Abschied (OS)

KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12
Juro Lyschko
29.12.2014
29.12.2014
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Hallo :)
irgendwie hat es mich grade gepackt und ich hab meinen Spaß daran gefunden, mit Juro und Lyschko rumzuexperimentieren, weil ich beide Charaktere einfach sehr spannend finde und das Buch da so viel Spielraum für eigene Ideen lässt. Außerdem gefällt mir diese düstere Stimmung der Mühle im Koselbruch einfach ungeheuer gut. Vielleicht findet ja noch jemand Gefallen daran? ;)
viele grüße, Jule

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Der Schwamm mit lauwarmem Wasser in meiner Hand streicht routiniert über den Körper, der vor mir aufgebahrt liegt. Es befremdet mich jedes Mal aufs Neue, wie geläufig mir die Handgriffe inzwischen geworden sind, mit denen man einen Toten für seinen letzten Gang vorbereitet. Wie genau ich inzwischen weiß, was zu tun ist.
Ein Zeichen dafür, wie lange ich schon hier in der Mühle im Koselbruch bin – viel zu lange. Ein Zeichen, das mich immer wieder erschaudern lässt. Denn obwohl meine Hände von ganz alleine tun, was getan werden muss, während sie sich längst daran gewöhnt haben, an jedem Neujahrstag einen über die Zeit liebgewonnenen Mitgesellen zu Grabe zu trage, so werden sich mein Kopf und mein Herz niemals daran gewöhnen. Zu grausam ist der Fluch, der bedrohlich über uns allen schwebt, über jedem einzelnen, der diese schreckliche Mühle sein Zuhause nennt.

Ich lege den Schwamm beiseite und mache mich daran, Tondas Haar zu waschen. Es ist nicht besonders dreckig, im Gegensatz zu sonst klebt kaum Mehlstaub darin. Erst vor kurzem muss er ihn ordentlich herausgebürstet haben. Als wollte er es mir so einfach wie möglich machen. Wackerer, rechtschaffener Tonda.
Ich muss zugeben, dass sein Tod mich besonders schmerzt. Seine aufrichtige Art, sein mutiger Geist, seine Entschlossenheit – er hätte derjenige werden können, der uns alle vom Bann des Müllers hätte befreien können. Wir haben so viel geübt, manchmal mehrere Nächte hintereinander. Um seinen Willen zu stärken. Um ihn gegen den Meister bestehen zu lassen. Er hätte es mit der Hilfe seiner Liebsten schaffen können, wenn er doch nur ihren Namen nicht preisgegeben hätte. Jetzt ist er ihr ins Grab gefolgt.
„Zu früh“, murmle ich leise vor mich hin und verstumme sofort, als mir klar wird, dass meine Stimme viel zu sehr nach mir selbst und viel zu wenig nach dem Dummkopf Juro klingt, den alle hier glauben zu kennen. In Augenblicken wie diesen fällt es mir besonders schwer, die Rolle aufrechtzuerhalten, die mich schützt. Auch nach all den Jahren.

Ich wickle ein Leintuch um Tondas nasses Haar und beginne, es trocken zu reiben. Meine Gedanken wandern von einem meiner Mitgesellen zum anderen und die Frage, wer von uns der nächste sein wird, lässt sich beim Anblick des vertrauten und jetzt reglosen Gesichts nicht verdrängen, auch wenn ich es noch so sehr versuche. Ein Jahr lang werden wir verschont sein, doch was nützt diese Galgenfrist, wenn sie unweigerlich damit verbunden ist, dass in der nächsten Silvesternacht wieder einer von uns sterben muss? Und wieder und wieder, ohne dass es ein Entkommen gäbe? Jedem von uns wird eine Silvesternacht den Tod bringen, welche dies sein wird, kann jetzt noch niemand sagen. Manchmal hat der Meister einen Grund, wen er auswählte, manchmal nicht.
Tondas Tod in diesem Jahr war zumindest in den letzten Tagen und Wochen vorhersehbar geworden, ebenso wie der Jankos es gewesen war, nachdem sein Mädchen die Probe nicht bestanden hatte. Es sind die Burschen, die dem Müller gefährlich werden können, die er sich besonders gerne vom Hals schafft. In anderen Jahren hatte ich keinen blassen Schimmer, wen es dieses Mal erwischen könnte. Bis ich in der Silvesternacht das Bett eines der Gesellen leer sah. Wie bei Werko zum Beispiel.

Ich hatte ihn gern, er war ein ehrlicher Bursche, dem doch der Schalk im Nacken saß. Vielleicht passte dem Meister einer der Scherze nicht, die Werko hin und wieder spielte, vielleicht wählte er ihn auch einfach willkürlich aus, doch in der Silvesternacht, die nun drei Jahre zurückliegt, war er es, der von uns ging. Ich selbst fand ihn damals, eingeklemmt unter dem vereisten Mühlrad, blaugefroren und leblos. Lyschko meinte, wahrscheinlich habe Werko wieder einen seiner dummen Streiche spielen wollen und das sei ihm zum Verhängnis geworden und im Gegensatz zu sonst erntete er für diesen Kommentar keine verärgerten Blicke sondern nur vereinzeltes betrübtes Nicken. Und Stille. Nicht einmal ich war in der Lage, ihm einen Denkzettel für seine Frechheit zu verpassen. An Neujahrstagen ist keiner in der Mühle auf Streit untereinander aus. Es ist, als ob man niemandem zu nahe treten möchte, weil der, den man angeht, schon ein Jahr später an der Stelle dessen liegen könnte, von dem man gerade Abschied zu nehmen gezwungen ist.
An Werkos Platz trat damals Michal, so wie Werko zuvor ein Jahr vor meiner eigenen Ankunft im Koselbruch, den damaligen Altgesellen Joscha ersetzte. Wie immer sprach niemand darüber, als Michal nur eine knappe Woche nach Werkos Tod auf dessen Pritsche lag und die Mühle damit wieder zum Laufen brachte. So, wie es an jedem Dreikönigstag geschieht. Immer wieder aufs Neue.
Es gab Jahre, in denen ich fest davon überzeugt war, dass der Meister meinen Schwindel durchschaut haben musste und ich selbst das nächste Opfer sein würde, doch immer traf es andere, immer war ich es nur, der am kommenden Tag den Leichnam für die Bestattung herrichtete. Irgendwann gab ich die Angst um mein eigenes Leben auf, weil sie zu sehr an mir zehrte, nur um festzustellen, dass die Angst davor, einen Mitgesellen nach dem anderen an den Tod zu verlieren, ohne etwas dagegen tun zu können, noch schrecklicher ist.

In diese Gedanken versunken, schlage ich das weiße Leintuch über Tondas Körper und befestigte es, sodass es nicht herunterrutschen wird, wenn Hanzo und Merten ihn später in den Sarg legen, der seit einiger Zeit wie ein stummes unheilverkündendes Omen im Schuppen unter einer Plane bereit steht. Als ich gerade die letzte Ecke des Tuchs mit einer unförmigen Nadel aus Horn befestige, sodass nur noch Tondas Gesicht hervorschaut, bleich und wächsern, das langsam einen gräulichen Ton annimmt, der mir den Magen zusammenzieht, höre ich ein leises Klicken. Ein Blick zur Tür bestätigt meine Vermutung, dass es das Geräusch der Türklinke war, die vorsichtig heruntergedrückt wird. Mein erster Gedanke ist, dass es Krabat sein könnte, der Jüngste unter uns, den Tondas Tod am Meisten mitnimmt, kurz denke ich auch an Hanzo oder Merten, die vielleicht nachsehen wollen, ob sie Tonda bereits nach draußen tragen können, in der Hoffnung, das Begräbnis schnell hinter sich zu bringen und dann zu vergessen, was jeden einzelnen von uns wahnsinnig machen würde, wenn wir zu viel darüber nachdächten. Doch mit dem, der einen Augenblick später nur schemenhaft im dunklen Flur auszumachen ist und der sich kaum hereinzuwagen scheint, hätte ich niemals gerechnet.

„Lyschko“, sage ich verwundert und habe es nur der vielen Übung zu verdanken, dass die Überraschung mich meiner Rolle des dummen Juro nicht beraubt. „Was tust du denn hier?“ Lyschko schweigt und sieht auf seine Füße, dann gibt er sich einen Ruck, tritt in die Kammer und schließt umsichtig die Tür hinter sich.
„Ich... ich wollte Abschied nehmen“, murmelt er. Ganz leise, fast beschämt. Und ich glaube meinen Ohren nicht zu trauen.
„Du?“, frage ich.
„Ja, ich“, knurrt er jetzt leicht gereizt, ohne mich anzusehen. „Ist das etwa verboten?“
„Natürlich nicht“, lenke ich ein, kann mich aber nicht zurückhalten, hinzuzufügen. „Es hat mich eben gewundert. Wo dich doch sonst der Tod eines Gesellen nicht besonders zu berühren scheint.“ Lyschko wird rot unter seinem blonden Haarschopf und es lässt mich stutzen, ihn so verlegen zu sehen. Den abweisenden, kaltherzigen Lyschko, der sich immer wieder einen Spaß daraus macht, seine Mitgesellen an den Meister zu verraten, wenn sie sich nicht in dessen Interesse verhalten. Lyschko, der bisher noch nie irgendeine Gefühlsregung gezeigt hat. Lyschko, der niemanden leiden kann und der sich in jedem Moment nur selbst der Nächste ist.
„Bei Tonda ist es eben anders, kapiert?“, fährt er mich an und als er jetzt endlich den Blick hebt, kann ich sehen, dass seine Augen gerötet sind. Er muss geweint haben. Für Sekundenbruchteile sehen wir uns an und ich kann zum ersten Mal ausmachen, dass in seinen Augen dieselbe Angst und dieselbe Mutlosigkeit liegen wie in den Blicken aller anderen. Er scheint sie sonst nur gut zu verbergen.
„Du solltest besser aufpassen, wenn du draußen unterwegs bist“, murmle ich, erschrocken über die neue Erkenntnis und in dem Versuch, Worte zu finden die dem dummen Juro angemessen sind. „Deine Augen sind ganz rot, nicht dass du dir noch eine Entzündung holst. Warte, ich bringe dir rasch eine Salbe aus der Küche.“
Ich lasse ihn alleine. Mit Tonda, von dem er aus irgendeinem Grund Abschied nehmen möchte. Und während ich hinunter in die Küche laufe, fällt mir wieder ein, wer es gewesen ist, der Lyschko damals, als er auf die Mühle kam, die schwere Arbeit erträglich machte, wer sich seiner angenommen und ihm in Momenten, in denen er aufgeben wollte, die Hand auf die Schulter gelegt hat. Es war Tonda gewesen. Tonda hatte Lyschko geholfen und ihm beigestanden, als er sich noch nicht selbst helfen konnte. Als er noch ein einfacher Lehrjunge war, dürr und schmächtig wie jeder von uns, als er die Mühle zum ersten Mal betrat. Dass ich es vergessen hatte, liegt wohl daran, dass Lyschko seit seine Lehrzeit vorbei ist, niemandem gegenüber jemals so etwas wie Zuneigung gezeigt hat. Auch Tonda gegenüber nicht.

Als ich zurück in den Raum komme, kniet Lyschko neben Tondas Leichnam und streicht ihm vorsichtig über die eingefallenen Wangen.
„Danke, Tonda“, höre ich ihn flüstern. „Für alles, was du für mich getan hast. Und bitte verzeih, dass ich so ein Ekel bin, aber ich kann nicht anders. Verstehst du das? Ich kann nicht aus meiner Haut.“ Dann schweigt er und als ich näher trete, kann ich sehen, wie eine Träne über seine Wange rinnt und in den Falten des weißen Lakens verschwindet. Als er bemerkt, dass ich zurück bin, fährt er auf und wischt sich ärgerlich die Tränenspur aus dem Gesicht, das nun wieder griesgrämig und verhärtet ist wie immer.
„Ein Wort zu irgendjemandem und ich hau dich so windelweich, dass du Ostern noch nicht wieder aufrecht gehen kannst“, zischt er mich an und packt mich zur Bekräftigung seiner Worte am Kragen. Seine Nasenspitze berührt die meine fast, während er mich wütend anstarrt, bevor er mich von ich stößt. „Verstanden?“, fragt er noch einmal nach, jetzt beherrschter. Kühl und reserviert. Ich nicke. Was soll ich auch anderes tun? Er wäre nicht in der Lage, mir ein Haar zu krümmen, selbst wenn ich ihn verriete und damit bloßstellte. In der Schwarzen Magie ist er mir weit unterlegen, auch wenn er nicht den blassesten Schimmer davon hat. Ich könnte ihm all das heimzahlen, was er uns allen bereits angetan hat – die Liste dessen wäre lang genug. Doch ich kann es nicht. Und will es nicht. Nicht, nachdem Lyschko mir, wenn auch nicht ganz freiwillig, gezeigt hat, dass er ein Herz hat, wie jeder von uns. Ein Herz aus Fleisch und Blut, das lebt und fühlt und all diese Dinge. Ich werde ihn nie wieder mit denselben Augen sehen können wie zuvor.
Er ist nur ein Schauspieler, genau wie ich. Mit dem Unterschied, dass ich nur für die anderen spiele und er zu einem großen Teil für sich selbst. Während ich nur alle anderen glauben lasse, dumm wie Bohnenstroh zu sein, möchte er auch sich selbst vormachen, dass er hart und böswillig und unantastbar ist. Weil er ansonsten vielleicht zerbricht.

Ich hätte nicht gedacht, einmal Mitleid mit Lyschko zu haben, doch in diesem Moment kann ich nicht anders. Er ist ein kleiner Junge, dem das Leben, das man ihm aufgelegt hat, zu schwer geworden ist, um es zu ertragen. Der sich aus diesem Grund immer weiter zurückzieht und die Außenwelt ausschließt. Der in seiner eigenen kleinen Welt aus Verbitterung und Zorn lebt, in der ihm niemand etwas antun kann. Wie gerne würde ich ihn jetzt nach seiner Geschichte fragen, danach, wie es dazu kam, dass er wurde, wer er ist, doch ich kann es nicht. Weil der dumme Juro so etwas nicht tun würde. Stattdessen sage ich:
„Deine Augen sehen wirklich nicht gut aus, du solltest Zugluft meiden. Und hier die Salbe, die ich dir versprochen habe.“ Lyschko reißt sie mir grob und mit einem unterdrückten Fluch aus der Hand.
„Kein Wort zu niemandem“, sagt er noch einmal und obwohl er sich alle Mühe gibt, es wie eine Drohung klingen zu lassen, ist der Trotz eines verletzten Kindes darin zu hören.
„Ist gut, Lyschko, ist ja schon gut“, beteuere ich. „Und kannst du mir einen Gefallen tun, wo du schon mal da bist? Kannst du Hanzo und Merten sagen, dass sie ihn jetzt holen können? Es ist alles bereit.“ Er nickt rasch und für einen Moment sieht es so aus, als wolle er das Zimmer schnellstmöglich verlassen, doch dann scheint er sich noch einmal zu besinnen. Er geht die wenigen Schritte zu Tondas aufgebahrtem Leichnam zurück. Dort steht er einen kurzen Moment neben ihm und sieht ihn an, bevor er die letzte Bahn des Lakens über Tondas Gesicht legt, kurz den Kopf neigt und dann die Stube verlässt, ohne noch einmal den Blick zu heben. Die Hände um den kleine Salbendose gekrallt, als wäre sie der einzige Strohhalm, der ihm Halt geben könnte in dieser Welt.
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