Licht oder Schatten 1 - Kindheitsmagie

GeschichteAbenteuer / P12
02.01.2015
24.01.2015
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Eine zerbrochene Vase


I

„FREAK! Wie blöd kann man eigentlich sein!?“; donnerte Vernon und deutete anklagend auf die zerbrochene Vase. Harry versuchte, einfach nicht hinzuhören, aber es schmerzte viel mehr, als er sich einzugestehen bereit war. Es war so ungerecht! Er wusste einfach nicht, was er den Dursleys je getan haben sollte, um solchen Hass zu vierdienen; unmöglich konnte diese Art von Zurückweisung einfach aus dem Nichts kommen! Auch dieses Mal war es nicht seine Schuld gewesen.

Er hatte gerade die Vase, die nun zerbrochen auf dem Boden lag, abgestaubt, als Dudley angelaufen kam, sein Cousin. Er hasste ihn so sehr, dass es kaum einen Ausdruck dafür gab. Niemand verhielt sich ihm gegenüber in seinen Augen so unfair wie Dudley, auch wenn seine Tante und sein Onkel sich bisweilen redlich Mühe gaben. Aber die hatten meistens zumindest ansatzweise einen Grund (auch, wenn es trotzdem unfair war). Dudley jedoch … er hatte mit voller Absicht mit seinem Baseball- Schläger die Vase zerstört und war dann lachend weggelaufen. Wegen des Lärms, der dadurch entstand, war Vernon angelaufen gekommen und hatte HARRY zur Rede gestellt, nicht Dudley. Natürlich war dann auch Harry automatisch der Schuldige gewesen, allein schon, weil er in der Nähe gewesen war. Das war völlig normal, denn es lief immer so ab, aber ohne Dudley wäre es doch nie passiert! Der frönte nur wieder seinem größten Vergnügen, nämlich, ihn ins Bockshorn zu jagen.

Er wollte es Dudley so sehr heimzahlen, aber er sah keinen Weg, das zu bewerkstelligen. Dudley ähnelte nicht nur einem immer weiter expandierenden Hefekuchen, er war leider auch ziemlich stark. Harry hatte einfach keine Chance. „Weißt du, wie teuer diese Vase war?! Was denkst du eigentlich, wer du bist?!“, schrie Onkel Vernon. Der Kopf seines Onkels war purpurrot vor Zorn und er zitterte vor Wut. Offensichtlich war die Vase tatsächlich ziemlich teuer gewesen; er hatte seinen Onkel selten so außer sich erlebt. „Es ist einfach unfassbar“, regte sich Vernon weiterhin auf. „Wir geben dir zu Essen, wir schenken dir Kleidung, wir tun einfach alles für dich, obwohl ich mich wirklich frage, ob du das verdienst - und so sieht der Dank dafür aus!“

Seine Hand hob sich bedrohlich in die Luft und aus einem Instinkt heraus kauerte Harry sich so weit zusammen, wie es eben ging, wenn man ohnehin schon mit gesenktem Kopf vor jemandem stand. Vernon hatte ihn noch nie geschlagen. Er war oft schon zornig gewesen, hatte im Zimmer gewütet, ihn als alles Mögliche bezeichnet, aber geschlagen hatte er Harry noch nie. Auch diesmal tat er es nicht, aber Harry fürchtete sich trotzdem. Wenn doch nur das mit der blöden Vase nicht passiert wäre! Dann wäre alles wieder gut und er müsste nicht Angst haben, wieder in den Schrank gesperrt zu werden und ohne Essen ins Bett zu müssen. Die Dursleys ließen ihn nicht verhungern, das nicht, aber besonders üppig war das auch nicht, was er bekam. Er hatte nicht die geringste Lust, auch noch weitere Abstriche hinnehmen zu müssen. In Harrys Kopf entstand unwillkürlich ein Bild der heilen Vase, wie sie zuvor auf der Kommode gestanden hatte. Oh, wie er sich wünschte, dass alles wieder so wäre wie zuvor! Sein Onkel würde sich beruhigen, vielleicht müsste er dann sogar doch nicht mehr den Küchenboden saubermachen … Und vielleicht würde sich seine Meinung über Harry nicht stetig verschlechtern, sondern einmal im Leben etwas aufhellen – aber leider konnte man so etwas ja nicht ungeschehen machen.

Da flogen auf einmal die Splitter aufeinander zu, verbanden sich und setzten sich wieder zu der Vase zusammen, die vor wenigen Minuten noch dort gestanden hatte. Vernon stand da wie erstarrt, sein Schnauzer zitterte. Alles in allem sah er aus wie zuvor, aber Harry übersah völlig die panische Angst in seinen Augen, diese tief verwurzelte Furcht vor Magie, die seit Harrys Ankunft seine Handlungsweise bestimmte. „Was hast du da gemacht?“, fragte er leise, aber doch in einem Ton, der Harry sagte, dass es keineswegs etwas Gutes gewesen war.

Harry schüttelte den Kopf, aber er kam nicht zu einer Antwort. Zum ersten Mal in seinem Leben machte sein Onkel genau das, wovon er sonst immer Abstand genommen hatte: Er setzte physische Gewalt ein. Mit hartem Griff schüttelte er Harry und als er schrie, flogen dem Jungen Spucketröpfchen ins Gesicht: „ANTWORTE!!“ "Ich war das nicht", schluchzte Harry. Es war so ungerecht! Der Schaden war doch beseitigt, aus welchem Grund auch immer, und sein Onkel war noch viel wütender als zuvor! Das konnte er doch nicht verdient haben? Sein Onkel sah das anders: Sein fester Griff wurde schraubstockartig und Harry keuchte, als seine Schultern vor Schmerz zu ächzen begannen. Wenn sein Onkel tatsächlich dachte, dass er das war, warum wurde er dann nicht gelobt, sondern auch noch für seine außergewöhnlichen Fähigkeiten bestraft? Er hatte schon etwas gespürt, als die Vase zusammengesetzt wurde; vielleicht war er es ja  tatsächlich er gewesen, wie auch immer das funktionieren sollte? Aber dafür wurde man doch nicht bestraft! Er hatte es in Ordnung gebracht, verflucht!

Es einfach nicht fair, und er wünschte, sein Onkel würde endlich aufhören, ihn mit diesem Griff zu umfassen, einfach weggehen, und unter normalen Umständen hätte Vernon das wohl auch getan. Aber er war so gefangen in seiner Angst wegen dieses plötzlichen „Anfalls“ von Magie, der so leicht, so problemlos die Vase zusammengesetzt hatte. Wer wusste schon, was dieser Junge noch tun würde (beispielsweise mit ihm oder seinem Sohn), wenn er ihn nicht genau jetzt ein für allemal davon abhielt, Magie zu verwenden?

Vernon stand mit einer ausgesprochen furchteinflößenden Grimasse vor Harry. "Das machst du nicht in meinem Haus", schrie er und schüttelte Harry ein weiteres Mal. Harry stöhnte auf und versuchte, Vernons Hände von seinen Schultern zu lösen, aber da war nichts, was er tun konnte. Er fühlte sich hilflos, wehrlos und es war das erste Mal, dass er in eine solche Situation mit einem Erwachsenen kam. Natürlich, Dudley hatte so etwas schon oft gemacht, aber niemals Onkel Vernon, der sonst beinahe Angst davor zu haben schien, ihn anzurühren. Harrys Angst wuchs mit jeder Sekunde und war bereits zur Panik umgeschwenkt.

Und dann flog Onkel Vernon plötzlich hoch in die Luft und krachte mit einem äußerst ungesunden Geräusch in die soeben reparierte Vase.  Während er sich stöhnend wieder aufrappelte und stöhnend das Blut betrachtete, das aus seinem Arm quoll, in dem eine Glasscherbe steckte, war Harry wie erstarrt. Hatte er das gerade getan? Das war gar nicht gut, überhaupt nicht gut. Vorsichtig sah er zu seinem Onkel. Dessen Gesichtsausdruck war mörderisch (zumindest hielt Harry es dafür; er konnte nicht wissen, dass das verzehrte Gesicht vielmehr die blanke Panik seines Onkels widerspiegelte; dazu hatte er zu wenig Erfahrung im Lesen von Gesichtern).

Trotz aller Angst wusste Vernon, dass er schnellstens etwas tun musste. Wer wusste schon, was der kleine Freak sonst mit ihm anstellen würde? Genau das sollte sein Verhängnis sein. Erneut ging er auf Harry zu und was genau er tun wollte, sollte auf ewig sein Geheimnis bleiben. Denn bevor er ihn auch nur erreichte, wurde er von der Magie des noch immer panischen Jungen nach oben gerissen und flog mit weit mehr Wucht als zuvor durch den Raum. Mit einem heftigen Knirschen prallte er gegen eine der doppelt verglasten Fensterscheiben, in der sich haarartige Risse ausbreiteten. Danach stand Vernon nicht mehr auf.

Harry stand vollkommen schockiert einfach nur da und versuchte zu verarbeiten, was soeben geschehen war. Der starke Mann, der ihn immer beschimpft und bedroht hatte und ihm nun sogar körperlich schaden wollte; der ihn Dudley gegenüber immer so stark benachteiligt hatte, genau dieser Mann lag nun reglos vor ihm. Wegen etwas, das wahrscheinlich Harrys selbst getan hatte.

Irgendwie fühlte er sich in diesem Moment nicht nur schuldig, weil er seinen Onkel bewusstlos hatte werden lassen, nein, da war auch noch etwas anderes. Er fühlte sich … stark. Mächtig. Und zugleich schockiert, weil er wusste, welcher gigantische Berg an Ärger auf ihn wartete und weil er keine Ahnung hatte, was er da gerade getan hatte. Genau diesen Moment suchte Dudley sich aus, um nach unten zu kommen und den reglosen Körper seines Vaters zu entdecken.

„Mama! Mama! Komm schnell her!! Harry hat Papa umgebracht!!“, schrie er (obwohl er das deutliche Heben und Senken des Bauches von Vernon ganz klar sehen konnte) und sah Harry gehässig an. Der konnte es kaum fassen. Selbst in diesem Moment hatte sein verfluchter Cousin nichts Besseres zu tun, als ihn in Schwierigkeiten zu bringen. Oh, wie sehr er ihn doch verabscheute. Wenn er ihn nur ein einziges Mal genau so leiden lassen könnte, wie Dudley ihn sonst immer leiden ließ. Mit seinen Freunden, mit denen er immer auf ihn einschlug. Mit der Geschichte mit der Vase. Oder wie jetzt. Er war so eine Plage und Harry wünschte sich gerade jetzt, in diesem magischen Moment, ganz unfassbar, dass Dudley genau so vor ihm liegen würde wie Onkel Vernon, dass er es ihm ein einziges Mal wenigstens heimzahlen könnte.

Befeuert von seinem Hass und der eigenartigen Befriedigung, die er noch immer verspürte, verwandelte sich dieser Wunsch in etwas anderes, in etwas sehr viel Gefährlicheres, und es war genau auf Dudley gerichtet. Die Beine von Harrys Cousin knickten ein und plötzlich schrie er. Dudley wälzte sich hilflos auf dem Boden herum und erlebte Qualen, die keiner jemals verdient haben konnte, auch, wenn sie noch immer weit unter dem Cruciatus-Fluch lagen.

Harry hingegen lächelte. Es war ein düsteres, humorloses Lächeln aus purer sadistischer Freude, die einem Achtjährigen fürchterlich zu Gesicht stand. Der Rausch der Magie hatte ihn von der ersten Sekunde an völlig vereinnahmt. Während sein Cousin litt, fühlte er sich wie im siebten Himmel, als könne er alles tun, was er nur wolle. Als wäre er vollkommen allmächtig. Er war nicht mehr nur Harry, er fühlte sich wie … beinahe wie ein Gott.

Plötzlich hörte Dudleys Geschrei auf und Harry verspürte nur noch bittere Leere. Das warme Gefühl der Allmacht war verschwunden. Enttäuscht schnaubte er und sah, wie Dudley sich heftig zitternd wieder aufrichtete, während aus dem Badezimmer oben Rufe zu vernehmen waren. „Dudley? Diddykins? Geht es dir gut?“, gellte Petunias Stimme durch das gesamte Haus.

Harry wollte es wiederhaben, dieses Gefühl. Wie hatte er das gemacht? Erneut versuchte er, all seinen Hass auf Dudley zu konzentrieren, damit er wieder diese schreckliche und zugleich wunderbare Euphorie von eben erleben konnte und ein einziges Mal in seinem Leben seinen Cousin seiner gerechten Strafe zuführte. Doch diesmal geschah etwas anderes: Aus seinen Händen zischte eine tiefrote Stichflamme und sie traf Dudley mitten im Gesicht, während Harry erneut vor purer Kraft zu vibrieren schien.

Dann griff das Feuer über auf den Tisch und in rasender Geschwindigkeit auch auf die Stühle. Im selben Moment, in dem die Flammen auf die Tapete übergriffen und sich explosionsartig und mit beißendem Qualm ausbreiteten, viel schneller, als ein normales Feuer das je geschafft hätte, stürzte Petunia mit nassen Füßen die Treppe hinunter.

Die Flammen wiederspiegelten sich in Harrys Augen und er musste husten. Noch immer war das Gefühl der unendlichen Macht, der Glückseligkeit aufgrund der Kraft, über das Schicksal anderer zu entscheiden, nicht geschwunden, aber es war so weit gewichen, dass er wieder einen halbwegs klaren Gedanken fassen konnte. Und der war ganz einfach: Raus hier, so schnell wie möglich!



II

„He, Mr. Scrimgeour, wir haben einen Alarm.“ „Wissen Sie Genaueres, Shacklebolt?“ „Da ist eine relativ hohe magische Aktivität.“ „Wo?“ „In einem Vorort von London, in Little Whinging, Surrey.“ „Aber da wohnt doch kein Zauberer, der solche Magie ausführen könnte, zumindest keiner, der von uns registriert ist.“ „Was meinen Sie?“ „Schwierig. Ich habe den Verdacht, dass da nur wieder Travis Gerjey mit Mülltonnen herumexperimentiert und das eigentlich ein Fall für die Vergissmichs ist, aber ich denke … zwei Auroren sollten reichen. Sie erstatten mir dann Bericht. Nehmen Sie Flowerrain mit sich, der muss ohnehin noch den Nachweis für einen Außeneinsatz erbringen. Ich gebe Ihnen die Befugnis zum Verändern von Gedächtnissen – Flowerrain soll da auch recht gut sein – sofern es nötig wird. Wenn Sie fertig sind, erhalten Sie die auch schriftlich. Beeilen Sie sich und melden Sie sich, falls es etwas Größeres sein sollte!“ „Okay.“



III

Albus Dumbledore saß auf seinem Schulleiterstuhl und ging rastlos im Büro auf und ab, wie so oft in letzter Zeit. Neben der Tatsache, dass man bei dieser Tätigkeit hervorragend nachdenken konnte, hielt es außerdem die Beine jung. Immer öfter kamen ihm Zweifel, ob es richtig gewesen war, Harry zu seinen Verwandten zu schicken. Natürlich, es hatte keine nennenswerten Alternativen gegeben, damals, aber es war auf keinen Fall das, was er sich für Harry gewünscht hätte. Notwendig nichtsdestoweniger, gerade für den prophezeihten Auserwählten, von dem Dumbledore sich sicher war, ihn mit Harry gefunden zu haben.

Es war eine furchtbare Zeit gewesen damals, mit all den Todesserangriffen, unter denen vor allem die armen Frank und Alice Longbottom zu leiden gehabt hatten. Das war nun weitgehend eingedämmt, aber wer wusste schon, ob nicht dennoch etwas passieren würde? Es war ja leider nicht der Fall, dass Minister Bagnold sich nach Crouchs Fall noch besondere Mühe gegeben hatte, sämtliche Todesser auch auf jeden Fall zu erwischen. Eine andere Unterbringung als die bei den Dursleys wäre für den Jungen einfach zu gefährlich, auch wenn es nicht gerade besonders schöner Ort war.

Dumbledore hatte einen Überwachungszauber über das Haus der Dursleys gelegt, nur um ganz sicher zu gehen. Oh, er sah, wie der Junge dort behandelt wurde (auch, wenn er es nur äußerst selten überprüfte). Die emotionale Vernachlässigung, mit der er Tag für Tag zu leben hatte, setzte sogar ihm zu, der nur gelegentlich zusah. Das einzig Positive, was über die Dursleys zu sagen war, war der totale Mangel an körperlicher Gewalt seitens Vernon und Petunia. Aber das sollte man bei einem magischen Kind auch nicht tun; die Panik eines Kindes, welches grundlos angegriffen wurde, weckte oft den ureigenen Beschützerinstinkt seiner Magie. Eine schlechte Idee.

Letztlich hatte er wohl richtig gehandelt, allein schon, weil es kaum nennenswerte Alternativen gab. Es hatte zudem auch eine durchaus positive Seite, deren Rolle bei seiner Entscheidung er sich nur ungern eingestand: Ein Junge in einer neuen Welt, die so viel besser war als jene, die er zurückließ, jemand, der mit größter Mühe versuchte seinen Platz zu finden, genau so jemand würde Harry sein. Und ein solcher Jemand wäre leichter dazu zu bringen, das zu tun, was nötig war. Für das größere Wohl. Dumbledore lächelte grimmig, als diese Worte auf einmal ungebeten in seinem Kopf erschienen. Es war erstaunlich, wie lange alte Sünden auf der Seele eines Menschen nachklingen konnten.

Das war der Moment, in dem ein kurzer, kräftiger Alarmton durch das Büro schallte. Er brach seinen unablässigen Gang auf der Stelle ab und das Lächeln verschwand augenblicklich aus seinem Gesicht. Es gab nur drei Fälle, in denen ein solcher Alarm bei ihm auftreten würde: Entweder griff jemand Schloss Hogwarts an, verübte Gewalt in Little Whinging oder versuchte, ohne seine Erlaubnis aus der Schale mit den Zitronenbonbons zu nehmen.

In diesem Fall war nicht schwer zu erraten, welche von diesen drei Möglichkeiten wohl eingetreten war. Irgendetwas geschah gerade in Privet Drive, irgendetwas war nicht so, wie es sein sollte, denn auf Hogwarts war alles ruhig. Er musste sofort nachsehen, was geschehen war. Der Schulleiter Hogwarts trat vor eine nicht mit Regalen zugestellte Stelle seines Büros und murmelte: „Schokolade.“ Die Wand schob sich langsam nach oben und verschwand in der holzgetäfelten Decke. Dahinter kam eine mit verschlungenen Symbolen gekennzeichnete flache Schale hervor, die mit einer silbrigen Flüssigkeit gefüllt war. Sie war eigens für den Überwachungszauber, den Dumbledore angewandt hatte, konzipiert worden. Der Zauber zeichnete alles auf, was im Haus geschah und übertrug es als Erinnerung in diese Schale.

Dumbledore war höchst beunruhigt. Was mochte wohl geschehen sein? Unter normalen Umständen glühten die verschnörkelten Symbole auf der Schale. Wenn sie es nicht taten, konnte das nur heißen, dass der Überwachungszauber entweder von selbst den Geist aufgegeben hatte oder zerstört wurde. Dumbledore runzelte die Stirn. Eine der Grundregeln bei Bannen, die er selbst gewirkt hatte, war Folgende: Sie gaben nicht den Geist auf. Also blieb die Frage, was dort geschehen war: Waren die Dursleys überfallen worden? Kein Zauberer, der Harry Böses wollte, käme auch nur ansatzweise an dieses Haus heran, die Schutzzauber waren zu mächtig, aber ein Muggel vielleicht ... Kurz entschlossen senkte er seinen Kopf in die silbrige, mild nach Kochsalz duftende Flüssigkeit hinab und schaute sich die Geschehnisse an. Befürchtungen brachten ohnehin niemanden weiter.

Doch was er dann sah, war wesentlich schlimmer als alles, was er sich vorgestellt hatte. Dumbledore musste unverzüglich handeln, sonst wären all seine Pläne bezüglich Harry völlig sinnfrei gewesen. Beinahe schlimmer noch als der totale Fall seines noch relativ leicht beeinflussbaren Geistes in die Verlockungen der Dunklen Magie war die Tatsache, dass er geflohen war. Wie, um Himmels Willen, sollte Dumbledore ihn jetzt aufspüren? Und wie groß standen die Chancen, dass er jemandem in die Arme lief, der ihm noch weniger freundlich gesinnt war als seine eigenen Verwandten? Dumbledore seufzte tief, als habe er selbst sich schwer verletzt und nicht die Durselys.

Was war noch einmal sein Argument gewesen, Harry zu den Dursleys zu schicken? Sicherheit, ah ja. Ein maskenartiges Lächeln schob sich auf sein Gesicht. Wenn man zu viel auf einmal zu kontrollieren versuchte, englitten einem die kleinen Details – beispielsweise Menschlichkeit – sehr viel schneller, als man selbst erwartete. Manchmal war es eben doch besser, man hörte auf sein Herz, statt auf seinen Verstand. Und wie lange schon hatte ihm sein Herz zugebrüllt, endlich etwas gegen Harrys furchtbares Leben bei seinen Verwandten zu tun?



IV

Etwas glitt wie dunkler Nebel durch den Wald. Überall, wo es langkam, wurde es kurzzeitig kälter. Es schien, als würde der Wald selbst sich in Grauen zusammenziehen. Der dunkle Rauch streifte die umstehenden Bäume an einigen Stellen, und überall, wo er es tat, verdorrten die Äste und fielen ab. Er schien keine richtige Form zu haben, und doch konnte man Ähnlichkeiten mit einer Schlange entdecken. Es war alles, was von Lord Voldemort übrig geblieben war.

Die zu erahnende Schlangenform seiner derzeitigen Gestalt – er schwebte derzeit in einer Art Behältnis aus Luft, in dem seine stark verstümmelte Seele als eine Art schwarzer Dampf erschien– rührte von dem Tier, welches er zuletzt besessen hatte. Ziemlich widerstandsfähig, aber für eine so mächtige Präsenz wie die seine einfach nicht geschaffen. Die Schlange stand ohnehin kurz vor dem Tod, als er sie verlassen hatte. Aber das war nicht der Grund gewesen.

Der Grund war töricht, zweifelsohne, aber die ewige qualvolle Existenz als Geist zwang bisweilen zu törichten Taten. Ein entferntes Kitzeln, nicht mehr als Ahnung: Das war es, was er gefühlt hatte, was sein verbliebenes Bewusstsein empfunden hatte, als es in diesem Körper steckte. Es war unglaublich weit entfernt und jemand, der nicht derart versiert in den geistigen Branchen der Magie war, hätte es niemals erspürt. Irgendwo setzte jemand starke Dunkle Magie ein. Nein, nicht irgendwo, in seiner Heimat. Dass er das gespürt hatte, war eine absolute Sensation, eigentlich unvorstellbar – und nutzlos. Es war nicht so, dass ein durchschnittlicher Schwarzmagier ihn in seinen Geist aufnehmen würde, zumindest nicht, wenn er noch halbwegs bei Verstand war. Sogar das Gras verdorrte unter dem widernatürlichen Einfluss seiner verstümmelten Seele und Voldemort wusste, auch wenn er es ungern zugab, dass er momentan kaum eine wirkliche Gefahr darstellte.

Aber aus irgendeinem Grund wusste er, dass der Verwender dieser Magie nicht etwa ein erwachsener Mann, sondern vielmehr ein kleiner, naiver Junge gewesen war. Also jemand, den man leicht beeinflussen konnte und der dennoch einen würdigen menschlichen Körper für ihn stellen könnte. Auch das war eigentlich nutzlos, denn er konnte in keinen menschlichen Geist hinein, der sich ihm nicht vollkommen willig zur Verfügung stellte. Gegen den Willen eines Menschen konnte er in dieser Form nicht agieren. Für einen solchen Angriff, einen solch enormen aufwendigen Einbruch fehlte ihm schlichtweg die Kraft, so furchtbar es auch war, sich das selbst eingestehen zu müssen. Selbst wenn er den Jungen manipulieren könnte, er glaubte nicht, dass er auch selbst das naivste achtjährige Kind dazu bekam, seine Identität für ihn aufzugeben.

Aber das war auch nicht der Grund für seine plötzliche Hoffnung. Der Grund lag vielmehr darin, dass er über Hunderte von Kilometern eine geringfügige schwarzmagische Aktivität erspürt hatte. Das war nicht nur außergewöhnlich, das war vollkommen unmöglich. Es musste eine Art Verbindung zu der Quelle dieser Aktivität geben, irgendetwas, was dieses seltsame, diffuse Prickeln erklären konnte, das nicht von ihm selbst stammte. Und eine Verbindung bedeutete einen Eingang. Vielleicht könnte er es ein Fenster nennen, durch das er eventuell in der Lage war hineinzuschlüpfen.

Ohne viel Federlesens und nur mit seinem eigenen puren Willen beschleunigte er das Gefäß aus Luft, in und an dem er reiste. Er musste unbedingt so schnell sein, wie es nur ging. Sobald alles, was von ihm übrig war, zerbrach und in alle Himmelsrichtungen verteilt war, war es durchaus wahrscheinlich, dass nicht mehr genug übrig war, um in der Lage zu sein, so etwas wie einen Willen zu haben. Und es war unfassbar anstrengend, es ohne einen wirklichen Körper zusammenzuhalten.



V

Kingsley Shacklebolt schritt mit seinem Aurorkollegen namens Flowerrain, der sich momentan am Ende seiner Ausbildung befand, zum einzigen Ort der gesamten Zentrale, an dem man apparieren konnte. Der Raum war streng geheim. Jeder Auror wurde bei Antritt seines Dienstes gezwungen, einen Unbrechbaren Schwur abzulegen, den Standort dieses Raumes niemals jemandem zu verraten. Wer dies nicht tat, dem wurde das Gedächtnis verändert. Und er wurde mit den freundlichsten Empfehlungen in eine andere Abteilung verfrachtet.

„Kommen Sie, Mr. Shacklebolt, etwas schneller. Ich glaube zwar auch nicht, dass wir uns große Sorgen machen müssen, aber es kann nie schaden, so früh wie möglich da zu sein.“ Shacklebolt stöhnte. Eine kleine magische Aktivität (okay, etwas größer war sie schon) an einem Ort, an dem sonst keine Zauberer waren und gleich wurde es von seinem Kollegen zu einem dringenden Notfall aufgeblasen. Auf sie wartete sowieso wieder Travis Gerjey, eine bis drei sprechende Mülltonnen und fünf vollkommen verwirrte Muggel, die eigentlich Aufgabe der offensichtlich beschäftigungslosen Vergissmichs waren. So wie die letzten vier Male in solchen Fällen eben auch.

Abgesehen davon war er der Vorgesetzte. Wenn jemand jemandem sagen durfte, dass sich jemand beeilen sollte, dann doch bitte umgekehrt. Aber frische Auroren, gerade die, die noch kein einziges Stück von ihrer wahren Aufgabe – das Ergreifen von wirklich gemeingefährlichen Kriminellen – mitbekommen hatten, tendierten dazu, Kleinigkeiten wichtiger zu nehmen, als es ihnen und ihren Kollegen gut tat. Und das hier war Flowerrains erster Außeneinsatz. Natürlich war er aufgeregt. Gerade angesichts seiner eher mauen Prüfungsergebnisse musste er darauf brennen, sich zu beweisen. Nun, zumindest dazu würde Gerjey ihm wahrscheinlich ausreichend Gelegenheit bieten; der Mann war nicht gerade der brillanteste Kopf, der ihm je begegnet war.

„Little Whinging, Surrey!“, sagte Shacklebolt mit fester Stimme und beide verschwanden mit einem lauten Knallen aus dem Büro. Es war eine Art Kombination aus Apparieren und Flohpulver. Man musste es nicht selbst tun, sondern wurde an seinen Bestimmungsort gebracht, nachdem man dessen Adresse genannt hatte. Leider fühlte es sich trotzdem an wie eine Apparation und der Mechanismus war auch ähnlich, weil man nie sichergehen konnte, dass es am Zielort auch einen Kamin gab. Flohpulver schied damit für die Auroren trotz seiner weitaus größeren Annehmlichkeiten leider aus.



VI

Albus Dumbledore war relativ sicher, was gleich in Little Whinging, Surrey, geschehen würde: Die gesandten Mitglieder der Abteilung für magische Strafverfolgung würden Harry antreffen und dann gab es zwei Möglichkeiten: Entweder, sie machten dem Jungen so große Angst, dass er floh (ein nicht besonders wünschenswertes Szenario und mit ein wenig Pech würde er ihnen auch noch entkommen – Dumbledore glaubte nicht, dass das Ministerium besonders viele Auroren schicken würde; sie würden außerdem Rücksicht auf Harry nehmen und von dem was, was er aufgeschnappt hatte, war Harry erstaunlich flink).

Oder er würde direkt ins Ministerium transportiert. Ebenfalls nicht sonderlich wünschenswert, denn er konnte es nun wirklich nicht gebrauchen, dass die Ministerin auf die furchtbaren Unterbringungsumstände des berühmten Jungen, der überlebt hatte, aufmerksam wurde. Millicent Bagnold vertraute ihm eigentlich, aber diese Ereignisse würden sie dieses Vertrauen mit Sicherheit überdenken lassen und das konnte er nun gar nicht gebrauchen. Er musste unbedingt sofort nach Little Whinging, um beide dieser Möglichkeiten auszuschließen und Harry so schnell wie möglich wieder auf den richtigen Pfad zurückzubringen. Die Dunkle Magie konnte ausgesprochen verlockend sein und er wäre ein Narr, wenn er riskierte, dass Harry ihr zum Opfer fiel. Mit einem kaum hörbaren Plopp! verschwand Dumbledore aus seinem Büro.



VII

Flowerrain und Shacklebolt erschienen unbemerkt vor einer Reihe kleiner Vorgärten, die alle so aussahen, als ob sie nach einem Metermaß angelegt worden wären. Ein Haus tanzte allerdings aus der Reihe, vordergründig durch den Fakt, dass es lichterloh in Flammen stand. Hier war eindeutig Magie am Werke gewesen, die Flamme war deutlich zu rot, um natürlich zu sein. Wenn jemand eine Flamme schuf, dann schuf er sie nach seinem Willen, aus seiner Erinnerung daran, wie sie auszusehen hatte und welche Eigenschaften sie besitzen sollte. Und eine solche Erinnerung war nie völlig perfekt. Deshalb waren magische Flammen von normalen oftmals durch Details zu unterscheiden. Und hier war bei der Nachbildung einer natürlichen Flamme sogar grober Pfusch im Spiel gewesen; keine Glanzleistung für einen erwachsenen Zauberer. Ein Tross von Schaulustigen hatte sich darum versammelt, von weiter Ferne waren Sirenen ankommender  Feuerwehrwagen zu hören. Sie konnten jetzt nichts tun, jedenfalls nicht vor den ganzen möglichen Beobachtern (wer wusste schon, wer noch aus dem Fenster starrte). Abgesehen davon war vermutlich ohnehin schon jeder tot, der sich in diesem Haus befand.

Viel wichtiger war die Frage, wer genau für dieses Unglück verantwortlich gewesen war. Flowerrain war es, der den Jungen zuerst sah. Er stand abseits der Menge und starrte ebenfalls wie gebannt auf das Haus, geradezu erstarrt. Niemand von den Gaffern schien sich besonders für ihn zu interessieren – brennende Häuser waren immer interessanter als kleine Jungen - aber wenn man genauer hinschaute, erkannte man die Brandflecken auf seinem Pullover. Der Junge war wahrscheinlich in diesem Haus gewesen und somit zumindest als Zeuge interessant. Flowerrain näherte sich ihm bereits, als Shacklebolt gerade den Befehl geben wollte, noch ein wenig abzuwarten. Der Täter war nämlich nirgends zu sehen.

Als Flowerrain sich dem kleinen Kind näherte, erkannte er, dass es tatsächlich nicht nur ein Zuschauer gewesen sein konnte. Seine Augen schwammen in Tränen. Der Auror beschloss, nichtsdestoweniger so direkt wie möglich an den Jungen heranzugehen. Sieben oder acht Jahre war er vielleicht alt, viel zu jung für ein so traumatisierendes Erlebnis. „Was hast du denn, Kleiner?“, fragte er den Jungen, wohl wissend, dass er gerade etwas Furchtbares gesehen haben musste.

Der Junge reagierte viel heftiger als erwartet, er schrak zusammen, als er nur seine Stimme hörte. „Nichts“, sagte er viel zu schnell und schluckte heftig, während er offensichtlich versuchte, seine Schluchzer zu unterdrücken. Shacklebolt stieß zu den beiden hinzu und der Junge sah die beiden fremden Männer mit einiger Unsicherheit an. „Es ist alles in Ordnung, beruhige dich. Sie kümmern sich schon um das Feuer. Weißt du vielleicht, wie es passiert ist?“, drängte Flowerrain. Es war rücksichtslos, es war zweifelsohne unangebracht, aber sie brauchten Antworten so schnell wie möglich und in der Ausbildung hatte man ihm gesagt, dass es auf klare Fragen von Menschen jeder Altersklasse auch in Schockstarre meist eindeutige Antworten gab.

„Ich war das nicht!“ Die Antwort kam viel zu schnell und hatte eine andere Tonlage, als Flowerrain erwartet hatte. Es klang nicht nervös oder schockiert, sondern vielmehr … ertappt und schuldbewusst. Aber dieser kleine Junge konnte doch unmöglich etwas hiermit zu tun haben, oder? Aus den Augenwinkeln sah er, wie Shacklebolt ihm einen warnenden Blick zuwarf. Er hatte es also auch bemerkt.

„Niemand sagt, dass du das warst. Wir wollen nur kurz wissen, was hier passiert ist, mehr nicht.“ Der Junge schüttelte nur den Kopf. Verdammt, warum mussten kleine Kinder so furchtbar begriffsstutzig sein! Shacklebolt kniete sich mit der ihm ureigenen Ruhe zu dem Jungen hinunter und brummte: „Weißt du, wir wollen nur denjenigen fassen, der das hier verursacht hat. Möchtest du uns dabei nicht helfen?“ Der Junge sah ihn panisch an und wusste ganz offensichtlich nicht, was er erwidern sollte. Das ungute Gefühl in Flowerrains Magengegend wurde noch einmal deutlich stärker. Irgendetwas stimmte hier überhaupt nicht. „Ich weiß nichts“, brachte der Junge schließlich hervor und die nackte Angst in seinem Gesicht war offenkundig. „Ich glaube, die anderen Leute können Ihnen mehr sagen“, setzte er noch hinzu. Shacklebolt hob die Augenbrauen. Selten hatte ihn jemand so offenkundig angelogen, auch wenn es für ein Kind wahrscheinlich ein ganz netter Versuch war.

Harry hatte panische Angst, aber er versuchte, die zu unterdrücken, so gut es eben ging. Diese beiden Männer verdächtigten ihn schon – er kannte sie nicht im Geringsten und sie ihn auch nicht und sie waren wie aus dem Nichts erschienen und hatten sofort ihn angesprochen. Und das in einem Moment, in dem er erst angefangen hatte zu begreifen, was geschehen war. Er hatte seine Verwandten getötet. Wie benebelt von etwas, das er nicht definieren konnte, hatte er furchtbare Dinge getan … Dinge, die er jetzt nicht einmal erklären konnte.

Er hatte nicht geweint, weil seine Verwandten tot waren, denn auch, wenn sie gemeint hatten, er habe dankbar sein sollen, so war er doch entschieden anderer Meinung gewesen. Aber er hatte einen Menschen getötet und in diesem Moment hatte es sich angefühlt, als könnte keine andere Handlung richtiger sein, als wäre es das Beste, was er je in seinem Leben getan hätte. Seine Tränen waren nicht entstanden aus Trauer, sondern vielmehr aus einer Mischung aus Schock und Verwirrung. Er hatte keine Ahnung, was diese Tat aus ihm machte.

Und jetzt diese beiden. Sie vermuteten irgendetwas, warum auch immer. Und die schreckliche Gewissheit, dass diese Vermutung korrekt war und er tatsächlich jemanden umgebracht hatte, lähmte ihn vollends, ließ ihn eine dumme Antwort nach der anderen geben. Er hoffte – er wusste natürlich, dass es irrational war, aber nichtsdestotrotz hoffte er – dass die Männer seinen letzten Satz einfach befolgen und andere Leute fragen würden. Dann könnte er gehen, wohin auch immer er nun gehen sollte, da er sein Zuhause verloren hatte. Wenn man es denn ein Zuhause nennen konnte.

Ohne eine Antwort abzuwarten, entfernte er sich von den Auroren, so schnell er konnte, ohne dass es zu sehr nach einem Sprint aussah.

„He! Warte!“, rief einer der Männer. Der Stimme nach der mit der schwarzen Haut. Aber er würde nicht warten. Harry war ein ziemlich schneller Läufer, zumindest das hatte er seinem Cousin zu verdanken. Vielleicht, irgendwie, würde er entkommen können. Harry begann zu sprinten, so schnell es eben ging. Nach nur wenigen Schritten über den Asphalt spürte er, wie etwas Hartes ihn im Rücken traf und er zu Boden fiel. Verzweifelt versuchte er aufzustehen, aber … es ging nicht. Er konnte keinen einzigen Körperteil mehr rühren.

Panik stieg in ihm auf, reine, unverfälschte Panik. Langsam kamen die Männer näher, wohl wissend, dass sie gewonnen hatten. Er musste frei kommen, von was auch immer er da gehalten wurde. Selten hatte er einen solch starken Willen gefühlt, irgendetwas zu tun. Er wollte mit jeder Faser seines Wesens gegen diese unsichtbaren Fesseln ankämpfen und in die Freiheit entkommen. Er wollte nicht ins Gefängnis, er wollte keine Bestrafung, von der er nicht wusste, wie sie aussehen würde. Wer wusste schon, vielleicht würde man ihn ewig festhalten?

Neue Kraft floss durch seinen Körper  und plötzlich fühlte er, wie die Klammer, die seinen Körper in festem Griff gehalten hatte, einfach verschwand. Augenblicklich sprang er auf. Die beiden Männer blieben erstaunt stehen, doch alle folgenden Ereignisse geschahen nur aus einem einzigen Grund: Die Natur ließ in genau diesem Moment einen scharfen Windstoß durch die Straße wehen, der Harry seine ohnehin chaotischen Haare noch mehr verstrubbelte. Und die blitzförmige Narbe freilegte, die er auf der Stirn trug.

Flowerrain und Shacklebolt waren ausgebildete Auroren, hochprofessionell und auf Extremsituationen vorbereitet. Aber eine noch nie getroffene Berühmtheit vor einem brennenden Haus zu sehen, die es soeben irgendwie geschafft hatte, ohne einen Zauberstab einen Ganzkörperklammerfluch aufzulösen? Es war zu viel und für drei ewig lange Sekunden waren sie völlig erstarrt. Harry rannte, so schnell er konnte und sah nicht zurück, beachtete die zusätzliche Zeit nicht, die das Duo ihm verschafft hatte. Er beachtete nicht einmal den Fluch, der wenige Zentimeter von ihm entfernt einschlug und der ihn nicht verfehlt hätte, wenn die Auroren sich auch nur um eine Millisekunde früher erholt hätten.



VIII

Dumbledore traf in Privet Drive Nummer 4 (genau genommen gegenüber, nämlich in Mrs. Figgs Hintergarten) mit einem leisen Plopp ein. Schnellen Schrittes trat er aus dem Hintergarten bis auf die Straße hinaus, doch niemand schien es zu bemerken. Vielleicht lag es auch daran, dass das Haus, vor welchem die Menschenmenge stand und welches lichterloh brannte, wesentlich interessanter war. Aus den Augenwinkeln konnte er in der Ferne zwei scheinbar recht groß gewachsene Gestalten sehen, die mit größter Geschwindigkeit die Straße herunterliefen, vor ihnen ein kaum mehr erkennbarer Punkt. Es war keine besondere Glanzleistung zu erraten, wer das nun wohl sein könnte.

Wenn er sich diese verfluchte Überwachungszaubererinnerung nicht komplett angeschaut hätte, wäre es vielleicht möglich gewesen Harry noch zu erwischen, aber in Konjunktiven zu denken, brachte ihn hier auch nicht weiter. Dumbledore wollte unverzüglich zu seinem Büro zurückapparieren, um sich dort seine weitere Vorgehensweise zu überlegen (er konnte den Auroren wirklich schlecht nachspurten, so fit war er nun auch nicht mehr), als er auf einmal abgelenkt wurde. Zwei rote Fahrzeuge fuhren vor und die Menge schrie kollektiv entsetzt auf. Allerdings nicht wegen der Fahrzeuge. Dumbledore kniff die Augen zusammen und erkannte einen fülligen, rauchenden Mann, der im Türrahmen zum Haus stand und stark wankte. Der Mann hustete. Dann schrie er plötzlich mit heiserer Stimme auf und ging ohne Vorwarnung zu Boden. Für Dumbledore war es, als hätte man ihn mit Eiswasser übergossen. Nie im Leben hätte er geglaubt, dass überhaupt einer der Dursleys nach diesem Inferno noch am Leben sein könnte – allgemein hatte er nicht besonders viel über die Familie Dursley nachgedacht – aber dieser schreckliche Anblick, mit dieser schwer verletzten Person, dem viel zu roten Flammeninferno und dem beißenden Qualm, der schon jetzt seine Augen zum Tränen brachte, sorgte dafür, dass er sich erinnerte, was genau hier passiert war.

Harry Potter hatte drei Menschen ermordet, Menschen, die man vielleicht nicht als wirklich „gut“ bezeichnen konnte, die aber ein solches Schicksal mit Sicherheit nicht verdient hatten. Für einen kurzen Moment war er unfähig sich zu rühren. In all seinen Gedanken war immer nur Harry präsent gewesen, aber die wahre Tragödie hatte er völlig übersehen. Es war scheußlich, sich selbst dabei zuzusehen, wie man nur noch die Sache zu achten begann und die Menschen dabei völlig vergaß. Diesen gebrochenen, schwer verletzten Mann taumeln und nun auch stürzen zu sehen, diesen Anblick würde Dumbledore nicht vergessen. Eine weitere Erinnerung an das, was passierte, wenn man ihm allzu viel Kontrolle über Personen gab.

Mit einer Träne im Augenwinkel und mit dem Wissen, dass er mit all diesen Schaulustigen und dem Zeitdruck hinsichtlich Harry absolut nichts für Vernon Dursley tun konnte, apparierte Dumbledore zurück in sein Büro.