Salz & Pfeffer

GeschichteDrama, Freundschaft / P16
Felix Brummer / Kummer
03.01.2015
18.02.2015
14
28371
3
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
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Titel: Salz & Pfeffer
Rating: P16
Länge: 13 Kapitel + Epilog
Disclaimer: Die Figuren der Band Kraftklub gehören nicht mir, die restlichen Figuren sind frei erfunden. Ich verdiene kein Geld hiermit!

Inhalt:
In dem Moment, in dem Felix feststellt, dass er mit seinem aktuellen Leben nicht ganz glücklich ist, trifft er auf jemanden, der nicht weiß, wer er ist und ihn trotzdem zu verstehen scheint.

A/N
Liebe Leser/innen,
willkommen zu meiner neuen Geschichte, die diesmal etwas länger sein wird. Ich bin noch nicht fertig, aber voraussichtlich wird es 13 Kapitel geben und einen Epilog. Ich werde versuchen, ein bis zwei Mal pro Woche ein neues Kapitel hochzuladen.
Jetzt erst einmal viel Spaß beim ersten Kapitel. Ich bin gespannt, wie sie euch gefällt und freue mich über Anregungen, Lob oder Kritik in den Reviews. Und natürlich über Favo-Einträge oder Empfehlungen, ach über alles :-)
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Ich betrachtete mich im Spiegel. Ein ungewohnter Anblick – Felix Brummer im Anzug, wann hatte es das zuletzt gegeben? Ich konnte mich nicht erinnern. Das war vielleicht auch der Grund, aus dem ich vor der Abfahrt nach Leipzig panisch eine halbe Stunde nach diesem Anzug gesucht hatte, bis ich ihn endlich in der allerletzten Ecke meines Kleiderschranks wiedergefunden hatte. Gerade gab ich meinem Krawattenknoten den letzten Schliff und musterte ihn dann noch einmal kritisch. Nun ja, das hatte schon einmal besser ausgesehen. Ich musste unbedingt noch einmal meinen Opa fragen, wie man gute Krawattenknoten bindet. Oder besser noch meine Oma, denn die band Opa immer die Krawatten. Bloß war ich gerade in Leipzig und meine Oma in Chemnitz, deshalb musste es auch so gehen.

Ich wandte mich vom Spiegel ab und ließ den Blick durchs Hotelzimmer schweifen. Hatte ich auch nichts vergessen? Ich packte mein Portmonee, mein Handy und eine Packung Taschentücher in die Jacke des Anzuges, nahm dann den Zimmerschlüssel an mich und verließ das Zimmer. Unten in der Lobby wollte ich mich mit Till treffen und wir würden gemeinsam zur Hochzeit unseres Schulfreundes Patrick ganz in der Nähe fahren.

Während der Fahrt zu dem kleinen Herrenhaus, in dem die Feier stattfinden sollte, schwiegen Till und ich uns an. Wir hingen wohl beide einfach unseren Gedanken nach. Ich dachte daran, wann ich Patrick zuletzt gesehen hatte. Es musste ziemlich genau vor zwei Jahren gewesen sein, bei unserem Konzert im Haus Auensee, für das ich ihm Karten und einen Backstagepass geschickt hatte. Auch für die Konzerte davor hatte ich ihm schon Karten geschickt, aber er hatte keine Zeit gehabt. Ein Mal war er im Urlaub gewesen und das andere Mal auf einer mehrtägigen Exkursion von der Uni. Auch das letzte Mal hatte er erst ganz spontan entscheiden können, zu kommen, denn seine Verlobte, die damals noch seine Freundin war, war wegen eines Trauerfalls in der Familie unterwegs, allerdings ohne ihn. So war er allein vorbeigekommen und ich würde seine Frau tatsächlich das erste Mal bei der Hochzeit sehen. Ich fragte mich, was passiert war. Wir, Patrick, Till und ich, waren unsere ganze Schulzeit hindurch die besten Freunde gewesen und hatten alles zusammen gemacht. Aber dann war Patrick zum Studium nach Leipzig gezogen und die Sache mit der Band plötzlich so explodiert, dass ich nun feststellen musste, meinen eigentlich besten Freund seit dem Abitur bloß ein einziges Mal gesehen zu haben. Natürlich schrieben wir öfter miteinander, aber das war etwas anderes. Ich schämte mich. Dass er Till und mich überhaupt eingeladen hatte, grenzte an ein Wunder. Ein beinahe noch größeres Wunder war allerdings, dass er dafür ausgerechnet das Datum zwei Tage vor unserem Tourbeginn und die Stadt unseres ersten Konzerts gewählt hatte, sodass wir tatsächlich dabei sein konnten.

So in meine Gedanken versunken merkte ich gar nicht, dass wir längst auf dem Parkplatz standen und sah erst auf, als Till mich anstieß und fragte „Kommst du jetzt oder was?“. Etwas verwirrt stieg ich aus und überprüfte mein Aussehen noch ein letztes Mal im glänzenden Lack des Wagens neben unserem, bevor ich mich mit Till auf den Weg in das herrschaftlich wirkende Gebäude begab, in dem die meisten Gäste offenbar schon angekommen waren. Bereits kurz hinter der Eingangstür begann eine Schlange aus Gratulanten, die alle das glückliche Hochzeitspaar am anderen Ende des Raumes beglückwünschen wollten. Die Trauung war bereits vorbei, die meisten Gäste waren erst zur Feier eingeladen. Till und ich reihten uns in die Menge ein und rückten langsam näher. Der Raum war groß, quadratisch und von der Decke hing ein riesiger Kronleuchter. In der Ecke rechts vor mir stand ein DJ-Pult, hier würde wohl nachher die eigentliche Party stattfinden. Hinter der Stelle, an der ich das Brautpaar erahnen konnte, konnte ich durch eine Reihe von großen Bogenfenstern auf eine Terrasse und einen Garten sehen. Rechts und links befand sich je eine große Flügeltür, die in weitere Räume führte. Alle, die bereits gratuliert hatten, gingen durch die Tür rechts, dort war vermutlich das Buffet aufgebaut. Kurz bevor wir auch endlich gratulieren durften, erhaschte ich endlich den ersten Blick auf die Braut Elisa, die ich bislang nur von Facebook-Fotos kannte. Sie sah phantastisch aus in ihrem langen weißen Kleid und mit der aufwändigen Hochsteckfrisur, das konnte man nicht anders sagen. Außerdem strahlte sie alle Gäste mit einem warmen Lächeln an, sie wirkte wirklich sympathisch. Zumindest auf den ersten Blick schien Patrick nicht zu viel versprochen zu haben mit seinen Schwärmereien für sie.

Als wir dran waren, gratulierte ich Elisa herzlich, umarmte sie und flüsterte ihr währenddessen schnell zu „Hi, ich bin Felix, ein Schulfreund von Patrick.“ Als wir uns wieder voneinander lösten, strahlte sie mich an, wie bereits die anderen, und erwiderte „Schön, dich endlich kennenzulernen.“, bevor sie sich mit Till dem nächsten Gratulanten zuwendete. Das bekam ich aber schon nicht mehr mit, denn jetzt hatte Patrick mich natürlich gesehen, mich erst kurz ungläubig angestarrt und mich bereits in eine Begrüßungsumarmung gezogen. „Felix! Ich fasse es nicht, dass ihr tatsächlich hier seid. Wow, danke fürs Kommen.“ waren seine ersten Worte und auch er strahlte mich an. „Alter, eigentlich sollte ich dir für die Einladung danken und nicht du mir fürs Kommen. War doch klar, dass wir kommen, immerhin heiratest du!“ Bei diesem kurzen Austausch musste es allerdings vorerst bleiben, denn die Schlange hinter mir wurde noch immer stetig länger und ich wollte natürlich nicht den ganzen Betrieb aufhalten. Also verabschiedete ich mich mit einem „Wir sehen uns später.“, wartete auf Till und wir gingen gemeinsam zum Buffet.

Nach dem Essen begann das Brautpaar mit dem ersten Tanz des Abends und eröffnete danach die eigentliche Feier. Es wurde getanzt, getrunken und gefeiert bis in die Nacht. Gegen Mitternacht verließ ich nach den letzen, doch etwas anstrengenden, Stunden das Gebäude und betrat die Terrasse. Es war zwar bereits der 8. Oktober, dennoch war es eine recht milde Nacht und das Wetter gut, sodass sich auch einige Gäste auf der Terrasse fanden, die rauchten oder sich unterhielten, wofür es drinnen bei der Musik mittlerweile zu laut war.

Ich blickte mich um und stellte fest, dass auch der angrenzende Garten für die Hochzeit dekoriert worden war, überall lagen beleuchtete Kugeln im Gras und einige Hollywoodschaukeln waren aufgestellt worden. Mit einer Flasche Bier in der Hand schlenderte ich durch den Garten, entfernte mich schließlich von einem der Kieswege und ließ mich auf einer Hollywoodschaukel nieder, die umringt von Beeten und Büschen von der Terrasse aus nicht zu sehen war. Plötzlich hatte ich das Bedürfnis, allein zu sein. In den letzten Stunden hatte ich das Gefühl noch weggetanzt, das immer mal wieder, heute aber ganz besonders stark, in mir aufstieg. Patrick heiratete. Er hatte die letzten fünf Jahre damit verbracht zu studieren, mit seiner Freundin zusammenzuziehen, einen Job in einem Beratungsunternehmen anzufangen, sich zu verloben und jetzt zu heiraten. Was hatte ich währenddessen gemacht? Ich war auf der Suche nach Ruhm durch Deutschland, Österreich und die Schweiz gereist, hatte mit einigen Groupies geschlafen, Interviews gegeben und in Backstagebereiche gekotzt, außerdem alle Versuche einer ernsthaften Beziehung weit von mir weg geschoben, weil sie mit der Band ohnehin nicht zu vereinbaren waren. Während Patrick die Liebe seines Lebens gefunden hatte. Ich hatte mich im Laufe des Abends mit ihm unterhalten und tatsächlich einen ruhigen Moment erwischt. Er hatte mir erzählt, wie glücklich er mit seinem Leben war. Dass er nie daran geglaubt hatte, aber dass er tatsächlich jeden Morgen froh darüber war, neben Elisa aufzuwachen. Dass er seine Wohnung liebte und seinen Job. Irgendwas schien ich falsch zu machen und Patrick richtig. Denn, und diese Erkenntnis traf mich in diesem Moment wie ein Schlag, er war glücklich und ich nicht.

Dabei war es doch immer mein Traum gewesen, genau dieses Leben zu führen. Und jetzt, wo ich meinen Traum lebte, störte mich irgendetwas daran und ich konnte noch nicht einmal genau sagen, was. Meinen Bruder hingegen schien seine Rolle als Promi oder zumindest als Person des öffentlichen Lebens nicht im Geringsten zu stören. Ihn hatte ich das letzte Mal beim Wett-Trinken mit dem Brautvater gesehen und er wirkte alles andere als deprimiert. Nun, ich hatte beim Tanzen hoffentlich auch nicht deprimiert gewirkt, aber Till schien solche schwachen Momente auch sonst nicht zu haben, ich hingegen hatte diese Gedanken nicht zum ersten Mal. Und heute, wohl ausgelöst durch das besondere Event, wurde mir erstmals wirklich deutlich, dass sich am besten sofort etwas gewaltig ändern musste, damit ich auf Dauer glücklich werden konnte mit mir und der Band. Aber dazu, mir zu überlegen, was sich ändern sollte, kam ich nicht, denn ich wurde in meinen Gedanken unterbrochen.

„Hochzeiten sind deprimierend, was?“ sprach mich eine unbekannte Stimme aus einiger Entfernung an. Ich blickte auf und sah mich um, im diffusen Dämmerlicht, das die entfernten Laternen gerade noch bis in diese abgelegene Ecke des Gartens spendeten. Etwas unbeholfen stakste ein Mädchen auf mich zu, vermutlich trug sie hohe Absätze und rutschte im feuchten Gras. Sie war groß, trug ein kurzes dunkles Kleid und hatte offenbar einen Sekt in der Hand, der Form des Glases nach zu urteilen. Mehr konnte ich nicht erkennen, es war wirklich ziemlich dunkel. „Das kannst du laut sagen.“ antwortete ich ihr und fügte hinzu „Was deprimiert dich so?“ Sie kam weiter auf mich zu und setzte sich neben mich auf die Hollywoodschaukel, schlug ihre Beine übereinander und begann, uns ein wenig anzuschaukeln. „Ach, ich weiß auch nicht. Ich hab mit Elisa Abi gemacht und jetzt, vier Jahre später, heiratet sie, hat einen Job, eine Wohnung mit ihrem Mann und irgendwie alles, während ich an meinen Bachelor noch einen Master drangehängt habe, alleine in einer winzigen Wohnung wohne und vermutlich trotz meines Masterabschlusses am Ende keinen Job haben werde. Hochzeiten bringen einen irgendwie zum Nachdenken darüber, was die anderen geschafft haben und man selbst nicht.“ beendete sie geistesabwesend ihren kurzen Monolog. „Witzig, genau darüber habe ich auch gerade nachgedacht. Was studierst du denn?“ „Ach, ich studiere Afrikawissenschaften an der HU Berlin. Ich werde bald fertig und frag mich jetzt bloß nicht, was ich damit später machen will, das weiß ich nämlich selbst nicht.“ „Okay, dann frage ich was anderes. Was macht man denn in den Afrikawissenschaften so? Ich kann mir da nicht viel drunter vorstellen.“ Sie überlegte einen Moment, bevor sie schließlich antwortete „Hm, also man kann viel erforschen, ich beschäftige mich meistens mit Postkolonialismus.“

Ich wartete auf eine Erklärung dieses Begriffs, aber es kam keine. Super, jetzt war ich nicht nur unzufrieden mit meinem Leben, sondern kam mir auch noch wie ein Idiot vor, weil ich nachfragen musste. „Mit Post-was?“ „Oh Gott, entschuldige.“ Sie schien leicht peinlich berührt. „Ich habe in Berlin meistens mit Kommilitonen zu tun, da vergesse ich manchmal, dass mit solchen Begriffen längst nicht jeder was anfangen kann. Also die Grundthese des Postkolonialismus ist, dass die Kolonialzeit noch bis heute Effekte hat, obwohl es ja offiziell schon längst keine Kolonien mehr gibt. Man untersucht also, inwiefern Länder, die mal eine Kolonie waren, bis heute noch davon negativ beeinflusst werden, das kann man in verschiedenen Bereichen sehen, in der Politik, in der Wirtschaft, eigentlich fast überall.“ „Wow, das klingt total interessant.“ war alles, was ich herausbrachte, bevor ich in Schweigen verfiel und hoffte, dass ich nicht ironisch geklungen hatte. Andere Menschen untersuchten Phänomene, die offensichtlich global relevant waren und über die ich noch nicht einmal im Entferntesten nachgedacht hatte, während ich – ach ja – in Backstagebereiche kotzte. Ich musste zugeben, dass mich das beeindruckte. Und dazu führte, dass ich mich selbst in einem noch schlechteren Licht sah als vor zehn Minuten schon.

Sie schien es nicht bemerkt zu haben. „Was machst du denn so?“ Tja, was sollte ich ihr darauf antworten? Soweit ich wusste, hatte Patrick aus meinem Status als Kraftklub-Mitglied nie eine große Sache gemacht, die meisten seiner Freunde wussten es nicht einmal und das fand ich auch gut so. Da sie mich auch nicht erkannt zu haben schien, entschied ich, dass sie es auch nicht zu wissen brachte, denn im Moment nervte mich der zeitweise Rummel um meine Person mehr, als ich sogar vor mir selbst zugeben wollte. „Ach naja, ich schlag mich so durch, bin viel unterwegs, mache mal hier und mal da was, immer was anderes“ druckste ich etwas herum. „Okay, du willst nicht drüber reden.“ stellte sie fest und ich hörte das Lächeln in ihrer Stimme. „Dann lass ich dich jetzt mal wieder mit deinen Gedanken allein“ Sie stand auf und ging zurück in Richtung Terrasse. Ich wollte ihr gerade noch hinterherrufen, dass sie ruhig bleiben könnte, aber genau in diesem Moment kam Patrick auf mich zu. „Mann Felix, ich hab dich schon ewig gesucht. Willst du deinen Bruder vielleicht mal ins Hotel fahren? Ich würde sagen, der hat im Wett-Trinken verloren.“ grinste er. Ich seufzte und stand auf. „Ja okay, ich komm dann nochmal wieder, ist ja nicht weit und die Party ist ja noch nicht vorbei, oder?“ Wir waren bereits auf dem Weg zurück zum Haus, das Mädchen von eben schien aber schon verschwunden. „Woher kennst du Maike?“ fragte Patrick, als er bemerkte, wie ich mich suchend umsah. „Maike? Ist das die, die eben neben mir saß? Ich kenne sie nicht, wir haben uns bloß ein bisschen unterhalten.“ „Und dann habt ihr euch nicht einander vorgestellt?“ lachte Patrick. „Ne, das müssen wir irgendwie vergessen haben.“

Ich warf mir Till über die Schulter, der schon nicht mehr ganz bei sich schien vom ganzen Alkohol, fuhr ihn zurück ins Hotel, legte ihn in sein Bett und fuhr wieder zurück zur Party. Aber Maike fand ich nicht mehr.
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