Ambrosia

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Carla von Lahnstein Hanna Novak Stella Mann
03.01.2015
03.01.2015
9
61.395
4
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
03.01.2015 3.133
 
Einige Anmerkungen vorweg:

Obwohl es schon so lange her ist, dass die Beziehung zwischen Carla und Hanna (2003/2004) über den Bildschirm geflimmert ist, hat sie immer noch zahlreiche Fans - was vielleicht auch daran liegt, dass ein paar engagierte Fans die gesamte Geschichte auf youtube hochgeladen haben (inklusive Untertitel in vier verschiedenen Sprachen). Für mich ist es nach wie vor das überzeugendste lesbische Paar einer deutschen Dailysoap und die beiden haben es verdient, dass noch über sie Fanfiction geschrieben wird, ebenso wie die beiden Pionierinnen Erika und Nina, die zu ihrer Zeit (1998/1999) sehr viel Wirbel bei den deutschen ZuschauerInnen (und besonders bei den Eltern) ausgelöst haben. Beide Paare sind ein Stück deutscher Fernsehgeschichte, weshalb diese Fanfiction ihnen gewidmet ist.

Wo aber ansetzen bei einer Geschichte, die auf dem Bildschirm bereits unwiderruflich zuende erzählt ist? Da hilft nur ein billiger und zudem abgelutschter Trick, aber bei Soaps ist ja zum Glück nichts unmöglich und lange Ausgelutschtes eh an der Tagesordnung :-). Diese Fanfiction setzt also in der Nacht nach Hannas Begräbnis ein.

Und das Wichtigste: Die Figuren gehören nicht mir sondern (leider) Grundy UFA. Es ist keinerlei Urheberrechtsverletzung beabsichtigt, sondern jede Zeile ist just for fun geschrieben.

Nun aber zu "Ambrosia":




Kapitel 1:


„Siehe! Die Rituale der alten Zeit sind schwarz! Die schlechten sollen verworfen werden, die guten sollen gereinigt sein durch den Propheten! Dann wird dieses Wissen das rechte werden…“ Der junge Redner unterbrach seine Ansprache und senkte sein Buch. „Hört ihr das?“, fragte er mit gedämpfter Stimme.

„Was ist los, Finn? Komm schon, mach weiter!“ Seine beiden Begleiter zupften ungeduldig an ihren schwarzen Kutten. „Wir haben nicht ewig Zeit.“

„Habt ihr das nicht gehört?“

„Was denn?“

„Eine Stimme.“

„Quatsch. Es ist mitten in der Nacht. Nun mach schon.“

Gehorsam hielt Finn sein Buch wieder näher an die drei Kerzen, die er auf dem Grabstein platziert hatte. „Ich bin das Feuer, das in einem jeden Menschenherzen brennt, und im Kern eines jeden Sterns. Ich bin das Leben und der Geber des Lebens, doch darum ist das Wissen um mich das Wissen um den Tod. Ich bin der Magier und der Exorzist. Ich bin die Achse des... ähm …“

„Was ist denn jetzt schon wieder!“, stöhnte sein Begleiter. „Mach weiter!“

Finn klappte das Buch zu. „Hörst du das nicht, Thomas? Ich schwöre dir, hier ist jemand!“

Thomas senkte seine Stimme. „Das sind die Stimmen der Toten“, sagte er in dramatischem Tonfall. „Wir sind schließlich auf einem Friedhof…“

„Nein, Finn hat recht“, wurde er von dem dritten Mann unterbrochen. „Jetzt habe ich es auch gehört.“

Tatsächlich war aus der Ferne ein Geräusch zu hören. War es ein Rufen? Ein Wimmern? „Nichts wie weg hier“, flüsterte Thomas. „Lass uns die Sachen einpacken. Wir kommen nächste Woche nochmal wieder.“

Finn zögerte. „Und wenn jemand verletzt ist?“

„Was geht uns das an?“ Thomas drängte ihn vom Grabstein weg.

„Nein, ich will erst wissen, was los ist.“ Finn blies die Kerzen aus und lauschte in die Dunkelheit. Ein klopfendes, dumpfes Geräusch war zu hören. „Thomas, du gehst nach rechts, Martin nach links, und ich schaue mich hier um.“

„Na gut.“ Thomas lauschte in die Dunkelheit. „Vielleicht sollten wir wirklich nachschauen. Wenn uns tatsächlich jemand gesehen hat, sind wir geliefert. Am besten…“ Er hielt inne, als das Klopfen lauter wurde.

„Ich glaub, es hackt“, raunte Martin. „Das kommt nicht von links oder rechts. Das ist unter uns.“

Finn leuchtete mit der Taschenlampe über die Gräber. „Ich bin gleich zurück.“

Wenige Minuten später kam er mit einer Schaufel wieder. „Ich habe sie neben einem Komposthaufen gefunden“, erklärte er.

„Du willst doch jetzt nicht graben?“ Martin wich entsetzt zurück.

„Doch, genau das will ich.“

„Bist du des Wahnsinns!“ Thomas zerrte ihn am Arm. „Wenn jemand kommt…“

„Das ist mir egal.“ Finn stieß die Schaufel in die Erde. „Ich will jetzt wissen, was das ist.“

„So eine Scheiße!“ Thomas packte die auf dem Boden ausgebreiteten Utensilien in seine Tasche zurück. „Ich habe keine Lust auf Gerippe, und auf die Bullen noch viel weniger.“

„Die Beerdigung kann noch nicht lange her sein.“ Finn warf keuchend einen Haufen Erde nach dem anderen neben sich. „Hier liegen noch überall Kränze herum. Nun helft mir doch mal und räumt die Gestecke zur Seite!“

Martin machte sich daran, die Kränze neben das Beet zu werfen. „Verflucht!“ Er machte einen Sprung zur Seite, als der Grabstein durch die nachgebende Erde mit einem dumpfen Schlag vornüber auf das Beet fiel.

„Na toll!“, fluchte Finn und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Packt mal mit an, damit wir den Stein neben das Beet bekommen.“ Mit vereinten Kräften schoben sie den Stein auf den kleinen Weg neben dem Grab. „Hat einer von euch vorher lesen können, wer hier liegen soll?“

Martin zuckte die Achseln. „Habe ich nicht drauf geachtet.“ Er hob eines der Gestecke von der Erde auf und leuchtete mit seiner Taschenlampe darauf. „Nina Ryan“, murmelte er.

„Ist das die Tote?“

„Nein, aber das Gesteck scheint von ihr zu sein.“

„Sehr hilfreich“, spottete Thomas. „Da liegt eh nur ‘ne alte Schachtel drin, die noch ein bisschen zuckt.“

Doch tatsächlich wurde das Wimmern lauter, je tiefer Finn grub. Mit Fiebereifer schaufelte er die dunkle Erde zur Seite, bis er endlich am Deckel des Sarges angelangt war. Zu dritt stemmten sie ihn auf und öffneten den Sarkophag.

„Das ist ja eine junge Frau!“ Martin starrte mit großen Augen in das Grab. „Atmet die noch?“

„Krass.“ Thomas beugte sich zu der Frau. „Und was machen wir jetzt mit der?“

Finn war schon dabei, den Körper aus dem Sarg zu heben. „Sie braucht dringend einen Arzt.“

„Bist du völlig bescheuert?“, protestierte Thomas. „Dann haben wir morgen die Bullen am Hals!“

„Dann nehme ich sie eben mit nach Hause, und wir kümmern uns dort um sie.“ Finn wies Martin an, ihm beim Hochheben des unterkühlten Körpers zu helfen. Ihre Beschäftigung mit Aleister Crowley war ja schön und gut, aber er wollte sich keine unterlassene Hilfeleistung vorwerfen lassen.

„Super Plan.“ Thomas griff nach seiner Tasche. „Und was erzählst du deinem Mitbewohner?“

„Bis Sven aus Frankfurt zurückkommt, wird sie längst aus dem Haus sein. Hast du etwa eine bessere Idee?“ Finn lehnte sich zu dem Ohr der jungen Frau. „Haben Sie keine Angst. Wir bringen Sie jetzt zu mir.“ Sie zeigte keine Reaktion, so dass er nicht wusste, ob sie ihn verstanden hatte, doch ihr leises Stöhnen bewies, dass sie am Leben war.




*     *     *




Finn schreckte aus dem Schlaf hoch, als das schrille Klingeln seines Telefons an sein Ohr drang. Welcher Idiot rief ihn um diese Zeit an? Der Wecker an seinem Nachtisch verriet, dass es kurz nach acht Uhr sein musste. Schlaftrunken griff er nach dem Hörer. „Hallo?“

„Ich bin’s, Thomas.“

„Um diese Uhrzeit? Das kenne ich ja gar nicht von dir.“ Finn richtete sich grinsend im Bett auf. „Was gibt es denn so Wichtiges?“

„Wie geht’s der Kleinen?“

Finn fuhr sich durch seine zerzausten Haare. „Sie liegt in Svens Zimmer und schläft. Ich habe ihr was zu trinken eingeflößt, weil sie mir völlig dehydriert schien. Ich glaube, das hat ihr gut getan.“

„Was willst du mit ihr machen?“

„Was schon? Sie ein bisschen zu Kräften kommen lassen, und dann muss sie weg.“

„Wann kommt Sven zurück?“

„In drei Tagen.“ Finn schwang seine Füße aus dem Bett.

„Dann bleibt dir hoffentlich genug Zeit zum Aufpäppeln.“

Finn hob an, um ihm zu widersprechen, ließ es dann aber sein. Es war eindeutig noch zu früh zum Diskutieren. „Sagst du dem Engerland, dass ich die Hegel-Klausur nicht schreiben kann, weil ich krank bin?“

„Kann ich machen. Du darfst sicher am Ende des Semesters nachschreiben. Übrigens…“ Thomas räusperte sich. „Erzähl der Frau bloß nicht deinen richtigen Namen und überklebe Klingelschild."

„Klar, habe ich längst erledigt.“ Für wie dämlich hielt Thomas in? „Alle Spuren sind beseitigt. Ich habe sie auch abgeschminkt und alles.“

„Du musst irgendwie verhindern, dass sie zu einem Arzt oder zur Polizei geht.“

„Leichter gesagt als getan.“ Finn runzelte die Stirn. „Wie soll ich das machen?“

„Erzähl ihr irgendeine Story, dass sie in einen Unfall verwickelt war. Mach ihr ein schlechtes Gewissen.“

„Und wenn sie sich an uns erinnert?“

„Das halte ich für unwahrscheinlich. Die war doch kaum bei Bewusstsein. Versuch mal, vorsichtig rauszukriegen, was sie weiß. Und dann tischt du ihr irgendeine Geschichte auf.“

„Mir fällt schon was ein.“ Finn warf erneut einen Blick auf die Uhr. „Ich sehe mal nach, ob sie inzwischen wach ist.“

Nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, zog er sich geräuschlos an. Die Türklinge quietsche vernehmlich, als er die Tür zu Svens Zimmer aufmachte. Die Frau lag noch immer so da, wie Finn sie hingelegt hatte, aber ihre Augen waren nun offen. Sie sahen ihm matt entgegen, als er auf ihr Bett zuging. Jetzt, da er sie zum ersten Mal bei Licht betrachtete, konnte er sehen, dass sie etwa um die dreißig sein musste.

„Möchten Sie etwas essen?“, fragte er, als er auf sie zuging. Die Frau schüttelte den Kopf. „Etwas trinken?“ Ja, sie nickte. „Dann bin ich gleich wieder zurück.“

Finn sah sich in seiner WG-Küche um. Was konnte jemand trinken, der gerade von den Toten auferstanden war? Er entschied sich für Kamillentee und kochte gleich eine ganze Kanne davon.

Gegen zehn Uhr hatte die Frau alles ausgetrunken und fühlte sich offenbar besser. „Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt“, sagte er, als er ihr eine zweite Kanne Tee brachte. „Mein Name ist Enno.“ Er setzte sich zu ihr auf die Bettkante, um ihren Arm beim Trinken zu stützen. „Erinnern Sie sich, was geschehen ist?“

„Nein.“ Die Stimme der Frau war rau und sie fing sofort an zu husten, als sie zu sprechen versuchte.

Finn stellte die Tasse ab und stützte ihren Oberkörper. Das war perfekt. Seine Patientin hatte keine Erinnerung an die Nacht. „Ich habe Sie in einem Waldstück gefunden“, erklärte er ihr. „Sie hatten keinerlei äußere Verletzungen, aber Sie müssen mehrere Tage dort gelegen haben. Deswegen habe ich Sie mitgenommen.“ Die Frau starrte unverwandt auf ihre Bettdecke. Offenbar fiel es ihr schwer, seinen Ausführungen zu folgen. „Sie befinden sich also in meiner Wohnung“, fuhr er fort. „Verraten Sie mir auch Ihren Namen?“

„Ich…“ Zum ersten Mal hob sie den Kopf, um ihn anzusehen. „Er fällt mir gerade nicht ein“, murmelte sie und begann sofort, wieder zu husten.

Finn klopfte ihr auf den Rücken und war froh, dass er so seine Erleichterung verbergen konnte. Die Frau schien tatsächlich nicht zu wissen, wer sie war. Ob sie dauerhafte Hirnschädigungen davongetragen hatte oder ob es nur der Schock war, in jedem Fall machte das die Sache erheblich einfacher. „Sie sollten sich besser wieder ausruhen“, sagte er freundlich. „Wir reden später weiter.“

„Ich muss… zur Polizei…“

„Davon kann ich Ihnen nur abraten.“ Finn setzte eine betont besorgte Miene auf. „Ich habe eine Waffe in Ihrer Hand gefunden. Man kann nicht ausschließen, dass Sie in ein Verbrechen verwickelt waren.“

„Eine… Waffe?“ Sie sah ihn entgeistert an. „Sie meinen… ich habe vielleicht jemandem… etwas getan?“

„Was immer dort geschehen ist, ich rate Ihnen zu warten, bis Ihre Erinnerung zurückkommt. Dann können Sie immer noch zur Polizei gehen.“ Finn tätschelte ihre Hand. „Wie soll ich Sie nennen, solange es Ihnen noch nicht wieder eingefallen ist?“

Die junge Frau senkte ihren Blick. Sie schien angestrengt nachzudenken. „Isabelle klingt gut“, sagte sie nach einer Weile.

„In Ordnung, Isabelle. Dann ruhen Sie sich mal weiter aus. Wenn Sie genug getrunken haben, versuchen wir es heute Nachmittag mit ein paar Löffeln Suppe.“

„Würden Sie die Tür bitte auflassen, Enno?“

„Natürlich. Was immer Sie wünschen.“




*      *     *




Ansgar von Lahnstein legte ungewohnt heftig den Hörer zurück auf die Gabel und griff nach seiner Zigarre, die er während des Telefonats vernachlässigt hatte.

„Ärger?“ Tanja von Anstetten trat zu ihm an den Schreibtisch. Sie war adrett angezogen wie immer und machte eine laszive Bewegung, als sie sie neben ihm Platz nahm.

„Soweit würde ich nicht gehen.“ Er paffte ein paar oberflächliche Züge. „Eher eine Unbequemlichkeit.“

„Was ist passiert? Ein unzuverlässiger Kunde?“

„Nein, ein Friedhofsgärtner. Er hat mir gerade von einem Verdacht auf Grabschänderei berichtet.“

„Wieso ruft der Mann dich an?“ Tanja erhob sich und stellte sich hinter Ansgar, um seine Schultern zu massieren.

„Weil wir einen Teil des Friedhofs gestiftet haben. Es handelt sich übrigens um das Grab von Hanna Novak. Der Leichnam ist verschwunden.“

„Was?“ Tanja hielt in ihrer Massage inne. „Dass die Kleine selbst nach ihrem Tod noch Ärger macht… Meinst du, die Dosierung war zu schwach?“

„Ach was.“ Ansgar wehrte ihre Hände ab. „Nur zwei Tabletten davon hätten einen Elefanten in die Knie gezwungen. Und sie musste jeden Abend drei Pillen nehmen.“

„Und wenn sie nun statt der üblichen Dosis an diesem Abend nur eine genommen hat?“

„Wäre sie sonst gestorben?“, fragte Ansgar paffend. „Sei unbesorgt, meine Liebe. Schließlich hatte die Kleine weder Puls noch Herzschlag und ist ganz normal beerdigt worden. Selbst wenn ihr Herz wieder eingesetzt hätte – was übrigens einem Wunder gleichkäme – wird sie sich wohl kaum aus ihrem Sarg befreit haben. Wenn, dann haben da irgendwelche Jugendlichen Grabschändung betrieben. Wäre nicht das erste Mal auf diesem Friedhof…“

„Das will ich hoffen. Sonst wäre es ein teurer Spaß gewesen. Was glaubst du, was der Arzt von mir dafür verlangt hat, die Tabletten zu vertauschen, ganz abgesehen von dem Pathologen, der Leonard erzählt hat, die kleine Novak wäre an einem Gerinnsel im Gehirn gestorben.“

„Hat er sie eigentlich aufgemacht?“

„Der Pathologe? Wozu? Er wusste ja, was er zu attestieren hatte. Der Leichnam ist gleich in die Leichenhalle überführt worden.“ Tanja schritt ans Fenster und beobachtete, wie draußen der Graf mit seiner Cecile durch den Torbogen ritt. Dem alten Mann würde das Lachen schon noch vergehen. „Hast du den Gärtner davon abgehalten, die Polizei zu informieren?“, wandte sie sich wieder an Ansgar.

„Ach meine Liebe, dass du mich immer noch unterschätzt.“ Ansgar lächelte süffisant. "Selbstverständlich habe ich das. Ein kleines Sümmchen genügte, und der Mann hat absolutes Stillschweigen geschworen. Die Welt ist so bestechlich“, fügte er kopfschüttelnd hinzu. „Carla wird also nichts davon erfahren, und du siehst: Wir haben sie genau da, wo wir sie haben wollen. Bei all der Trauer um ihre kleine Geliebte, kann sie sich gar nicht mehr auf das Geschäft konzentrieren.“ Er trat zu Tanja ans Fenster und gab ihr einen Zug von seiner Zigarre. „Zu dumm, dass man sich das in ihrer Position nicht lange leisten kann…“




*     *     *




Der CD-Player spielte keltische Choralgesänge, als Finn mit Isabelle in der Küche am Frühstückstisch saß. Der Tisch war reichlich gedeckt, denn es sollte ihre letzte Mahlzeit in seiner Wohnung sein. Sven hatte aus dem Zug eine SMS geschickt und seine Ankunft für 10:15 Uhr angekündigt, also war es höchste Zeit, dass Finns Patientin die Wohnung wieder verließ. Zu Finns Erleichterung hatte sie sich in den drei Tagen erstaunlich gut regeneriert. Auch wenn sie körperlich noch schwach war, würde er sie nun ruhigen Gewissens gehen lassen können. Nur an ihrem Gedächtnisverlust hatte sich nichts verändert. Ihm sollte es recht sein, er hatte getan, was er konnte, und je länger sie hierblieb, umso größer wurde das Risiko, dass jemand von den Nächten am Friedhof erfuhr.

„Du magst es gern düster, was?“ Isabelle wies auf den CD-Player. „Bist du Gothic-Anhänger oder so was?“

„Wieso?“

„Naja, deine Musik, und all die schwarzen Sachen hier…“

„Ich stehe halt auf Nietzsche.“

„Studiert dein Mitbewohner auch Philosophie?“

„Ja, aber er ist zwei Semester unter mir. Übrigens kommt er in einer halben Stunde aus Frankfurt zurück. Ich wäre dir dankbar, wenn du dann weg bist.“

Isabelle nickte und nagte geistesabwesend auf ihrem Brötchen herum. „Ich weiß gar nicht, wo ich hingehen soll. Vielleicht müsste ich doch erst einmal einen Arzt aufsuchen?“

„Damit sie dich gleich in die Klapse stecken?“ Finn schüttelte vehement den Kopf. „Dann wirst du nie herausfinden, was los ist. Die sperren dich doch sofort ein, und wer weiß, ob sie dich jemals wieder herauslassen. An deiner Stelle würde ich es auf eigene Faust versuchen.“

„Hast du wirklich überhaupt nichts gefunden im Wald? Keine Papiere? Keinen einzigen Anhaltspunkt?“

Die Verzweiflung in ihren Augen ließ ihn fast mit der Wahrheit herausplatzen. Aber er durfte jetzt nicht schwachwerden. „Ich habe einen Zettel in deiner Nähe gefunden“, sagte er schließlich. „Aber ich weiß nicht einmal, ob er etwas mit dir zu tun hatte.“

„Was für ein Zettel?“ Isabelle ließ gespannt ihr Brötchen sinken. „Was stand denn drauf?"

„Nina Ryan.“

„Nur ein Name? Mehr nicht?“

„Nein, das ist alles.“

„Nina Ryan…“ Isabelle zermarterte sich das Gehirn, ob sie diesen Namen schon irgendwo einmal gehört hatte, aber in ihrem Kopf war nur große Leere. Keine Menschen, keine Orte, nichts. „Würdest du mir helfen, den Namen zu recherchieren?“

Finn zögerte. „Ich weiß nicht… Sven wird jeden Moment kommen. Wie du weißt, schätzt er es nicht, wenn ich Frauenbesuch habe…“

„Ich gehe ja gleich, aber bitte, Enno, nur fünf Minuten. Dieser Name ist das einzige, was ich habe“, bat sie ihn inständig. „Wer weiß, vielleicht bin ich sogar Nina Ryan.“

„Na gut.“ Finn stand seufzend vom Küchentisch auf und holte seinen Laptop hervor. „Ich kann ja mal nachschauen.“ Er tippte so schnell auf dem Keyboard herum, dass Isabelle Mühe hatte, seinen Fingern zu folgen.

„Und?“

„Also, das Telefonbuch kennt überhaupt keine Nina Ryan, in ganz Deutschland nicht. Und in Facebook gibt es zwei davon. Eine wohnt in den USA und ist Country-Sängerin – ich glaube, die können wir ausschließen, sie ist 75 Jahre – und eine wohnt in Griechenland.“

„Sonst nichts?“

„Nein.“ Finn klappte sein Laptop wieder zu. „Und übrigens hat die Nina in Griechenland gerade gestern noch gepostet. Es ist also ausgeschlossen, dass du das bist.“

„Stand da irgendwo eine Stadt?“

„Nein, aber die Frau scheint ein Restaurant zu besitzen, wenn ich das richtig verstanden habe. ‘Ninas Ambrosia‘, oder so ähnlich.“

Isabelle kritzelte die Information auf einen Papierschnipsel und steckte ihn in ihre Hosentasche. „Danke für alles“, sagte sie ernst. „ich bin sicher, dass du mir das Leben gerettet hast. Das werde ich dir nie vergessen.“

Finn nickte verlegen und hielt ihr einen alten Rucksack entgegen. „Sorry, dass es nur Männerkleidung ist. In deiner Größe habe ich leider nichts da.“

„Ich bin froh, dass du mir die Sachen überlässt.“ Isabelle drückte Finn an sich. „Mach’s gut, Enno. Ich hoffe, ich kann mich irgendwann revanchieren.“

„Warte noch.“ Finn kramte in seiner Jackentasche und holte ein altes Portemonnaie hervor. Er zückte einen 50 Euro Schein und hielt ihn ihr unter die Nase. „Hier. Mehr habe ich leider nicht flüssig.“

„Das kann ich nicht annehmen“, protestierte sie, aber er bestand darauf, dass sie das Geld einsteckte.

„Du wirst es brauchen“, sagte er, als er sie aus der Tür schob. „Viel Glück, Isabelle. Ich wünsche dir, dass du findest, was du suchst.“
Review schreiben