol zutiefst.
Die leichte Stimmung war weggefegt, spätestens als die erste Prügelstrafe über den Bildschirm lief.
Sie musste sich krampfhaft an ihrer Tasse festhalten. Der Film veranschaulichte exemplarisch wie bestialisch die Menschheit sein konnte, auch zu ihren eigenen Leuten. Das waren die Eigenschaften, vor denen man sie besonders gewarnt hatte, während sie das Training auf Vulkan durchlief, das sie auf ihre Zeit auf der Erde vorbereiten sollte.
Der Film beruhte auf einer wahren Geschichte. Die Ereignisse lagen erst 300 Jahre zurück. Konnte sich das Bewusstsein eines Volkes in so kurzer Zeit dahingehend verändert haben, dass sie sich als eine Einheit betrachteten? Der letzte große Krieg auf der Erde lag gerade einmal 100 Jahre zurück und kostete 600 Millionen Menschen das Leben.
Entgegen ihren Erfahrungen auf der Enterprise, führte der Film ihr vor Augen, dass das Training auf Vulkan absolut notwendig war.
Alte Befürchtungen - sie hatte kein anderes Wort dafür - brachen wieder an ihre Oberfläche.
Schändung, Enteignung, Folter - Commander Tucker hatte Recht, sie lernte durchaus etwas über menschliche Geschichte. Die Sklaven wurden ausgepeitscht, bis ihnen das Fleisch von Rücken und Beinen in Fetzen hinunterhing.
Mittendrin entschied T'Pol, dass es für ihren eigenen Frieden am besten wäre, die Ereignisse mental auszublenden und zu meditieren.
Der Tee war mittlerweile kalt. Aber die Tasse war Gegenstand genug, um ihr Bewusstsein auf die Suche nach ihrem Ruheplatz zu schicken.


* * *


»Persönliches Logbuch, Captain Jonathan Archer, 19. Oktober 2153:
Wir sind dem Ziel unserer Mission hoffentlich ein Stückchen weiter gekommen.
Doch der Preis war hoch und beinahe hätten wir unsere Sprachspezialistin verloren. Lieutenant Sato ist für unsere Mission genauso unabdingbar, wie der Rest der Führungsoffiziere, wenn nicht noch ein Stück wichtiger als jeder andere von uns. Ohne ihr feines Gehör würde es viel länger dauern, fremde Sprachen zu kategorisieren und zu übersetzen.
Der Vorfall mit der Kreatur, Tarquin… ein Exilant und starker Telepath. Seine Rasse ist uns unbekannt. Weder in der vulkanischen, noch in der Xindi Datenbank ließ sich ein Eintrag finden. Wozu dieses Volk imstande ist, kann ich mir nur mit Grauen vorstellen. Wenn sie so fähige Telepathen hervorbringen, sind sie mit Vorsicht zu genießen.
Ich hatte Hoshi blind bei Tarquin gelassen, in der Hoffnung, sie könne bei ihm einige Informationen sammeln. Das hätte unsere Mission fast beendet. Wie stark seine Fähigkeiten sind, kann ich nur erahnen, aber es reichte aus, die Lebensfunktionen und die Warpenergie auf dem ganzen Schiff von der Planetenoberfläche aus zu deaktivieren.
Solche Zwischenfälle erinnern mich immer wieder daran, dass ich bei Erstkontakten unbedingt verhaltener agieren sollte. Bisher bin ich immer davon ausgegangen, es könne keine von Grund auf böswillige Kreatur da draußen geben.«
Er hielt kurz inne und lief in seinem Quartier auf und ab, den Wasserball dabei von einer Hand in die andere werfend.
»Vielleicht haben die Vulkanier recht gehabt, und wir sind einfach noch nicht bereit.«
Er blieb stehen und ließ den Ball gegen die Wand ticken. Es war nicht das erste Mal seit sie die Erde verlassen hatten, dass er an sich selbst und seinen Fähigkeiten als Captain zweifelte.
Plötzlich schirpte das Kommunikationssignal.
»Computer: Aufnahmestopp und letzten Satz löschen«, sagte er entschlossen und betätigte den Kommunikator über seinem Bett. »Archer hier.«
»Captain«, meldete sich Lieutenant Reed von der Brücke. »Wir empfangen ein Notrufsignal.«
»Von wem und wie weit ist es entfernt?« wollte der Captain wissen.
»Wir wissen nicht von wem genau. Es ist ein automatisiertes Signal. Die Entfernung beträgt ein halbes Lichtjahr. Die Kursänderung wäre minimal. Captain, die Kommunikationssignatur ist Xindi.«
Ein Hinterhalt vielleicht?, schrillte es durch Archers Kopf.
»Ändern Sie den Kurs, Lt. Reed. Ich bin unterwegs.«
Er rieb sich die müden Augen. Eigentlich hatte seine letzte Schicht erst vor zwei Stunden geendet. Die Meditationssitzung mit T'Pol war dieses Mal anstrengender als die letzten Tage. Doch er wollte es ihr gegenüber nicht zugeben. Er war ohnehin sicher, dass sie seine Unruhe spüren konnte.
Die Uniform war schnell wieder angelegt. »Schaut ganz danach aus, als müsste unser Spaziergang noch etwas warten.«
Porthos ließ den Kopf auf die Pfoten sinken und schien sich mit seinem Schicksal abgefunden zu haben.


* * *


»Lt. Reed, Bericht!«
Der Captain verlor nie Zeit mit belanglosem Geplänkel, wenn er die Brücke betrat.
Trotzdem nahm Lt. Reed auf der Stelle Haltung ein.
»Die Scanner orten ein kleines Schiff, minimale Bewaffnung. Für weitere Scans sind wir noch zu weit entfernt«, antwortete der Lieutenant und blickte starr geradeaus.
»Wann werden wir die Koordinaten erreichen?« hakte Captain Archer nach.
»Bei unserer derzeitigen Geschwindigkeit in sieben Stunden und achtundzwanzig Minuten, Sir.«
Die strikte Genauigkeit, die Malcolm stets an den Tag legte, ließ Captain Archer so manches Mal schmunzeln. Er bevorzugte einen eher legeren Stil, aber bei Malcolm würde er da ewig auf Granit beißen.
Er schaute auf den Kommunikationsposten. Dort saß Lt. Mantis. Erst war er etwas verwirrt, aber es war schließlich verständlich. Die Hundewache hatte gerade erst begonnen. Lt. Sato lag bestimmt schon im Tiefschlaf.
»Mantis, spielen Sie die Nachricht vor.«
»Aye, Sir«, sagte sie und ließ ihre kleinen Hände über die Konsole fliegen.
Es rauschte und knackte zunächst in den Lautsprechern. Trotz Übersetzer gab es nur wenige Sprachfetzen: »Erbitten Hilfe… Angriff… KCHNG… Beschäd… KRCH…«
Mantis schaute ihren Captain entschuldigend an: »Der Rest ist zu fragmentarisch und kann nicht übersetzt werden. Wir müssen näher ran, um den kompletten Notruf aufzufangen, Sir.«
Archer nickte ihr zu. Sieben Stunden waren eine lange Zeit, in der viel passieren konnte. Bis dahin brauchte er eine ausgeruhte Alpha-Schicht.
»Lt. Reed, wir gehen auf taktischen Alarm. Lassen Sie sich ablösen von Ihrer Beta-Schicht. Benachrichtigen Sie die übrigen Führungsoffiziere, dass sie in fünf Stunden antreten sollen.«
»Aye, Sir. Taktischer Alarm wird aktiviert.«
Im Lift rieb er sich die müden Augen. Das würde eine wirklich sehr kurze Nacht werden.


* * *


Ein wenig mehr als fünf Stunden später standen sie alle um die Einsatzkonsole herum.
Commander Tucker rieb sich das Gesicht. Dunkle Ringe zierten seine Augen, doch er gab sich größte Mühe aufmerksam zu sein. Erst der Filmabend, jetzt der frühe Schichtbeginn. Man konnte ihm vom Gesicht ablesen, dass er nicht gerade glücklich war über den Start in den Tag.
»Bericht!« rief Captain Archer als er mit Sub Commander T'Pol aus seinem Besprechungsraum kam.
»Wir konnten einen kompletten Aussenscan durchführen. Es handelt sich um einen leicht bewaffneten Frachter. Wir haben einen Eintrag dazu in der Xindi Datenbank finden können. Laut Informationen sind Schiffe dieser Klasse eigentlich unbewaffnet. An diesem hier wurden Modifikationen durchgeführt. Ihr Antrieb ist beschädigt. Die Waffen müssten außer Betrieb sein. Allerdings könnte das auch ein Hinterhalt sein. Wenn die schon einen unbewaffneten Frachter aufrüsten, könnte es sich hierbei um Schmuggler oder andere schräge Gestalten handeln, denen nicht zu trauen ist.«
Reeds Einschätzung schien allgemeine Zustimmung zu finden. Nur nicht bei Captain Archer.
»Wie viele Lebenszeichen?« fragte dieser.
Sein erster Offizier betätigte ein paar Schaltflächen auf der großen Einsatzkonsole in der Mitte des Raumes. »Unsere Scanner sind zu schwach, wir empfangen nur ein Signal, das sich über das ganze Schiff erstreckt. Es muss sich um ein Störsignal handeln«, sagte T'Pol mit hochgezogener Augenbraue.
Der Captain nickte die Information nachdenklich ab. Das konnte nichts Gutes heißen.
»Reagieren Sie auf unsere Rufe?« fragte er Hoshi.
»Nur das automatische Notsignal. Vielleicht sind ihre Kommunikationskonsolen defekt, Sir«, antwortete Hoshi und rieb sich den Restschlaf aus den Augen.
Er wandte sich an Lt. Reed. »Stellen Sie ein Team aus MACOs und Ihren Leuten zusammen. Wir werden sehen, was es damit auf sich hat. Sub Commander, scannen Sie den Bereich auf Anomalien. Ich möchte da drüben keine Überraschung erleben.«
T'Pol stellte sich ihm in den Weg, als er dabei war, den Kommandobereich zu verlassen. »Captain, ich gebe zu bedenken, dass Sie sich eventuell in eine Falle begeben. Sie sollten zur Sicherheit jemand anderen schicken, der die Lage untersucht und einschätzt.« Sie sagte dies mit ihrer typisch sturen Bestimmtheit, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.
Er musterte sie eingehend. Die Rede kannte er schon in dieser oder leicht abgeänderter Form fast auswendig. Sie stellte seinen Forscher- und Helferdrang immer wieder in Frage. »Ich nehme Ihre Einwände zur Kenntnis, Sub Commander.« Mehr sagte er nicht. Stattdessen ging er an ihr vorbei. Sie wusste ohnehin, dass er sich von seinem Vorhaben nicht abbringen ließ.
»Captain, Sie könnten mit massiven Umweltumstellungen und -problemen zu rechnen haben. Ich schlage vor, dass ich Sie begleite. Wie unsere Technik beweist, kann ich keine wissenschaftlichen Scans von der Brücke aus durchführen.«
Der Captain drehte sich zu ihr um, sich der Blicke der anderen Führungsoffiziere sehr wohl bewusst. Beiläufig nickte er den anderen zu. Ein unmissverständliches Signal zum Wegtreten.
Als er sich seinem ersten Offizier zuwandte, sprach er eindringlich und gedämpft: »Ich weiß Ihre Sorge zu schätzen, Sub Commander. Ich untergrabe weder Ihre Fähigkeiten, noch Ihre Erfahrungen, falls Sie sich zurückversetzt fühlen sollten. Nein, lassen Sie mich ausreden. Ich brauche Sie hier auf der Brücke, für den Fall, dass etwas schief gehen sollte. Habe ich mich verständlich genug ausgedrückt?«
Sie starrten sich gegenseitig an. Er konnte sehen, wie sein Vorhaben bei ihr auf Widerstand stieß. Die anderen Offiziere hatten sich längst an ihre Auseinandersetzungen gewöhnt. T'Pol stellte seine Handlungen immer wieder in Frage. Es würde ihn sogar misstrauisch machen, wenn sie seine Befehle bedenkenlos ausführen sollte.
»Sehr deutlich, Captain«, sagte sie schließlich und zog sich zurück.
Doch er wusste, dass die Diskussion noch nicht abgehakt war.


* * *


Die Fähre konnte nicht direkt andocken. Als sie den Frachter das erste Mal auf dem Bildschirm sehen konnten, war es fraglich, ob sie dort überhaupt noch Überlebende vorfinden würden.
Die Antriebsgondeln flackerten unwillkürlich auf. Die Hüllenpanzerung des kleinen Schiffes wies so viele kleine Löcher auf, dass die Atmosphäre darin ungehindert ausgetreten war.
Lieutenant Mayweather steuerte die Fähre, während Malcolm nach einem geeigneten Andockpunkt suchte, an dem sie sich durch die Hülle bohren würden.
»Bei 2.38-102, Lieutenant«, meldete Lt. Reed.
»Aye, Sir.«
Die Fähre ruckelte als die Standfüße unsanft über die Hülle schrammten und das Gefährt schließlich zum Stehen kam. »'Tschuldigung!« rief Mayweather, aber da war die Landung schon kein Thema mehr.
»Stellen Sie ihre Phaserpistolen auf Betäubung«, ordnete der Captain an. »Wir teilen uns in zwei Teams auf. Laut Scan gibt es hier einen Gang, der sich teilt. Lt. Reed, Sie und Ihr Team gehen nach rechts. Halten Sie Ausschau nach Überlebenden und scannen Sie die Ermitterspuren. Ich möchte nicht, dass Sie von denen überrascht werden, die den Frachter angegriffen haben. Vielleicht befinden sie sich noch an Bord. Der Rest kommt mit mir. Lt. Mayweather, Sie sind unser Rückfahrticket, sollte es da drüben zu heiß werden. Halten Sie Kontakt zu uns, sollten Sie etwas ungewöhnliches entdecken.«
Das Außenteam bestand aus sechs Leuten, Mayweather ausgenommen. Die Fähre war mit anderen Worten schon fast überfüllt.
»Sir?« meldete sich Reed zu Wort. Captain Archer wusste sofort, dass sein Sicherheitschef widersprechen wollte.
Neben Reed und zwei Leuten aus seinem Sicherheitsteam, befanden sich noch Major Hayes und einer seiner MACOs darunter. Er zeigte es nicht offen, aber Archer wusste, dass Malcolm ein Hierarchieproblem sah mit den MACOs an Bord.
»Gibt es ein Problem, Mister Reed?« Archers Augen verengten sich zu dunklen Schatten. Ein Blick, der auf jeden einschüchternd wirkte. Malcolm hielt dem Blick nicht lange stand.
»Nein, Sir«, gab er sich schließlich geschlagen und setzte seinen Helm auf.
Sie gingen gemeinsam ihre Sicherheitschecks durch bevor sie das Shuttle durch die Schleuse im Boden verließen. Der Ansaugschacht schottete sie von dem Vakuum ab. Mit geübten Handgriffen hatte das MACO Team eine Öffnung durch die Hülle geschweißt.


* * *


Es war dunkel in dem Gang vor ihnen. Kabel und Schaltflächen hingen aus den Wänden und von den Decken. Überall herrschte eine schleimige Feuchtigkeit, die ihre Displays beschlagen ließ.
Die Einsatzgruppe schlich geduckt durch den Gang. Mit den Waffen im Anschlag alle Richtungen abgesichert, selbst die Decke behielten sie im Auge. Seit den ersten Vorfällen mit den Suliban konnte niemand sicher sein, ob über ihren Köpfen nicht irgendjemand entlang krabbelte.
Die Wände waren mit einem grünen Schleim übersät, wo sie noch nicht zu rosten angefangen hatten. Die Feuchtigkeit musste den langsamen Verfall verursacht haben.
Lt. Reed führte einige Messungen durch. »Die Luft besteht zu 70% aus einem Sauerstoff-Stickstoff Gemisch. Sie ist atembar.«
Auf ein Zeichen des Captains öffneten alle den Verschluss ihres Helms und klappten das Visier zurück.
Sie erreichten das Ende des Ganges, der sich in zwei Richtungen gabelte.
»Die Scanner zeigen mehrere Lebenszeichen an. Aber ihre Signaturen stimmen nicht überein«, berichtete ein Crewman aus Reeds Team.
»Was bedeutet das?« fragte Major Hayes und ließ beide Gänge nicht aus den Augen.
»Das bedeutet, dass wir sehr bald nicht mehr allein sein werden«, antwortete der Captain schlicht und gab Malcolm das Signal, die zweite Gruppe in die andere Richtung zu führen.
Die Luft war heiß und stickig. Wer auch immer das Notrufsignal aktiviert hatte, würde schon bald nicht mehr ohne fremde Hilfe überleben können. Das stand jedenfalls fest.
»Enterprise an Captain Archer« hörten sie T'Pol über den Kommunikationskanal.
»Archer hier, sprechen Sie, Sub Commander«, erwiderte Archer.
»Wir haben die Waffensignaturen entschlüsseln können, mit denen der Frachter übersät ist. Es handelt sich um eine spezielle Signatur der Xindi Insektoiden, die nur bei einer Schiffsart in der Datenbank aufgeführt wird: Einem schweren Kriegskreuzer. Die Berechnungen ergeben, dass sich der Angriff vor ca. 56 Stunden ereignet haben muss. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass sie zurückkommen werden, um zu beenden, was sie angefangen haben.«
»Verstanden. Halten Sie die Stellung und geben Sie Bescheid, sollte sich uns jemand nähern. Archer Ende.« Er klappte seinen Kommunikator zu und wandte sich an die übrigen: »Sie haben es gehört. Nehmen Sie jeden fest, dem Sie begegnen. Phaser auf Betäubung. Wenn das hier wirklich der Frachter eines Schmugglers war, befindet sich bestimmt der eine oder andere an Bord, den wir zum singen bringen können.«
Sie verteilten sich daraufhin wie abgesprochen.
Major Hayes stieß zu Archer auf. »Wir sollten unseren Weg markieren, Sir. Für den Fall, dass wir uns schnell zurückziehen müssen.«
Captain Archer nickte nur. Auf ein Handzeichen Hayes' zückte der Soldat hinter ihnen eine handliche Sprühdose vom Gürtel und markierte die Wände mit Pfeilen und Zahlen in leuchtend gelber Farbe.
Der Gang war leer. Bis auf ein paar defekte Schalttafeln und den zerstörten Abdeckungen. Der Gang war übersät mit Einschusslöchern und Brandflecken durch Phaserkanonen hier und da.
Der Weg war von einem abgedichteten Schott versperrt. Jemand hatte den Schaltmechanismus zerschossen. Hayes suchte nach der manuellen Entriegelung, während der andere MACO Rückendeckung gab.
Archers Kommunikator piepte.
»Archer hier.«
»Captain«, meldete sich Reed am anderen Ende. »Wir haben hier mehrere zerstörte Wassertanks gefunden mit irgendwelchen fischartigen Kreaturen.«
»Zerstört?«
»Das Glas der Tanks ist zerschossen. Ich fürchte, sie sind alle erstickt.«
»Wie viele?«
»Drei… Nein, warten Sie, Sir… Es sind vier. Wir haben einen intakten Tank gefunden. Die Fischkreatur lebt noch, ist aber lethargisch, Sir.«
Gerade in dem Moment hatte Hayes die manuelle Öffnung für das Schott gefunden. Der Captain gab ihm ein Zeichen, das Schott zu öffnen. Er zog an dem Hebel mit aller Kraft. Doch das einzige, was sie zu hören bekamen, war ein lautes Knacken und Quietschen. Der Hebel bog sich unter der Krafteinwirkung des Majors. Das Schott bewegte sich jedoch keinen Deut.
»Versuchen Sie, das Wesen am leben zu erhalten und halten Sie weiter Ausschau. Wir kommen sobald wir den Gang gesichert haben.«
»Verstanden, Sir.«
»Archer Ende.«
Die Türen schoben sich ächzend einen Spalt weit auseinander. Alle drei zerrten gleichzeitig daran. Die Luft, die dahinter entwich war noch viel wärmer und die Feuchtigkeit trieb ihnen den Schweiß auf die Stirn. Es war ein großer Kraftaufwand nötig, um den Spalt zu vergrößern, so dass sie einzeln durch die Öffnung passten. Irgend etwas musste den Mechanismus blockieren.
Als Archer prüfend seinen Kopf durch die Öffnung schob, sah er sich mit einer zittrigen Waffe konfrontiert.
»Stehen bleiben!«
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