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Kal ho naa ho - die Zeit danach

von forsnow
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P12 / Gen
Kal Ho Naa Ho
03.01.2015
19.05.2015
10
14.970
2
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Dieses Kapitel
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21.03.2015 1.408
 
„Ich hab so viel für dich getan. Sag doch mal danke.“ – „Danke.“ – Er lächelte. „Brillenschlange.“

Mit seinem Kosenamen für sie hatte Aman ganze Arbeit geleistet. Auch in ihrer Zeichnung hatte Gia Nainas Brille ganz besonders betont, obwohl sie sie schon längst nicht mehr trug. Auf dem Bild stand Aman genau in der Mitte zwischen ihrer ganzen Familie, alle lachten und hielten sich an den Händen. Und, was ganz besonders war: Ihre Großmutter stand direkt neben Gia und hielt ihre Hand, rechts neben Gia ihr geliebter Aman. Naina schloss kurz die Augen und öffnete sie wieder, als sie sich ganz bewusst hier umsah und die Erinnerungen zurückkehrten. Zuletzt waren sie verdammt oft hier gewesen. Als klar wurde, dass seine Zeit knapp wurde und nicht einmal jemand wie Aman mehr dagegen ankommen konnte. Als klar wurde, dass er dieses Bett nicht mehr verlassen würde, nicht einmal, wenn er wollte.
Sie konnte jetzt unmöglich zu Rohit. Sie war schuld, dass es diesen Unfall gegeben hatte. Er hätte sterben können, und das nur, weil sie kurz davor gewesen war, eine riesen Dummheit zu begehen. Was sagte der Arzt? Er schlief sowieso bis morgen durch. Und seine Eltern würden gleich eintreffen.

Als der Arzt zurückkehrte, war Naina schon weg.

***

Am nächsten Morgen stand sie früh vor Rohits Zimmertür. Sie legte ihre Hand auf die Klinke, konnte sie aber einfach nicht hinunterdrücken. So stand sie dort minutenlang, mit sich kämpfend. Es lag nur noch diese Tür zwischen ihnen, und sie konnte einfach nicht.
„Warum gehst du nicht zu ihm, Naina?“
Naina fuhr herum, als Rohits Mutter sie plötzlich von der Seite ansprach. Sie war eine Frau mit so einer jugendlichen Ausstrahlung und wirkte auch jetzt hellwach.
„Ihr seid noch da?“, fragte Naina aus ihren Gedanken gerissen und nahm ihre Hand von der Klinke.
„Nach dem Schock hätten wir sowieso nicht mehr schlafen können. Du siehst müde aus. Soll ich dir einen Kaffee holen?“
„Nein, danke. Ich kriege jetzt nichts runter.“ Nach einer Pause fragte Naina: „Wie geht’s ihm denn? Ist er schon wach?“
„Ja, er ist wach. Und wie es ihm geht, kannst du ihn doch am besten selbst fragen.“
„Ja“, sagte Naina, doch sie blieb stehen.
Ebenso wie seine Mutter, die Naina abwartend und aufmerksam beobachtete.
Naina senkte den Blick, dann drehte sie sich fahrig zur Seite. „Ich... ich sollte ihm vielleicht was zu trinken mitbringen... aus der Cafeteria unten...“ Sie wollte gehen, doch Rohits Mutter hielt sie leicht am Arm zurück.
„Was ist los?“, fragte sie.
Naina konnte ihr nichts vormachen. Sie biss sich auf die Lippe, bevor sie wieder aufsah. „Er wird mich nicht sehen wollen“, sagte sie.
„Warum sollte er dich nicht sehen wollen?“, fragte sie stirnrunzelnd.
Das war typisch Rohit. Er hatte es ihnen nicht erzählt.
„Weil es meine Schuld ist“, stellte Naina ruhig klar. „Ich wollte ihn verlassen. Er wollte mir über die Straße folgen, und dabei hat ihn das Auto erfasst.“
„Was?“, fragte Rohits Mutter und versuchte ihren Schock zu verbergen. „Wieso wolltest du ihn verlassen?“
„Ihr wisst es doch“, sagte Naina nur.
Daraufhin brauchte seine Mutter nichts mehr zu erwidern. Natürlich wusste sie es. Gedankenverloren senkte sie ihre Arme.
„Ich geh jetzt rein“, wandte sich Naina ab.

***

„Naina“, sagte Rohit kurz darauf lächelnd, als sie die Tür zaghaft öffnete. Sie versuchte ebenfalls zu lächeln, dann schloss sie die Tür ganz langsam hinter sich. Als sie ihn nicht ansehen musste, schloss sie kurz die Augen und sammelte ihre Kräfte. Dann drehte sie sich um und ging langsam auf ihn zu. Kurz vor seinem Bett blieb sie stehen. Sie sah ihn eine Weile einfach nur an, um zu begreifen, dass alles gutgegangen war, die Bilder von der Straße zu verdrängen. Sein Arm war in Gips, er hatte einige Schrammen und war immer noch an das Gerät angeschlossen, das diese verdammten Töne durch den Raum sandte, die sie nur zu gut kannte. Die Töne, die zeigten, dass jemand noch am Leben war... der Herzschlag...
„Hey. Nicht aufhören zu lächeln“, sagte Rohit und setzte sich leicht auf. „Ich bin total fit. Wirklich.“ Er hob den gesunden rechten Arm und spannte seine Muskeln an.
Als wäre Naina aus einem Traum aufgeschreckt, blickte sie ihn an und musste bei seiner Geste unwillkürlich lachen. Er war immer noch derselbe, definitiv. Ganz langsam setzte sie sich dann auf sein Bett. Auch diese Szene kannte sie. Ob Rohit das bewusst war, ob er auch daran dachte? Er streckte seine Hand nach ihr aus, die sie annahm. Es war so schön, seine Stimme zu hören, ihn zu spüren. Es war ein Geschenk, dass er gesund geblieben war, und viel mehr als das. Trotzdem war ihr Lachen wieder verschwunden, und sie konnte nicht aufsehen.
„Was ist los?“, fragte Rohit sie. „Wollte meine Mutter dir auch diesen schrecklichen Kakao aus dem Automaten andrehen?“
Naina lachte kurz. „Nein, aber einen Kaffee“, sagte sie nur.
„Ehrlich. Was ist los?“, fragte er, obwohl er es eigentlich schon wusste.  
„Ich bin schuld, dass das hier passiert ist“, sagte sie abgeklärt, während sie ihn ansah und direkt in seine braunen Augen. Gott, sie hatte ihn überhaupt nicht verdient.
„Nein, ich bin selber schuld", entgegnete Rohit. "Man lernt schon im Kindergarten, dass man nach links, rechts, links schaut, bevor man über die Straße geht. Oder war es rechts, links, rechts? Links, links, rechts...“, überlegte er ernsthaft.
„Rohit! Hast du keine wichtigeren Gedanken?“
„Nur dich“, grinste er.
Wieder musste Naina lachen, dann ging dieses Lachen in ein Schluchzen über. Sie zog ihre Hand aus seiner und stand auf, ging ein paar Schritte von seinem Bett weg und legte ihre Hand vors Gesicht. Das hier, es war alles zu viel. Rohit sah ihr schweigend zu.

„Verdammt Rohit, warum bist du nur immer so verdammt verständnisvoll!“, regte sie sich auf.
„Weil es nichts gibt, wofür ich mein Verständnis erst aufbringen müsste.“
„Das habe ich nicht verdient!“
„Du hast alles verdient, Naina. Alles Glück dieser Welt.“
„Du tust es schon wieder!“
Er lachte. „So bin ich eben. Von Natur aus. Mutter Theresa in männlich. Vater Rohit sozusagen.“
Wieder lachte Naina leicht auf, doch weinte auch gleichzeitig.
„Erinnere ich dich an ihn?“, fragte Rohit dann ernst. „Er hat immerhin nur ein paar Zimmer nebenan in genau so einem Bett gelegen.“
„Nein“, sagte Naina ehrlich, nachdem ein paar Sekunden verstrichen waren. „Das Zimmer und die Situation erinnern mich an ihn. Nicht du. Ich bin einfach nur dankbar, dass du gesund bist.“
„Warum muss uns Menschen bloß immer erst so was passieren, bis wir es kapieren“, sagte Rohit leise.
Naina konnte dazu nichts sagen. Er hatte Recht. Das hier hätte nicht passieren müssen. Sie atmete tief durch  und ging langsam wieder auf ihn zu.
„Naina, hör mir zu“, sagte Rohit und setzte sich so gerade hin wie möglich, als er wieder nach Nainas Hand griff und sie mit seiner gesunden umschloss. Sie sah mit Tränen in den Augen zu ihm auf. „Ich weiß, ich habe gesagt, ich will eine Auszeit. Ich weiß auch, dass es nicht leicht mit uns ist... mit dir nicht, und mit mir bestimmt auch nicht immer. Aber ich will nicht, dass du mich verlässt, auch wenn du das glaubst. Ich will auch keine andere Frau, niemals, nicht in hundert Jahren. Ich erwarte keine perfekte Frau, weil es sie genauso wenig gibt wie ich ein perfekter Mann bin. Ich will dich, genau wie du bist. Weil alles, was dich ausmacht, perfekt an dir ist. Und ich weiß, dass Aman ein Teil von dir bleiben wird, für immer. Aber ich weiß auch, dass auch ein ‚kleiner‘ Platz in deinem Herzen für mich reserviert ist." Er lächelte. Naina wünschte in diesem Moment, er wüsste, wie unendlich groß dieser Platz war. „Ich werde warten. Das habe ich dir versprochen. Egal, wie lange es dauert. Ja, ich habe darüber nachgedacht, dich zu verlassen. Weil ich feige war. Aber ich hätte es niemals getan, Naina. Weil ich es nicht gekonnt hätte. Weil ich dich viel zu sehr liebe. Und es war nicht nur Aman, der wusste, dass du mein Schicksal bist.“
Noch bevor Rohit zu Ende gesprochen hatte, war Naina endgültig in Tränen ausgebrochen. Wie hatte sie nur so dumm sein können. Was hätte sie aufgegeben, wenn Rohit nicht in genau diesem Moment in die Wohnung gekommen wäre, als sie den Brief dort hingelegt hatte, wenn er ihr nicht hinterhergelaufen wäre...
Die folgenden Worte sagte sie aus ihrem ganzen Herzen heraus: „Ich liebe dich auch, Rohit. Und ich werde dich nicht verlassen. Niemals, ich verspreche es dir.“
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