Grabgesang [One-Shot]

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12 Slash
 Clear Aoba Seragaki
27.12.2014
27.12.2014
1
1.659
1
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
27.12.2014 1.659
 
Einige Wochen war es nun her, dass Aoba seine Hände verloren hatte. Schon längst hatte er es aufgegeben, sich zu wehren. Täglich spürte er, wie seine Lebenskraft weiter aus ihm wich, und als sein Tod dann kam, war es eine Erlösung für ihn. Er hatte sich das Sterben nie so angenehm vorgestellt, doch es war wie Schweben, sanft und leicht. Das einzig Schlimme daran waren all die Erinnerungen gewesen, die er sich kurz vor seinem Tod hatte anschauen müssen. Erneut hatte er mit ansehen müssen, wie Koujaku das Festland verließ, wie er selbst sich zu einem Krawallmacher und zurück entwickelte, auch Ren fand er erneut. °Ren... Ich frage mich, was aus ihm geworden ist...°, fragte Aoba sich, doch seine Gedanken sprangen schon im selben Moment weiter auf den Tag, an dem die ganze Misere begonnen hatte. Allen begegnete er: Mink, Koujaku, Noiz und Clear. Dann Akushima, die Flucht und der Eintritt ins Platinum Jail. Zu diesem Zeitpunkt war Clear noch niedlich gewesen, unsicher, zuweilen nervig, aber eigentlich absolut zum Knuddeln. Die nächste Erinnerung war das Eintreten in den Oval Tower. Und dann... Scrap. Mittlerweile hatte Aoba begriffen, dass es seine eigene Schuld war, dass er nun sterben würde. Er hätte Clear einfach selbst entscheiden lassen sollen, doch daran hatte er nicht gedacht... Danach war es dunkel, bis zu dem Zeitpunkt, als Clear begonnen hatte, seinen geliebten Aoba zu zerschneiden. Und dann wurde ihm die Sicht genommen, sodass er nur noch fühlen konnte. Es waren unendliche Schmerzen. Und ständige Trauer. Und Selbstvorwürfe.
Als es vorbei war, atmete Aoba ein letztes Mal zitternd aus.
Und im nächsten Moment schwebte er über sich selbst, sah, was noch von seinem Körper übrig war. Der Kopf und das Stück Oberkörper, in dem überlebenswichtige Organe steckten. Und er sah Clear, sah, wie dieser langsam an Aobas Bett trat und – weinte? Zumindest schien eine Träne über Clears Wange zu rinnen.
Danach verschwamm das Bild und Aoba fand sich in einer merkwürdigen Welt wieder. Alles war weich, die Farben gingen sanft ineinander über, und überall waren... „Frauen?“, fragte Aoba laut. Im nächsten Moment war er von jenen umgeben, und sie alle schienen nur eines zu wollen – Aoba. °Aha, das hier ist also der Himmel. Naja, immerhin hatte eine der vielen Religionen recht, welche war es noch mal... Egal, für mich ist es die Hölle.°, dachte er und schaffte es, sich einen Weg durch die Reihen zu bahnen. Als er frei war, lief er, so schnell er konnte – Oder flog er? Ganz genau konnte er das nicht sagen.
Ein ruhiges Plätzchen war schnell gefunden. Aoba legte sich hin. Erst jetzt fühlte er, wie leer er war. Er kugelte sich zusammen, und die Tränen begannen zu laufen. Er weinte bitterlich, in dem Glauben, dass dadurch diese Leere, diese Hoffnungslosigkeit aus seiner Brust verschwinden würde. Doch dies war nicht der Fall. Stattdessen überkam ihn ein leichtes Übelkeitsgefühl, danach das Gefühl, zu fallen, und auf einmal fand Aoba sich auf der Erde wieder, mitten in einer Kirche. Drei Personen saßen vor einem Sarg und schwiegen. °Wer ist das?°, fragte sich Aoba und schwebte näher an die schwarz gekleideten Gestalten heran. Als er die Gesichter sah, überkamen ihn so widersprüchliche, heftige Gefühle, dass er stolperte.
Eines der Gesichter löste blanken Hass bei ihm aus. Dieser Mann hatte überhaupt alles ausgelöst. Nun stand Toue stumm vor Aobas Grab und schien gelangweilt.
Direkt neben Toue stand ein Junge, der fast so aussah wie Aoba, doch hatte dieser Junge schwarze Haare, und sie waren nicht so lang, wie es Aobas gewesen waren. „Wer bist du?“, fragte Aoba, doch niemand schien ihn zu hören. Dennoch reagierte etwas, Aoba wusste nicht, was da reagiert hatte, doch wusste er auf einmal, wer der Junge war, was mit ihm geschah und warum er so betrübt guckte. „Oh...“, hauchte Aoba. „Ich hätte dich retten sollen... Ich konnte dich nicht retten... Es tut mir leid.“ Etwas hinter Sei bewegte sich, oder war es in Sei? Es war nicht ganz fest, wirkte leicht transparent, und ihm fehlte jegliches Pigment. Das Ding, vermutlich Seis wahre Form, schaute Aoba direkt an und antwortete: „Nicht schlimm, Aoba. Ich werde es einfach demnächst selbst beenden.“ Zuerst wunderte Aoba wunderte sich, dass niemand sonst die Stimme zu hören schien, doch dann wurde ihm klar, dass das tatsächlich Seis wahre Form war, und dass nur tote Wesen mit dieser wahren Form kommunizieren konnten. Aoba nickte langsam und wandte sich der dritten Person zu.
Die weißen Haare fielen in das Gesicht des jungen Mannes. Dennoch erkennbar waren zwei winzige Punkte rechts unterhalb des Mundes. Körper und Mimik sagten nichts aus, und gerade deshalb sah Clear so hoffnungslos aus, wie Aoba sich fühlte. Auch in Clear schien etwas zu stehen, es war ebenso ein wenig transparent, und es sah aus wie Clear, ein ganz normaler Clear, in der Form, in der Aoba ihn kennengelernt hatte: Überemotional, seinen Meister beschützend und immer einen Regenschirm bei sich tragend. Dieser Geist weinte Sturzbäche und schrie. Immer wieder dieselben Worte, pro Wiederholung immer verzweifelter: „Du hast ihn getötet“ DU hast ihn getötet! DU HAST ihn getötet! DU HAST IHN GETÖTET!“ Aoba begriff nicht, was das zu bedeuten hatte. Instinktiv wusste er, dass da etwas nicht ganz normal ablief, und dieser andere Clear tat ihm unglaublich leid, zumal er nicht einmal auf das leise Zurufen Aobas reagierte, es schien, als hörte er das Rufen gar nicht.
Die Stille wurde von dem Geräusch aufgehender Türen unterbrochen. Aoba drehte sich um, in der Hoffnung, all die anderen Menschen wiederzusehen, die ihm wichtig waren, seine Freunde, und vor allem Granny. Die Personen, die eintraten, war jedoch niemand der Personen, die Aoba sich erhofft hatte. °War eh ziemlich unrealistisch...°, musste Aoba zugeben. Erst dann erkannte er die Personen, die eingetreten waren: Alpha und Beta stiefelten höchst offiziell durch den Raum, hoben Aobas Sarg hoch und gingen wieder, Toue, Clear und Sei folgten. Aoba selbst schwebte neben Sei her, von niemandem bachtet, außer von Seis wahrer Form, die ihn jedoch ignorierte.
Schon standen sie vor Aobas Grab. Es war nicht gekennzeichnet, lag weit vom offiziellen Friedhof entfernt und sah erstaunlich hässlich aus. Alpha und Beta ließen Aobas Sarg recht achtlos in das Grab fallen. Toue, Clear und Sei schütteten je eine Schaufel Erde in das Loch, den Rest erledigten die Roboter, die verdammten Mistkerle, die mit Toue unter einer Decke steckten. °Sie können nichts dafür... Dennoch, ich kann nicht anders, als sie zu hassen... Und irgendwie wehren sie sich ja auch nicht gegen ihren ach-so-tollen Meister. Ich hasse sie... Ich hasse diese Roboter... Ich hasse sie.°
Seis Geist drehte sich zu Aoba. „Was machst du hier eigentlich? Du bist tod...“, fragte er. „Ich... weiß es nicht.“, antwortete Aoba wahrheitsgemäß. „Ist es schlimm, zu sterben?“ - „Nein... Das einzig Schlimme am Sterben sind all die Erinnerungen, doch ansonsten ist es wie schweben...“ Seis Geist seufzte erleichtert. „Wir werden uns irgendwann wiedersehen, das verspreche ich.“, sagte er, dann wurde er von Seis Körper mitgezogen, der von Toue geführt wurde. Auch Alpha und Beta gingen. Nur Clear blieb stehen, den Kopf gesenkt...
„Schweben, schweben, schweben zwischen den Wellen...“
Aobas Magen zog sich zusammen. Er kannte dieses Lied, er hatte es bereits mehrmals gehört.
„Scheinen, scheinen, scheinen, ihre Stimmen schallen weit...“
Clears wundervolle Stimme war in der Stille des Friedhofs deutlich zu hören, auch wenn er nur sehr leise sang.
„Die Quallen singen Lieder, während sie schlafen... Sie schlafen am seichten Ufer...“
Clear wiederholte diese Zeilen immer wieder, seine Stimme wurde immer trauriger. Doch selbst, als die Trauer Clear übermannte und Tränen über sein Gesicht liefen, sang er.
Stunden wurden zu Tagen, Tage wurden zu Wochen, Wochen zu Monaten. Mittlerweile war Clear im Platinum Jail bekannt als der Junge, der seinen Seelenverwandten verloren hatte und nun singen würde, bis er selbst sterben würde. Aoba sah zu, wie die Menschen immer wieder Blumen auf sein eigenes Grab legten, und wie manche Clear umarmten oder versuchten, ihn aufzumuntern, doch Clear sang immer weiter, immer. Tag und Nacht, seine Stimme lag wie ein Schatten der Trauer über dem Friedhof. Und irgendwann, irgendwann im Frühling, begann Clears Körper, zu sterben, und er legte sich neben das Grab seines geliebten Aoba, schloss die Augen. Kurz bevor er starb, versiegte seine Stimme. Die Menschen, die ihn an diesem Tag besucht hatten, standen um ihn herum.
„Aoba... Ich liebe dich... Ich liebe dich.“, wisperte Clear, hustete, rollte sich zusammen und schien zu schlafen. Die Stille war drückend, nun, wo Clears Stimme versiegt war.
Doch dann begann ein junges Mädchen, zu singen. Sie sang Clears Lied, sang es weiter für den Jungen, der nun zu seinem Seelenverwandten gehen konnte, dem er monatelang dieses Lied gesungen hatte. Es stiegen nach und nach immer mehr Leute in das Lied ein, bis ein großer, wunderschöner Chor entstand.
Dieser Chor war das Letzte, was Aoba hörte. Er lächelte traurig, als die Welt langsam begann, sich aufzulösen. Besser gesagt löste Aoba selbst sich auf, oder eher das, was hier, bei Clear, geblieben war.
Minuten später war er wieder dort, wo er nach seinem Tod gewesen war, doch von den Frauen war keine Spur. Stattdessen lag da, in einem weißen Mantel und einem grünen Schal, eine Person, die selbst im Tod einen durchsichtigen Regenschirm bei sich trug.
Clear.
CLEAR.
Eine einzelne Träne rann über Aobas Wange, und langsam ging er auf Clear zu. Wie unschuldig er da lag, als würde er schlafen. Aoba zögerte kurz, legte sich dann jedoch neben Clear und griff nach seiner Hand.
„Meister...“, flüsterte Clear leise.
„Willkommen im Tod“, antwortete Aoba, „wo wir endlich zusammen sein können, ohne, dass uns irgendwer stört...“
„Aber...“
„Sorge dich nicht um das, was geschehen ist, es spielt keine Rolle mehr. Clear... Ich... liebe dich auch.“
„Und wir können hier auf ewig sein?“
„Ewig, aber auch länger.“
„Meister...“
„Schhh... Hör nur. Sie singen für uns.“
Und von der Erde erklang sanft Clears Song, weitergesungen von den Menschen, die von der Geschichte des Jungen hörten, der seinen Seelenverwandten bis in den Tod begleitete.
Review schreiben