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Licht oder Schatten 1 - Kindheitsmagie

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
Albus Dumbledore Harry Potter Lord Voldemort / Tom Vorlost Riddle
02.01.2015
24.01.2015
6
21.385
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Dieses Kapitel
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18.01.2015 5.494
 
Manipulation der grausamsten Art



I

Kaum war Shacklebolt in seinem Büro angekommen, war das Erste, was er sah, auch schon das wohlbekannte weißbärtige Gesicht, dessen Inhaber er in den schier endlosen Kriegsjahren so sehr schätzen gelernt hatte. Albus Dumbledore schien nur Sekunden vor ihm in diesem Kamin, zu dem er als einzigem in der Aurorenzentrale Zugang hatte, weil Shacklebolt es so wollte, erschienen zu sein.

„Dumbledore?“ Dumbledore lächelte. „Ich hatte aus irgendeinem Grund das Gefühl, dass meine Anwesenheit hier sehr bald gewünscht sein würde, und zog es vor, selbst schon einmal vorsorglich zu erscheinen.“ „Ja. Ich denke mal, Sie kennen die ganze Geschichte.“ Es war keine Frage. Dumbledore kannte immer die ganze Geschichte, bevor er eigentlich auch nur davon gehört haben konnte. „Allerdings. Sicherlich haben Sie ein paar Fragen an mich, Kingsley? Ich würde wirklich ungern eine Gelegenheit verschmähen, Rufus aufzusuchen, aber ich fürchte, dass meine Zeit bedauernswerter Weise eng begrenzt ist. Es ist doch sicher in Ordnung, wenn wir zu zweit darüber sprechen?“

Shacklebolt war sich eigentlich ziemlich sicher, dass Scrimgeour gern mit Dumbledore gesprochen hätte, aber er sah keinen Grund, Dumbledores Wunsch nicht zu entsprechen. Trotzdem wollte er durchaus wissen, weshalb Dumbledore ein solches Gespräch vermeiden wollte. „Gibt es einen Grund, weshalb Sie nicht mit Mr. Scrimgeour sprechen wollen?“ Aber Dumbledore schüttelte den Kopf. „Es ist nicht so, dass ich Rufus misstrauen würde. Ich denke allerdings, dass ich mit Ihnen um einiges offener sprechen kann, als das mit ihm möglich wäre. Nicht, dass ich etwas zu verheimlichen hätte“, setzte er hinzu und seine Augen funkelten schalkhaft. „Aber Rufus besitzt bisweilen eine etwas eigenwillige Art, meine Aussagen zu interpretieren und ein allzu langwieriges Gespräch möchte ich ganz gern vermeiden. Immerhin habe ich ein Kind zu betreuen.“

„Sie haben den Jungen also bei sich?“ Das Funkeln in Dumbledores Augen schien plötzlich merklich gedämpft. „Ja, es blieb mir keine größere Wahl.“ Shacklebolt war es wirklich ein Rätsel, weshalb diese Ereignisse Dumbledore so sehr bedrückten. Natürlich, der Tod dieser drei Menschen war ausgesprochen tragisch, aber das allein schien nicht die Ursache zu sein, wenn er Dumbledores Gesichtsausdruck richtig deutete.

„Wissen Sie, was genau passiert ist?“, fragte er. „Ja, ich kann es einigermaßen rekonstruieren, aber hier kommen wir schon zu einem Punkt, den beispielsweise Rufus nicht unbedingt erfahren muss“, sagte Dumbledore leichthin. „Wie ich zugeben muss, liegt mir das Wohlergehen des Jungen sehr stark am Herzen – und, seien Sie versichert, das hat nur indirekt etwas mit seiner Berühmtheit zu tun – und deshalb hielt ich es, als ich ihn vor sieben Jahren in dieses Haus brachte, für angebracht, einen Überwachungszauber zu installieren, der mir im Falle einer solchen Situation die vorangegangenen Ereignisse zeigen kann.“

„Kann ich mir das vielleicht anschauen?“, fragte Shacklebolt. Es schien ihm der beste Weg zu sein, mehr in Erfahrung zu bringen. Dumbledore überlegte erst, und schüttelte dann langsam den Kopf. Er sah eigenartig mitgenommen aus, was, wie Shacklebolt aus vergangenen Jahren wusste, bei ihm ein eindeutiges Zeichen für kaschierte Betroffenheit war. „Nein“, sagte er dann entschieden. „Ich fürchte, ich bin noch nicht bereit dafür, diese speziellen Geschehnisse irgendjemandem zu zeigen.“ Dumbledore sah, wie Shacklebolt widersprechen wollte, und hob einfach die Hand. Shacklebolt sagte nichts. „Bitte … ich weiß, es ist ausgesprochen schwierig, aber ich möchte Sie von Herzen darum bitten, mir in dieser Sache einfach zu vertrauen, Kingsley.“ Bei jedem anderen hätte Shacklebolt sich niemals darauf eingelassen, aber er hatte in all den Jahren gelernt, dass man Dumbledore vertrauen konnte. Irgendeinen Grund würde er immer haben, und meisten war dieser Grund in der Tat so nachvollziehbar, dass man sämtliche vorangegangenen Handlungen verstehen konnte.

„Aber um wieder zum Thema zurückzukehren“, begann Dumbledore. „Es verhält sich so, dass der in diesem Haus lebende Muggel – es war der Onkel Harry Potters, wenn Sie das für Ihr Protokoll brauchen – dass also dieser Muggel den Jungen beschuldigt hat, etwas getan zu haben, wofür er in Wirklichkeit nicht verantwortlich war. Die Magie von Harry reagierte darauf, indem sie seinen Onkel einmal durch den Raum schleuderte, Sie wissen ja, wie das bei mächtigen minderjährigen Zauberern ab und an geschehen kann. Leider reagieren Muggel – und ganz besonders dieser Muggel – auf solche Ausbrüche oftmals nicht allzu positiv. Um es kurz zu machen: Harrys Onkel, dessen durchaus imposante Statur ich vielleicht noch erwähnen sollte, begann Harry daraufhin zu schütteln. Nicht aus Ärger oder Gewalttätigkeit, sondern vielmehr aus purer Angst vor dem, was ihm noch blühen könnte. Das änderte leider aber auch nichts an dem furchtbaren Ergebnis.“ Dumbledore erzählte nicht weiter, aber Shacklebolt ahnte, wie es weitergegangen war.

Es war absolut furchtbar, sich vorzustellen, dass ausgerechnet Harry Potter für den Tod von drei Menschen verantwortlich sein sollte. Zwar ahnte er, dass er diesbezüglich noch nicht alles gehört hatte, aber eine solche Handlung von einem Achtjährigen war einfach nicht zu rechtfertigen. Und es war ein Grund mehr, dass er an das Ministerium übergeben werden musste. Eine solche Berühmtheit, gerade eine, die anscheinend so labil war, durfte auf gar keinen Fall ohne Zuhause bleiben, sie musste schnellstmöglich adoptiert werden. Nun ja, wenigstens bezüglich der Toten mussten sie sich keinerlei Sorgen machen. Das Ministerium würde schon aus Selbstzweck niemals zulassen, dass so etwas ans Licht der Öffentlichkeit käme. Harry Potter war ein Held und sollte vorerst einer bleiben.

„Das Ministerium wird ihn an irgendeinen magischen Haushalt vermitteln müssen“, sagte Shacklebolt. „Ich glaube nicht, dass Sie ihn behalten können.“ „Oh, auf Dauer selbstverständlich nicht“, antwortete Dumbledore. „Aber ich habe nicht unbedingt den Eindruck gewonnen, dass das Ministerium über adäquate Räumlichkeiten für einen Jungen dieses Alters verfügt? Bis zu seiner Adoption wird er eine Bleibe benötigen, und ich sehe keinen Grund, weshalb meine Schule während der Sommerferien in irgendeiner Form ungeeignet sein sollte. Dazu muss ich auch sagen, dass die Ministerin wirklich erstaunlich viel von meiner Person zu halten scheint.“

Dumbledore wandte sich bereits dem Kamin zu, da diese Diskussion eindeutig beendet war, aber dann drehte er sich doch noch einmal um. „Rufus übrigens wird sich sehr freuen zu erfahren, dass Harry erwacht und wohlauf ist und mir soeben unter Tränen die Geschichte gestanden hat, die ich Ihnen berichtet habe.“ Mit einem letzten, etwas müde wirkenden Zwinkern verschwand Dumbledore wieder aus der Aurorenzentrale.



II

Voldemort erkannte nur am Stand der Sonne, wie lange er schon unterwegs war. Es war ein enorm weiter weg von Albanien bis nach Britannien, und wenn er zu schnell flog, wuchs die Gefahr, dass das Gefäß aus Luft, in dem er weilte, zerbersten und die letzten Reste seiner Seele der Zerstreuung preisgeben würde. Dem ewigen Nichts. Voldemort konnte sich nichts Furchtbareres vorstellen, als so zu enden, als ein Haufen verteilter Seelenteile, die nicht mehr genug Bewusstsein besaßen, auch nur irgendetwas zu empfinden. Er klammerte sich an diese Vorstellung, sie gab ihm die nötige Kraft, um immer weiter zu fliegen, obwohl seine Kräfte zu schwinden begannen. In der Ferne sah er bereits die Insel am Horizont auftauchen.

Er hatte nicht wirklich eine nähere Idee, wo er suchen sollte, aber eine kleine Stimme in ihm schien zu flüstern, wohin er musste. Es war wie ein unwiderstehlicher Drang, als wäre dort eine Art Magnet, der genau zu seiner verstümmelten Seele passte und sie in die richtige Richtung zog. Voldemort ahnte, dass es etwas mit dieser eigenartigen Verbindung zu tun hatte, die er spürte.

Ein letztes Mal beschleunigte er, raste über das weite Meer und stieg immer höher hinauf, damit kein Mensch den schwarzen Rauch hoch in der Luft sehen konnte, der aus eigenem Willen fliegen konnte. Gegenwind zerrte an dem Gebilde aus Luft um ihn herum, aber das bisschen Magie, welches er noch besaß, hielt es mit aller Macht zusammen. Eine Seele brauchte ein Behältnis. Ohne Behältnis konnte sie nicht lange auf dieser Erde weilen. Auch dann nicht, wenn sie so verstümmelt und zerstört war wie die seine.

Und mit plötzlicher Wucht traf Voldemort die Erkenntnis, zu welchem Ort er gerade flog, welcher Aufenthaltsort für den Jungen mit Abstand am Wahrscheinlichsten war. Es war unheimliche Vorsicht geboten, wenn er Erfolg haben wollte.



III

Als Harry erwachte, war das Erste, was er sah, ein langer, weißer Bart, der zu einem eindeutig schon ziemlich alten Herrn gehörte. Er fuhr hoch. Wo kam der auf einmal her? Wo waren seine Verwandten? Und weshalb war er in diesem eigenartigen, runden Raum? Harry sah sich um. In der Mitte des Raumes stand ein einziges, riesiges Himmelbett aus dunklem Holz, und daneben gleich mehrere reich verzierte Nachttische aus hellem Holz, beladen mit Büchern. Kurz überlegte er fieberhaft, dann auf einmal strömten Erinnerungen auf ihn ein. Oh. Augenblicklich verwandelte sich sein Gesichtsausdruck in eine von Furcht erfüllte Maske. Bestimmt würde er lebenslang ins Gefängnis kommen für das, was er getan hatte. Irritierenderweise lächelte der alte Mann trotz Harrys Anwesenheit im Raum. Wusste er es am Ende gar nicht?

„Einen wunderschönen guten Mittag, Harry. Es freut mich zu sehen, dass du dich einigermaßen ausschlafen konntest.“ Der alte Mann wusste es nicht! Harry versuchte, alles beiseite zu drängen, was ihn belastete, diese schreckliche Tat, die er begangen und die sich gleichzeitig so unglaublich richtig angefühlt hatte, um sich nichts anmerken zu lassen. Es durfte nicht wieder so enden wie mit den anderen beiden Männern! „Ähm – guten Mittag, Mr…? „Dumbledore. Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore. Allerdings genügt `Professor Dumbledore´ vollauf, alles andere wäre dann doch deutlich zu umständlich.“ „Professor?“, fragte Harry verwirrt. „Sind Sie so etwas wie ein Lehrer?“ „Ja, doch, so etwas ähnliches“, antwortete Dumbledore vergnügt.

„Wie komme ich hierher?“, stellte Harry unvermittelt die Frage, die ihm ohnehin seit gestern auf der Zunge brannte. „Ah, das wiederum ist eine etwas kompliziertere Angelegenheit – ich fürchte sogar, noch komplizierter als mein voller Name. Auch, wenn ich es ungern jetzt schon ansprechen wollte: Ich gehe fest davon aus, dass du noch immer versuchst, dir auf die gestrigen Ereignisse einen Reim zu machen.“

Harry durchfuhr es heiß und kalt. Meinte er nun die Geschichte, wie er hierhergekommen war oder die andere, in der… „Es muss dir ausgesprochen eigenartig vorkommen, was im Haus deiner Verwandten passiert ist.“ Es war, als hätte Harry jemand einen riesigen Eimer Eiswasser über den Kopf gegossen. Mit offenem Mund und großen Augen saß er einfach nur da und hörte das, was Dumbledore noch sagte, wie durch Nebel. Er wusste es. Er. Wusste. Es. Harry war verloren.

Dumbledore fuhr fort, ohne Harrys Zustand zu beachten. „Ich bin der festen Überzeugung, dass du, auch wenn du noch nicht wirklich begriffen haben magst, was dort geschehen ist, eines Tages Reue dafür empfinden wirst.“

„Ich wollte das nicht!“, rief Harry auf einmal. „Es ist einfach passiert, ohne dass ich es wirklich kontrollieren konnte! Bitte sperren Sie mich nicht ein!“ Dumbledore schaute ihn über den Rand seiner Halbmondbrille durchdringend an. „Darüber werden wir später sprechen müssen, aber vorerst sind die Grundlagen wichtiger. Vorab nur so viel zu diesem Thema: Einen Menschen zu töten ist keinesfalls so leicht, wie die meisten Leute fälschlicherweise vermuten. Wer es tut, und dabei ist es nur zweitrangig, unter welchen Umständen es geschieht, muss die Art von Stärke in sich tragen, die es  braucht, um ein Menschenleben zu beenden. Ich muss gestehen, ich finde es sehr beängstigend, dass dies bei dir schon in deinem achten Lebensjahr der Fall ist.“ Harry wollte etwas einwenden, aber Dumbledore fuhr fort, bevor er in der Lage war, ihn zu unterbrechen.

„Wie auch immer, hast du eine Ahnung, was hinter den gestrigen Ereignissen stecken könnte? Ich habe bisher nicht von gewöhnlichen Menschen gehört, die auf Wunsch eine Vase zusammensetzen können, um ein harmloses Beispiel zu nennen.“ Harry war viel zu abgelenkt von der Aussicht auf einen schier ewigen Gefängnisaufenthalt, auf Hass von allen Seiten wegen seiner Tat, um wirklich bei der Sache zu sein. „Ich weiß auch nicht“, murmelte er noch immer leicht konsterniert. „Die Vase hat sich einfach zusammengefügt, als ich daran gedacht habe, es war wie Zauberei.“

Dumbledore lächelte erfreut. „Ganz wunderbar geraten Harry, ganz genau das ist passiert.“ Mit einem Schlag war Harry wieder hellwach. „Sie wollen sagen, das war Zauberei?! Es gibt keine-“ Er brach ab, als ihm auffiel, wie lächerlich das angesichts der gestrigen Ereignisse klang. „Doch, allerdings. Zauberei ist ebenso wirklich wie du oder ich. Und wenn du das schon herausgefunden hast, dann kannst du mir sicher auch sagen, was das für dich bedeutet.“ „Ich bin ein Zauberer“, sagte Harry atemlos. „Das heißt, ich kann alles wirklich machen, was ich will?“

„Nein, nicht ganz“, sagte Dumbledore bedauernd. „Wie alles andere besitzt auch Magie ihre Grenzen. Aber ich kann dir versichern, dass diese Grenzen recht großzügig gefasst sind.“ Und die nächsten zwei Stunden verbrachte Dumbledore damit, Harry, der die schockierenden Ereignisse des gestrigen Tages angesichts dieser unglaublichen Neuigkeit beinahe vergessen hatte, zu erklären, was genau die Welt der Zauberei war. Nur ein Thema vermied er; es wäre zu aufrührend, das auch noch auf den armen Jungen einprasseln zu lassen: Voldemort und den Tod von Harrys Eltern. Das war eher etwas für den morgigen Tag.



IV

Voldemort hielt von Osten auf Hogwarts zu, was bedeutete, dass der Verbotene Wald vor ihm lag. Dahinter war das imposante Schloss bereits gut sichtbar. Er wusste, dass Dumbledore unmöglich weit entfernt von der Quelle dieser eigenartigen Verbindung sein konnte, und das hieß, dass er ihn irgendwie ablenken und aus dem Schloss entfernen musste. Zumindest für eine kurze Zeit. Ein kalter Schauer rief ihm den nicht vorhandenen Rücken hinunter, als er daran dachte, wie unheimlich gefährlich diese Unternehmung für ihn, für seine gesamte Existenz werden konnte, wenn Dumbledore ihn sehen sollte. Aber er hatte keine Wahl. Lord Voldemort verdiente besseres als ein ewiges Dasein als Nichts.

Schnell überlegte er, welches wohl das gefährlichste Tier im Verbotenen Wald war, von dem er Besitz ergreifen konnte. Auf keinen Fall durfte es allzu intelligent sein, und damit fiel so ziemlich alles weg, was es in diesem verfluchten Wald gab. Die Alternativen waren wenig vielversprechend. Thestrale und Hippogreife, keines von beiden war auch nur im Ansatz gefährlich genug für das, was er plante. Einhörner waren zwar nicht allzu intelligent, aber er bezweifelte, dass er in der Lage wäre, sich ihnen zu nähern; sie hatten ihn schon abgestoßen, als er noch einen Körper besaß.

Und dann dämmerte ihm etwas. Es schien eine Ewigkeit zurückzuliegen, aber er erinnerte sich noch ziemlich gut an sein sechstes Schuljahr. Die Spinne, die damals indirekt die Schließung Hogwarts´ verhindert hatte, sie war in den Wald geflohen. Es musste inzwischen irgendwo eine Kolonie davon geben. Der Dunkle Lord beschloss, diese Kolonie zu suchen.



V

Allmählich jedoch verflog die Faszination, die Überraschung und das ungläubige Erstaunen, welches Harry bei dem Gedanken an eine Welt voller Magie empfand. Es blieb der Gedanke an seine furchtbare Tat am gestrigen Tag. Als er es schließlich einfach nicht mehr aushielt, platzte er einfach mitten in eine Erklärung dieses seltsamen alten Mannes über das Thema Hogwarts. „Was wird denn jetzt mit mir passieren?“

Dumbledore blickte auf. „Ein paar Tage wirst du noch auf Schloss Hogwarts bleiben, aber spätestens dann, wenn die Schulzeit wieder anfängt, wird dich vermutlich eine magische Familie adoptieren müssen.“ Das war allerdings ein anderes Thema für einen anderen Tag. Harry brauchte noch nicht zu wissen, wie berühmt er war. „Ich bekomme keine Strafe?“, fragte Harry ungläubig.

Dumbledore seufzte schwer. „Unser Gesetzessystem sieht für einen solchen Fall keine Strafen vor. Unter normalen Umständen würdest du einfach deinen Erziehungsberechtigten entzogen werden, aber die Möglichkeit besteht eben nicht mehr. Und das Zauberergefängnis ist … für jemanden, der so jung ist wie du, einfach nicht zumutbar. Aber ich denke auch nicht, dass es wichtig ist, dich zu bestrafen. Viel wichtiger ist, was du selbst über das denkst, was du getan hast.“

„Ich weiß nicht ganz…“ Dumbledore blickte ihn nun sehr aufmerksam an, mit diesen eigentümlichen blassblauen Augen, die ihn regelrecht zu durchleuchten schienen. „Würdest du sagen, dass es richtig war, was du getan hast? Oder falsch? Wie du auch antwortest, ich verspreche dir, ich werde dich weder bestrafen noch wütend auf dich sein.“



VI

Er hatte sie gefunden, nach erstaunlich kurzer Zeit. Die Spinnennetze im Wald gaben ziemlich eindeutige Hinweise, wo sich die Acromantulas aufhielten. Die gigantische Spinne, die die Königin der Kolonie zu sein schien, wagte er nicht anzugreifen, aber die anderen waren weniger intelligent als sie. Nur eine Acromantula-Königin besaß wirklich so etwas wie Verstand, alle anderen hörten bloß auf das, was sie sagte. Natürlich befanden sich unter den vielen anderen jüngeren Spinnen vermutlich auch ein paar Königinnen, aber es war unwahrscheinlich, dass er auf sie treffen würde, dazu waren es zu wenige.

Voldemort flog augenblicklich auf eine dieser jungen Spinnen zu und ließ erst im letzten Moment das Gefäß aus Luft, in dem er sich befand, verschwinden. Er verschwand einfach in dem schwarzen Körper und spürte, wie sich das bisschen Verstand, was die Spinne besaß, gegen ihn stemmte, aber er war trotz seines Zustands stärker. Schritt für Schritt verlor sie die Kontrolle über ihre eigenen Handlungen. Voldemort zwang sie mit seinem puren Willen, ein Bein zu heben, doch plötzlich war der Widerstand wieder da. Offenbar besaß das Tier doch mehr Verstand, als in der Fachliteratur von 1950 behauptet wurde.

Der Dunkle Lord versuchte zu kämpfen und fühlte die enorme Anstrengung, die ihn hierher gebracht hatte, in allem, was er noch war. Aber er würde nicht aufgeben, er konnte einfach nicht … Die Spinne schien plötzlich die Oberhand zu gewinnen und er spürte, wie er langsam die Kontrolle verlor. Das durfte nicht geschehen! Er musste einen Zugang zu ihrem Willen finden, er musste es irgendwie schaffen. Genau dieser nicht vorhandene Zugang war der Grund, weshalb er niemals in der Lage wäre, das bei einem Menschen zu tun. Es war schlichtweg unmöglich, in etwas hineinzukommen, wo die Tür geschlossen und die Wände zu dick waren.

Aber diese Wände hier mussten sich niederreißen lassen. Mit einer letzten, absolut verzweifelten Kraftanstrengung bäumte er sich auf und rang den Geist der Spinne nieder, zerfetzte alles, was von ihrem freien Willen übrig war und war plötzlich derjenige, der sie kontrollierte. Triumph brach über ihn herein. Ein ganz wichtiger Teil seines Plans war geschafft!

Nun war es entscheidend, ob sein Plan funktionierte. Das Gehirn funktionierte noch immer, das Herz schlug unablässig, aber dennoch war die Spinne eigentlich tot. Ein Inferius, ein Körper ohne freien Willen. Voldemort gab ihr einen Auftrag und er wusste, dieses willenlose Ding würde ihn ausführen, bis seine körperlichen Funktionen endgültig zum Erliegen gebracht wurden. Attackiere Hogwarts. Greif das Schloss an und zerstöre so viel, wie du kannst.



VII

„Ich wollte es nicht!“, brach es auf einmal aus Harry heraus. Er war unglaublich aufgewühlt, als er die Ereignisse des gestrigen Tages vor seinem geistigen Auge Revue passieren ließ. Vielleicht war das der Grund, weshalb er das alles jemandem erzählte, den er kaum kannte: Er brauchte jemanden, der ihm zuhörte, irgendjemanden, bei dem er diese furchtbare Tat abladen konnte. „Aber er hat mich geschüttelt und er war so unglaublich sauer auf mich, da hab ich Angst bekommen und es ist einfach … einfach passiert. Und dann kam Dudley und hat wieder versucht, mich in Schwierigkeiten zu bringen und ich … ich weiß nicht, ich wurde einfach … wütend und ich hatte immer noch Angst und dann fing er auf einmal an zu schreien.“ Harry stockte, der nächste Teil war der Schlimmste von allen. „Ich weiß nicht, Sir, ich habe mich … mich gefühlt, als wäre das richtig, was ich mache. Es sollte sich doch nicht so anfühlen, wenn man jemandem wehtut, oder? Ich wollte, dass es immer so weitergeht, damit ich mich für immer so fühlen kann … und dann war da plötzlich Feuer. Sir, ich bin mir ganz sicher, dass das falsch war, was ich gemacht habe, aber warum … warum hat es sich dann so angefühlt, als ob es genau das Richtige wäre?“

Dumbledores Miene war völlig unverändert und absolut unlesbar. Harry war beinahe entsetzt, dass er diesen letzten Teil ebenfalls über die Lippen gebracht hatte. Was hatte ihn dazu getrieben? Er sah verängstigt an der schlanken Gestalt des alten Mannes hoch, der so viel Ruhe und Vertrauen ausstrahlte, dass man einfach gezwungen war, ihm alles zu erzählen.

„Ich nehme an, du hast, als du diese Taten vollbrachtest, ein Gefühl von Euphorie verspürt? Eine Glückseligkeit ungekannten Ausmaßes? Vielleicht so etwas wie die Illusion von Macht?“ Harry wusste nicht, was eine Illusion oder „Euphorie“ war, nickte aber trotzdem. Macht war auf jeden Fall dabei gewesen. „Ich habe dir ja bereits erzählt, dass es mehrere Arten von Magie gibt. Das, was du da benutzt hast, war eine Art von Magie, die nicht nur deine vollste Konzentration, sondern auch deine Gefühle benötigt, um ihre oftmals grausame Wirkung zu erzielen. Wenn kurzlebige, intensive Gefühle wie Rachsucht und Wut befriedigt werden, erfüllt das jeden von uns mit Freude. Das Ziel unserer Wut wird angegriffen und augenblicklichen Qualen ausgesetzt und das berauscht uns. Die Magie, die du benutzt, verstärkt diesen Effekt, sodass er ausgesprochen intensiv wirkt. Was du getan hast, hat sich keineswegs richtig angefühlt, weil es richtig war, sondern vielmehr, weil deine Instinkte befriedigt wurden und dir der Eindruck vorgespielt wurde, dass es genau so sein müsse. Das ist aber – warte einen Moment.“

Aus dem Raum nebenan kam ein eigenartiger Ton, etwas wie ein gedimmter Trompetenstoß. Dumbledores Miene wurde abweisend und angespannt. „Das sind die Schutzzauber von Hogwarts. Ich fürchte, du musst mich einen Moment entschuldigen.“ Und er ließ Harry zurück, der noch immer versuchte, die Worte des alten Schulleiters zu verarbeiten, von denen er nur die Hälfte verstanden hatte.



VIII

Voldemort hatte, kaum dass die Spinne den ersten Schritt in Richtung Schloss machte, gewusst, dass sein Plan funktioniert hatte. Augenblicklich verließ er den Spinnenkörper, der mit auf undefinierbare Art unrunden Bewegungen auf Hogwarts zustakste, und wickelte sich wieder in einen Kokon aus Luft. Die Verbindung, die er fühlte, schien nun umso stärker an ihm zu ziehen, ihn in eine bestimmte Richtung zu pressen … noch bevor er wusste, was er da wirklich tat, befand er sich direkt auf der Höhe des siebten Korridors, in dem sich Dumbledores Büro befand. Es hatte kein Fenster, aber er benötigte auch keines. Ohne zu überlegen schwebte er durch die dicke Außenmauer des Schlosses, vor der er diesen Drang am Stärksten verspürte.

Er befand sich nicht im Schulleiterbüro, sondern in einem Raum, den er noch nie gesehen hatte, vermutlich das Schlafgemach Dumbledores. Das wahrhaft Interessante daran war allerdings der Junge, der auf dem Bett im Zentrum des Raumes saß und ins Leere starrte. Voldemort wusste augenblicklich, dass die eigenartige Verbindung von diesem Jungen kam. Und obwohl er ihn nur einmal gesehen hatte, wusste er auch sofort, wer es war. Sein prophezeiter Zerstörer. Ausgerechnet. Hätte er eine Stimme besessen, hätte er gelacht. Was für eine Ironie!



IX

Harry war völlig in Gedanken versunken. Was gestern passiert war, beschäftigte ihn noch immer und würde ihn wohl auch auf ewig beschäftigen. Aber trotz seiner Versunkenheit bemerkte er, wie auf einmal etwas anders wurde. Die Atmosphäre des Raumes schien sich zu verändern, leicht zu verdunkeln. Etwas verwirrt sah er auf. Auf den ersten Blick war nichts zu sehen, aber auf einmal erspähte er das, was dort im Raum schwebte. Es war wie dunkler Rauch, aber es hatte etwas an sich, etwas Widernatürliches, das kein Rauch sein konnte. Und es bewegte sich direkt auf ihn zu. Entsetzt schrie Harry auf.

Ich will dir nichts tun. Der Gedanke stand plötzlich in Harrys Kopf, so klar und deutlich, als hätte ihm jemand ein Schild vor die Augen gehalten. Gleichzeitig spürte er einen leisen Schmerz, der von seiner Narbe auszugehen schien; nichts allzu Schlimmes, aber zweifelsohne war es da. Misstrauisch blickte Harry das eigenartige Etwas vor ihm an. Was zum Teufel war das? Ich bin nichts, was dir gefährlich werden kann. Nenn mich Vorlost, wenn du einen Namen für mich benötigst. Harry sah den Rauch entsetzt an. Passierte das oft in der Zaubererwelt, dass solche seltsamen Erscheinungen in Gedanken mit ihm sprechen konnten? Es war, als würde er im Geiste Selbstgespräche führen. Und doch waren es nicht ganz seine Gedanken, es fühlte sich irgendwie ein wenig anders an. Etwas … unvollständiger.

Ich kann nur so mit dir sprechen, denn eine Stimme besitze ich nicht mehr. Der Rauch verformte sich, schien sich zu ballen und sah entfernt aus wie ein menschlicher Kopf, dem Nase, Ohren und Mund fehlten.



Voldemort war erstaunt, wie leicht es ihm gefallen war, diesem Jungen begreiflich zu machen, was er sagen wollte. Da bestand in der Tat eine sehr tiefgreifende Verbindung zwischen ihm und dem, der eigentlich sein Erzfeind sein sollte, aber nun wohl seine einzige Hoffnung war. Er hatte keine Wahl, er musste den Jungen irgendwie dazu bringen, sich ihm zu öffnen. Wenn er Harry erst dazu brachte, ihn willentlich hineinzulassen, dann könnte er diese seltsame Verbindung nutzen, um die Kontrolle zu übernehmen. Jetzt noch nicht. Er wagte es zumindest nicht, es war einfach zu riskant hinsichtlich seines Überlebens.

Aber weshalb hatte dieser Junge schwarze Magie angewandt? Er musste unbedingt mehr über ihn erfahren; man konnte nur Menschen manipulieren, die man kannte. Außerdem hatte er nicht die geringste Ahnung, wie sehr Dumbledore schon hatte auf ihn einreden können. Er konnte nur hoffen, dass Harry Potter nicht wusste, wer er war (und es war ziemlich wahrscheinlich, dass Dumbledore das dem Auserwählten nicht vorenthalten hatte). Ansonsten war das hier ohnehin vergeblich. Wenn er vorher gewusst hätte, auf wen er hier treffen würde, er hätte niemals die Strapazen der Reise auf sich genommen! Aber nun musste er es wenigstens versuchen.

Was hast du gestern gemacht, dass Dumbledore dich an diesen Ort geholt hat? Wieder war es wie ein riesiges Plakat, das von fremden Händen in seinen Verstand gehalten wurde. Harry schüttelte verwirrt den Kopf. Er misstraute diesem eigenartigen Ding zutiefst. Du traust mir nicht? Wieder schüttelte Harry den Kopf und hätte sich am Liebsten unter der Bettdecke verkrochen. Warum hatte Dumbledore ihn nicht auf so etwas vorbereitet?

Weshalb traust du Dumbledore? Ich denke nicht, dass er auch nur ansatzweise so vertrauenswürdig ist, wie du zu denken scheinst. Es war ein Griff ins Blaue, aber Voldemort brauchte Informationen und er brauchte sie schnell. Seine Taktik hatte Erfolg. Harry fühlte sich verpflichtet, den alten Narren zu verteidigen. „Er hat mich hierhergeholt und er hat mir nichts getan, obwohl ich meine Verwandten … meine Verwandten … er mag mich trotzdem.“ Das Letzte war mehr ein Hauch, vielleicht mehr von Hoffnung bestimmt als von dem Gedanken, dass Voldemort es hören sollte.

Wieder hatte Voldemort keine Wahl, als ins Blaue hinein zu raten, aber er war schon immer gut in diesen Dingen gewesen. Wenn er aufgrund einer Vermutung riet, riet er meist richtig. Was haben dir deine Verwandten angetan? Es fühlte sich komisch an, auf einen Gedanken laut zu antworten, aber Harry tat es dennoch, weil er einfach keinen anderen Weg der Kommunikation sah. „Sie haben mich nicht gemocht“, sagte er unsicher. „Aber ich…“, er schien zu überlegen, ob er weitersprechen sollte, aber Dumbledore hatte ihm gesagt, dass ihm diesbezüglich nichts geschehen würde. „… bin schuld daran, dass sie tot sind!“

Voldemort hätte jauchzen können. Das war noch besser, als er erwartet hatte. Damit konnte man arbeiten!



X

Dumbledore wusste nicht, an welchen Ort er gehen sollte, also apparierte er von seinem Büro einfach direkt vor die Eingangstore des Schlosses. Es war ein herrlicher Tag. Die Sonne schien, Vögel zwitscherten und ein angenehmer kühler Wind umwehte ihn. Dumbledore horchte in den Tag hinein und plötzlich konnte er ein Geräusch ausmachen, das nicht hineinpasste. Es war weit entfernt, ein unablässiges Hämmern und leises Zersplittern. Auf der anderen Seite des Schlosses allerdings, dort, wo Hagrids Hütte und die Gewächshäuser standen.

Nur einen Moment später tauchte er auf der weitläufigen Wiese direkt vor den Gewächshäusern Hogwarts´ auf. Eine gigantische Spinne hämmerte mit voller Kraft systematisch auf die Scheiben des Gewächshauses ein und zerstörte ohne Umschweife jede Liane, die sie zu erwürgen versuchte. Dumbledore wollte ohne zu überlegen einfach einen Versteinerungszauber wirken, der zwar nicht die Spinne selbst, aber die Luft um sie herum erstarren lassen würde, aber dann fiel ihm plötzlich auf, wie seltsam die Spinne sich bewegte.

Jeglicher natürliche Fluss, der den Bewegungen einer Acromantula unter normalen Umständen zu eigen war, war einer mechanischen, abgehackten Bewegungsart gewichen. Die Acromantula zerstörte völlig blindwütig und nutzlos, ohne irgendetwas in einen Kokon zu wickeln; sie war also nicht auf Fressenssuche. Wieder zerbarst ein Fenster mit lautem Klirren. Dumbledore runzelte besorgt die Stirn. Hier war irgendetwas völlig falsch und er hatte auch schon einen Verdacht.

Kurz entschlossen feuerte er einen Betäubungsfluch auf die Spinne ab. Ein normaler Betäubungsfluch wäre an dem Panzer abgeprallt, aber seiner traf die Spinne heftig. Sie zuckte kurz, richtete sich dann mechanisch auf und fuhr einfach mit ihrem Werk fort.

„Oh nein“, murmelte Dumbledore. „Was hat man dir angetan?“ Welche Kreatur konnte so etwas nur tun? Zumal eine, die sich in der Nähe des Verbotenen Waldes befand? Ihm fiel einfach keine Lösung ein. Der Geist dieser Acromantula musste vollkommen zerstört sein, wenn ein Betäubungszauber das Tier nicht erstarren ließ.

In dem Moment, in dem sein Gehirn eigentlich zur Auflösung dieses Gedankens kommen wollte, drehte die Spinne sich plötzlich um und rannte auf ihn zu. Bevor er den Kampf aufnahm, blitzte das Ende seines Gedankens in ihm auf.

Voldemort.



XI

Haben Sie dich gut behandelt, deine Verwandten? „Nein. Nein, nicht wirklich“, sagte Harry. Er hatte Angst und gleichzeitig auch wieder nicht. Dieser … Vorlost ließ Schauer um Schauer seinen Rücken hinunterlaufen, aber etwas in ihm schien zu schreien, dass man ihm vertrauen konnte. Es fühlte sich so ähnlich an wie der Bereich, aus dem diese Gedanken kamen, die wie aus dem Nichts in seinem Kopf erschienen. Harry wusste absolut nicht, was er machen sollte.

Also hast du dich an ihnen gerächt. Und Dumbledore … glaubt er, dass es richtig war, was du getan hast? „Nein, er-“ Obwohl sie dich so furchtbar behandelt haben? Wie hat es sich angefühlt, sie zu töten? Harry konnte nicht den Finger darauf legen, aber die Gedanken, die nun immer schneller in seinem Kopf erschienen, wurden immer aufgeregter. „Ich weiß es nicht“, antwortete er und verzweifelte innerlich an dieser Lage, in der er einfach nicht wusste, was er nun tun sollte.

Es hat sich richtig angefühlt, nicht wahr? Als könnte nichts im Universum besser sein als das, was du gerade in diesem Moment getan hast? Es war ein Spiel auf Messers Schneide, aber die Antwort Harrys war Voldemort Indikator genug, dass er hinsichtlich dieses Mordes nicht nur Reue empfand. Harry antwortete erst nicht, doch dann, so kurzatmig, dass Voldemort es beinahe nicht vernommen hätte: „Ja.“

Weshalb also sollte irgendjemand denken, dass das, was du getan hast, falsch wäre? „Ich … man bringt doch keine Menschen um!“ Auch nicht die, die es verdienen? Die dir Schmerzen bereiten? Dich bedrohen? Auch Dumbledore tötet Menschen, sogar die, die es nicht verdienen. „Das kann ich nicht glauben!“, rief Harry empört. „Das würde Dumbledore nicht tun!“ Oh, er tut sogar noch mehr als das. Ich hatte früher auch einen Körper, doch sieh mich nun an! Früher war ich ein Mensch, mehr als das sogar, aber Dumbledore hielt es für besser, mich in dieses armselige Gebilde aus Rauch zu verwandeln, weil ich ihm nicht passte. Und in deinem Fall … warum sollte er wohl etwas dagegen haben, dass du deine furchtbaren Verwandten ihrer gerechten Strafe zuführst, wenn er dich nicht selbst zu ihnen geschickt hätte?



XII

Dumbledore schwang den Zauberstab, doch der Fluch war nicht so stark, wie er hätte sein müssen. Er prallte einfach vom Panzer des Tieres ab. So rasch er in seinem Alter konnte, wich er der Acromantula aus und ihr äußerstes linkes Bein verfehlte ihn nur um Haaresbreite. Ohne zu zögern verwandelte er die Beine der Spinne in puren Granit. In der Bewegung erstarrt blieb sie stehen und wackelte hilflos mit dem Hinterteil.

Geschockt ging Dumbledore langsam auf das zum Teil verwüstete Gewächshaus zu. Aus welchem Grund hatte es das, was von Voldemort noch übrig war, an diesen Ort verschlagen? Es gab nur eine Möglichkeit. Dumbledore konnte nur beten, dass er nicht zu spät kam. Er apparierte augenblicklich wieder zurück in sein Büro.



XIII

„Ich weiß es nicht, aber das kann doch nicht sein!“, rief Harry. „Warum ist er dann jetzt so nett zu mir?“ Dumbledore ist geschickt darin, Leute zu beeinflussen. Er will, dass du später nur noch auf ihn hörst und nur das machst, was er will. Und das geht nicht, wenn du erkennst, was er dir schon alles angetan hat. Aber … Harry wusste nicht, dass man in Gedanken Spannungspausen machen konnte, aber anscheinend war es tatsächlich möglich. … wir könnten uns gegen ihn verbünden, seine Pläne durchkreuzen. „Ich glaube dir nicht!“, rief Harry, obwohl Zweifel in seiner Stimme hörbar waren. Alles, was dieses seltsame Gebilde zu ihm sagte, klang absolut überzeugend. Hatte Dumbledore ihm wirklich nur etwas vorgespielt? Fühlte sich der Mord an Dudley vielleicht wirklich so richtig an, weil er richtig war? Alle Denkfehler, alle Logiklöcher in Voldemorts Manipulationen erkannte er in diesem Moment nicht, in dem er ohnehin so überwältigt von allem war, was auf ihn einprasselte. Darauf baute der Dunkle Lord. Und einen Trumpf hatte er noch im Ärmel.

Frage doch Dumbledore selbst, wer dich zu den Dursleys geschickt hat, wer in Wirklichkeit Schuld an all dem hat. Du wirst überrascht sein. Bevor Harry darauf antworten konnte, öffnete sich die Tür und Albus Dumbledore betrat in einer für sein Alter ausgesprochen beeindruckenden Geschwindigkeit den Raum.
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